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DCP-Prüfung ist sehr zeitintensiv

Mit dem wachsenden Vormarsch der digitalen Projektion wird die Berlinale technisch vor neue Herausforderungen gestellt. Weit mehr als die Hälfte der über 2.400 Kinovorführungen erfolgen mittlerweile digital, während nur noch bei jeder vierten Vorstellung eine 35mm-Kopie zum Einsatz kommt. Ove Sander, verantwortlich für alle digitalen Vorführungen, und André Stever, Leiter der Filmverwaltung, die beide bei der Berlinale die gesamte Technik und Logistik überwachen, sorgen mit einem reibungslosen Workflow für die Abspielsicherheit der Filme.

Mit welchen Servern sind die Berlinale-Kinos ausgestattet?

Ove Sander: Mit unserem Berlinale-Server und dem
DCI-konformen Dolby-Server, verfügen wir über zwei Sorten von Servern. Von Dolby sind 37 D-Cinema-Server in den Kinos im Einsatz. In den großen Sälen wie Berlinale-Palast oder Friedrichstadtpalast stehen immer zwei Server, damit die Filme rechtzeitig vorliegen, falls es Störungen geben sollte. In den anderen Kinos ist jeweils ein Backup-Server für ein Multiplex vorgesehen.

Wie erfolgt die digitale Filmbelieferung?

OS: Für den Berlinale-Server werden alle Filme, die in Videoformaten wie HDCAM, DigiBeta, Blu-ray oder DVD ankommen, enkodiert. Sie werden in ein MFX-Format gebracht und verschlüsselt, der Ton wird als Sechskanal PCM-Audio mitgeschickt. Die Dateien werden dann per Glasfaser in die Kinos geschickt oder wie ein DCP auf Festplatten ausgespielt und mit Fahrern in die Kinos gebracht. Wir nutzen dafür die Glasfaserleitungen von Colt Telekom, an das die großen Multiplexe wie CinemaxX und CineStar, aber auch das Cubix am Alexanderplatz angebunden sind. Das führt zu einem großen Geschwindigkeitsvorteil bei der Datenübertragung, weil die Daten nicht auf eine Festplatte ausgespielt und übertragen werden müssen.
Zudem nutzen wir das Colt-Netzwerk für das Monitoring und Management der Dolby-Server, um zu prüfen, welche Filme bereits auf die Server aufgespielt worden sind, wie viel Platz dort noch vorhanden ist oder ob bereits Filme gelöscht werden können. Wir können den Zustand der Server darüber zentral kontrollieren.

Wie viel Speicherkapazität besitzen die Server?

OS: Unser Storage-System für die Videodateien verfügt über 24 Terabyte, hinzu kommt ein Backup-System mit 40 Terabyte, so dass wir unser System nächtlich mehrfach sichern können. Die 37 Dolby-Server in den Kinos besitzen jeweils 2,7 Terabyte Speicherkapazität und unsere Berlinale-Server je zwei Terabyte. Da unsere MFX-Dateien etwas kleiner sind als die DCI-konformen DCPs, kommen wir in den meisten Fällen mit 2 Terabyte gut aus und können das gesamte Festivalprogramm für einen Saal auf den Server übertragen. Nur in den wenigsten Fällen müssen Filme gelöscht werden.
In der Regel sind es die Kinos des European Film Market, in denen viele unterschiedliche Filme laufen. Für die Dolby-Server gibt es jede Nacht einen Löschplan für die Filme, die nicht mehr benötigt werden.

Wann geschieht der Ingest?

OS: Wir versuchen, möglichst viele DCPs auf die Dolby-Server aufzuspielen, bevor diese ins Kino transportiert werden. Unser Aufbau beginnt zwei Tage vor Beginn des Festivals, das Meiste wird einen Tag vor dem Festivalbetrieb installiert. Es gibt einen genauen Plan, wann welcher Server in welches Kino ausgeliefert wird. Der Ingest der Filme vor dem Auslieferungstermin bietet den Vorteil, dass wir uns die Festplattenlogistik sparen. Mit der Speicherkapazität von 2,7 Terabyte können wir etwa 20 bis 25 Filme aufspielen, was einem Programm von drei, vier Tagen entspricht. Doch dieser Plan geht oft nicht auf, weil manche DCPs erst sehr kurzfristig vor dem ersten Screening geliefert werden. Das hat dann im Extremfall zur Folge, dass unsere Tests nicht so umfangreich ausfallen können, weil die Festplatten sofort ins Kino gefahren und dort getestet werden müssen.

Wie sehen diese Tests aus?

André Stever: Wir müssen dabei zwischen den DCPs und Videoformaten unterscheiden. Die Videoformate werden beim Eingang von unseren Technikern auf das richtige Format,
mögliche Schäden am Band und das Audioformat untersucht, was vom Aufwand her relativ überschaubar ist. Aufwendiger ist die Prüfung der DCPs. Die Filme werden bei uns mit easyDCP, einer Software vom Fraunhofer-Institut, geprüft und angespielt. Vorab wird festgestellt, ob die Festplatte überhaupt in dem richtigen Format ankommt. Wir benötigen sie in einem
CRU-Wechselrahmen, damit wir sie schnell in die Server hinein schieben können.
Der letzte Schritt ist die Prüfung auf dem Dolby-Server. Wir haben ein digitales Testkino eingerichtet, in dem wir alle Filme, die im DCP-Format ankommen, anspielen. Wir prüfen unter anderem, ob die Untertitel richtig angezeigt werden und ob der Farbraum sowie das Format stimmen.

Was sind typische Fehlerquellen?

AS: Es treten oftmals Probleme mit den Untertiteln auf. Das kann verschiedene Ursachen haben, in manchen Fällen wurden zu große Font-Dateien verwendet oder es fehlten einzelne Buchstaben oder Zeichen im mitgelieferten Font.
Es können auch andere Elemente problematisch sein: das DCP besteht aus einer Sequenz aus JPG2000-Dateien und zum Beispiel können fehlerhafte JPEG-Dateien in der Mitte des Films auftauchen. In einem Fall war in der Version mit Untertiteln ein Bild defekt. Glücklicherweise konnten wir dieses Bild aus der Version ohne Untertitel extrahieren und in das andere DCP einbauen, das an dieser Stelle keine Untertitel besaß.

Wie aufwendig ist die Prüfung der DCPs?

AS: Im ersten Schritt können wir mit der easyDCP-Software Checksummen prüfen. Anhand dieser Hashwerte, die beim Erstellen der Datei gebildet werden, lässt sich ablesen, ob die Datei immer noch die gleiche ist, die ursprünglich abgeschickt wurde oder ob beim Kopieren auf die Festplatte ein Fehler aufgetreten ist. Wenn es zeitlich nicht möglich ist, eine neue Version anzufordern, weil das DCP zum Beispiel aus Übersee kommt, muss geprüft werden, wodurch dieser Fehler entstanden ist und welche Auswirkungen er auf das Abspiel hat.
Auch die Datenrate lässt sich mit der Software analysieren, was zeitintensiv ist, da der Film komplett einmal das Rechnersystem durchlaufen muss.

Wie gehen Sie mit der Verschlüsselungs-Problematik um?

OS: Die DCPs sind nicht unbedingt verschlüsselt; sie können auch unverschlüsselt hergestellt werden. Besonders bei Kurzfilmen wird häufig auf eine Verschlüsselung, die aus Sicherheitsgründen erfolgt, verzichtet. Bei den großen Produktionen sind die DCPs hingegen immer verschlüsselt, so dass eine KDM erforderlich ist, um den Film abzuspielen. Dieser Schlüssel wird für den jeweiligen Server und den Zeitraum, in dem der Film freigeschaltet werden soll, angefertigt. In diesem Jahr sind wir dazu übergegangen, DKDMs anzufordern. Mit diesen Musterschlüsseln können wir selbst weitere KDMs erstellen, was den Prozess des KDM-Managements deutlich vereinfacht hat.

AS: Das hat uns mehr Flexibilität gegeben, Filme bei Bedarf kurzfristig auf einem anderen Server oder zu einem anderen Zeitpunkt einsetzen zu können, ohne dafür zuvor mit dem entsprechenden Labor telefonieren und ein weiteres KDM anfordern zu müssen.

War es einfach, die DKDMs zu erhalten?

AS: Das beruht letztendlich auf der Frage des Vertrauens. Wir als Festival verfolgen dieselben Ziele wie die Produzenten. Die Festivals werden von einer Produzentenvereinigung, der FIAPF (Fédération Internationale des Associations de Producteurs de Films) akkreditiert. Wir haben im Festival erhebliche Sicherheitsstandards etabliert, was sowohl die Sicherheit in den Vorführungen als auch die Sicherheit der Filme in unserem Prozess angeht. Mit der Digitalisierung wird uns jetzt nur erneut das Vertrauen ausgesprochen, das wir schon die letzen 60 Jahre genossen haben. Bei der Logistik, die das Festival erfordert, ist es nicht möglich, beim Einsatz von 300 DCPs einzeln über jeden Film zu verhandeln, wenn eine Umprogrammierung oder eine weitere Vorführung erforderlich ist. Wir müssen beispielsweise schnell ein zusätzliches Screening organisieren können, wenn die Internationale Jury nicht die offizielle Vorführung eines Films besucht hat. Wir brauchen diese Flexibilität, sonst lässt sich das Festival nicht durchführen.

OS: Es gab auch Filme, für die wir keine DKDMs bekommen haben. Bei Marktfilmen mussten wir teilweise Sonderregeln treffen, weil die Produktion darauf bestanden hat, nur für ein Screening einen Schlüssel auszustellen und diesen auch erst eine Stunde vorher anzuliefern. Das bringt auch für unsere Vorführer eine große Unsicherheit mit sich, weil wir die DCPs nicht testen können. Darüber hinaus gibt es oft Missverständnisse, weil viele Kinosäle, die wir bespielen, zwar bereits über digitale Projektoren und Server verfügen, wir aber für das Festival, bis auf wenige Ausnahmen, sämtliche Säle mit Dolby-Servern ausstatten, um ein einheitliches System zu haben, für das wir vorab testen können, um die Betriebssicherheit zu gewährleisten. Den Kopierwerken liegt aber wiederum oft die Information über den Server vor, der sich dort normalerweise im Einsatz befindet. Deshalb schicken sie uns erst einmal die falsche KDM.

Mit welchem Format ist der größte Aufwand verbunden?

AS: 35mm ist für uns am einfachsten, weil wir und unsere Kollegen, welche die Filme prüfen, über jahrelange Erfahrung damit verfügen. Mit den anderen Formaten sind zumindest in Teilbereichen jedes Jahr neue Herausforderungen verbunden, die wir bewältigen müssen. Inzwischen findet nur ein Viertel aller Vorführungen auf 35mm statt, ein weiteres Viertel sind DCPs und die Hälfte Video-Screenings. Vom Prüfaufwand her sind DCPs am zeitintensivsten, da dabei häufig Probleme auftreten. Wir haben in etwa 20 bis 30 Prozent der angelieferten DCPs Fehler gefunden, die das problemlose Abspiel verhindert hätten. Es ist ein großer Aufwand, mit den jeweiligen Produktionsfirmen zu klären, ob sie es schaffen, uns rechtzeitig ein neues DCP zu schicken, beziehungsweise uns die Genehmigung geben, Änderungen im DCP vorzunehmen, um die Vorstellung zu retten.

Wie groß ist das Team, das sich bei der Berlinale für die digitalen Vorführungen verantwortlich ist?

AS: Es gibt an der Stelle verschiedene Gewerke. Allein in der Filmverwaltung gehören dazu die Koordinatoren, die Filmprüfung, die Filmfahrer und Vorführer in den Kinos. Darüber hinaus sind in den größeren Spielstätten Logistik-Manager für den Ingest-Prozess vor Ort. Hinzu kommt ein Team von Backup-Technikern, das aus Mitarbeitern der Berlinale und von Dolby besteht. Im Unterstützungsfall fahren sie zu einer kritischen Vorführung, um vor Ort die Probleme zu lösen. In der Filmverwaltung verfügen wir über eine Hotline, die sofort einen Techniker schicken kann, wenn ein Problem auftritt.
Unser eigenes Team besteht aus rund fünfzig Mitarbeitern. Wenn wir die Techniker und die Vorführer in allen Spielstätten hinzurechnen, die von morgens bis nachts im Schichtdienst den Spielbetrieb der Berlinale und des European Film Market sicherstellen, liegt die Anzahl der Mitarbeiter im 200er-Bereich.

Erfolgt eine technische Übergabe der Kinosäle?

OS: Aufgrund der Anforderungen, die wir an die Projektion stellen, gibt es für jeden Saal einen Vorführer. Das ist im Standardspielbetrieb in den Multiplexen nicht der Fall. Da wir alle zwei Stunden einen anderen Film spielen, gibt es schon seit Beginn des Festivals die Filmverwaltung, die bereits früher die 35mm-Kopien geprüft und vorbereitet hat, um für das sichere Abspiel im Kino zu sorgen. Dadurch entfällt die Prüfung, die ein
Vorführer vor dem Filmeinsatz vornehmen müsste. Unsere Hauptaufgabe ist die Qualitätssicherung aller Projektionen im Festival, die im Vorfeld erfolgen muss.

Wie sieht die technische Schulung der Mitarbeiter aus?

OS: Wir übernehmen sie selbst, weil dazu nicht nur der technische Aspekt gehört. Bei Dolby gibt es einen Techniker, der unser Festival seit Jahren kennt und sehr tief in der Struktur verwurzelt ist. Er ist bereits eine Woche vor Festivalbeginn angereist, um bei unseren Schulungen den technischen Part für Dolby zu übernehmen. Erst im Zuge der Entwicklung des
Festivalprogramms wird deutlich, wie der Workflow im Festival aussehen und worauf genau geachtet werden muss.

AS: Ein großer Teil der Schulung betrifft immer die Logistik, weil sich in diesem Bereich jedes Jahr etwas ändert. Diesmal mussten ganz besonders die Ingest-Vorgänge beachtet werden, um die Filme rechtzeitig auf die Dolby-Server aufspielen zu können.
Birgit Heidsiek
(MB 04/12)

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