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Der Fluch der Digitalisierung

Mit der Einführung des digitalen Kinos ist nicht nur ein technischer Wandel für die Filmbranche verbunden, sondern dadurch ändern sich auch die Geschäftsmodelle und Auswertungsstrategien. Frank L. Stavik, Geschäftsführer des unabhängigen Verleihs Fidalgo Film Distribution, berichtet über seine Erfahrungen in Norwegen, das als erstes Land der Welt seit Juni 2011 sämtliche Kinos komplett auf die digitale Projektion umgerüstet hat.

Ist die Filmauswertung durch die Kino-Digitalisierung günstiger geworden?

Ich war von Anfang an skeptisch, ob durch die Digitalisierung Geld gespart wird. Die Realität hat jetzt bewiesen, dass die Digitalisierung keine Einsparungen mit sich bringt, sondern ganz im Gegenteil. Die Kosten für die Herausbringung eines Films sind gestiegen und zwar in jeder Hinsicht.
Da jetzt keine 35mm-Kopien mehr hergestellt werden müssen, sollte die Vervielfältigung von digitalen Kopien eigentlich günstiger sein. Die Realität sieht jedoch so aus, dass ein Film zum Start jetzt in wesentlich mehr Kinos eingesetzt werden muss, was mehr Kopien und Marketing erfordert. Die Konsequenz ist, dass die Ausgaben steigen, anstatt zu sinken. Doch damit werden nicht unbedingt bessere Resultate erzielt, denn mit einem kleinen Film lässt sich kein großes Publikum erreichen. Unter dem Strich ist die Auswertung eines Films erheblich teurer geworden, aber die Einnahmen sind nicht gestiegen.

Was ist dabei der zentrale Kostenfaktor?

Das größte Problem für die kleinen unabhängigen Verleiher ist die Virtual Print Fee (VPF), die als Einsatzgebühr für die Nutzung der digitalen Projektionssysteme in den Kinos entrichtet werden musst. Die VPF ist für die kleinen unabhängigen Verleiher tödlich, weil sie hohe Einsatzgebühren zahlen müssen. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist die VPF mit rund 250 Euro pro Kino für bis zu vier Vorführungen sogar niedrig. Wenn die Kopie danach in einem anderen Kino eingesetzt wird, werden erneut 250 Euro fällig. Auch für einen Einsatz in einem dritten Kino wird diese Gebühr verlangt.

Zahlen die Kinos für den Einsatz der Filme keine Minimumgarantien?

Doch, aber sie ist sehr niedrig und wird von der VPF verschlungen, die zweieineinhalb Mal höher ist. Wenn es schlecht läuft, bekomme ich als Verleiher zwar die Minimumgarantie vom Kino, muss aber eine höhere Summe für die VPF bezahlen, so dass ich kein Geld mehr mit einem Filmeinsatz verdiene, sondern dafür an das Kino zahlen muss. Dadurch ist die Kinoauswertung wesentlich riskanter geworden.

Ist das VPF-Modell mehr auf die Auswertungsstrategien der Majors zugeschnitten?

Absolut. Das Abkommen ist in Norwegen zwischen dem Verband Film + Kino und den Hollywoodstudios ausgehandelt worden. Die unabhängigen Verleiher hatten gar nicht die Möglichkeit, darüber zu verhandeln, sondern mussten unterzeichnen. Ein Verleiher, der diesen Vertrag nicht unterschrieben hat, kann seinen Film in Norwegen nicht mehr ins Kino bringen. Wir haben gewarnt, dass dieses Abkommen dem unabhängigen Kino schadet. Jetzt sehen wir die Konsequenzen, dass viele kleine unabhängige Verleiher vom Markt verschwinden und damit auch viele europäische Filme. Am Ende werden nur noch Hollywoodfilme und einheimische Produktionen im Kino laufen, denn für alle anderen Filme wird es sehr schwierig.

Wie ist der Kinomarkt in Norwegen strukturiert?

Die Majorstudios verfügen in Norwegen über eigene Niederlassungen oder haben Vereinbarungen mit großen skandinavischen Firmen wie Svensk Nordisk geschlossen. Ihre Produkte sind nicht in Gefahr, denn sie bringen die Filme auf den Markt, von denen die Kinos leben. Die VPF, die pro Leinwand erhoben wird, klingt zunächst nicht sehr hoch.Wenn dabei jedoch berücksichtigt wird, dass die Studios ein wesentlich größeres Publikum mit ihren Filmen erreichen, verändert sich das Bild drastisch. Die VPF pro Zuschauer ist bei einem Hollywoodfilm um ein Vielfaches niederiger als bei einem europäischen Film. Deshalb plädieren die Independents für eine VPF, die per Zuschauer erhoben werden sollte und nicht per Vorführung. Das wäre wesentlich fairer, denn große kommerzielle Filme würden dann einen größeren Anteil an der Refinanzierung der digitalen Projektionssysteme übernehmen, während kleinere, nicht erfolgreich Filme dafür einen geringeren Betrag aufwenden müssten.
Jetzt zahlen die kleinen Independents einen wesentlich höheren VPF-Betrag, was sich als ein großer Nachteil bei der Auswertung europäischer Filme erweist. Meine Verleihfirma Fidalgo Film Distribution steht aufgrund der VPF kurz vor der Schließung.

Welche Filme haben Sie in den letzten Monaten ins Kino gebracht?

Wir haben den deutschen Fim „Vincent will meer“ Mitte August herausgebracht. Da er sowohl bei der Presse als auch bei den Kinobetreibern nicht gut ankam, hat er nur wenig eingespielt. Den britischen Film „Submarine“ haben wir unglücklicherweise an dem Tag gestartet, als sich das Attentat in Oslo ereignete. Das Publikum, das sich normalerweise für diesen Film interessiert hätte, ist nicht ins Kino gegangen. Damit war der Film schon am Starttag praktisch tot. Er hatte weniger als 5.000 Besucher, obwohl wir ihn in 57 Kinos eingesetzt hatten. Das war ein richtiges Desaster. Außerdem haben wir Anfang September den amerikanischen Dokumentarfilm „The Greatest Movie Ever Sold“ von Morgan Spurlock über Product Placement im Film herausgebracht und ihn in rund 15 Kinos eingesetzt. Auch dieser Film ist nicht gut beim Publikum angekommen. Für alle Filme mussten wir hohe VPFs zahlen, haben aber kaum Einnahmen damit erzielt. Durch die Digitalisierung ist es erforderlich geworden, wesentlich mehr als zuvor ins Marketing zu investieren. Für einen kleinen, Film, der nur mit drei bis fünf Kopien ins Kino gebracht werden soll, stehen jedoch nur wenig Marketingmitel zur Verfügung.

Besteht nicht die Möglichkeit, die Anzahl der Kopien aufzustocken, wenn ein Film durch Mundpropaganda publik wird?

Es sieht so aus, als ob die Mundpropanda nicht mehr funktioniert. Hinzu kommt, dass die Kinos die Filme heute stets zum Start spielen möchten. Wenn ihnen ein Film zwei, drei Wochen nach dem ersten Kinoeinsatz angeboten wird, lehnen sie ab, weil sie bereits andere Filme zum Start einsetzen. Bisher mussten die Kinobetreiber warten, bis sie eine 35mm-Kopie bekommen. Doch in der digitalen Welt fällt diese Beschränkung weg, denn es gibt physisch keinen Grund, nicht noch eine weitere DCP herzustellen.

Werden die Kinos durch die größeren Starts blockiert?

Ganz genau. Ein Film wie „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2“ wäre bei der analogen Filmauswertung in Norwegen mit 120 Kopien gestartet worden. Doch heute wird er mit fast 200 Kopien herausgebracht. Wir haben in Norwegen insgesamt nur 300 bis 400 Leinwände, unter denen sich viele kleine Kinos befinden, die nur ein, zwei Tage die Woche Filme zeigen. In den Multiplexen, in größeren Städten wie Oslo, Bergen, Trondheim oder Stavanger, zeigen sie solche Blockbuster in mehreren Sälen, was zur Folge hat, dass andere Filme nur noch zu unattraktiven Zeiten in kleineren Kinos laufen. Dadurch haben es diese Filme noch schwerer, denn nachmittags kommen kaum Zuschauer. Wenn ein Film abends nicht gespielt wird, ist sein Ende vorprogrammiert.

Was können Sie als Verleiher dagegen unternehmen?

Wir sind auf das Wohlwollen der Kinobetreiber angewiesen, die nach wie vor der Ansicht sind, dass es gut ist, ein breiteres Angebot von Filmen zu zeigen. In Norwegen kommt erschwerend hinzu, dass es keine Trennung zwischen Mainstream- und Arthousekinos gibt, denn fast alle Kinos gehören den Kommunen. Diese Kinos haben die Auflage, mindestens 50 Prozent europäische Filme zu zeigen, damit die Hollywoodfilme nicht das Programm dominieren. Bisher haben die unabhängigen kleinen Verleiher von diesem System profitiert, doch in der digitalen Welt funktioniert das nicht mehr. Da dabei Schulvorstellungen und Filme auf Festivals mitgezählt werden, ist diese Quote schnell erfüllt. In den klassischen Vorführungen um 17, 20 und 23 Uhr liegt der Anteil der amerikanischen Filme hingegen weit über 50 Prozent.

Wie hat sich die Lebensdauer der Filme im Kino verändert?

Ein Film, der am ersten Wochenende nicht gut läuft, wird in der Regel abgesetzt. Nur bei den beiden größten Kinotreibern in Oslo und Bergen bleibt fast jeder Film zwei Wochen im Einsatz. Weist ein Film am zweiten Wochenende keine guten Besucherzahlen auf, fliegt er auch dort aus dem Programm. Fast alle anderen Kinobetreiber setzen die Filme schon nach einer Woche wieder ab. Erschwerend kommt hinzu, dass auch das Publikum für anspruchsvolle Arthousefilme verschwindet. Das ist ein Trend, der sich in ganz Europa abzeichnet.

Wie sieht Ihre Prognose für die Zukunft aus?

Die Anzahl der Filme, die ins Kino gebracht werden, wird abnehmen. Die Anzahl der Verleihfirmen wird ebenfalls sinken. Die Konsequenz daraus ist, dass es künftig ein kleineres Filmangebot gibt, das stärker von Hollywoodfilmen geprägt ist, während weniger europäische Filme ins Kino kommen werden. In Norwegen wird die Mehrheit der unabhängigen Verleiher in den nächsten fünf Jahren vom Markt verschwunden sein. Deshalb rate ich meinen europäischen Kollegen, die Digitalisierung solange wie möglich hinaus zu zögern.
Birgit Heidsiek
(MB 02/12)

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