News: Distribution

Ein Hochsicherheitstrakt im eigenen Haus

Mit der Digitalisierung ist für die Kinos ein neues Zeitalter angebrochen, in dem gängige Geschäftsmodelle keinen Bestand mehr haben und ganz neue Marktmechanismen greifen. Ähnlich wie in der Landwirtschaft, in der große Konzerne die Konditionen diktieren, hohe Lizenzgebühren kassieren und damit kleine Unternehmen in den Ruin treiben, steht auch die Kinofilmwirtschaft vor einem komplexen strukturellen Umbruch.

Die Kinobetreiber und Verleiher haben nicht nur Angst vor der Dark Screen, sondern fürchten im Zuge der digitalen Konvertierung auch um ihre Unabhängigkeit. Der Einzug der teueren digitalen Projektionsanlagen, deren Kosten pro Kinosaal zwischen 60.000 und 90.000 Euro beziffert werden, beschert ihnen ganz neue Spielregeln. Mit dem DCI-Standard, den die in der Digital Cinema Initiative zusammengeschlossenen Vertreter der Majors-Studios in Hollywood weltweit gesetzt haben, ist weit mehr als nur ein hoher Anschaffungspreis der digitalen Projektionssysteme verbunden. Die digitalen 2K- und 4K-Projektoren lassen den Stromverbrauch und damit die Nebenkosten in ungeahnte Höhen schnellen. Hinzu kommen kürzere Wartungsintervalle, umfassende Service-Verträge und die daraus resultierende Abhängigkeit von technischen Dienstleistern.

„Der digitale Projektor ist durch die DCI-Norm ein Hochsicherheitstrakt“, erklärt der Hamburger Arthouse-Kinobetreiber Hans-Peter Jansen. „Wenn ein Kinomacher oder Filmvorführer versucht, diesen Hochsicherheitstrakt zu betreten, schaltet sich das Gerät sofort ab.“ Bei der analogen Filmprojektion auf 35mm kann ein versierter Vorführer den Projektor in der Regel selbst reparieren. „Wenn der Kolben, der das Licht erzeugt, schwächer wird, dreht er einfach die Ampere-Zahl hoch und der Kolben funktioniert noch einmal tausend Stunden.“ Im digitalen Zeitalter gibt es diese Option nicht mehr. „Die Laufzeit der Lampe ist im digitalen Projektor auf 600 Stunden begrenzt. Danach lässt sich das Gerät nicht mehr einschalten.“ Die Sicherheits-Standards zwingen die Kinobetreiber dazu, bestimmte Komponenten regelmäßig zu erneuern.

„Die Kosten für einen Kolben liegen zwischen 1.600 und 1.800 Euro“, berichtet Andreas Kramer, Geschäftsführer vom Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF). Einer Mitgliederumfrage des Verbandes im Jahr 2009 zufolge führt die Digitalisierung zu Mehrkosten von monatlich 275 Euro pro Kinossaal. Durch das vermehrte Abspiel von 3D-Filmen, die eine höhere Lumen-Lichtleistung erfordern, liegen die geschätzten Kosten inzwischen weitaus höher. Bei einem intensiven 3D-Betrieb muss der Kolben zweimal im Jahr erneuert werden, was allein mit 3.200 Euro zu Buche schlägt.

„Die Monteure sind mit der Nachlieferung von Teilen komplett überfordert“, konstatiert Ralf Kaspar, der im Norseeheilbad Cuxhaven das Bali-Kinocenter mit drei Leinwänden betreibt und im Frühjahr 2010 den ersten Saal digital umgerüstet hat. „Nach vier, fünf Wochen haben wir noch keinen Termin für die Endabnahme bekommen.“ Bei einer Investition von 100.000 Euro hätte er einen besseren Service erwartet. Um die hohen Anfahrtskosten der Service-Techniker zu sparen, hat er einen Vertrag über eine Fernwartung abgeschlossen. Zu den intervallmäßig zu erneuernden Ersatzteilen und den gestiegenen Wartungskosten kommt ein höherer Stromverbrauch für den digitalen Projektor und die dafür erforderliche Klimaanlage hinzu. Die monatlichen Nebenkosten seien dadurch von 500 auf 800 Euro pro Saal gestiegen.

Die Tücken der digitalen Technik

Gibt es eine technische Panne, sind die Kinobetreiber vom Terminplan der Techniker oder dem Know-how der Hotline-Mitarbeiter abhängig, was ihre Angst vor dem Dark Screen schürt. Meldungen von ausgefallenen Kinovorstellungen werden immer wieder in der Branche kolportiert. Mit den Tücken des digitalen Kinos hat beispielsweise das größte europäische Arthousekino UGC Ciné Cité les Halles zu kämpfen, das in der Filmmetropole Paris einen hochmodernen Komplex mit 19 Sälen und 3.209 Sitzplätzen bietet und rund 900 Vorstellungen die Woche zeigt. In den zwei Monaten, seitdem die Filme dort digital vorgeführt werden, habe es mehr Pannen gegeben als in den vergangenen 15 Jahren zusammen, ließ der Direktor Antoine Cabot verlauten. Auch in Deutschland mussten schon verschiedene Kinobetreiber den Besuchern ihr Eintrittsgeld wieder zurückzahlen, weil die digitale Projektion nicht funktioniert hat. Offizielle Zahlen gibt es darüber allerdings nicht.

Vor allem der 3D-Boom hat 2010 für eine verstärkte Nachfrage nach digitalen Projektionsanlagen gesorgt. „Wir gehen davon aus, dass sich die Dichte des Service-Netzes parallel zu der Nachfrage nach digitalen Projektoren entwickeln wird“, erläutert Andreas Kramer. Ein häufiges Problem sei, dass der Schlüssel nicht passe, um das DCP (Digital Cinema Package) in dem entsprechenden Kinosaal abspielen zu können. Dieses Problem könnte durch die zeitnahe Veröffentlichung der aktuellen Schlüssel für den Kinoserver gelöst werden.

Trotz dieser Kinderkrankheiten ist der Vormarsch des digitalen Kinos nicht mehr aufzuhalten. Schon jetzt wird bei den großen Blockbusterfilmen der Majors wie „Kung Fu Panda 2“ oder „Resturlaub“ die Anzahl der 35mm-Kopien knapp. „Wer in drei bis vier Jahren nicht digital umgerüstet hat, kann kein Kino mehr machen“, prognostiziert Hans-Peter Jansen. Den Berechnungen der Filmförderungsanstalt (FFA) zufolge sollen rund 3.700 Leinwände in Deutschland digital umgerüstet werden, womit ein Umsatzvolumen von mehr als 250 Millionen Euro für die ausstattenden Betriebe verbunden ist.

Nach jahrelangem Tauziehen in der Branche um adäquate Fördermodelle für das digitale Kino, ist in diesem Frühjahr eine Teillösung gefunden worden. Um den kleineren Kinobetrieben die digitale Umrüstung und damit das Überleben zu ermöglichen, werden rund 1.500 so genannte „Kriterien-Kinos“ mit einem Förderpaket vom BKM, den Ländern und der FFA unterstützt. Für diese Fördermaßnahme können sich Häuser mit bis zu sechs Sälen qualifizieren, deren Nettokartenumsatz in den letzten drei Jahren pro Saal (bezogen auf die Betriebsstätte) jeweils zwischen 40.000 und 260.000 Euro jährlich gelegen hat oder die mindestens 8.000 Besucher pro Saal zu verzeichnen hatten.

Die Höchstfördersummen der Zuschüsse für die digitale Projektionstechnik belaufen sich pro Kinosaal auf 10.000 Euro von der FFA, 21.000 Euro vom BKM, rund 18.000 Euro vom Land sowie 13.000 Euro von den Filmverleihern, die sich nach einem FFA-Verwaltungsratsbeschluss mit insgesamt 20 Millionen Euro in Form von Virtual Print Fees (VPFs) an der digitalen Kinokonvertierung beteiligen. Zu diesem Zweck sind die Verleiher gefordert, für jede reguläre Leinwandbuchung für einen Titel, die in einem Kriterienkino in den ersten drei Wochen erfolgt, jeweils 500 Euro abzuführen. Für alle weiteren Vorstellungen in Kriterienkinos ist der Einsatz frei.

Eine massive Ungerechtigkeit

Für viele kleine Kinobetriebe erweist sich dieser einmalige Zuschuss von bis zu 44.000 Euro pro Saal als die finanzielle Rettung. Doch vor allem unter den mittelständischen Kinobetreibern wächst zunehmend der Unmut über diese Maßnahme, weil sie als so genannte „Markt-Kinos“ bei der Digitalisierungsförderung komplett leer ausgehen. Gerade diese Filmtheater generieren den Hauptteil des Verleihumsatzes, der mit anspruchsvollen europäischen Arthousefilmen erzielt wird. Nach dem Filmförderungsgesetz müssen die Kinos in Deutschland eine Abgabe an die FFA abführen, die jeweils prozentual nach Umsatzhöhe gestaffelt ist. Filmtheater mit weniger als 75.000 Euro Nettokartenumsatz sind von dieser Abgabe befreit, haben aber dennoch Anspruch auf Förderung. Für die digitale Umrüstung der Marktkinos gewährt die FFA bisher weder Zuschüsse noch Darlehen, was derzeit erheblich für Zündstoff in der Branche sorgt. „Mittelständische Kinobetriebe, die jahrzehntelang ihre Abgabe gezahlt haben, empfinden es als massive Ungerechtigkeit“, unterstreicht Kramer, „wenn ein Konkurrent vor Ort diese Zuschüsse erhält, während sie keine Chance auf Fördermittel haben.“

Abhilfe soll nun eine Arbeitsgruppe des FFA-Verwaltungsrates schaffen. Diese Fachgruppe ist gefordert, ein Konzept zu entwickeln, das sowohl mit dem FFG als auch mit dem EU-Recht in Einklang stehen muss. Für die FFA selbst steht dabei einiges auf dem Spiel, da die Gefahr besteht, dass die erzürnten Kinobetreiber ihre Abgabe nur noch unter Vorbehalt zahlen, wie es bereits die Multiplex-Gruppe UCI vorexerziert hat, die gegen die FFA-Abgabe eine Klage vor dem Bundesverwaltungsgericht angestrengt hat. Würden die Abgaben der 2.000 bis 2.500 Markt-Kinos auf einem Sperrkonto landen, würde dies das Ende der FFA bedeuten, woran die Branche jedoch kein Interesse hat.

Dem Verwaltungsrat soll am 29. September ein Vorschlag vorgelegt werden, wie eine Unterstützung der Marktkinos aussehen könnte. Während die meisten kleineren Kinobetriebe eine Digitalförderung erhalten und die Mittelständler darum kämpfen müssen, verhandeln die großen Kinoketten wie CinemaxX, UCI oder Cineplex mit den Integrators. „Wir stehen in Verhandlungen mit Sony über die Ausstattung mit 4K-Projektoren“, bestätigt Arne Schmidt, Unternehmenssprecher der CinemaxX AG. Nachdem der Kinoriese bereits 120 Säle mit 3D-fähigen Projektionssystemen ausgestattet hat, soll in den nächsten zwei Jahren die Konvertierung aller 280 Säle erfolgen.

Großkonzerne zementieren Marktmacht

Die Integrators wie Arts Alliance Media, XDC, Ymagis oder Sony statten die Kinos mit digitalen Projektionssystemen aus und übernehmen auch die komplette Zwischenfinanzierung. Die Abzahlung der Investitionen erfolgt mit Hilfe der VPFs, welche die Verleiher jeweils für den Kinoeinsatz ihrer Filme abführen müssen. Während die großen Hollywoodmajors Rahmenverträge zu günstigen Konditionen schließen, die Massenstarts mit hoher Kopienanzahl begünstigen, werden die unabhängigen Verleiher bei ihren Filmeinsätzen kräftig von den Integrators zur Kasse gebeten.

Auf der Jahrestagung von Europa Cinemas, dem Netzwerk der europäischen Arthouse-Kinobetreiber, hat Peter Buckingham, der Kino- und Verleihchef des UK Film Council, die Kosten für die Kinoauswertung der Filme auf 35mm sowie im digitalen Format verglichen. Dieser VPF-Statistik zufolge sparen die Majors bei der digitalen Auswertung eines Blockbusters wie „Harry Potter“ bis zu sechsstellige Pfundbeträge ein, während die Independents beim Kinostart eines Arthousefilms aufgrund der VPF fünfstellige Summen zusätzlich entrichten müssen.

Bei der Betrachtung dieses Geschäftsmodells drängt sich die Analogie zur Landwirtschaft auf, wo die Großkonzerne durch Patente auf das Saatgut ihre Marktmacht zementieren. Die Landwirte müssen hohe Lizenzgebühren zahlen, wodurch vor allem Kleinbauern in den Entwicklungsländern in die Pleite getrieben werden. Ein ähnliches Schicksal droht auch den unabhängigen Kleinverleihern, die mit ihren Filmen für eine Angebotsvielfalt im Kino sorgen. „Die Third-Party-Modelle sehen eine bestimmte Anzahl von Startkopien vor“, berichtet Christian Bräuer, Geschäftsführer der AG Kino. „Deshalb müssen die Kinos die Filme der Verleiher, welche einen Vertrag mit den Third Parties geschlossen haben, über einen gewissen Zeitraum in bestimmten Vorstellungen einsetzen.“

Die Programmvielfalt, die sich prinzipiell durch die Digitalisierung eröffnet, werde durch die DCI-dominierten Geschäftspraktiken konterkariert. „Für den Einsatz von alternativen Content wie Oper und Fußball, aber auch für unabhängige Filme muss extra gezahlt werden.“ Da dies einen Eingriff in die Programmierung darstellt, fordern die Mitglieder der AG Kino Technikneutralität. „Kein unabhängiger Kinobetreiber will DCI haben, weil er dann nicht mehr der Herr im eigenen Haus ist“, bestätigt der Kölner Filmkunstkino-Betreiber Jürgen Lütz. Um den passenden Schlüssel zu bekommen, mit dem er das DCP öffnen kann, muss der Kinobetreiber vorab genau festlegen, wann und wie oft ein Film in welchem Saal vorgeführt werden soll. Dies bedeute das Ende der Flexibilität: „Selbst wenn keine Besucher kommen, muss der Film im großen Saal gespielt werden.“ Eine kurzfristige Schulvorstellung sei beim DCI-System ebenfalls nicht möglich, da der Server die DCP nicht freigebe.

Von Amerikanern entwickelt

Aber auch für die unabhängigen Verleiher erweist sich die Herstellung der DCPs, der KDMs (Key Delivery Message) und DKDMs (Distribution Key Delivery Message) oftmals als kompliziert und kostspielig, weil die Labore und Software-Hersteller bei der Verschlüsselung und Überspielung der Kinofilme auf Festplatten kräftige Margen kalkulieren. „Wenn eine Hard Disk günstig an uns Verleiher verkauft wird, kostet sie 250 Euro“, verrät Cyril Thurston, Geschäftsführer des Schweizer Verleih Xenix Film. „Die Hard Disk selbst kostet nur 40 Euro, doch das weiß keiner.“ Neben der Erstellung der DCP schlägt das Key-System oft mit bis zu weiteren 1.500 Euro zu Buche. „Da noch die VPF dazu gerechnet werden muss, bringt das digitale Kino für die Independents in den kleinen Territorien keine Kostenersparnis.“

Dem Verleiher ist es wichtig, wie bei der Auswertung auf 35mm weiterhin Herr seiner Lizenz zu bleiben. „Wir möchten während unserer Lizenzzeit bestimmen können, wer unseren Film wann wie zu welchen Konditionen in unserem Lizenzgebiet zeigt“, unterstreicht Thurston. „Das ganze System ist von den Amerikanern entwickelt worden und nicht plural auf die Independentszene zugeschnitten.“ Ein Verleiher-Code hätte dafür sorgen können, dass mit der Lizenz auch ein Schlüssel zur Auswertung für eine Dauer in einem Gebiet verbunden ist. „Doch dafür sind die Projektoren jetzt nicht ausgerüstet.“

Der Verleiher wünscht sich ein gutes Einvernehmen mit den Weltvertrieben, die ihm die DCPs mit den DKDMs liefern sollen. „Ich möchte aber, dass ich wie bisher selbst meine Rechte verwalten kann und nicht in Abhängigkeit von Dritten komme, die mich zwingen, dies bei ihnen zu Fantasiepreisen in Auftrag geben zu müssen.“ Auch für einen DCP-Projektor mit Server müssten nicht 100.000 Euro verlangt werden. „Er könnte auch entscheidend billiger sein“, resümiert Thurston. „Die Frage ist immer, an wen sich ein Angebot richtet.“ Die Größe des jeweiligen Absatzmarktes bestimme den Preis. „Als ein Massenprodukt wäre er erheblich billiger.“

Das Schweizer Modell

Die cleveren Schweizer haben auch ein eigenes Modell entwickelt, in dem die VPF-Zahlungen in direkten Verträgen zwischen Kino und Verleih geregelt sind. „Die Third Parties haben in der Schweiz kaum Fuß gefasst“, konstatiert Hélène Cardis, Geschäftsführerin von dem unabhängigen Schweizer Verleih Pathé Films, die dieses Konzept gemeinsam mit ihrem Kollegen Laurent Dutoit von Agora Films kreiert hat. Neben dem staatlichen Förderprogramm erhalten die Kinos bei dieser Konstruktion zinsgünstige Darlehen vom Dachverband Procinema.

Die Refinanzierung der Kinodigitalisierung erfolgt mittels der VPF, welche für den Einsatz der digitalen Startkopien in den ersten vier Wochen von den Verleihern direkt an die Kinos gezahlt wird. „Die Höhe der VPFs ist nach der Anzahl der Vorstellungen gestaffelt“, erläutert Cardis. Ab 21 Vorstellungen werden 200 Schweizer Franken erhoben, ab 42 Vorführungen 400 CHF und ab 63 Vorstellungen insgesamt 600 CHF. „Der Vertrag stellt für die Kinobetreiber zugleich eine Garantie dar, dass Gelder zurückfließen, was die Beschaffung von Krediten erheblich erleichtert. Dieses Prinzip wird in den mittleren und großen Städten sehr gut angenommen“, resümiert die Verleih-chefin. „Mit diesem Vertrag können gut 70 Prozent des gesamten Marktes in der Schweiz abgedeckt werden.“ Grundsätzlich sei dieses System auch auf andere Länder übertragbar.
Birgit Heidsiek
(MB 09/11)

Zurück