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Im Zeichen des digitalen Umbruchs

Die 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin standen ganz im Zeichen des digitalen Umbruchs. Die Strahlkraft des Kinos und der großen Stars wie der amerikanischen Aktrice Meryl Streep, dem „Twilight“-Darsteller Robert Pattinson oder der Bollywood-Ikone Shah Ruhk Khan, die der Festival-Direktor Dieter Kosslick auf dem roten Teppich begrüßen konnte, ist weiterhin ungebrochen. Für die Filmauswertung und die damit verbundenen Geschäftsmodelle ändern sich die Spielregeln.

Zum Auftakt präsentierte die Berlinale das französische Revolutionsdrama „Leb wohl, meine Königin!“ von Benoit Jacquot, in dem Diane Kruger als Königin hautnah den Niedergang ihrer Dynastie erlebt. „Die Berlinale 2012 ist politischer denn je – sie steht ganz im Zeichen des Umbruchs und des Aufbruchs“, konstatierte der Kulturstaatsminister Bernd Neumann in seiner Eröffnungsrede. „Kunst und Kultur – und damit auch der Film – sind nicht nur Seismograph, sondern vor allem Motor gesellschaftlicher Umbrüche.“

Da Künstler und Filmemacher in Ländern wie China oder dem Iran nach wie vor gedemütigt, verfolgt, inhaftiert und mit Berufsverboten belegt werden, sei es wichtig, auf der Berlinale Flagge für Menschenrechte und die Freiheit der Kunst zu zeigen.
Die thematische Bandbreite in den aktuellen Berlinale-Filmen reichte von den Freiheitsbestrebungen des Arabischen Frühlings über die Kindersoldaten in Afrika bis hin zum brutalen Staatsterror mitten im heutigen Westeuropa, wie der schockierende Spielfilm „Diaz – Don't Clean Up the Blood“ über das blutige Massaker der italienischen Polizei während des G8-Gipfels 2001 in Genua vor Augen führte.

Einschneidende Ereignisse und gesellschaftspolitische Veränderungen markieren oftmals den Anbruch einer neuen Epoche: In der Realität, im Film, aber auch für den Film selbst. In dem Dokumentarfilm „Side by Side“ von Chris Kenneally, der mit seinem Titel auf das gleichnamige Stereo3D-Verfahren anspielt, lässt der Hollywoodstar und Produzent Keanu Reeves bekannte Filmregisseure wie James Cameron, Martin Scorsese, George Lucas oder David Fincher zu den Vor- und Nachteilen der digitalen Filmproduktion zu Wort kommen.

Ein kurzer Rückblick zeigt den photochemischen Filmentwicklungsprozess sowie den klassischen Filmschnitt am Steenbeck, der heute beinahe schon archaisch wirkt. Die digitale Technologie ist längst in verschiedene Arbeitsbereiche eingezogen; von der Aufnahme über den Schnitt, die Farbkorrekturen und Effekte bis hin zur digitalen Projektion. Auch auf der Berlinale wurden erstmals mehr als die Hälfte der insgesamt 2.400 Filmvorführungen im digitalen Format gezeigt. Die analoge oder digitale Projektion sei nicht zwangsläufig besser. „Das ist reine Geschmackssache“, erklärt Ove Sander, Technischer Leiter für digitales Kino bei der Berlinale.
Deshalb wird den Regisseuren der Wettbewerbsfilme am Vorabend der Premiere ihr Film in beiden Formaten vorgeführt, um diesen die Wahl zu lassen. „Die meisten Filmemacher haben sich dabei für die digitale Projektion entschieden.“

In „Side by Side“ kommen auch Regisseure wie Christopher Nolan zu Wort, die davon überzeugt sind, dass kein anderes Medium dem Film ästhetisch überlegen sei. Die nordamerikanischen Auswertungsrechte an diesem Dokumentarfilm hat sich Tribeca Film gesichert, das nicht nur aktuelle Produktionen auf dem gleichnamigen Filmfestival in New York zeigt, sondern auch aktiv in den Filmvertrieb eingestiegen ist. „Side by Side“ soll im Sommer auf verschiedenen Plattformen präsentiert und in Filmhochschulen vorgeführt werden.

Die Auswertungschancen von Independent-Produktionen und Arthouse-Filmen in der neuen digitalen Welt war auch ein Thema bei den „Industry Debates“, zu denen der European Film Market die internationale Branche einlud. Für Arthouse-Filme von renommierten Regisseuren, die bereits Preise auf Festivals gewonnen haben, gibt es nach Einschätzung von Geoffrey Gilmore, dem Chef von Tribeca Enterprises, durchaus ein kommerzielles Potenzial. Den letztjährigen Berlinale-Wettbewerbsfilm „Margin Call“ über die Finanzkrise habe er auf dem Tribeca Film Festival vorgestellt und parallel dazu auf VoD ausgewertet.

„Das hat sehr gut funktioniert“, bestätigt Gilmore. „Wesentlich schwieriger ist es, ein Publikum für die vielen kleinen, unbekannten Filme zu generieren, die auch eine Plattform wie Netflix nicht haben will.“ Das Online-Portal, das zunächst in Konkurrenz zu den Videotheken getreten ist, verfügt mittlerweile über eine ähnlich großes Stammpublikum wie die etablierten Pay-TV-Sender in den USA.

Auch Magnolia Pictures setzt zunächst auf die VoD-Auswertung und bringt einen Film erst sechs Wochen später ins Kino. Nach dieser Strategie soll ebenfalls der frisch auf der Berlinale erworbene Genre-Film „Emergo“ ausgewertet werden, den das Team des spanischen Erfolgs-Thrillers „Buried“ produziert hat.
Der amerikanische Independent-Kanal IFC Films hat von der Direkt-zu-VoD-Variante hingegen Abstand genommen und bezieht jetzt wieder das Kino in seine Day-and-Date-Auswertungsstrategie ein. Schon jetzt zeichnet sich der Trend ab, dass der VoD-Markt in den USA für kleine Produktionen gesättigt zu sein scheint. Unbeantwortet blieb bei dieser Diskussion die Frage, wie neue Zielpublika für die zunehmende Masse von kleinen Filmen gewonnen werden können, die weltweit oft nur auf Festivals laufen. Da diese Produktionen nicht von Werbe- und Marketingmaßnahmen profitieren können, gehen sie oftmals im digitalen Nirwana des Netzes unter, ohne dass damit Einnahmen generiert werden.

MEDIA unterstützt digitale Distribution

Die Fragen wie die Filmauswertung im Kino in Zukunft aussehen wird und welchem Wandel die klassischen Geschäftsmodelle im digitalen Zeitalter unterliegen, sind auch in Europa ein Dauerthema, das die Gemüter in der Branche erhitzt. Während die unabhängigen Kinobetreiber für eine Beteiligung der Majors an den digitalen Umrüstungskosten kämpfen, befürchten die unabhängigen Verleiher, dass im Zuge der Digitalisierung künftig noch mehr Leinwände durch eine steigende Anzahl von Startkopien teurer Großproduktionen blockiert sein werden.

Die neuen Online-Plattformen werfen in Europa längst noch nicht genügend Gewinne ab, um die Refinanzierung der Filme aus der klassischen Kinoauswertung zu kompensieren. „Wir hoffen, dass wir bald Aufschluss darüber bekommen, mit welchen neuen Geschäftsmodellen sichEinnahmen erzielen lassen“, erklärte Aviva Silver, die Leiterin des MEDIA-Programms, auf der Berlinale. „Die digitale Welt eröffnet uns neue Möglichkeiten wie Crowd Funding oder Day-and Date Release, aber derzeit ist noch unklar, mit welchen Modellen die Filme tatsächlich finanziert werden können.“

Zu diesem Zweck hat die EU statistische Untersuchungen zur Filmauswertung angestrengt. Neben den Daten von der Europäischen Informationsstelle in Straßburg über die Video-on-Demand-Auswertung sowie die aktivsten Verleiher von europäischen Filmen werden Studien über neue Geschäftsmodelle und das Publikumsverhalten gestartet. „Diese Ergebnisse werden die Basis für unsere neuen Fördermodelle bilden“, berichtet Silver. „Das Europäische Parlament hat uns ein Budget von zwei Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um neue Formen der digitalen Distribution zu testen. Die Online-Auswertung wird eine zentrale Rolle in unserer Förderstrategie spielen, denn die größten Herausforderungen für die Filmindustrie sind derzeit die Globalisierung sowie die Digitalisierung auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette.“

Weiteren Aufschluss über die Rahmenbedingungen für neue MEDIA-Programme gab Androulla Vassiliou, die EU-Kommissarin für Bildung und Kultur, die zu einer Stippvisite auf die Berlinale kam. „Wir haben für das neue Programm 'Kreatives Europa', das die Kultur und MEDIA unter einem Dach vereint, für den Zeitraum von 2014 bis 2020 eine Erhöhung um 37 Prozent vorgeschlagen“, berichtete Vassiliou. Dies entspreche einem Budget von 1,8 Mrd. Euro, wovon 900 Mio. Euro auf MEDIA entfallen sollen. Die Voraussetzung sei, dass der Europarat und das Parlament die Erhöhung bewilligen.

Die Film- und Medienpolitik hat im EU-Parlament nicht die nötige Aufmerksamkeit“, sagte Bernd Neumann, der als erster EU-Kulturminister Stellung bezogen und Vassiliou seine Bedenken dazu vorgetragen hat. Der Kulturstaatsminister bewertet die Zusammenlegung von Kultur mit dem MEDIA-Programm kritisch. Im neuen Programm seien die Maßnahmen sehr allgemein gehalten, was der Kommission eine größere Flexibilität verleihe.
„Die Bezeichnung Kinoverleih ist im neuen MEDIA-Programm gar nicht mehr zu finden“, kritisiert Johannes Klingsporn, Geschäftsführer des Verleiherverbandes (VdF). „Dort ist nur noch von Plattformen die Rede.“ Der deutsche Vertreter der Verleiher befürchtet, dass künftig nur noch VoD-Modelle gefördert werden. „Ohne MEDIA-Förderung werden weniger europäische Filme in die deutschen Kinos kommen.

„Ein größerer Entscheidungsspielraum solle es der Kommission künftig ermöglichen, flexibler auf technologische Entwicklungen zu reagieren“, versuchte Irina Orssich von der Europäischen Kommission zu beschwichtigen. „Wir möchten jeweils zu Jahresbeginn über einen Aufruf diskutieren, um allen Bedürfnissen gerecht zu werden.“ Nach Einschätzung von Neumann ordnet sich das Programm „Kreatives Europa“ in die Gesamtstrategie 2020 ein, in der Kultur zunehmend unter kommerziellen Gesichtspunkten betrachtet wird.

Vorwurf an Degeto Film

Den Vorwurf, nur noch auf kommerzielle Ware zu setzen, haben auch die unabhängigen Verleiher in einem Offenen Brief an die ARD-Einkaufsgesellschaft Degeto Film erhoben. „Der momentane Einkaufsstopp für Spielfilme bei der ARD wird dazu führen, dass aktuelle und kulturell relevante Filme des deutschen und internationalen Kinos einer breiten Öffentlichkeit vorenthalten werden“, beklagen die Verleiher. Da die sogenannten Dritten Programme ihr Spielfilmprogramm im Wesentlichen aus dem Filmstock der Degeto beziehen, bedeutet dies auch eine Ausweitung der Krise auf die regionalen Sender. Diese verfügen meistens nur über sehr geringe Einkaufbudgets. Der Spielfilm würde als Konsequenz auch in den Dritten Programmen seinen angestammten Platz verlieren.

Für die unabhängigen deutschen Verleiher stelle die aktuelle Lage eine existenziell bedrohliche Entwicklung dar, da die Kosten für den Ankauf der Filme und die Vermarktung in den letzten Jahren stark angestiegen sind. Eine Refinanzierung sei ohne Förderung und Verkäufe an deutsche Sender oft nicht mehr möglich. „In Deutschland wird kein Wert darauf gelegt, einen Festivalgewinner einem größeren Fernsehpublikum zu präsentieren“, kommentiert Ira von Gienanth, Managing Director für Licensing & Acquisitions beim Münchener Prokino Filmverleih.

Digitalkino-Anforderungen in der Praxis

Auf der Berlinale haben sich auch die Mitglieder des unabhängigen europäischen Verleiherverbandes Europa Distribution getroffen. Gemeinsam mit Europa International, einem Zusammenschluss von 28 europäischen Weltvertrieben, sind Richtlinien für die Auslieferung von digitalen Materialien erarbeitet worden. Da sich die Digitalisierung derzeit in einer Übergangsphase befindet, bestehen in den verschiedenen Ländern große Unterschiede bezüglich der technischen Standards und Geschäftsmodelle.

Bei der Filmauswertung komme es darauf an, die bestmögliche Auswertung eines Films im jeweiligen Land sicherzustellen. Die Richtlinien beziehen sich auf die Auslieferung von digitalem Material nach dem DCI-Standard und sollen die Arbeit in der digitalen Übergangsphase erleichtern. Dabei geht es um Empfehlungen für die digitale Auslieferung der DCPs (Digital Cinema Packages) und darum, dass die Weltvertriebe den Verleihern einen DKDM (Distribution Key) zur Verfügung stellen, damit diese Zugang zu dem Material erhalten. Mit diesem digitalen, vom Ursprungslabor produzierten Schlüssel können die Verleiher das entsprechende DCP öffnen und neue Schlüssel generieren.

Auch die Berlinale hat erstmals digitale Generalschlüssel von den Produktionsfirmen angefordert, um die Filme bei Bedarf in einem größeren Saal oder zu einem späteren Zeitpunkt einsetzen zu können. „Das beruht letztlich auf Vertrauen“, erklärt André Stever, der bei der Berlinale für die Koordination der Filmkopien verantwortlich ist. „Wir haben im Festival erhebliche Sicherheitsstandards etabliert, was sowohl die Sicherheit in den Vorführungen angeht, wie auch die Sicherheit der Filme in unserem Prozess. Mit der Digitalisierung wird uns jetzt erneut das Vertrauen ausgesprochen, das wir schon die vergangenen 60 Jahre genossen haben.“
Birgit Heidsiek
(MB 03/12)

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