> ## Content Index
> Fetch the complete content index at: https://mebucom.de/llms.txt
> Use this file to discover other available public pages before exploring further.

# WMAS in der Praxis: Der ESC zeigt, was der Breitband-Standard wirklich kann
- URL: https://mebucom.de/broadcast-abc/wmas-in-der-praxis-der-esc-zeigt-was-der-breitband-standard-wirklich-kann/
- Published: 2026-06-12T10:50:05.000Z
- Updated: 2026-08-06T10:02:50.000Z
- Description: Beim Eurovision Song Contest in Wien lief eines der bislang größten dokumentierten WMAS-Setups – ein Blick auf Technologie, Regulierung und die Frage, wann sich der Umstieg lohnt.
- Author: Niklas Eckstein
- Tags: Broadcast ABC, ESC, Sennheiser, Shure, WMAS-Technologie, #wp, #wp-post, #Import 2026-06-23 12:20

WMAS hat 2026 die Theoriephase verlassen: Beim Eurovision Song Contest in Wien lief mit Sennheisers Spectera erstmals ein Wireless Multichannel Audio System unter den Bedingungen einer der frequenzdichtesten Produktionen Europas. Für Broadcaster und Produktionsdienstleister verschiebt sich damit die Frage – nicht mehr ob die Breitbandtechnologie funktioniert, sondern wann sich der Umstieg vom Schmalband rechnet. Die Antwort hängt weniger an der Technik als an Frequenzdruck, Bestandsinvestitionen und Regulierung.

## Was WMAS ist – und was es vom Schmalband unterscheidet

Ein Wireless Multichannel Audio System bündelt viele Audiokanäle in einem einzigen breiten HF-Kanal von 6 oder 8 MHz – in Europa entspricht das einem kompletten DVB-T2-Kanal. Klassische drahtlose Mikrofonsysteme arbeiten dagegen schmalbandig: Jeder Kanal belegt einen eigenen Träger mit maximal 200 kHz Bandbreite, jeder Sender braucht eine eigene, intermodulationsfrei koordinierte Frequenz. Genau diese Koordination ist bei großen Produktionen längst zum Engpass geworden.

WMAS kehrt das Prinzip um. Eine zentrale Basisstation verwaltet den Breitbandkanal und weist den angeschlossenen Geräten – Mikrofonen, In-Ear-Empfängern, Kombigeräten – Zeitschlitze und Subträger zu, technisch über Verfahren wie [TDMA](https://www.ip-insider.de/was-ist-tdma-time-division-multiple-access-a-654719/?ref=mebucom.de) und [OFDMA](https://de.ruckusnetworks.com/insights/ofdma/?ref=mebucom.de). Die Verbindung ist bidirektional: Audio und Steuerdaten laufen über denselben HF-Träger, Bandbreite, Latenz und Audioqualität lassen sich pro Link dynamisch zuweisen. Ein Sprachkanal für die Regie benötigt andere Ressourcen als ein unkomprimierter Gesangskanal – im Schmalbandsystem belegen beide dieselben 200 kHz, im WMAS bekommen sie exakt das Spektrum, das sie brauchen.

Der Effizienzgewinn ist erheblich: Wo in einem 8-MHz-Block praktisch nur eine knappe Handvoll Schmalbandstrecken intermodulationsfrei unterzubringen ist, spezifizieren die Hersteller für WMAS je nach Qualitätsanforderung 32 und mehr Kanäle, theoretisch bis zu 64 Links pro Träger.

Normativ verankert ist die Technologie in der [ETSI-Norm EN 300 422-1](https://www.etsi.org/deliver/etsi%5Fen/300400%5F300499/30042201/02.02.01%5F60/en%5F30042201v020201p.pdf?ref=mebucom.de), die seit ihrer Überarbeitung 2021 den Breitbandbetrieb in Europa abdeckt.

## Der Praxisbeweis: 170 Kanäle beim ESC in Wien

Wie sich diese Rechnung unter Realbedingungen verhält, zeigte der Eurovision Song Contest 2026 in Wien. Dort liefen 170 drahtlose Kanäle über das Sennheiser Spectera-System – in einem HF-Umfeld, in dem neben der Show-Produktion auch Delegationen, Hörfunk und Sicherheitsfunk um Spektrum konkurrieren. Rechnerisch hätten für die Kanalzahl drei Basisstationen genügt; im Einsatz waren sechs: vier für die aktive Übertragung, eine als permanenter Spektrumscanner, eine als Redundanzreserve. Die Differenz zwischen Minimum und Deployment ist dabei die eigentliche Botschaft – Redundanz und Monitoring sind im Breitbandkonzept keine nachgelagerte Absicherung, sondern Teil der Systemarchitektur.

![Volker Schmitt von Sennheiser beim ESC](https://mebucom.de/content/images/wordpress/2026/05/IMG_4145.jpg)

Volker Schmitt, Manager Technical Application Engineering bei Sennheiser und ESC-Veteran.

Für die Branche ist dieser Einsatz mehr als eine Referenz. Der ESC gilt seit Jahren als härtester Frequenztest im europäischen Produktionskalender; was dort stabil läuft, ist für reguläre Studio-, Theater- und Ü-Wagen-Produktionen mit deutlich geringerer HF-Dichte erst recht dimensioniert. Die [Detailberichte zum Sennheiser-Setup](https://mebucom.de/produktion/sennheiser-spectera-esc-2026/) und zur [ORF-Audioproduktion beim ESC](https://mebucom.de/produktion/folk-pop-heavy-metal-wie-der-orf-den-esc-musik-mix-programmiert/) hat mebucom bereits veröffentlicht.

## Frequenzkoordination: Wo WMAS den Engpass wirklich löst

Der eigentliche Hebel von WMAS liegt nicht in der Audioqualität, sondern in der Frequenzkoordination. Wer heute eine Großproduktion plant, koordiniert Dutzende Einzelfrequenzen, rechnet Intermodulationsprodukte und meldet die Nutzung bei der Bundesnetzagentur an – im UHF-Bereich von 470 bis 694 MHz per Einzelzuteilung, da drahtlose Produktionsmittel (PMSE) dort als Sekundärnutzer neben dem Rundfunk arbeiten. Ein WMAS reduziert diesen Aufwand strukturell: Statt vieler Einzelfrequenzen wird ein zusammenhängender 8-MHz-Block koordiniert, die Kanalverteilung darin übernimmt das System selbst.

![Schmalband vs. WMAS](https://mebucom.de/content/images/wordpress/2026/06/wmas-frequenzkoordination2.jpg)

Ein 8-MHz-Kanal, zwei Betriebsarten: Im Schmalband wird jede Frequenz einzeln koordiniert, im WMAS übernimmt das System die Kanalverteilung im zusammenhängenden Block.

Regulatorisch ist die Lage so stabil wie lange nicht. Die Weltfunkkonferenz WRC-23 hat den Rundfunk im Band 470 bis 694 MHz als alleinigen Primärnutzer bestätigt, PMSE bleibt Sekundärnutzer – eine Neubewertung steht erst zur WRC-31 an. Für Investitionsentscheidungen bedeutet das ein Planungsfenster von mehreren Jahren, das es nach der Digitalen Dividende so nicht mehr gab. International zog die US-Regulierungsbehörde FCC im Februar 2024 nach und erlaubte den WMAS-Betrieb in den TV-Bändern und der 600-MHz-Duplexlücke lizenziert wie unlizenziert, in weiteren Frequenzbereichen lizenzpflichtig. Für deutsche Dienstleister, die US-Produktionen oder Weltevents wie die FIFA WM 2026 bedienen, fällt damit eine zentrale regulatorische Hürde – auch wenn die Kanalraster bleiben: 6-MHz-Blöcke in den USA, 8 MHz in Europa.

Ein Vorbehalt bleibt: Die Freigabe einzelner WMAS-Betriebsmodi unterscheidet sich weiterhin von Land zu Land. Shure etwa weist explizit darauf hin, dass die Verfügbarkeit der WMAS-Funktionen seiner Systeme regional variiert. Wer international produziert, prüft den Funktionsumfang also weiterhin pro Markt – nur eben auf Ebene von Betriebsmodi statt einzelner Frequenzen.

## Spectera und Axient Digital PSM: Zwei Wege zum selben Standard

Zwei Hersteller liefern derzeit WMAS-Produkte aus, mit deutlich unterschiedlichem Zuschnitt. Sennheiser positioniert Spectera als vollständiges bidirektionales Ökosystem: Eine Basisstation im 19-Zoll-Format verwaltet bis zu 64 Audio-Links für Mikrofone und In-Ear-Monitoring gleichzeitig, Steuerung und Audio laufen über denselben Breitbandträger. Der Anspruch ist der Ersatz der kompletten Drahtlos-Infrastruktur einer Produktion – ein Ansatz, der sich beim ESC im Großformat bewähren musste.

Shure geht mit den umgekehrten Weg und bringt WMAS zuerst dort ein, wo der Kanaldruck am höchsten ist: im In-Ear-Monitoring. Das [im Oktober 2024 vorgestellte System](https://mebucom.de/technik/axient-digital-psm-neues-in-ear-monitoring-system-von-shure/) schafft im Breitbandmodus bis zu 40 Kanäle in einem 8-MHz-Block, die Kanalzahl lässt sich per Lizenz skalieren. Für den Rundfunk relevant ist ein Nebeneffekt der Stereoarchitektur: Jeder Stereokanal lässt sich als zwei Mono-IFB-Wege betreiben – acht IFB-Kanäle auf einer einzigen Frequenz sind damit kein Koordinationsproblem mehr. Aufschlussreich ist die Mehrgleisigkeit des Systems: Schon zum Start beherrschten die Sender neben dem Breitband- auch Schmalband-, Analog-FM- und Punkt-zu-Punkt-Modi, ein Firmware-Update vom Mai 2026 ergänzte [eine weitere Schmalbandvariante für Umsteiger von analogen In-Ear-Systemen](https://mebucom.de/technik/shure-axient-digital-psm-firmware-update-bringt-sc-schmalband-modus/). Shure plant den Wechsel seiner Anwender erkennbar als Migration, nicht als Systembruch. Ein WMAS-Mikrofonsystem fehlt im Portfolio dagegen bislang – die Mikrofonseite bleibt beim schmalbandigen Axient Digital, das per Empfängerlizenz skaliert, nicht per Breitbandträger.

![Shure Axient Digital PSM](https://mebucom.de/content/images/wordpress/2024/10/shure-axient.jpg)

Axient Digital PSM ©Shure

Die Gegenüberstellung zeigt zwei Markteintrittsstrategien für denselben ETSI-Standard: Komplettsystem gegen Spezialanwendung, Neuaufbau gegen Migration. Welche sich durchsetzt, entscheidet weniger die Technik als die Investitionslogik der Anwender.

## Wann sich der Umstieg lohnt – und wann nicht

Für die Entscheidung pro oder contra WMAS lassen sich drei Schwellen benennen. Erstens die Kanalzahl: Unterhalb von etwa zwei Dutzend Drahtlosstrecken löst klassisches Schmalband die Aufgabe weiterhin wirtschaftlicher, zumal bestehende Systeme abgeschrieben und Workflows eingespielt sind. Zweitens der Frequenzdruck am Standort: In Ballungsräumen mit dichter DVB-T2-Belegung und bei Großevents mit vielen parallelen Produktionen wird der koordinierte 8-MHz-Block zum handfesten Planungsvorteil. Drittens die Produktionsdichte: Wer regelmäßig Setups mit hoher Kanalzahl auf- und abbaut – Festival-Dienstleister, Ü-Wagen-Betreiber, große Theater – amortisiert den Systemwechsel über eingesparte Koordinationszeit schneller als ein Sender mit fester Studioinstallation.

Kurzfristig ist WMAS damit kein Ersatz, sondern ein Entlastungswerkzeug für frequenzkritische Produktionen. Der Mischbetrieb bleibt auf Jahre der Normalfall – was auch erklärt, warum beide Hersteller ihre Systeme bewusst anschlussfähig an Schmalband-Bestände halten.

Spannend wird die IBC 2026 im September: Bislang tragen mit Sennheiser und Shure nur zwei Anbieter den Standard, und ein Standard wird erst dann zum Ökosystem, wenn die Auswahl an Herstellern, Formfaktoren und Preispunkten wächst. Sollte in Amsterdam ein dritter Anbieter ein WMAS-Produkt zeigen, dürfte die Umstiegsdebatte in den Tonabteilungen deutlich an Tempo gewinnen.