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Ausgestoßen aber aufgefangen

Ausgestoßen aber aufgefangen

Die ProSiebenSat.1 AG hat ihren Sender und Nachrichtenlieferanten N24 durch Verkauf aus dem Konzern herausgelöst und dabei ihre letzten Wurzeln in Berlin zugunsten der voll rationalisierten Zentrale in München gekappt. Neuer Besitzer des Senders ist die N24 Media GmbH, die vom N24- Management unter Leitung von Dr. Thomas Rossmann zusammen mit Ex-Spiegel-Chef Stefan Aust gegründet wurde. Sie will nun den Produktionsmarkt für Informationsformate neu aufmischen und hat als Basis dafür langjährige Zulieferverträge seitens der ProSiebenSat.1 AG zugesichert bekommen.

„Nachrichten sind vielleicht für das Image bei Politikern wichtig, aber nicht unbedingt bei allen Zuschauern“. Mit diesem Satz hatte Thomas Ebeling, Vorstandsvorsitzende der ProSiebenSat.1 Media AG schon vor Monaten bei Medienpolitikern einen Donnerschlag ausgelöst und seine Absicht bekräftigt, den Nachrichtenlieferanten und Sender N24 entweder zu verkaufen oder dessen Produktionskosten drastisch um rund zwei Drittel zu reduzieren.
Gegen diesen Plan gab es von allen Seiten große Proteste: seitens der Politik, der Gewerkschaft Verdi, dem Journalistenverband und natürlich auch seitens des N24-Betriebsrates und Redaktionsausschuss. Kulturpolitisch wurde Ebeling vorgeworfen, die publizistische Verantwortung die große TV-Sender in Deutschland zu erfüllen haben, nicht wahrnehmen zu wollen.

Der Effekt der von Ebeling angestoßenen Debatte: In einem der kommenden Rundfunkänderungsstaatsverträge soll nun genau definiert und festgelegt werden, welche Informationsleistungen auch kommerzielle TV-Sender mit ihrem Programm zu bieten haben. Um dies zu ermitteln, haben die Landesmedienanstalten das Hans-Bredow-Institut beauftragt, eine Analyse zu erstellen.
Und auch Ebeling hat einen neuen Kurs eingeschlagen: „Die Zusammenarbeit mit einer starken N24 Media ist für uns der beste Weg, um das Informationsprofil unserer Sender weiter zu schärfen“, benennt er das neue Ziel. Das Team um Torsten Rossmann und Stefan Aust stehe für „erstklassige Nachrichten“ betont er: „Gerade in der politischen Berichterstattung wollen wir gemeinsam neue Wege gehen“. Nicht mehr und nicht weniger will Ebeling mit dem Verkauf von N24 erreichen, als „einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Anbietervielfalt im Nachrichtengeschäft." Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft und lässt häufig auch die Preise purzeln. Mit dem Verkauf und Kauf von N24 einschließlich der Tochtergesellschaft Maz&More, so kündigten ProSiebenSat.1 und die neue N24 Media GmbH unisono an, werde nichts Geringeres als „der größte unabhängige TV-Informations-Produzent Deutschlands mit Sitz in Berlin“ entstehen. Diese Botschaft lässt sich auch als Kampfansage gegen die Spiegel TV-Produktionsgruppe verstehen, die Aust einst ins Leben gerufen und erfolgreich aufgebaut hatte.
Der Zeitpunkt der Verkaufsmeldung von N24 am 16. Juni war für Medienbeobachter überraschend. Zuvor war kolportiert worden, dass eine Entscheidung über Verkauf oder Verbleib von N24 in der ProSiebenSat.1-Senderfamilie frühesten ein Tag vor der ordentlichen Hauptversammlung der Aktiengesellschaft am 28. Juni bekannt gegeben werde, zumal unter verschiedensten Kaufinteressenten ausgesiebt werden müsse.

Da waren allerlei Kaufinteressenten in der Öffentlichkeitsarbeit ins Spiel gebracht worden. Darunter der Russe Dmitri Lesnewski, der in jüngerer Vergangenheit Das Vierte gekauft hatte und laut Presseberichten es nach kurzem Engagement für über 60 Millionen Euro profitabel verkauft haben soll. Er habe für N24 schon mal Jürgen Doetz als Chef auserkoren, hieß es. Was Doetz, der auch bei Lesnewski als Berater beschäftigt ist, wie er dem Tagesspiegel sagte, als „eine spannende Herausforderung“ betrachtet hatte.

Auch ein anderer ehemalige Kirch-Manager aus dem einstigen ProSiebenSat.1-Imperium, nämlich Jan Mojto, soll Interesse am Kauf von N24 gehabt haben. Was insofern wundert, weil ProSiebenSat.1-Vorstandsvorsitzender Thomas Ebeling ja konsequent verbreitet hatte, dass sich mit einem Nachrichtensender wie N24 kein Geld, keine Rendite machen lasse, sondern es sich um ein reines defizitäres Geschäft handele. Genau deshalb war aber N24 vermutlich eher für einen symbolischen Wert als Schnäppchen attraktiv.
Wie auch immer: N24-Chef Rossmann und Aust hatten ihr Interesse am Kauf bereits Ende 2009 bekundet. Aust soll laut Presseberichten ein filigranes Multimedia-Geschäftskonzept entwickelt haben. Durch die vorzeitige Bekanntgabe des Verkaufs von N24 gelang es ProSiebenSat.1 jedenfalls, den kurzfristigen negativen Effekt an der Börse abzupuffern. Mit der ProSiebenSat.1-Aktie, die sich in jüngerer Vergangenheit unter dem Vorstand Thomas Ebeling proper entwickelt hatte, ging es nämlich erst einmal abwärts. Der Grund. Der Konzern musste, wie gesetzlich vorgeschrieben, in seiner Ad-hoc-Meldung in Richtung Börse einräumen, dass mit der Herauslösung von N24 aus dem Konzernverbund Verluste verbunden sind: Kosten in Höhe von rund 53 Millionen Euro, einschließlich Abschreibungen auf Anlagegüter in Höhe von rund 12 Millionen Euro.
Der Konzern betonte, dass diese einmaligen Kosten spätestens 2011 wieder aufgefangen werden können und dann jährliche Einsparungen durch den Verkauf in Höhe von 25 Millionen Euro möglich würden.
Obwohl sich am „Umfang der Nachrichtenangebote bei den Sendern der ProSiebenSat.1 Group durch den Verkauf nichts ändern“ werde, gelang es dem Konzern offenbar die Kosten dafür langfristig zu minimieren. Zu der drastischen Einsparung, die Ebeling noch im Frühling mit mit rund zwei Drittel der bisherigen Kosten für N24 beziffert hatte, wird es aber wohl doch nicht kommen. Einige Tage vor der Hauptversammlung ging der Aktienkurs für ProSiebenSat.1 wieder nach oben.

Auch wenn Ebeling die Absicht zur Herauslösung von N24 erst vor wenigen Monaten angekündigt hatte (MEDIEN BULLETIN 03/2010), war sie von der Investorengruppe KKR/Pemira von langer Hand geplant. Wie schon RTL seinen Nachrichtensender n-tv vor Jahren aus Berlin nach Köln abgezogen hatte, weil er keine Rendite abgeworfen hatte, war auch N24 schon lange für ProSiebenSat.1 ein Dorn im Auge, zumal man alle Senderaktivitäten allein von der Münchner Zentrale aus effizient und preiswert steuern will. Mit dem Verkauf von N24 ist es dem Konzern gelungen, den Standort Berlin vollständig aufzugeben.
In einem ersten Schritt dazu hatte die ProSiebenSat.1 AG unter den Eigentümern KKR/Permira aber erst einmal neu in N24 am Standort Berlin investieren müssen. Rund zwölf Millionen Euro hatte man unter der Ägide des damaligen Vorstandsvorsitzenden Guillaume de Posch 2008 für den Aufbau des neuen N24-Nachrichtenstudios am Potsdamer Platz ausgegeben. Weil der Umzug von Sat.1 von Berlin nach München damals beschlossene Sache war, konnte auch N24 nicht mehr in der teuren Berliner Zentrale am Gendarmenmarkt bleiben, deren denkmalsgeschützte Immobilie noch von Leo Kirch gekauft worden war.
Am 1. Januar 2009 wurde die Berliner Zentralredaktion von Sat.1 (das viereinhalbstündige Sat.1 Frühstücksfernsehen und das "Sat.1 Magazin") in die Produktionsgesellschaft MAZ&More als eine hundertprozentige Tochter der N24 Gesellschaft für Nachrichten und Zeitgeschehen mbH umfirmiert und fiel damit unter die Geschäftführung von N24-Chef Thorsten Rossmann.
Strategischer Partner für Technik und Produktion von N24 und Maz&More wurde im Juli 2009 die Fernsehwerft Produktion GmbH der Unternehmensgruppe Audrit. Sie hatte die 150 Mitarbeiter der ProSiebenSat.1 Berlin Produktion GmbH übernommen. Im nagelneuen Studiogebäude im Berliner Osthafen „Mediaspree“ der Fernsehwerft fanden sie und die von der Sat.1-Zentralredaktion in die Maz&More GmbH überführten Mitarbeiter ihren neuen Standort.
So hatte sich ProSiebenSat.1 sukzessiv vom teueren technischen Betrieb für die Produktion von aktuellen Informationssendungen in Berlin verabschiedet und samt des Umzugs von Sat.1 nach München das Personal massenhaft minimiert. Was sich in dem seit über einem Jahr ansteigenden Aktienkurs für sie sehr positiv widerspiegelt.

Die operative Gesamtführung der neuen Unternehmensgruppe N24 Media, die künftig die ProSiebenSat.1-Senderfamilie mit Nachrichten beliefert und die Magazine für Sat.1 produziert, übernimmt der bisherige N24-Chef Torsten Rossmann. Dem gewieften Strategen Rossmann, der vor seinem Studium der Politikwissenschaft eine Ausbildung zum Nautischen Offiziersassistenten bei der Handelsmarine absolviert hatte, war es trotz der einst schlechten Startposition von N24 gelungen, den Sender als Marktführer im TV-Nachrichtengeschäft auch gegen n-tv durchzusetzen. Weitere Geschäftsführer der N24 Media GmbH sind Frank Meißner (Produktion & Technik), Karsten Wiest (Finanzen) und last but not least Stefan Aust (New Business). Rossmann und Aust halten jeweils 26 Prozent an der N24 Media GmbH, Frank Meißner, Karsten Wiest, Maria von Borcke, die aus dem ehemaligen N24-Mangement stammen, und Thorsten Pollfuß (ehemals Spiegel TV) je 12 Prozent.

Schönes Schnäppchen
Sollte es der N24 Media tatsächlich gelingen, Deutschlands größter Informationsproduzent zu werden, dann hätten ihre Gesellschafter mit dem Kauf von N24/Maz&More ein schönes Schnäppchen gemacht. Zwar ist für N24 Media der Weg zum Marktführer unter Informationsproduzenten noch weit. Doch der Nachrichtenzulieferungsvertrag mit der ProSiebenSat.1-Gruppe, der über sieben Jahre bis zum 31. Dezember 2016 läuft, schafft eine für heutige Verhältnisse stabile Ausgangslage. Damit wird auch das Gros der bisherigen N24-Mitarbeiter aufgefangen. Auch Maz&More wird weiterhin in der Berliner Fernsehwerft das werktäglich viereinhalbstündige „SAT.1-Frühstücksfernsehen“ und „Das SAT.1-Magazin“ produzieren. Dieser Vertrag läuft bis zum 30. Juni 2014. Bis dahin ist Maz&More nicht von den harten Restrukturierungsmaßnahmen betroffen, wie sie für N24 noch in diesem Jahr vorgesehen sind, da mit 30 Millionen Euro das Budget für die Nachrichtenzulieferung an die ProsiebenSat.1-Senderfamilie im Vergleich zur Einbindung im Konzern mehr als halbiert worden ist.
Von 218 Vollzeitstellen bei N24, die bislang noch bis zum 1. September eingeplant sind, sollen voraussichtlich 72 Stellen durch Vertragsaufhebungen oder Kündigungen abgebaut werden, kündigte N24 Media an. Die Restrukturierungsmaßnahmen würden allerdings „durch einen umfassenden und weit über den gesetzlichen Rahmen hinaus gehenden Sozialplan“, der bereits im März verabschiedet worden sei, abgefedert. Der Nachrichtensender N24 werde weiterhin vom Potsdamer Platz in Berlin senden. Wie N24 Media in Zukunft ohne Konzern im Hintergrund die Werbung akquiriert, die bislang rund 25 Millionen Euro jährlich in die Kassen spülte, ist noch unbekannt.

Dabei behalte der Nachrichtensender N24 sein Programmschema weitgehend bei. Von 7.00 bis 13.00 Uhr gibt es durchgehend Nachrichten und Wirtschaft, im Anschluss folgen stündlich Nachrichten. Hinzu kommen Dokumentationen, Reportagen, Magazine und Talks.
N24 werde sich stärker als bisher auf Politikberichterstattung ausrichten und bis zum 4. Quartal 2011 ein eigenes deutsches Videojournalisten-Netzwerk mit 13 neuen Stellen aufbauen, kündigte N24 Media an.
Ein Teil der N24-Magazine, die bisher auf der Basis von Zulieferungen aus der ProSiebenSat.1-Gruppe entstanden, werde schrittweise durch Dokumentationen und Reportagen ersetzt. Pro Jahr will N24 künftig rund 50 neue Reportagen in Auftrag geben, die einen neuen Schwerpunkt im Programm bilden sollen.
Neuer N24-Chefredakteur wird Arne Teetz, bislang Stellvertretender Chefredakteur. Der bisherige Chefredakteur Peter Limbourg wechselt als Senior Vice President Nachrichten & Politische Information in die ProSiebenSat.1 TV Deutschland GmbH. Er bleibt weiterhin Anchor der „SAT.1 Nachrichten“ und somit in Berlin.
Stefan Aust und Thorsten Pollfuß sollen sich künftig vor allem um die Akquisition von Neugeschäft kümmern. Den Auftrag für Sat.1 ein neues wöchentliches Magazin zu produzieren, haben sie bereits in der Tasche.
Laut Rossmann entsteht mit N24 Media „ein im deutschen TV-Markt einzigartiges Produktionsunternehmen, dessen Portfolio von Hard News bis zu Boulevard-Formaten reicht“. Dank der lang laufenden Produktionsverträge mit der ProSiebenSat.1-Gruppe ist sich Rossmann sicher, „über alle Voraussetzungen“ zu verfügen, um ein leistungsstarkes Produktionsunternehmen um den Sender N24 herum aufzubauen, das sich langfristig im Markt behaupten kann.
Rossmann betonte gleichzeitig: „Einen Sender wie N24 aus einem TV-Konzern herauszulösen, ist ein Novum in Deutschland und ein komplexer Prozess“.
Erika Butzek
(MB 07/10)

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