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Der Effekt liegt im Affekt

Der Effekt liegt im Affekt

Handyvideos und Amateurfilme aus Kriegs- und Krisengebieten erreichen etablierte TV-Informationssendungen. Bürgerjournalisten à la Hubertus Koch reisen mit technischem Low-Budget-Equipment nach Syrien und bieten im „Weltspiegel“ ein emotionales Kontrastprogramm zur professionellen, objektiven Berichterstattung. Toppt die Meinung die Tatsache, Emotion statt Information? Lösen Emotion-News das Infotainment ab? Und können bewegende, über-emotionalisierende Bilder für den Fernsehzuschauer ein Impuls sein, sich mit sperrigen, vergessenen Themen zu beschäftigen?

Am Strand von Bodrum liegt ein dreijähriger Junge. Tot, mutterseelenallein. Im Laderaum eines geöffneten Lkws findet man südöstlich von Wien die Leichen von 71 erstickten Menschen. Im serbischen Grenzort Röszke bringt eine ungarische Kamerafrau einen Flüchtlingsvater, der seine Tochter auf dem Arm trägt, zu Fall. Der Bilder willen? Unvergesslich: Ein schwarz vermummter Mann, ein IS-Terrorist, enthauptet den US-Journalisten James Foley. Ein jordanischer Pilot wird plakativ vor laufender Kamera im Käfig verbrannt. Darf oder muss man solche Bilder in Zeiten von YouTube-Videos und Publisher-Netzwerken in den Fernsehnachrichten wirklich zeigen? Verlieren die etablierten TV-Sender gar ihre Nachrichtenhoheit ans Netz? Wo liegt die Grenze zum guten Geschmack, zum Anstand, zur Pietät? Welche Bilder sind echt, welche Quellen glaubwürdig, nicht aus dem Zusammenhang gerissen? Wo endet die Authentizität, beginnt das Fake, wo ist die Grenze zur Propaganda?

Keine Hals-über-Kopf-Entscheidungen

„Wir diskutieren bei den ‘Tagesthemen‘ so gut wie jedes Bild. Wie wirkt es, wird es der Situation gerecht, kann man es zeigen, welche Quelle hat es?“, berichtet die 37-jährige ‘Tagesthemen‘-Moderatorin Pinar Atalay. „Ebenso wird jedes Handyvideo gecheckt, überprüft, auf seine Quelle, auf seine Richtigkeit, auf seinen Nachrichtenwert. Dabei gibt es keine Hals-über-Kopf-Entscheidungen, sondern es wird alles in Ruhe überprüft, auch wenn unser Medium von Aktualität und Schnelligkeit lebt. Dabei haben wir ein gut funktionierendes System, auf das ich mich verlassen kann.“ Für ihren „Tagesthemen“-Kollegen Thomas Roth, der selbst lange in Kriegs- und Krisengebieten als Korrespondent und Studioleiter arbeitete, setzen Nachrichten heute keineswegs stärker auf Emotionen als früher. „Aber es gibt durch die digital verbreiteten Dokumente inzwischen sehr viel mehr Quellen mit zum Teil sehr emotionalem Bildmaterial. Das prägt natürlich auch Nachrichtensendungen bzw. Nachrichtenmagazine wie die ‘Tagesthemen’. Es verpflichtet aber umso mehr zu einem sorgfältigen Umgang mit diesem Material – inklusive einer sehr akribischen Prüfung auf Echtheit und Quellen beziehungsweise Herkunft. Entscheidend sollte immer der Nachrichtengehalt sein und nicht die Emotion.“ Dem 63-jährigen Hanns-Joachim-Friedrich-Preisträger Roth, den der Namensgeber kurz vor seinem Tod noch selbst auswählte, fiel es als Vater und Großvater sehr schwer, das Foto mit dem ertrunkenen Jungen anzumoderieren. Die „Tagesthemen“-Redaktion hatte sich nach langer Diskussion gemeinsam dazu entschlossen, es zu zeigen. „Es ging mir aber in diesem wie in anderen Fällen immer darum klarzumachen, dass es nicht um uns Journalisten und unsere Gefühle geht, sondern um die Menschen, die wir zeigen. Um deren Geschichte und deren Schicksal“, betont Roth. „Journalisten sollten sich nie wichtiger nehmen als sie tatsächlich sind: Sie sind Vermittler und/ oder Interpretatoren. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.“

Über-emotionalisierte Erzählweise

Keine Nachrichtensendung kann heutzutage auf ‘user-generated content‘ verzichten. Oben oder unten, rechts oder links im Bild wird dokumentiert, woher das Foto, die Bewegtbilder stammen. Das Portfolio der Quellenhinweise reicht von „Propagandavideo Kurdenmiliz YPG“, „US Navy“ bis hin zu „Archiv“ oder „Amateuraufnahmen“ bis hin zu allgemeinen Angaben wie „YouTube“, „Twitter“, oder „Internet“. Im ARD-„Weltspiegel“ vom 23. August 2015 wurde sogar der Komplettbericht „Syrien: Ein schwarzes Loch“ des 26-jährigen Amateurfilmers Hubertus Koch gezeigt, der zuvor drei Jahre lang in der Fußball-Redaktion von Sport1 arbeitete. Mit eigener Spiegelreflexkamera, einer GoPro und einem Handy ausgestattet, begleitete Koch zehn Tage lang einen Hilfstransport in das syrische Flüchtlingslager Bab Al-Salameh nahe der türkischen Grenze. Endstation für 12.000 Menschen auf der Flucht. Ohne handwerklich mit dem Level eines EB-Teams konkurrieren zu wollen, agierte er vor Ort unisono als Redakteur, Kamera- und Tonmann. Seinen Beitrag, ein knapp zwölfminütiger Dokumentarfilm, der zwei Minuten Handyvideos enthält, moderierte Michael Strempel als bewussten Kontrastpunkt zu den üblichen, professionellen Kriegs- und Krisenberichten an, der Film sei „subjektiv, emotional, die Ausdrucksweise für manchen vielleicht gewöhnungsbedürftig“. Das genau ist Kochs Ansatz. „Der Unterschied zwischen meinem Film und klassischen Nachrichtenbeiträgen liegt nicht nur in der Art des Drehens und der Produktion, sondern vielmehr in der Erzählweise“, erklärt er. „Dass ich mich als Person im Intro so inszeniere, dass ich quasi als Filmfigur einen großen Querschnitt meiner Generation verkörpere, so dass der Zuschauer möglichst viele Andockpunkte hat, sich mit jemandem durch diese Welt zu bewegen und nicht nur beispielsweise im ARD-‘Weltspiegel‘ anonym auf diese Welt darauf zusehen und sich von einem Korrespondenten Informationen abzuholen. Weil die Informationen haben wir ja im Grunde alle, wir sind ja mit Smartphones und Eilmeldungen so gut informiert wie nie zuvor. Mein Ansinnen war, einen emotionalen Zugang zu schaffen, damit diese abstrakten Informationen auch eine Gewichtung erhalten.“

Meinung toppt Tatsache, Emotion statt Information? „Wenn man diese Videos senden würde, ohne sie in einen recherchierten, nachrichtlichen Kontext zu stellen und einzuordnen, wäre das ein Widerspruch“, findet der 50-jährige „RTL Aktuell“-Redaktionsleiter Gerhard Kohlenbach. „Viele Themen haben aber auch emotionale Komponenten, über die man mehr Zuschauer ansprechen und sensibilisieren kann. Insofern können solche Videos einen Teil eines Berichtes ausmachen, der dann aber natürlich mit allen Elementen der journalistischen Sorgfaltspflicht ergänzt werden muss.“ Das Foto des nackten Mädchens Kim Phuc veränderte 1972 die öffentliche Wahrnehmung des Vietnamkrieges, das afghanische Mädchen Sharbat Gula wurde 1984 zum Sinnbild des Afghanistankrieges. Können bewegende Bilder vom ertrunkenen dreijährigen Aylan Kurdi oder ein Handyvideo à la „Syrien: Ein schwarzes Loch“ mehr beim Zuschauer bewirken als objektiv gehaltene Fakten? „In dieser überinformierten Gesellschaft überkonsumieren wir Informationen, so dass oft vergessen wird, was ist denn überhaupt noch wichtig und was ist eine Lappalie“, beobachtet Koch, der sich als Bürgerjournalist, nicht als Hobbyfilmer sieht. Mit dem Begriff ‘Handyvideo‘, der für ihn einen extrem unprofessionellen Ansatz impliziert, kann er sich partout nicht anfreunden. „Ich glaube, dass gerade ein über-emotionalisieter Film ein Anstoß sein kann, sich solchen Themen überhaupt zuzuwenden. Wenn man emotional erschlagen wird, hat man vielleicht einen Grund, sich diesem vergessenen Bürgerkrieg zuzuwenden, der immerhin seit vier oder fünf Jahren vor sich her blutet.“ Längst nutzen auch RTL-Informationssendungen Handyvideos von Naturkatastrophen oder aus Krisengebieten, allerdings achtet Kohlenbach darauf, dass sie nicht nur einseitig Botschaften verbreiten wollen. „Im ‘Arabischen Frühling‘ hätte man ohne solche Videos  über viele wichtige Entwicklungen im Fernsehen nur schlecht berichten können“, gibt er zu bedenken. „Mehr noch – man hätte dem Zuschauer Bildquellen zu einem weltpolitischen Ereignis vorenthalten.“

Aufwändiger Verifizierungsprozess

Für den 57-jährigen Ralf Zimmermann von Siefart, seit 2007 Chef vom Dienst der Hauptredaktion Aktuelles beim ZDF, sind Handyvideos relevant, wenn eigenes oder anderes unabhängig entstandenes Bildmaterial fehlt. Aber nur, wenn das Material tatsächlich einen selbständigen Nachrichtenwert hat. Sein oberster Grundsatz: „Die Authentizität der gezeigten Bilder muss geklärt sein. Dieser aufwändige Verifizierungsprozess steht über Emotionalität und Betroffenheit.“ In den Kriegs- und Krisengebieten von Syrien, Irak, Libyen oder Jemen blieb Korrespondenten und unabhängigen Berichterstattern der Informationszugang zeitweise oder gebietsabhängig nahezu versperrt. Wo Pressefreiheit und Journalisten fehlen, gewinnen Handyvideos an Bedeutung. „Wer soll dann Bilder liefern, wenn nicht Amateure mit Handyvideos?“ fragt Koch. Wohl wahr. „Sofern von einem Ereignis, etwa einem Unglück, erste Bilder über Soziale Netzwerke verfügbar sind, ist es unsere Aufgabe, die Authentizität so gut wie möglich zu überprüfen“, beschreibt der 44-jährige Christian Nitsche, Zweiter Chefredakteur von ARD-aktuell, den täglichen Plausibilitätscheck von Nachrichtenbildern. Expertisen von Handy-Bildern und -Videos werden sowohl im Sender, als auch von professionellen Anbietern im freien Markt erstellt. „Wir versuchen beispielsweise den Urheber direkt zu kontaktieren. Ebenso vergleichen wir verschiedene Bildquellen miteinander, etwa unterschiedliche Handyvideos.“ Ist die Szenerie tatsächlich so, wie es das Video vorgibt?“ Typische journalistische Kontrollfragen lauten: Entspricht die Vegetation der Jahreszeit, herrschte an diesem Tag vor Ort das gleiche Wetter? Ist die Windrichtung korrekt? In Krisengebieten kann auch der Zerstörungsgrad der Häuser ein Indiz sein, ob ein Video echt ist. „Sofern Zweifel an der Authentizität bestehen, sind die leitenden Redakteure gehalten, auf das Material zu verzichten“, erklärt Nitsche. Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit. „Die Möglichkeiten, Videos so zu manipulieren, dass mit dem menschlichen Auge die Veränderung nicht mehr erkennbar ist, haben stark zugenommen“, weiß der Informationsprofi. Als prominentes Beispiel nennt er das Fake-Video der Redaktion von Jan Böhmermann zum früheren griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis, auf das auch die Redaktion des Polittalks „Günther Jauch“ hereinfiel. „Die technische Prüfung hat deshalb ebenso große Bedeutung“, ergänzt Nitsche. „Gerade wegen der Schwierigkeit, Videos aus Sozialen Netzwerken einzuordnen, gewinnt die Rolle der Qualitätsmedien an Bedeutung. Emotionen sind nicht um ihrer selbst willen Bestandteil von Nachrichtensendungen.“ „Der normale Fernsehzuschauer ist müde von Kriegsbildern, egal ob aus Nigeria, aus dem Irak, aus Syrien oder aus Eritrea. Egal, welcher Krisenherd es ist, die Bilder gleichen sich ja“, beobachtet der Dokumentarfilmer Koch. Aktuell zeigt die Flüchtlingsflut, wie aus einem abstrakten ein konkretes Thema für die deutsche Bevölkerung wird. Bereits beim Filmen in Syrien merkte Koch, dass selbst die schlimmsten Kamerabilder nicht so ausdrucksstark waren wie die eigenen Emotionen während des Drehs. „Insofern habe ich in Kauf genommen, mich undifferenziert auszudrücken oder zu polarisieren, um eine Reaktion zu provozieren, die am besten darin endet, dass man versucht zu verstehen, was in diesen Krisenherden geschieht.“ Koch weiß, dass die Resonanz auf seine im „Weltspiegel“ und beim WDR gezeigten Beiträge so groß war, weil Medien über Extreme funktionieren. „Wenn ein 24-Jähriger in Syrien heult, ist das ein Scoop. Es wäre aber keine Sensation, wenn ein 53-jähriger Araber von München aus humanitäre Hilfe für Syrer leistet.“ Enttäuscht ist Koch davon, seit seiner Rückkehr aus Syrien die Korrespondenten unverdrossen im gleichen Duktus aus der Krisenregion weiterberichten zu sehen. Er wünscht sich weniger Hysterie, dafür mehr Empathie. „Man muss keine Bomben, keine toten Kinder sehen, aber wenn man einen hat, der einem das erzählt, der die Emotion selber trägt, dann vermittelt das schon so viel mehr als irgend welche Zahlen oder abstrakte Informationen.“

Gesunde Distanz

Den Gefahren beim Dreh ist sich Koch durchaus bewusst. „Jeder, der in einem Krisengebiet vor Ort ist, muss sich dort mit sogenannten Fixern bewegen, die sich dort gut auskennen, gut vernetzt sind und die einem am Ende des Tages Entscheidungen abnehmen“, erklärt der Jungfilmer. „Ich glaube, wenn man einfach so nach Syrien hineinfährt, würde man nicht lange überleben.“ Sicherheit geht vor Berichterstattung. Kohlenbach sieht jedoch einen gravierenden Unterschied. „Im Gegensatz zu einem Amateur ist ein Korrespondent oder Reporter im Umgang mit den unterschiedlichsten Situationen vor Ort geschult. Wir würden niemals einen Amateur in einer solchen Situation einsetzen. Unsere Kriegs- und Krisenreporter haben alle entsprechende Trainings absolviert.“ Dieselben hohen Sicherheitsstandards gelten auch für Zimmermann von Siefart. „Insofern verbietet es sich auch in vielen Situationen, eigene Mitarbeiter berichten zu lassen.“ Andererseits erregt ein einzelner Amateurfilmer vor Ort weit weniger Aufmerksamkeit als ein komplettes EB-Team mit Kamera, Tonangel und weiterem technischem Equipment, mit seiner Handkamera kann er eher Teil einer realen Situation werden.

Egal ob EB-Beitrag oder Amateurvideo: Im Medienkrieg konkurriert Propagandamaterial, wie die bewusst inszenierten Bilder des Islamischen Staates, mit Skype-Schalten engagierter Bürgerjournalisten, die mit einfachsten Mitteln die Lage eines Landes dokumentieren wollen. „Handy-Videos können nicht nur, sie sollen häufig auch Meinungen und Informationen manipulieren“, beobachtet Zimmermann von Siefart. „Die Beeinflussung der öffentlichen Meinung sehe ich allerdings nur dann als Gefahr, wenn es sich um gefälschte oder nichtauthentische Bilder handelt. Authentische Bilder, die die Realität abbilden, müssen auch die öffentliche Meinung beeinflussen dürfen.“ Die große Herausforderung der digitalen Bilderflut lautet: Fakes von Fakten zu unterscheiden, Propaganda als solche zu erkennen und nicht zu zeigen. „Wir schulen derzeit verstärkt unsere Mitarbeiter, Fakes zu erkennen, um auch weiterhin absolut verlässliche Nachrichten zu bieten, denn Nachrichten sind immer auch Vertrauenssache“, bringt es Kohlenbach auf den Punkt. „In vielen Fällen ist nichts emotionaler als die nackte Wahrheit“, resümiert Zimmermann von Siefart. „Letztlich sind die Darstellung von Fakten und Geschehnissen die überzeugendste Art, die Zuschauer zu bewegen, vor allem aber zu informieren.“ Diesen Standpunkt teilt die Anchorwoman Pinar Atalay und sieht Parallelen zum Zuschauer. „Wir Journalisten bekommen viel zu sehen, manchmal Dinge, die ich lieber nicht gesehen hätte. Durch die Sozialen Netzwerke geht es den Usern oft ähnlich, sie können Videos anklicken, die brutal sind, bei denen man nicht weiß, ob sie manipuliert sind, wer sie warum ins Netz gestellt hat. Unsere Aufgabe ist es, zu recherchieren, einzuordnen, auszuwählen. All dies bleibt bestehen, egal wie dramatisch die Nachrichtenlage ist, egal welches Material frei zugänglich ist. Bei all der Emotionalität versuche ich als Moderatorin eine gesunde Distanz zu wahren.“

Wolfgang Scheidt

MB 7/2015

© Phoenix Kommunikation

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