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Die Filmidee muss sexy sein

Die Filmidee muss sexy sein

Crowdfunding, Crowdinvestment – wie realistisch ist es, die Finanzierung für ein Film- oder Internetprojekt mit Hilfe des zukünftigen Publikums zu stemmen? Mittlerweile gibt es einige Beispiele für gelungenes Crowdfinancing von Filmen. Dazu zählen „Hotel Desire“ und „Stromberg – Der Film“. „Hotel Desire“ ist inzwischen auf der VoD-Plattform Videoload zu sehen. „Stromberg“ soll Ende des Jahres in den Dreh gehen. Ebenfalls erfolgreich „schwarmfinanziert“ werden konnte „Iron Sky“.

Auf der Berlinale lief die finnisch-deutsch-australische Koproduktion „Iron Sky“ von Timo Vuorensola, der sich rasch als Liebling bei Publikum, Einkäufern und Kritik etablierte. Über keinen anderen Film wurde mehr und positiver gesprochen.
Die Finanzierung eines Filmprojekts oder eines Teils davon durch Spenden oder (Klein)-Investments der zukünftigen Zuschauer ist in den letzten Monaten immer stärker in den Fokus gerückt. Doch die Idee ist weder neu noch kann sie bei näherem Hinsehen die großen Hoffnungen erfüllen, die zum Teil in sie gesetzt werden. Dies fängt schon damit an, dass bei den existierenden Beispielen zu wenig auf die Umstände geschaut wird, die zu der Entscheidung geführt haben Schwarmfinanzierung als Finanzierungsbestandteil aufzunehmen.

Bei „Iron Sky“ war Crowdfinancing zwar von Anfang an eine Option, doch letztendlich wurde sie erst dann ein relevanter Finanzierungsbestandteil des mit 7,5 Millionen Euro budgetierte Projekt, als sich kurz vor Beginn der Pre-Production eine Finanzierungslücke in Höhe von 900.000 Euro auftat, die im Grunde nur mit Hilfe einer Gap-Finanzierung geschlossen werden konnte. Für Crowdinvesting hätte die Zeit nicht gereicht und die anderen Investoren hätten ihre Gelder nicht freigegeben, wenn die Finanzierung nicht geschlossen worden wäre. Als Partner für den Gap fand sich schließlich die Nordea Bank. Für sie bedeutete dieses Engagement die erste Erfahrung mit dieser Art von Hochrisikokredit. Erleichtert wurde ihre Entscheidung jedoch von dem Zuspruch, den „Iron Sky“ bereits bei den Fans, internationalen Vertrieben und bei den anderen Investoren gefunden hatte. Durch das große Interesse internationaler Einkäufer entschloss sich Kaukomaa den Film visuell aufzuwerten, was jedoch eine Verdopplung des ursprünglichen Budgets bedeutete.

Gap-Finanzierungen stützen sich auf das Vertrauen, dass sich der Film später gut verkauft. Aus den Erlösen wird der Gap dann getilgt. Im Fall von „Iron Sky“ wollte man den Gap jedoch kontinuierlich und weitestgehend mit Crowdinvestment ablösen. Die Unterstützung für den Film war so groß, dass man sicher sein konnte, dass sich auf diese Art und Weise Geld einsammeln ließe. Investoren konnten sich mit einem Minimum von 1.000 Euro beteiligen. Dafür werden sie pari passu, also gleichrangig, mit den anderen Produzenten an den Erlösen beteiligt. Ein Collection Agent überwacht die Einnahmen und verteilt sie. Bis Mitte März sind von den 900.000 Euro knapp 684.000 Euro respektive 76 Prozent aus 20 europäischen Ländern eingesammelt worden und in die Tilgung des Gaps geflossen. Aufgrund des enormen Echos, den der Film letztendlich auf der Berlinale und dem European Film Markt erhalten hat, ist er mittlerweile fast weltweit, darunter auch in die USA, verkauft, so dass das Crowdinvestment Ende März geschlossen werden konnte, da der Fehlbetrag nun aus den Vorverkäufen beglichen wird.

Die Idee zu „Iron Sky“, in dem eine Gruppe Nazis, die 1945 auf die Rückseite des Mondes flohen, 2018 auf die Erde zurück kehren wollen, um sie nun endgültig zu erobern, stammt von Timo Vuorensola, der sich mit der „Star Trek“-Parodie „Star Wreck“ bereits einen Namen gemacht hatte. Vuorensola schlug das Projekt Tero Kaukomaa von Blind Spot Pictures vor. Der erhielt eine Anschubfinanzierung der finnischen Filmförderung und versuchte gleichzeitig über Crowdfunding Geld einzusammeln. Immerhin kamen über T-Shirt-Verkäufe, Spenden, Vorverkäufe der DVD-Sonderedition und sogenannte „War Bonds“ rund 150.000 Euro zusammen. Die Zielmarke war doppelt so hoch angesetzt und das zu einem Zeitpunkt, als der Film eigentlich nur die Hälfte hat kosten sollen. Auch gegen Ende des Films, als sich erneut eine Finanzierungslücke auftat, zogen die Produzenten erneut Crowdfunding heran. „Doch warum sollte jemand jetzt viel Geld für T-Shirts oder die DVD-Sonderedition geben, wenn er auch als Investor am Film beteiligt sein könnte“, fragt der deutsche Koproduzent des Films Oliver Damian von 27 Films, der 25 Prozent des Budgets aufgebracht hat. So fiel der dritte Durchgang des Crowdsourcing mit einem Ergebnis von rund 50.000 Euro auch eher ernüchternd aus. In Deutschland startete der Film am 5. April mit 150 Kopien bei Polyband.

„Hotel Desire“

„Hotel Desire“ ist ein Experiment. So sieht das Sascha Schwingel, der den Film neben Von Fiessbach Films Julia Moya und Christopher Zwickler auf Seiten von Teamworx produziert hat. Schwingel und Sergej Moya, der Regisseur und Initiator von „Hotel Desire“ kennen sich schon eine ganze Weile. Moya trug das Projekt an Schwingel heran. „Aufgrund von Inhalt und Format war es für Teamworx aber im Grunde nicht geeignet“, sagt Schwingel dazu. Teamworx stellt hochwertige Fernseh- und Event-Filme her, keine Erotik. Zudem ist die Länge von „Hotel Desire“ gänzlich ungeeignet für eine reguläre Fernsehprogrammierung. Ursprünglich sollte das Einzelstück 45 Minuten lang werden, geworden sind es dann 38. Da Sascha Schwingel aber kurz bevor Moya mit seiner Idee bei ihm aufschlug einen Artikel über eine US-Künstlerin gelesen hatte, die sich ein Musikalbum über Crowdfunding finanziert hatte, sah er in „Hotel Desire“ eine Gelegenheit diesen Finanzierungsweg für sich auszuprobieren. Die Finanzierung sollte eine Mischung aus Crowdfunding, also Spenden ab fünf Euro, sowie Crowdinvesting werden. Das Anreizsystem für die Spenden enthielt eine Namensnennung im Abspann bis hin zum Private Screening mit den Machern und Darstellern. Dafür musste man dann aber schon mindestens 5.000 Euro auf den Tisch legen. Über das Crowdinvesting kam die Telekom an Bord, die den Film seit dem 7. Dezember exklusiv für sechs Monate auf ihrer VoD-Plattform Videoload und bei Entertain anbietet.

Ob sich das rechnet, ist unklar, denn Schwingel legt die wirtschaftliche Situation nicht offen. Immerhin aber war „Hotel Desire“ mehrere Wochen auf Platz 1 der Leihliste und hält sich sehr gut, erst in den Top 5 und jetzt in den Top 10. Allerdings erhielt jeder Spender einen Gutschein, um den Film bei Videoload zu streamen. Bei den Kauftiteln stand der Film selbst Anfang März noch immer auf Platz 1. Den DVD-Vertrieb hat Capelight Pictures übernomen und auch das Fernsehen hat sich letztendlich für das Projekt interessiert. Nicht das Reguläre mit seinen starren Programmstrukturen, sondern Arte, das das Experiment noch in diesem Jahr ausstrahlen wird.
Gekostet hat „Hotel Desire“ 170.000 Euro, die in weniger als 80 Tagen zusammen waren. Davon stammten 60 Prozent aus Crowdinvestment und 40 Prozent aus Crowdfunding, das sind immerhin 68.000 Euro.

„Stromberg – Der Film“

Zwei Jahren lang ging Stromberg-Produzent Ralf Husmann mit der Idee schwanger die erfolgreiche Fernsehserie auch auf die Leinwand zu bringen. Als man zum Start der fünften Staffel eine Kinotour machte, wurde Husmann immer wieder gefragt, wann denn nun der Kinofilm käme. Also entschloss er sich dazu über Crowdinvestment eine Million Euro einzusammeln. Das sah er sowohl als Test, ob der Stoff gefragt sei, als auch als Basisfinanzierung. Zwar hatte Stromberg-Darsteller Christoph-Maria Herbst in einem Interview mal gesagt, dass an dem Film weder Förderer noch Verleihe interessiert seien, aber das war ein Missverständnis. Husmann möchte ausdrücklich keine Förderung und keinen Verleih, der ihm bei der Gestaltung und Vermarktung des Produkts Vorgaben macht. Er möchte die komplette Autonomie über „Stromberg – Der Film“ behalten. Dies bezieht sich nicht nur auf die inhaltliche Seite, sondern auch auf die Verwertung. Filme, die in Deutschland Förderung erhalten, sind an die Fensterregel des Filmfördergesetzes (FFG § 20, Absatz 1) gebunden, die bestimmte Mindestabstände zwischen den einzelnen Verwertungsstufen Kino, Home Entertainment und Bezahl- sowie frei empfangbarem Fernsehen vorsieht. In Absprache mit dem Verleih, dem DVD-Vertrieb und dem an dem Projekt beteiligten Sender Pro Sieben möchte Husmann aber die Freiheit behalten für „Stromberg – Der Film“ die idealste Verwertungsstrategie zu verfolgen, um so insbesondere den DVD-Start eng mit der Kinoauswertung verzahnen zu können. Dies bedeutet unter Umständen, dass je nach Kinoerfolg des Films, diese Verwertungsstufe noch innerhalb der vom FFG verlangten Sperrfrist von sechs Monaten liegen könnte. Aber auch eine Ausstrahlung auf Pro Sieben könnte so besser im Interesse der Verwertung und der Fans erfolgen, weil nicht auf die Sperrfrist von 18 Monaten geachtet werden müsste.

Fans, die sich an „Stromberg – Der Film“ beteiligen wollten, wurden fünf Pakete angeboten. Los ging es bei 50 Euro. Investieren konnte man bis zu 1.000 Euro. Während alle eine Investorenurkunde erhalten, werden Investoren, die mit mindestens 100 Euro dabei sind auch namentlich im Abspann genannt – je nach Höhe des Einsatzes weiter vorne oder hinten. Wer 1.000 Euro gab, ist mit Begleitung auch zur Premiere eingeladen.
Das Investment wurde auf 1.000 Euro pro Person gedeckelt, weil Ralf Husmann nicht wollte, dass sich Jemand in der Annahme verschuldet, mit dem Film das große Geld machen zu können. Dafür ist das Risiko dann immer noch gegeben, dass es nicht klappen könnte. Und in der Tat gab es Interessenten, die mit mehr einsteigen wollten.

Die Summe von eine Million Euro basiert auf der Kalkulation von Husmann, dass dies eine realistische Größe ist, die man einsammeln könnte. Außerdem könne der normale Zuschauer bei einer solchen Summe auch leichter den Refinanzierungsplan nachvollziehen. Der lautet: von jedem Ticket geht ein Euro in die Tilgung des Crowdinvestments. Hat der Film mehr als eine Million Zuschauer gehen pro weiteren Zuschauer 50 Cent in die Gewinnausschüttung. Das deutlich über eine Million Zuschauer ein anspruchsvolles Ziel ist, zeigen die Zahlen. In den vergangenen zwölf Monaten haben zwar sechs deutsche Komödien mehr als eine Million Zuschauer gehabt, aber nur drei mehr als 1,5 Millionen.

Von „Stromberg – Der Film“ gibt es bislang weder ein Drehbuch noch ein Exposé. Die Zuschauer vertrauen in diesem Fall offensichtlich darauf, dass Brainpool und Ralf Husmann die erfolgreiche und beliebte Marke auch auf die Kinoleinwand bringen können. Im Zweifel wird es sogar so sein, dass die Fans mit ihrem finanziellen Engagement mithelfen wollen Stromberg und die Mitarbeiter der Capitol-Versicherung auf die Leinwand zu bringen. Husmann zumindest wurde von der Geschwindigkeit mit der das Geld zusammen kam komplett überrascht. Er hatte sich bereits Gedanken darüber gemacht, wie man die Kampagne über den Bruch, den Weihnachten und der Jahreswechsel darstellen, ziehen könnte. Das war nicht mehr nötig. Vor Weihnachten war das Geld da.

„Die nackte Ziege“

Crowdfunding ist keine neue Idee. In der Musikbranche gibt es das schon eine Weile und ein Mädchen hat sich ihre Weltreise darüber finanzieren lassen. 1996 hatte Frank Duske die Idee sich seinen Film „Die Nackte Ziege“ per Crowdinvestment zu finanzieren. Der Versuch ist gescheitert und hat die Initiatoren damals außer viel Zeit und Energie auch noch 30.000 bis 40.000 DM gekostet.
Für die Aktion gab es keine Vorbilder – erst später finanzierte die Punkband „Die Einstürzenden Neubauten“ ein Album via Schwarmfinanzierung – und es erfolgte alles analog mit Briefen, Telefon und per Fax. „Es war am Vorabend des Internets“, erinnert Frank Duske. Verkaufsstellen waren in erster Linie etwas über 100 Off-Kinos. Dort konnte man Anteile kaufen. Und das war das Problem. Es gab zwar eine große mediale Aufmerksamkeit, aber um den Impuls sich zu beteiligen umzusetzen, musste man erst in eines dieser Kinos fahren – wenn man auf dem Land wohnte, hätte man in die nächste Stadt gemusst – und bis es soweit war, war der Impuls verflogen. Heute mit dem Internet lässt sich der Mitmach-Impuls nicht nur sofort sondern auch komfortabler umsetzen.
Insgeheim aber hatte Frank Duske immer gehofft, dass er auf diesem Wege einen Investor fände, der das Projekt durchfinanzieren würde. Aber auch das passierte nicht. Vor gut zehn Jahren hat er dann versucht, das Finanzierungsmodell der Schwarmfinanzierung Produktionsfirmen anzubieten, doch die waren nicht interessiert. Ihre Antwort: es gibt doch Förderung.

Was gibt es noch?

Jan Georg Schütte braucht für „Leg ihn um“ 360.000 Euro. 160.000 kommen von der Förderung, der Rest aus Rückstellungen. Zusätzlich sollen über Crowdfunding Mittel hinzu kommen. 4.000 Euro sind es aus Kleinstspenden, um die 50 Euro letztendlich, geworden. Der Regisseur erhofft sich nun, dass dieser Aufwand immerhin dazu führt, dass der Film Interesse weckt.
Bei der Berlinale lief „Electrick Children“ von Rebecca Thomas. Sie und ihre Produzentin Jessica Cadwell hatten versucht den Film über die Crowdfinancing-Plattform Kickstarter zu finanzieren. Bei der EFM Industry Debate „CROWD FUNDING – How to harness the power of the online audience to finance, promote and distribute your film“ im Rahmen der Berlinale berichteten sie davon, dass die Arbeit dafür sehr zeitintensiv und mühselig war. Womöglich hätten sie den Film auch nicht finanziert bekommen, aber ihnen widerfuhr, was Frank Duske verwehrt blieb: sie fanden über die Plattform mit Richard Neustadter einen Mitstreiter, der für sie den Film durchfinanzierte und die Produktion durchführte. „Das war reines Glück“, ist sich Jessica Cadwell bewusst. Cadwell und Thomas hatten Neustadter im Zusammenhang mit einem anderen Projekt kennen gelernt. So kam er auf ihre Liste der Freunde und Bekannten, die sie über Kickstarter anschrieben und um Geld baten.

Die Filmstudentinnen der Filmakademie Ludwigsburg Hanna Maria Heidrich, Alena Jelinek und Judith Schöll, die sich zu Howling A's Production zusammen getan haben, planen den Piloten ihrer Serie „Killing all the Flies“ via Schwarmfinanzierung zu stemmen, weil es für diese Art von Serien in Deutschland kein Interesse von den Sendern gibt. Über die deutsche Plattform indiegogo.com ist es ihnen tatsächlich gelungen die benötigten 12.000 Dollar zu erzielen.

Ist Crowdfinancing nun eine reele Alternative zur traditionellen Finanzierung oder, wenn überhaupt, nur eine Ergänzung? „Traditionelle Produzenten haben eine zu hohe Erwartung an Crowdfinancing“, sagte Juliane Schultze von der Beratungsfirma Peacefulfish bei der EFM Industry Debate. „Sie glauben Crowdfinancing sei Crowdfinancing Alternativfinanzierung.“ Doch dies ist sie nur unter ganz bestimmten Umständen und auch dann kann sie nur ein Finanzierungsbestandteil neben anderen sein, der in den seltensten Fällen die zehn Prozent erreicht. Die Frage ist auch warum Crowdfinancing letztendlich notwendig ist. In der Regel doch nur, wenn andere Finanzierungswege verschlossen oder nicht ausreichend sind. „Denn ein gutes Buch wird immer einen Produzenten finden“, ist sich Frank Duske sicher. Im Fall von „Stromberg - Der Film“ erfüllt das Crowdinvestment allerdings nicht nur den Zweck der (Teil)-Finanzierung, mit dem Geld kann sich der Produzent auch eine größtmögliche Autonomie sichern, die ihn in die Position versetzt seine Vision von dem Stoff umzusetzen und ihn nicht dazu zwingt, gegen Finanzierung Kompromisse einzugehen, die dem Film oder seiner Auswertung schaden, wie es so häufig in Deutschland passiert.

Starke Fanbasis

Das funktioniert jedoch nur, wenn die Fanbasis auf anderem Wege so stark geworden ist, dass sie das Geld mühelos aufbringt. Kein Wunder also, dass sich alle darin einig sind, dass ein Projekt, das über Crowdfunding Mittel generieren soll, entweder eine starke Marke sein oder über einen starken Inhalt funktionieren muss. „Die Filmidee muss sexy sein, sie muss sich extrem gut kommunizieren können und ein Bedürfnis auslösen“, beschreibt Sascha Schwingel den Druck, den ein Projekt erzeugen muss, um „blind gekauft“ zu werden.

Den Erfolg von „Hotel Desire“ sieht Schwingel nicht nur in dem brisanten Inhalt, kombiniert mit bekannten Schauspielern sondern vor allem auch in dem Teaserfoto, mit dem das Interesse der Investoren geweckt wurde. Denn letztendlich geht es nicht nur um innere Qualität, sondern auch um Oberflächenreize, merkt Schwingel an, der sich – ein dafür geeignetes Projekt vorausgesetzt – sofort wieder der Crowdfinancing bedienen würde. Bei der EFM Industry Debate wurde neben einer starken Fanbasis noch „Issue“ – also Anliegen – als Finanzierungsargument genannt! Interessiert ein Thema genügend Menschen, die der Meinung sind, dass dieses Anliegen einer weiteren Verbreitung bedarf, lässt es sich auf diesem Weg teilweise oder gar ganz finanzieren. Nur zu hoch darf das Budget nicht sein. „Gerade Dokumentarfilme mit Budgets von 30 bis 50.000 Euro lassen sich so über Crowdfinancing finanzieren“, ist Sascha Schwingel überzeugt. Juliane Schultze weist darauf hin, dass es bei Crowdfinancing nicht um demografische, sondern thematische Aspekte geht.

Auch sollten sich die Filmemacher darüber im Klaren sein, dass Crowdfunding im Grunde nur ein Mal pro Person funktioniert. „Crowdfunding is charity“, sagt Jessica Caldwell. „Man kann die Leute einmal um Geld anbetteln, aber nicht öfter.“ Die Chance für die Zukunft bietet Crowdfunding dadurch, dass sich die Filmemacher über das Ergebnis Anerkennung und Respekt verdienen können. Dies ist dann die Grundlage wahrgenommen, hofiert und finanziert zu werden. Aber man kann auch scheitern.
Jessica Caldwell und Rebecca Thomas ist es geglückt die nächste Stufe zu erklimmen. Nach „Electrick Children“ haben sie Angebote erhalten – traditionell finanzierte!
Was für Crowdfunding gilt, muss aber nicht zwangsläufig für Crowdinvestment gelten. Oliver Damian ist wie Sascha Schwingel der Überzeugung, das Crowdinvestment durchaus ein reeller Finanzierungsbestandteil sein kann, wenn es eine Community gibt, die sich durch den Film angesprochen fühlt. Im Falle von „Iron Sky“ waren es zuerst einmal die Fans, die durch Timo Vuorensolas zuvor entstandene „Star-Trek“-Parodie und die dazu gehörende Plattform „Wreckamaovie“ zustande kam. „Auch wenn zuerst unklar ist wie man Zugang zu diesen Communities erhält und ob es überhaupt eine für das Projekt gibt, so haben viele Projekte dennoch das Potential für Communities“, sagt Oliver Damian. „Aber letztendlich hängt Crowdfinancing immer vom Projekt und der Plattform ab, über die die Finanzierung erfolgen soll. Und dafür sind die deutschen Plattformen nicht gut genug ausgerüstet.“ Um das zu ändern, plant er aufgrund seiner Erfahrungen ein Neue zu schaffen.

Insbesondere interessiert ihn dabei der Developmentbereich, um fehlende Entwicklungsgelder zu kompensieren. „Hier kann man schon mit kleinen Summen Hebelwirkungen erzielen und bei einem Portfolio von zehn Filmen wird das Geld auch zurück kommen“, ist Damian überzeugt. Als potentielle Investoren hat er hier Jene im Blick, die sich ein wenig mit dem Filmgeschäft auskennen, darin involviert sein und auch mal gerne mit den Hauptdarstellern oder dem Regisseur bei einem Essen über Film reden möchten. „Allerdings muss man die Leute ernst nehmen und fair behandeln und nicht nur als Goldesel sehen“, warnt Damian.
Dem jedoch steht Ralf Husmann skeptisch gegenüber. Er sieht Crowdfinancing trotz des eigenen Sammelerfolgs mit kritischen Augen: „Crowdinvestment und -funding ist nicht dazu geeignet den Finanzierungsmarkt zu revolutionieren. Es ist zwar nicht unmöglich so Geld einzusammeln, aber es kann die klassische Finanzierung nicht ablösen, da wir hier von viel zu viel Geld sprechen und im Grunde funktioniert Crowdfinancing auch nur im Zusammenhang mit einer starken Marke. Ich glaube daher nicht, dass es mit Ideen geht, die keine Marke sind. Ein Sammelerfolg wie bei 'Stromberg – Der Film' ist die Ausnahme und wird es auch bleiben.“ Aber immerhin: für Husmann ist die Crowdfinancing auch Gradmesser für das Interesse an einem Film.
Ähnlich sieht es Martin Moszkowicz, Vorstand von Constantin Film: „Für Spielfilme im Mainstreambereich ist Crowdfinancing keine Alternative und bringt keinerlei Mehrwert“, wird er in einem Fachblatt zitiert. Er erkennt zwar den Marketingeffekt an, der mit einer Schwarmfinanzierung einhergeht, aber ansonsten fordert er, dass sich Produzenten darauf konzentrieren Erfolg versprechende und qualitativ hochwertige Produkte entwickeln, die sich über das Publikum – die Crowd – an der Kinokasse finanzieren.

Schaut man sich Crowdfinancing näher an so ergeben sich noch zwei weitere Aspekte. Zum einen ist die Schwarmfinanzierung ein Markttest, wie die Vorstellung eines traditionell finanzierten Projekts bei einem Finanzierungsmarkt auch, und zum anderen ein 0-Prozent-Kredit, der ähnlich funktioniert wie eine Filmförderung: nur, wenn Geld verdient wird, muss möglichst mit Gewinn zurück gezahlt werden. Doch im Gegensatz zur Filmförderung dürften es die Fans den Filmemachern übel nehmen, wenn sie nicht alles dran setzen, um einen erfolgreichen Film zu machen, der ihre Zustimmung findet. „Es gibt viele Menschen, die das Filmgeschäft fasziniert und die daran beteiligt sein möchten“, stellt Timo Vuorensola fest. Jessica Cadwell nimmt den Faden auf und sagt: „Film ist die schlimmste Art überhaupt, um sein Geld zu investieren. Man bekommt es in den seltensten Fällen zurück, aber die Menschen lieben den mit Film verbundenen Glamour-Effekt.“ Gleichzeitig warnt sie davor beim Crowdfunding Geld von Leuten zu nehmen, die nichts haben. „Filmfinanzierung ist nur für Menschen mit Geld. Wenn deren Geld verloren geht, macht es nichts“, beschließt Timo Vuorensola diesen Punkt.

Für die Macher bedeutet Crowdfinancing sehr viel Arbeit, weil man sich mit jedem potentiellen Investor und Spender persönlich auseinandersetzen muss. Auch sollte man beim Crowdfinancing seine Erwartungen besser nicht zu hoch hängen. Zudem müssen sich die Filmemacher sehr viel mehr Gedanken darüber machen müssen wer ihr Publikum ist, welche Wünschen und Erwartungen sie haben und wie sie ihre Geschichte erzählen, als es bei geförderten Filmen üblich ist.

Die Plattformen

Wenn man für die Schwarmfinanzierung keine eigene Website aufmachen kann, bieten sich Crowdfinancingplattformen wie Startnext, Mysherpas oder Inkubato an. Wolfgang Gumpelmaier hat beim Digital Filmcamp (http://digitalfilmcamp.de/content/documentary), das am Rande der Berlinale stattfand, in einem Vortrag über Crowdfunding (http://www.slideshare.net/gumpelmaier) nicht nur einen Überblick über Crowdfundingplattformen und wie sie funktionieren gegeben, sondern hatte auch ein paar Tipps zur Hand. „Die erfolgreichen Projekte sind jene, bei denen der Initiator in einer Art persönlicher Geschichte erklärt, warum er den Film machen möchte“, so Gumpelmaier. „Aufwändige Trailer sind nicht notwendig, es reicht, wenn man auf einem Stuhl sitzt und erzählt, was man warum vorhat.“
Thomas Steiger
(MB 06/12)

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