Die Kunst des Studiomanagements

Mit der neuen Pinewood Studio Berlin Film Services starten Studio Hamburg und die Londoner Pinewood Studios ein Joint Venture, um internationale Kinofilmproduktionen nach Berlin-Adlershof zu holen, die dort von den Konditionen des Deutschen Filmförderfonds (DFFF) profitieren sollen.

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Deutschland hat sich durch den DFFF zu einem international interessanten Produktionsstandort entwickelt“, erklärt Robin Houcken, Holding-Geschäftsführer der Studio Hamburg GmbH, „an dem eine Produktionskompetenz aufgebaut worden ist.“ Inzwischen gebe es vier bis fünf Crews, die internationale Großproduktionen bedienen können.

Mit diesem Joint Venture erhält jetzt das Studio Babelsberg Konkurrenz. „Der Markt ist groß genug“, betont Robin Houcken. Auch für die Kinolandschaft und den DFFF sei das ein positiver Effekt, denn bisher werde dieses Förderinstrument fast ausschließlich nur von einem Unternehmen genutzt. „Wenn es Alternativen dazu gibt, kommt das dem Gedanken des eigentlichen Förderinstrumentariums nahe, damit eine ganze Industriestruktur zu unterstützen.“

Ian Dunleavy, CEO der Pinewood Studios, begrüßt das neue Joint Venture mit Studio Hamburg, das über eine Laufzeit von zehn Jahren angelegt ist. „Dies ist ein weiterer Schritt in unserer internationalen Strategie, die Marke Pinewood und unsere Kompetenz weltweit einzusetzen, wovon sowohl die regionalen Märkte als auch die kreative Branche in Großbritannien profitieren.“ Studio Hamburgs hervorragende Studiokapazitäten in Berlin, zusammen mit Pinewoods Erfahrung und Reputation in der Filmbranche, sei zweifellos ein attraktives Angebot für viele europäische und internationale Produzenten, die einen hervorragenden Talentpool, vielfältige Locations und die verfügbaren Anreize zu schätzen wissen.

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Die Pinewood Studio-Gruppe, die zudem über weitere Studios in Shepperton und Teddington verfügt, gehören zu den ältesten Filmstudios in Europa. Dort beheimatet sind die James Bond-Filme, die mit der 007 Stage sogar über ein nach ihnen benanntes Atelier verfügen. In Pinewood sind sowohl die „Harry Potter“-Filme als auch Independent-Produktionen wie „Slumdog Millionaire“ realisiert worden. Während Kino in den Pinewood Studios das Kerngeschäft darstellt, das durch Fernsehproduktionen abgerundet wird, liegt der Schwerpunkt bei Studio Berlin auf TV-Formaten. Im Atelier in Adlershof sind Kinofilme wie „Resident Evil“ oder „Good Bye, Lenin!“ gedreht worden. Als Produzent zeichnet Studio Hamburg für Kinofilme wie „Die drei ???“, „Rosenstraße“ oder „Gloomy Sunday“ verantwortlich. Die Gründung der Pinewood Studio Berlin Film Services stellt für Studio Hamburg daher eine Ergänzung zum eigentlichen Kern-Geschäft dar.

Die technische Voraussetzung für dieses Joint Venture wurde Anfang 2009 mit der Einweihung des neuen Studios H im Studio Berlin in Adlershof geschaffen. Mit einer Größe von 2.500 qm und einer Raumhöhe von 14 Meter ist dieses Atelier für die Produktion großer Kinofilme geeignet. „Die Vorbauflächen für die Werkstätten und die Kulissenbauten sind in Adlershof sehr intelligent gelöst“, betont Houcken. Zudem verfüge das Studio über eine optimale verkehrtechnische Anbindung. Sowohl die Stadt Berlin sei von dort aus leicht zu erreichen als auch in nur zehn Autominuten der Flughafen Schönefeld, der zum Willy Brandt-Flughafen ausgebaut wird und auch von Privatfliegern angesteuert werden kann.
Bei den großen US-Produktionen, die in Deutschland realisiert werden sollen, wird der Fokus nach Einschätzung von Houcken weiterhin auf Berlin liegen. „Die Regisseure und Schauspieler möchten gerne nach Berlin kommen.“ Sofern es sich anbiete, solle auch der Standort Hamburg in das Angebots-Portfolio einschlossen werden – wenn er sich denn als Kulisse eigne.

„Die hohe Kunst des Studiomanagement liegt im Management der verschiedenen Dispositionskapazitäten“, weiß Houcken. Im Rahmen dieses Joint Ventures ist es aber auch möglich, dass die Filme an Originalschauplätzen gedreht werden. „Die Studio-Nutzung ist dabei ein Teilaspekt.“
In das Management des neuen Joint Ventures sind der Geschäftsführer der Studio Hamburg Produktion, Günter Russ und Goetz Hoefer, Geschäftsführer der technischen Betriebe bestellt worden. Die Pinewood Studios haben mit dem Commercial Director Nick Smith und dem Sales Director Paul Baker zwei Vertreter aus dem Sales und Marketing entsendet. „Wir verfügen über die gleiche Philosophie“, versichert Houcken.

„Beide Unternehmen haben sich im Markt als Qualitätsanbieter positioniert.“ Der Kontakt zu den Pinewood Studios sei bereits vor zwei Jahren aufgebaut worden. „Wir konnten erst aktiv werden, nachdem wir über entsprechende Studiokapazitäten für Kinofilme verfügten.“ Die Aufgabenteilung bei diesem Joint Venture sieht vor, dass die Pinewood Studios, die neben ihren Studiokomplexen in London über eine weitere Studio-Kooperation in Toronto verfügen und zur Zeit in Malaysia aufbauen, für Sales und Marketing zuständig sind. Sie werden mit amerikanischen und europäischen Filmproduzenten und Studios Gespräche über die für das kommende Jahr geplanten Projekte führen und in Erfahrung bringen, welche Produktionen in Europa realisiert werden könnten. Studio Hamburg übernimmt dabei die Betreuung des jeweiligen Projektes in Deutschland, wozu sowohl die Abwicklung der technischen Dienstleistungen als auch der Produktions-Service gehört. „Da Studio Hamburg selbst im Produktionsbereich kreativ tätig ist, verfügen wir über den Zugang zum Produktionsnetzwerk in Deutschland“, unterstreicht Houcken.
Mit der Akquise der internationalen Projekte werden die Pinewood-Vertreter im März beginnen. Da die Realisierung von Kinofilmen rund ein Jahr Vorlauf erfordert, sind die ersten englischsprachigen Kinofilme erst ab 2011 in Adlershof zu erwarten.
Birgit Heidsiek
(MB 03/10)