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Die Stärken aus zwei Welten

Die Stärken aus zwei Welten

Aus Fernsehsendern werden OTT-Anbieter: Zur IBC stellten einige Sender und Plattformbetreiber neue Projekte vor, die das herkömmliche TV-Erlebnis um Video-on-Demand und zusätzliche Services ergänzen. Die Hersteller haben sich längst auf den Trend eingestellt und bieten neben neuen Lösungen für die Videoverbreitung auch innovative Anwendungen für Customer Relation Management (CRM) und Rechnungslegung. Oftmals werden ganze Komplettpakete angeboten, die für den gesamten digitalen Workflow end-to-end ausgelegt sind und die Stärken von Online und Fernsehen vereinen. Auffällig groß ist derzeit die Nachfrage nach OTT-Angeboten in den Emerging Markets.

Die Zukunft des Fernsehens nimmt weiter konkrete Gestalt an: All 4, die neue Plattform von Channel 4 in Großbritannien, wird im Frühling 2015 erstmals auf einer Plattform alle linearen Angebote, digitalen Inhalte und Services des Medienhauses bündeln. Basierend auf den drei inhaltlichen Säulen On Demand (Wiederholungen), Now (lineares TV) und On Soon (Previews) bietet der britische Sender seinen Content im kommenden Jahr zunächst für PC und iOS-Geräte und später für weitere digitale Plattformen an. Auf der IBC 2014 in Amsterdam stellte David Abraham, Chief Executive von Channel 4, seine Vision vor: „Wir glauben, dass es nicht um linear versus On-Demand geht, sondern um eine kreative und optisch ansprechende Integration der beiden Welten. So können wir die Stärken der beiden Nutzungsformen in einer einzigen Marke bündeln.“

Das neue Angebot ersetzt 4oD, den bisherigen Online-Auftritt von Channel 4, und soll für registrierte Nutzer eine Reihe von attraktiven, personalisierten Services bieten. Im Promotionkanal On Soon zum Beispiel sollen Programmvorschauen und exklusive Previews gezeigt werden. Die Zuschauer können sich zudem individuell nach ihren Vorlieben an Sendungen erinnern lassen. „All 4 wird die bisher beste Antwort eines Rundfunksenders auf die geänderten Sehgewohnheiten im Digital Age sein“, trommelte CEO Abraham für seinen Neuanfang auf digitalem Terrain. „So wollen wir sicherstellen, dass unser Inhalte-Portfolio ein wichtiger, wertvoller Teil der TV-Nutzung in den kommenden Jahrzehnten bleiben wird.“

Neben den strategischen Fragen zum TV-Businessmodell und den neuen Anforderungen an ein Costumer Relationship Management (CRM), das im Free TV vor wenigen Jahren noch purer Luxus war, bewegt die Broadcasting-Industrie die Vervielfältigung der Verbreitungswege und Empfangsplattformen. Diese Herausforderungen müssen zunächst technisch gelöst werden – mit einem umfassenden End-to-End-Ansatz, wie auf der Show in Amsterdam deutlich zu sehen war. Zahllose Hersteller bieten Komplettlösungen, die zum Teil von der digitalen Produktion und dem Transport des Originalmaterials bis zum Aufbau der Abonnentenverwaltung beim Pay TV reicht. Angesichts der weltweiten Verfügbarkeit des Internet Protokolls stehen die Weichen in der Distribution dabei auf Over-the-Top TV (OTT) via IP, also die Programm-Zulieferung über das offene, nicht gemanagte Internet.

Diese Vertriebsart ergänzt die klassischen Fernseh-Übertragungswege Kabel, Satellit, terrestrisch oder IPTV und ist weltweit auf dem Vormarsch. „Wir spüren ein großes Interesse an OTT-Lösungen vor allem in den Emerging Markets“, berichtet Elena Shubik, Head of New Business Development CEE bei dem Prager Unternehmen Visual Unity. In der Tat: In Ländern wie Brasilien, Russland oder Indien ist OTT in manchen Zielgruppen bereits fester Teil der Mediennutzung. Bis zu 30 Minuten, so die auf der IBC vorgestellte Studie, verbringen die Nutzer mit OTT. Am häufigsten gesehen werden Nachrichten, knapp gefolgt von frei empfangbaren, linearen Fernsehprogrammen. Kurzfilme, Spielfilme auf Abruf und Live-Events aus den Bereichen Sport und Musik zählen ebenfalls zu den beliebten Programmen. „Es ist extrem wichtig für Broadcaster, eine OTT-Strategie zu entwickeln”, betont Elena Shubik. Die Botschaft scheint Gehör zu finden: Gegenüber MEDIEN BULLETIN kündigt die Managerin an, dass Visual Unity erneut einen internationalen Broadcasting-Kunden gewinnen konnte. Und: Die Plattform vuMediaTM des Unternehmens aus der Tschechischen Republik wird im November um neue Funktionen ergänzt, darunter Anwendungen für das Content-Management-System und flexible Tools zur Aboverwaltung.

Umfangreiche Funktionen vom Storefront Design bis zu Payment Services bietet auch VideoRise, die Lösung für Video-on-Demand (VoD) von Business Development and Innovation (BDI), einer Tochter der Deutschen Telekom. Die preisgekrönte Architektur, die auf der IBC vorgestellt wurde, kann sowohl umfassend end-to-end eingesetzt werden, als auch modular nach den Bedürfnissen der Inhalteanbieter. 

Ebenfalls für Multiscreen-Plattformen eignet sich das Portfolio von Appear TV in Norwegen. Der Hersteller integrierte kürzlich beispielsweise die Universal Picture Perfect Transcoding Hardware in die XC5000 Video Processing Platform, um für den ungarischen Multi-Service-Anbieter TARR Kft. den Ausbau zu OTT/Multiscreen zu ermöglichen. „Auf der IBC haben wir auch den neuen Appear TV SIM Descrambler auf den Markt gebracht, der AES/DVB-verschlüsselte Services mit verschiedenen Subscriber Identity Modulen entschlüsselt und nicht mit einem Conditional Access Modul (CAM)“, erläutert Carl Walter Holst, CEO von Appear TV. Dadurch, so der Manager, werde eine zentrale Verschlüsselung mit dezentraler Entschlüsselung an verschiedenen Punkten innerhalb des Distributionsnetzwerkes möglich. Darüber hinaus stellte das Unternehmen zusammen mit der französischen Firma NEOTION die Integration von NetFrontTM Living Connect DLNA Technology Component und NetFrontTM Browser NX in den SECURE HDMI Dongle. Dadurch, so die Hersteller, könne “Broadcast over IP” kostengünstig installiert werden. Auf der Show in Amsterdam war auch Kaltura vertreten, um verschiedene Abrechnungssysteme im OTT TV vorzustellen. Die Lösungen, die etwa beim israelischen Pay-TV-Anbieter yes im Einsatz sind, ermöglichen beispielsweise In-App-Transaktionen, verschiedene Abrechnungsmethoden oder Abonnentenwerbemöglichkeiten.

Ebenfalls einen umfassenden OTT-Ansatz präsentierte Imagine Communications auf der IBC 2014. Das Unternehmen zeigte das Zusammenspiel von SelenioNext Adaptive Bit Rate (ABR) Transcoding, Selenio Edge Media Content Delivery Network (CDN), Packetierung, Encryption, personalisierte Werbung, Abo-Fakturierung, Ingest, Automation und Speicherung – gesteuert von der neuesten Version des Zenium Workflow Managers. Chief Technology Officer Steve Reynolds von Imagine Communications betonte: „Im Gegensatz zu vielen anderen Anbietern auf dem Markt, die nur Teilbereiche von TV Every-where bedienen, offeriert Imagine eine ganzheitliche End-to-end-Lösung, die die Komplexität von OTT- und IPTV-Distributionsservices eliminiert und Plattformbetreiber in die Lage versetzt, sich stärker auf die wirtschaftlichen Aspekte ihrer Dienste konzentrieren zu können.“ Und CEO Charlie Vogt sagte bei der Vorstellung des OTT-Pakets: „Die Zukunft der Medien basiert auf IP, softwarebasierte Workflows und der Cloud“.

Eine Multiscreen-Lösung, die Dienste- und Plattformbetreiber in die Lage versetzt, Multiscreen-Distribution für jedes Endgerät und jeden Service (Catchup, verschlüsselte Kanäle, OTT oder VoD) recht einfach zu kontrollieren präsentierte ACCESS erstmals zur IBC mit ACCESS Twine. “Die Tatsache, dass heute tausende unterschiedlichster Endgeräte mit allen möglichen Plattformen verbunden sein wollen, bereitet den Anbieter von Multiscreen-Services echte Kopfschmerzen”, meinte Neale Foster von ACCESS. “Mit unserer Management-Plattform Access Twin machen wir ihnen das Leben leichter. Damit können sie echte TV-Everywhere-Services aufsetzen und steuern.  

Ein erfolgskritischer Bereich für OTT-Anbieter ist die sichere und zuverlässige, aber auch anwenderfreundliche Verschlüsselung der Inhalte. Die Hersteller auf der IBC demonstrierten entsprechende Produkte, oftmals in Kooperation mit anderen Unternehmen. So stellten der US-Encoding-Spezialist Harmonic (ProMedia) und die Schweizer Nagra (MediaLive Multiscreen) gemeinsam einen Cloud-basierten OTT-Service für Bezahlfernsehen vor. Das gemeinsame Angebot wird bereits von spanischen TV-Sendern für HbbTV-Services genutzt und soll die weltweit erste kommerzielle Installation von MPEG-DASH sein. Das adaptive Streaming-Protokoll unterstützt mehrere Varianten des Digital Rights Management (DRM) via Common Encryption und HbbTV 1.5. Komplett auf die Cloud setzen die beiden Partner Vidmind und Verimatrix, die auf der IBC eine neue Pay-Lösung für OTT vorstellten. TVzor, ein neues Abonnementfernsehen in Russland, hat sich bereits für diese Gemeinschaftslösung entschieden.

Civolution kündigte auf der Show in Amsterdam die Integration der Forensic Watermarking-Technologie des NexGuard in die RDK Broadcast Innovation Engine an. Die spezielle Lösung für das Reference Design Kit dient vor allem dem Schutz der Inhalteanbieter und erkennt zuverlässig illegale Datenströme via Set-top-Box, Camcorder, analoger oder digitaler HDMI Quelle. „Die Videoanbieter bewegen sich in einem zunehmend komplexer werdenden Umfeld und müssen mehr Lösungen anbieten als jemals zuvor“, kommentiert Civolution-CEO Alex Terpstra.

Um eine zeitversetzte Wiedergabe von UHD-Videos durch den Verbraucher zu ermöglichen, haben Vantrix und Kontron eine gemeinsame Lösung mit nPVR-Funktionalitäten auf linearen 4K-Live-Feeds entwickelt und auf der IBC vorgestellt. Eine Kernkomponente der Lösung ist die Vantrix Media Platform (VMP), eine softwaredefinierte Plattform für die Verarbeitung, Optimierung, Caching und Analyse von Videos, die als sofort betriebsbereite Anwendung für den Einsatz am Standort oder in der Cloud verfügbar ist. Die VMP wird in Form virtueller Maschinen installiert. Ein einzelner Server kann Anwendungen wie Live- und VoD-Transkodierung, DRM-Verschlüsselung, Daten-Packaging und -Streaming parallel ausführen. Außerdem lässt sich das System problemlos über mehrere Server in einem Cluster skalieren, der virtuelle Ressourcen auf allen physischen Knoten bereitstellt, ohne dass dafür eine zusätzliche Managementsoftware erforderlich ist.

Zu den aktuell wichtigsten IT-Trends zählt Software as a Service (SaaS). Auch in der Broadcasting-Welt nehmen die flexiblen Speicher- und Distributionslösungen inzwischen breiten Raum ein. Das US-amerikanische Unternehmen Piksel beispielsweise präsentierte seine neue Video Plattform mit modularem Aufbau. Die Lösung umfasst sowohl Backend-Dienste wie Content-Einspeisung und -Management als auch das Frontend-Benutzererlebnis. Mit Piksel Mosaic wurde auf der IBC auch eine neue App auf den Markt gebracht, die unter anderem ein gleichbleibendes Look-and-Feel für alle Endgeräte garantieren soll.

SaaS für OTT bietet darüber hinaus auch Signiant an. „Broadcaster haben begonnen zu verstehen, welche Vorzüge echtes SaaS ihnen bietet“, erläutert Greg Hoskin, Managing Director EMEA/APAC. Angebote wie der Media Shuttle von Signiant bieten sich aber auch an, um in der Produktion voluminöse Daten zu transportieren. Die Visual Effects-Spezialisten von Smoke & Mirrors etwa setzen auf Media Shuttle. Nach Herstellerangaben kann Inhalt mit der Software bis zu 200 mal so schnell bewegt werden wie mit FTP. Signiants SkyDrop ist ein neues Cloud-Angebot, das sich für alle zeitkritischen Anwendungen im Broadcasting-Business eignet. Die Produkte des Unternehmens entsprechen dabei den Vorgaben der Digital Production Partnership (DPP), die seit 1. Oktober in Großbritannien für alle filebasierten Anwendungen gilt. Damit SaaS sich in das bestehende Ökosystem einfügen kann, müssen die Lösungen kompatibel konzipiert werden. Der neue OTT SWIPE UX as a Service von Siemens Convergence Creators etwa erreicht diese Voraussetzung durch standardisierte APIs (Application Programming Interface) und SDKs (Software Development Kit). Zur IBC 2014 wurde der weltweite Marktstart von OTT SWIPE UX as a Service verkündet. OTT SWIPE erlaubt es Nutzern, mit einfachen Wischen (swipe) auf dem Touch-Screen Inhalte von einem Endgerät auf ein anderes zu transferieren. Die SWIPE-Funktionalität lässt sich nun in die Multiscreen-Video-Services von Plattform-Betreibern integrieren –  unter Beibehaltung vorhandener Systeme, Workflows und Bedienoberflächen. Ihr Medienangebot lässt sich leicht via APIs mit dem cloud-basierten OTT SWIPE Server von Siemens verbinden. Die Kunden der Anbieter benötigen zur Nutzung von OTT SWIPE lediglich ein einfaches Update ihrer Mobile-Apps. „Die Integration ist in wenigen Tagen erledigt“, verspricht Stefan Jenzowsky, Head of Media Business bei der Siemens-Tochter. 

Michael Stadik

MB 7/2014

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