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Die Zukunft der Live-Produktion

Die Zukunft der Live-Produktion

MEDIEN BULLETIN hat gemeinsam mit Grass Valley am 7. Februar ein Expertengespräch zum Thema „Die Zukunft der Live-Produktion“ veranstaltet. Es diskutierten Vertreter von TV-Sendern und -dienstleistern mit den Grass Valley Managern Dr. Christopher Brennan und Michael Zabolitzki.

Die Live-Berichterstattung im Nachrichten-, Sport- und Event-Bereich gewinnt weiter an Bedeutung. Sie steigert die Attraktivität der Programme und sorgt für höhere Zuschauerakzeptanz und -bindung. Die wachsende Nachfrage nach Live-Übertragungsrechten, insbesondere bei den Top-Sportveranstaltungen, hat dazu geführt, dass sich die Preisspirale hier immer weiter dreht. Sender und Dienstleister sind gezwungen, schneller, effizienter und kostensparender zu produzieren. Gleichzeitig müssen sie oft hohe Produktionsstandards einhalten, um sich von ihren Mitbewerbern abgrenzen zu können. Das wurde auch beim ersten, in Kooperation mit Grass Valley veranstalteten MEDIEN BULLETIN Roundtable zum Thema „Die Zukunft der Live-Produktion“, deutlich.

Neue Entwicklungen in der Produktions- und Distributionstechnik eröffnen den Broadcastern gleichzeitig viele neue Chancen zur Steigerung der Produktionseffizienz und -qualität. Sie werden damit auch in die Lage versetzt, innovative Programm- und Dienste-Angebote für ihre Zuschauer zu entwickeln. Schlüsseltrends dabei sind filebasierte Workflows, Automation, intelligentes Media Asset Management, Remote Produktion, Second Screen Applikationen und die wachsende Bedeutung von Standard-IT-Equipment in den technischen Infrastrukturen der Sender. Die Teilnehmer des MEDIEN BULLETIN Roundtables machten klar, dass Live-Produktionen gleichzeitig über alle Verbreitungswege für alle möglichen Endgeräte verfügbar gemacht und von zusätzlichen Angeboten insbesondere aus dem Social Media-Bereich flankiert werden müssen, um den Zuschauern ein ganzheitliches Angebot präsentieren zu können. Sie wiesen zudem darauf hin, dass sich zunehmend eine Schere öffnet zwischen teuren, sehr hochwertig produzierten Top-Events und kostengünstig für die TV- oder Internet-Übertragung umgesetzten kleineren Events. Für beide Bereiche werden Technologien gefordert, die den Produzenten und Sendern die Arbeit erleichtern.

Allerdings wurde auch deutlich: Technik allein reicht nicht aus, um die Anforderungen an die Live-Produktion der Zukunft zu erfüllen. Die Menschen, die mit den neuen Technologien arbeiten, müssen dafür begeistert werden und ihren Mehrwert erkennen. Alle Teilnehmer des MEDIEN BULLETIN Roundtables waren sich darüber einig, dass zur Bewältigung der Zukunftsfragen in der Live-Produktion ein enger Austausch zwischen Broadcast-Herstellern und den TV-Sendern beziehungsweise -Dienstleistern dringend nötig ist. Letztere forderten von den Herstellern und Lösungsanbietern wieder mehr direkten Support. Der sei in der Vergangenheit immer mehr verloren gegangen, meinten einige Teilnehmer. Die anwesenden Grass Valley Manager versprachen für ihr Unternehmen Besserung.

MTM-Marktstudie

Dr. Christopher Brennan, Grass Valley Vizepräsident Central und Eurasia, nutzte den MEDIEN BULLETIN-Roundtable zur Präsentation der wichtigsten Ergebnisse einer bei MTM London von Grass Valley in Auftrag gegebenen Marktstudie zum Thema „The Future of Live“. Sie basiert auf einer Befragung von TV-Managern großer Sendeanstalten (CNN, BBC, ESPN, itv, svt, Eurosport, Sky etc.) und den Diskussionsergebnissen eines MTM-Roundtables zum Thema „The Future of Live“. Drei wichtige Entwicklungsszenarien zeichnet die Marktstudie auf:

• Das Mediennutzungsverhalten ändert sich. Medienkonsumenten wollen Inhalte überall und jeder Zeit auf allen Endgeräten verfügbar haben.

• Inhalteangebote und die Zahl der Formate wachsen rasant.

• Der Bedarf an Interaktivität, an Over-the-Top-Angeboten und an der Verlängerung des TV-Erlebnisses zum Beispiel über Social Media-Angebote nimmt zu.

Brennan zieht aus der Marktstudie folgende Schlüsse, die für die Live-Produktion künftig große Bedeutung haben werden:

• Die Kommodisierung technischer Produkte in der Broadcast-Industrie führt dazu, dass Technik einfacher einzuführen und einzusetzen ist.

• Das TV-Erlebnis und die Qualität des Angebots einschließlich der technischen Qualität muss verbessert werden. Live-Experience wird immer wichtiger.

• Alle Inhalte und die damit verbundenen Nutzererlebnisse werden künftig über IP-basierte Wege transportiert. IT und vor allem Software wird dabei eine wachsende Rolle spielen. Die IP-Technik wird überall ermöglichen, das TV-Erlebnis zu erweitern und zu optimieren.

„Grass Valley versucht sich heute so zu positionieren, dass diese drei Punkte optimal adressiert werden können“, erklärte Brennan. Um dabei den richtigen Weg einzuschlagen, lege man viel Wert darauf, die Meinung der Marktpartner zu hören. Beim MEDIEN BULLETIN Roundtable gab es dazu reichlich Gelegenheit. Hier einige Statements zu ausgewählten Themen.

Erhöhter Output

Dr.-Ing. Rainer Schäfer, Geschäftsfeldleiter Fernsehen des Instituts für Rundfunktechnik (IRT): Die Herausforderung für Live-Produktion der Zukunft wird sein, ein Gesamterlebnis zu produzieren über die verschiedenen Verteilkanäle, den Zuschauern auf verschiedenen Endgeräten zur Verfügung zu stellen. Vom TV über den PC bis hin zu mobilen Endgeräten wie Tablets und Smartphones. Die Broadcast-Industrie muss Produkte liefern, die die Sender in die Lage versetzen effizient, kostengünstig und zeitnah für alle Ausspielkanäle produzieren zu können.

Bei der Entwicklung passender Infrastrukturen und neuer effizienter Workflows ist es wichtig, das Endprodukt, das man generieren will, im Auge zu haben. Ein guter Gedankenansatz scheint mir deshalb zu sein, auch eine Live-Produktion vom gewünschten Ergebnis her zu planen. Das gilt besonders dann, wenn man viele Medien parallel und live bedienen will.

Bei Nicht-live-Produktionen lassen sich Workflows viel einfacher realisieren. Man kann hier zuerst nur für ein lineares Programm produzieren und anschließend eine Nachbearbeitung für andere Kanäle vornehmen. Wenn ich aber alle diese Kanäle in einem Live-Betrieb bedienen möchte, dann habe ich relativ hohe Anforderungen an neue Workflows und Infrastrukturen.

Werner Starz, Direktor Marketing und Channel Development bei Eurosport Media: Als Sportsender gehen wir davon aus, dass Live-Sport im Broadcast-Bereich immer wichtiger wird. Das ist der Treiber für viele technische Entwicklungen. Natürlich muss man dabei stark differenzieren. Auf der einen Seite gibt es große Events, die mit hohem Aufwand produziert werden müssen und auf der anderen Seite sehr viel kleinere Events, wo es eher darum geht, möglichst kostengünstig und mit deutlich weniger Aufwand zu arbeiten. Eine Forderung an die Industrie ist, beides möglich zu machen. Und am Ende muss man alle Produktionen natürlich auch auf allen Plattformen bereitstellen können. Wir stellen heute verstärkt fest, der Sportfan nutzt Medienangebote vor und nach einer Live-Übertragung. Er schaut Fernsehen hauptsächlich während des Events. Wir wollen dem Sportfan deshalb auch schon im zeitlichen Umfeld der Übertragung etwas bieten – in sozialen Netzwerken, auf Websites, mit Live-Apps und mit Video-Streams. Das alles muss gut zusammen spielen. Wir sind der Ansicht, dass gerade der Sport hierbei eine wichtige Vorreiterrolle einnehmen wird und dafür sorgt, dass sich in der Live-Produktion einiges tun wird. Sportübertragungen in zehn Jahren werden sicherlich ganz anders aussehen als heute.

Alessandro Reitano, Direktor Sportproduktion von Sky Deutschland: In der Live-Produktion verfolgt Sky Deutschland drei wesentliche Ziele: Erstens die Differenzierung durch hochwertige Live-Produktion mit exklusiven Inhalten, zweitens bestehende Produktionsprozesse zu überdenken und drittens Innovationen voran zu treiben. Alles zusammen, vermischt mit dem Esprit aus dem Hause Sky, hilft uns auf dem Weg in die Zukunft zur Live-Produktion, wo wir mehr Inhalte schaffen, den Output erhöhen und mehr Akzente setzen können.

Helwin Lesch, Leiter der Hauptabteilung Planung und Technik in der Produktions- und Technikdirektion des Bayerischen Rundfunks (BR): Die Live-Produktion wird in unserer Rundfunkwelt natürlich einen immer höheren Stellenwert einnehmen. Bei ihrer Entwicklung muss das Kernprodukt lineares Fernsehen von „anderen Produkten“ flankiert sein, um auch jüngere Zielgruppen erreichen zu können. Diese neuen Produkte müssen sich schnell und kostengünstig produzieren lassen und die Live-Produktion zu einem erweiterten Gesamterlebnis machen. Wir müssen den Audience Flow verbessern und sicherstellen, dass die neuen Produkte keine einsamen Inseln bleiben, sondern in der Gesamtwahrnehmung unserer Broadcast-Angebote gut eingebettet werden.

Personal und Kosten

Helwin Lesch: Es wird vor allem auch darum gehen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf den Weg in die Zukunft der Live-Produktion mitzunehmen. Dazu ist es wichtig, Produkte zu generieren, die „sexy“ sind, die angenommen werden und die die Veränderungsbereitschaft, die wir einfordern müssen, weil es gar nicht anders geht, dann auch bei den Kolleginnen und Kollegen steigern. Es muss erkennbar sein, welcher Mehrwert sich für die Kreativität und Wertschöpfung aus der Verwendung solcher Produkte für den jeweiligen Arbeitsplatz ergibt und was der oder die Einzelne damit für das Team einbringen kann. Es muss klar sein, wo ist mein zukünftiger Platz im Team. Dann ist auch die Bereitschaft da, sich mit den neuen Technologien auseinander zu setzen.

Alessandro Reitano: Wir brauchen in der Zukunft eine neue Art Journalisten. Sky Sport News HD hat bereits sehr erfolgreich gezeigt, was hier möglich ist. Der Sender wurde ganz neu mit dem Ansatz geplant, ihn so automatisiert wie möglich zu betreiben. Ein Ergebnis ist, dass in der Regie von Sky Sport News HD nur noch zwei Personen sitzen – und die sind gerade mal 25 Jahre alt. Bei BSkyB machen den gleichen Job zwölf Leute und bei Sky Italia sieben. Wir haben überall im Sender ganz bewusst junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter engagiert, die wir genau für ihren jeweiligen Job schulen konnten. Wir produzieren 19 Stunden live mit jungen Journalisten, die schneiden, vertonen, Grafik-Inserts einfügen und das Ganze noch auf einem recht hohen journalistischen Niveau erledigen. Keiner hat geglaubt, dass das funktionieren kann. Der Sportjournalist der Zukunft muss multifunktional unterwegs sein, auch bereit sein, mal ein Knöpfchen selber zu drücken und sich auf eine Technik im Hintergrund verlassen können, die hoch automatisiert läuft.

In der Live-Produktion versucht Sky Deutschland ständig zu optimieren und dabei auch Kosten zu sparen. Im letzten Jahr wurde deshalb die komplette Formel-1-Produktion, das ist weltweit einmalig, auf Remote-Produktion umgesetzt. Die Regie war in München und vor Ort nur ein kleiner Trupp von vier Leuten: Das hat technisch blendend funktioniert. Wir mussten aber trotzdem Personal aufbauen, weil immer noch die alten Workflows, mit denen man hier schon seit 16 Jahren arbeitet, im Spiel waren. Die haben einfach nicht auf das neue Konzept gepasst. Alles wurde eher komplexer. Da mussten wir die Reißleine ziehen. Technisch hat unser Remote-Konzept zwar funktioniert, nur von der ganzen Mentalität, sprich von den Köpfen her, waren wir nur noch nicht so weit. In der neuen Saison starten wir jetzt mit einem anderen Konzept. Der Redakteur soll nun mit einer Art softwaregetriebenem Tool, Producer, Regisseur und Grafikoperator in einem sein. Er steuert künftig diverse Signale und fügt die Grafik selber zu. Das ist ein neuer Ansatz, um zu versuchen, irgendwie die Effektivität und den Output zu steigern und die Kosten einigermaßen im Griff zu behalten. Wir können bei der Formel-1-Produktion nicht einfach vier Tonnen Material durch die Welt schicken. Wir setzen deshalb alles daran, den neuen Journalisten zu entwickeln.

Dr. Martin Emele, Geschäftsführer der ProSiebenSat.1 Produktion: Ich glaube nicht, dass das alles soviel günstiger wird. Der Speicherplatz mag günstiger werden, weil er auf Industrieprodukten basiert, aber das Content Management System (CMS), das ich dazu brauche und die ganze Redundanz mit der Hochverfügbarkeit kostet mich im Zweifelsfall mehr als die Einzelkomponenten, die man sich früher hingestellt hat. Das mag sich in den nächsten fünf Jahren ändern, aber derzeit ist der Aufwand, den wir treiben müssen, eher höher.

Günther Farrenkopf, Bereichsleiter Produktion & Technologie von den Bavaria Broadcast Services: Auch im Ü-Wagen-Bereich werden sich die Workflows ändern. Da gibt es vielleicht noch nicht den Handlungsdruck. Noch steht offensichtlich bei den großen Sportevents genug Geld zur Verfügung – auch wenn bei Dienstleistern der Budgetdruck bereits erkennbar ist. Jedenfalls wird die Technik teilweise billiger. Das gilt auch für die Produktion im szenischen Bereich. Allerdings wird auch der Aufwand größer sobald man sich in eine vernetzte Technologie hinein bewegt. Das Engagement der Kreativen ist stärker gefragt. Wir unterstützen sie, indem wir ihnen administratives Personal zur Seite stellen. Es sorgt für das Content-Management und bedient die Technik. Wenn Cutter oder Grader das selbst machen müssten, würde die Produktionsgeschwindigkeit darunter leiden. Im Grunde müsste man schon bei den Büchern anfangen und sie ganz anders schreiben, wenn man mehr Tempo in die Produktion hinein bringen will. Eine klassische Live-Produktion ist für die Bavaria das Wetterprogramm. Da gibt es bei uns zwei Multifunktionstechniker, die nennen wir auch so, die machen alles. Sie steuern Kameras, Studio-Ton, Grafik (VIZRT), Server, Bildmischer, Bildschnitt, Liveschaltung, Digitale Archivierung und den Filetransfer von diversen Wetter-Plattformen. Die beiden Techniker sind täglich für 14 Formate zuständig. Einen solchen Job kann in der Tat nur eine neue Generation an Mitarbeitern erledigen. Das sind jetzt keine 25-jährigen wie bei Sky aber sehr fitte und hoch qualifizierte Leute. Wir arbeiten jetzt mit ihnen so seit gut einem Jahr und hatten keinen einzigen Sendeausfall. Neue effiziente Workflows kann man nur mit entsprechendem Personal umsetzen. Die Technik ist nicht das Problem. Die ist ausgereift für diesen Fall.

Forderungen an die Industrie

Alessandro Reitano: Ich wünsche mir von der Industrie, dass sie mit innovativen Ideen die Sender beim Generieren von Mehrwert unterstützt. Wir müssen weg vom Silo-Denken. Es gilt vielmehr darüber nachzudenken, mit welchen neuen, innovativen Technologien die TV-Sender ihren Output erhöhen können. Die entsprechenden Produkte und Lösungen müssen von der Handhabung her so einfach sein, dass das Bedienpersonal nicht überfordert wird. Es sollte möglich sein, wie Apple es vorgemacht hat, dass ich mit drei Klicks zum Erfolg komme.

Dr.-Ing. Rainer Schäfer: Das Produkt, das dem Zuschauer in der Live-Produktion künftig angeboten wird ist noch gar nicht eindeutig definiert. Das ist sicher eine Aufgabe der Programmanbieter selbst. Aber dann bleibt die Anforderung an die Gerätehersteller, Systeme anzubieten und Chancen aufzuzeigen, um alle möglichen Endgeräte parallel bespielen zu können.

Tom Gehring, Managing Director Mainland Europe von Presteigne Charter: Auch wir als Rental-Dienstleister merken, wie die Schere zwischen High-end- und Low-end-Produktionen weiter auseinander geht. Es gibt da viel Veränderung im Markt. Kunden, die früher sehr viel im High-end-Bereich gemacht haben, produzieren jetzt für Internet-Streams. Dafür brauchen sie keine hochwertigen Kameras mehr. Auf der einen Seite geht es mit dem Qualitätsanspruch nach unten und auf der anderen Seite reden wir heute auch über 4K, 3D und über alles was viel Geld kostet. Wohin die Reise geht, lässt sich für uns nicht wirklich erkennen. Da schauen wir noch zu sehr in die Glaskugel. Wir haben viel in 3D rein investiert und da liegt jetzt ziemlich viel Material ungenutzt herum. In England wird noch erfreulicherweise fleißig damit produziert aber hier nicht so wirklich. Wir möchten nicht, dass das, was bei 3D passiert ist, noch mal passiert.

Alessandro Reitano: Wenn wir als Champions League Hostbroadcaster auftreten und das Weltsignal machen, dann fahren wir alles auf, was zur Zeit state-of-the-art ist. Und so sieht dann auch das Produkt aus. Natürlich wollen wir bei Sky Deutschland auch immer First Mover sein. Deshalb setzen wir auch auf neue Technologien wie 4K. Wir können es uns gar nicht leisten, zu warten, sonst kommen andere wie BSkyB oder Sky Italia und machen uns vor, wie es geht. Sky Deutschland agiert bei technologischen Entwicklungen lieber proaktiv und schaut, wie der Markt in Deutschland dann darauf reagiert.

Die Industrie hat für neue Technologien wie 3D oder 4K meist keinen Business-Ansatz. Für uns bedeutet das immer, Parallelproduktionen machen zu müssen. Wir produzieren auf der einen Seite für 60.000 Euro das klassische 2D-TV und müssen dann den gleichen Kostensatz für eine 3DTV-Parallelproduktion ausgeben, für eine Zuschauerschaft von vielleicht gerade mal 40.000 Menschen. Die Industrie muss uns endlich Werkzeuge in die Hand geben, mit denen wir beides gleichzeitig machen können. Das gilt auch für die 4K-Produktion. Dabei muss es in der Bildersprache auch möglich sein, nicht ständig in der Totalen zu verharren und die Zuschauer so zu langweilen. Da spreche ich sicher auch für andere Sender. Live-Sport muss wesentlich emotionaler werden. Und wenn die Möglichkeiten dazu eingeschränkt sind, weil man immer in der Totalen bleiben muss und jeder Schnitt schon ein Kraftakt in der Technik ist, dann werden wir als Sender irgendwann sagen müssen, so funktioniert das nicht. Deswegen ist 3D in Deutschland auch nicht angekommen. Es ist einfach zu teuer und die Industrie hat es nicht geschafft, die Produktionsmittel zu harmonisieren und in eine neue Form der Hybridproduktion zu überführen. Wir sind nicht BSkyB oder ESPN, die massig Geld verdienen und denen egal ist, ob sie noch eine Parallelproduktion fahren müssen. Wir brauchen Systeme, und das ist die Aufgabe der Industrie, die uns ermöglichen, kosteneffizient aber auch hochqualitativ etwas zu produzieren, was am besten zu dem gewünschten Output passt. Mit 4K starte ich, komme beim HD/SD-Kunden raus und bediene dann auch noch das Web.

Dr. Martin Emele: Die Betrachtung der gewünschten Endprodukte, die wir generieren wollen, wird für massenmediale Bewegtbildangebote immer wichtiger. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Bandbreite an Formaten und Qualitäten, die wir bedienen müssen, sowohl vom In- als auch vom Output her, weiter zunimmt. Und deshalb ist uns jede Industrie willkommen, die uns zum smarten Umgang damit sowohl finanziell als auch von den Workflows her hilft.

Die Industrie wird unser Business aber niemals besser verstehen können als wir selbst. Deshalb ist es auch unsere eigene Aufgabe, die nötigen Infrastrukturen zu schaffen, so wie wir das auch bei HDTV gemacht haben. Wir brauchen eine intelligente Infrastruktur mit der man von der 4K-Produktion bis zum Handy-TV alle nötigen Produktionen zu vertretbaren Kosten realisieren kann.

Günther Farrenkopf: Ich wünsche mir, dass die klassischen Broadcast-Anbieter sich wieder besser um ihre Kunden kümmern. Das ist in den letzten Jahren etwas verloren gegangen. Der Kunde wendet sich heute an Hotlines irgendwo in der Welt oder an einen Händler, der zwischengeschaltet ist und alles abfedern muss, weil der Lieferant keine eigenen Service-Kapazitäten mehr hat und sich nicht kümmern kann. Man hat dabei verlernt, auf die Kundenwünsche zu achten. Da ist in den letzten Jahren ein Kommunikationsproblem entstanden. Man hat irgendwas gebaut, den Kunden hingestellt und sich dann gewundert, wenn der das nicht wollte. Kunden, Anwender und Dienstleister müssen bei der Produktentwicklung mitgenommen werden. Gerade in der vernetzten Welt geht es nur miteinander. Nur so kann man erfolgreich sein. Die Frage ist nur, wo nehmen wir die Personalressourcen dafür her – beim Hersteller, beim Lieferanten beim Dienstleister. Es hat ja keiner mehr irgendwo Kapazität, um sich auszutauschen oder um mal etwas auszuprobieren und zu testen. Auch diese Möglichkeiten sind dem Kostendruck mittlerweile schon zum Opfer gefallen. Für die Zukunft wäre das ein Punkt, wo man etwas verbessern könnte.

Grass Valley Zielrichtung

Michael Zabolitzki, Grass Valley-Vertriebsleiter der DACH-Region und Geschäftsführer von Grass Valley Germany: Der enger Dialog mit den Sendern ist für uns wichtig, um zu hören, was von der Industrie gefordert wird und wie die künftigen Workflows aussehen sollen. Wir haben bereits einige interessante Produkte in der Entwicklung. Dazu gehören auch softwarebasierte Kamera-Updates oder andere softwarebasierte Produkte, um Workflows effizienter zu gestalten und um Inhalte auf Multiple Devices zu veröffentlichen. All das wird dringend benötigt, wie wir auch hier wieder beim MEDIEN BULLETIN Roundtable bestätigt bekommen haben, muss aber näher an den Kunden gebracht werden. Dazu brauchen wir noch mehr Feedback von diesen. Nur durch gemeinsame Gespräche können wir herausfinden, wie wir Innovationen nach Vorne treiben können.

Dr. Christopher Brennan: In der Live-Produktion geht es künftig darum, schneller und günstiger zu produzieren. Das heißt auch, dass hier künftig weniger Personalressourcen benötigt werden und dass mehr Technologien, vor allem aber Software-Lösungen, zum Einsatz kommen. Das ist ein klarer Trend. Deshalb ist es für uns sehr wichtig zu erfahren, was genau unsere Kunden wünschen. Der MEDIEN BULLETIN Roundtable hat uns gezeigt, dass wir noch einiges zu tun haben, aber auch, dass Grass Valley auf dem richtigen Weg ist – wieder zurück zu unseren Wurzeln. Wir wollen den Kunden besser zuhören und uns mit ihnen auseinandersetzen.
Eckhard Eckstein
(MB 03/13)

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