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Film-Erbe für die Zukunft retten

Film-Erbe für die Zukunft retten

Implizites Ziel von „Cinearchiv digital“ ist nicht mehr und nicht weniger, als das audiovisuelle kulturelle Erbe in Deutschland in die moderne digitale Welt hinein zu retten. Und das hat eine gigantische Dimension. Allein die Abteilung „Filmarchiv“ des Bundesarchivs dokumentiert mehr als 100 Jahre deutsche Filmgeschichte und verwaltet damit eines der größten audiovisuellen Schätze in der Welt. Zurzeit sind das etwa 146.000 Dokumentar- und Spielfilme auf einer Million Filmrollen und anderen Trägern.
12.000 weitere Filme sind im Filmstock der DEFA-Stiftung angesammelt, die den Bestand der gesamten Kinoproduktion der DDR-Filmstudios aus fast fünf Jahrzehnten erschlossen hat und mit ihrem Archiv zur Verfügung stellt. Die Deutsche Nationalbibliothek hat allein in ihrem Musikarchiv 1,5 Millionen Einheiten gezählt.
Nicht nur diese drei Archive, sondern auch beispielsweise Chronos Media, das Deutsche Rundfunkarchiv, die Heinrich-Böll-Stiftung und die Grundy UFA gehören zu den Partnern im Projekt CINEARCHIV digital. Weitere Partner wie IBM, Flow Works, Hasso Plattner, Institut Heinrich-Hertz-Institut, Fraunhofer Institut IAIS oder InterLake Media stammen aus der IT-Industrie und würden gerne das anvisierte Projekt realisieren.
Initiiert wurde das Netzwerk-Projekt mit seinen aktuell rund 30 Partnern bereits 2007 von der Medien Bildungsgesellschaft Babelsberg gGmbH unter Leitung von Geschäftsführer Andreas Vogel. Dabei konnte man sich bislang auf Fördergeldern des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, des Europäischen Sozialfonds und der Länder Berlin und Brandenburg stützen.
Um eine gemeinsame Digitalisierungsstrategie zu entwickeln, hatten die Partner drei „Think Tanks“ zu den Themenfeldern „technischer Workflow zur Digitalisierung“, „Metadatenerfassung“ und geschäftliche „Verwertungsmodelle“ gebildet. Die Ergebnisse dieser drei Gruppen wurden im Innovationsforum am 23. März vorgestellt.
Bei dieser Gelegenheit demonstrierte Siemens-Vertreter Andrew Tennant eindrucksvoll, dass die Migration von audiovisuellen Inhalten ins Internet keine Vision ist und auch keine technischen Probleme macht, wenn – wie im Falle BBC Woldwide - entsprechende Ressourcen zur Verfügung stehen.
Schon vor sieben Jahren wurde das Projekt „BBC Motion Gallery“ auf die Schiene gesetzt. Heute repräsentiert dieser Internet-Auftritt das weltweit größte Audio- und Video-Archiv, das sowohl im B2B wie auch im Consumer-Bereich positioniert ist. Über 2,5 Millionen Stunden Inhalt werden unter www.bbcmotiongallery.com zielgenau mit unterschiedlichen Suchkriterien – sehr verständlichen Metadaten – angeboten, darunter 60.000 Videoclips, aktuelle News-Inhalte, exklusive Natur- und Geschichtsdokumentationen, freie Unterrichtsmaterialien sowie das Angebot von BBC Worldwide. Auf der Homepage nach vorne gepuscht werden vor allem die HD-Inhalte.
Darüber hinaus verwaltet BBC Motion Gallery, wie Andrew Tennant darstellte, auch die Angebote weiterer TV-Sender wie beispielsweise ORF, CBS News, China Television und NHK Japan.
So groß das deutsche audiovisuelle kulturelle Erbe auch ist, wegen seines immensen Datenvolumens in digitaler Form müsste es also nicht scheitern. Allerdings sind im Vorfeld einer Realisierung doch eine Reihe von grundsätzlichen Fragen zu beantworten. Zuallererst müssen sich Archivare und IT-Experten über gemeinsame Ziele und Vorgehensweisen einigen.
Während die einen Schlagworte wie „files“ und „automatisierte Content-Managment-Systeme“ benutzen, reden die anderen vom verantwortlichen „Erschließen“ und „Erhalten“ des Wissens. Archivare, die ihre Berufsbezeichnung mitnichten für verstaubt halten, wehren sich gegen vollautomatisierte Erschließungsmethoden à la Google. Sie sind felsenfest davon überzeugt, dass der Mensch selber die Inhalte von Filmen und Audio-Material bewerten müsse, um so die „Metadaten“ als Kriterien für die Erschließung und das Wiederfinden zu bestimmen.
Peter-Paul Schneider, Leiter des Deutschen Rundfunkarchivs Babelsberg, hält das, was man über die Suche via Google angeboten bekommt, im Vergleich zu dem, was man über klassische Archive finden kann, zum großen Teil für „Schrott“. Denn „in keiner Datenbank der Welt finde ich etwas, was nicht jemand zuvor beschrieben, klassifiziert und strukturiert eingestellt hat – weder einen Film, noch ein Foto, noch ein Manuskript, noch irgendein gedrucktes Medium“, sagt er.
Überdies plädiert er für einen „analogen Back up“, was allerdings zu erhöhten Kosten bei der Projektrealisierung führen würde, weil man nicht nur die neue Datenbank, sondern auch den alten Bestand pflegen und Raum dafür zur Verfügung halten müsste.
Die Notwendigkeit für den Erhalt der Original-Filme begründet Schneider damit, dass niemand einen „digitalen Super-Gau“ ausschließen könne, bei dem das gesamte Material verloren gehe. Den hätte die NASA vor einiger Zeit in Bezug auf Daten aus dem Mondlandeprogramm einräumen müssen.
Dennoch will Schneider sich dem Projekt nicht quer stellen, sondern er betont, dass sich auch Archivare frei nach dem Motto „Yes, we can“ den neuen Herausforderungen der digitalen Welt stellen werden. Zudem habe das Projekt CINEARCHIV digital bereits einige Ideen geboren, „die greifen können“.

Verschiedene Ausgangs- und Zielformate
Praktischer erster Schritt, um die Vision des Internet-Marktplatzes realisieren zu können, wäre die Digitalisierung des gesamten vorhandenen audiovisuellen Materials: eine teure Angelegenheit. Zumal in vielen Fällen Filme vor der Digitalisierung auch noch zu restaurieren wären, weil das analoge Material beschädigt ist. Zudem sind dabei unzählige unterschiedliche Formate, Standards, physischen Formen zu berücksichtigen, die alle in der Vergangenheit bei der audiovisuellen Produktion Einzug gehalten haben. Bei der Digitalisierung, so Oliver Meurer von der Firma Flow Works, das mit „Flow Center“ ein „digitales Asset-Management der nächsten Generation“ anbietet, müsse man für eine solche Vorgehensweise sorgen, die verschiedensten Formate möglichst automatisiert in das Internet migriere. Ernst Feiler, der die UFA im Projekt vertritt, plädiert für HDTV als Zielformat im Internet, da es bei Computermonitoren ohnehin Usus sei und obendrein für Zukunftssicherheit stehe. Obwohl es sich um ein riesiges Volumen handele, dass zu digitalisieren sei, schlug Feiler vor, es nicht Schritt für Schritt, sondern in einem Schlag anzugehen. Je größer die Menge, um so geringer seien die Kosten für die einzelnen Einheiten, rechnete er vor.
Den State-of-the-Art für visuelle Erkennungssysteme, mit der man eine automatisierte Digitalisierung für das audiovisuelle Material angehen könnte, stellte Dr. Patrick Ndjiki-Nya vom Heinrich Hertz-Institut dar. Man habe sich zunächst darauf kapriziert, so Ndjiki-Nya, „Shots/Szenen/ Kapitel“, „Gesichter“, „Kontexte“ (wie etwa Indoor, Landschaften, Gebäude), „Genres“ und „Events“ automatisch auffindbar zu machen. Zwar demonstrierte Ndjiki-Nya beim Innovationsforum, dass eine automatische Bildanalyse über die Gesichtsfindung zum Beispiel bereits eine hohe Trefferquote habe. Er räumte aber ein, dass die Treffsicherheit in den Augen der Archivare noch nicht genügend hoch sei, weshalb er für halbautomatisierte Prozesse plädiere.
In einem Punkt sind sich Archivare und IT-Experten bereits einig. Bei der Realisierung des Projekts wird es vor allem darauf ankommen, die richtigen „Metadaten“ zu kreieren. Zwar bleibt der Inhalt König. Doch der Königsweg, ihn zu erschließen und ihn – gerade im Internet – mit optimalen Suchoptionen anzubieten, sind die Daten, die rund um die Inhalte stehen. Das sind Zusammenhänge, in denen die Inhalte stehen, wenn sie von einem Nutzer für eine Wiederverwertung gesucht werden. Dafür haben Archivare schon seit der Aufklärung Indexierungsmethoden entwickelt. Sie stellen Beziehungen zwischen Ober- und Unterbegriffen, Themenverwandtschaften, Personen- und Sachbezüge dar. Aktuell beliebt im Internet – darauf wies Dr. Harald Sack vom Hasso-Plattner-Institut hin - sind so genannte „TagClouds“: Schlagwörtergruppen, die sich auf die Inhalte beziehen. Je nachdem, ob ein Schlagwort eher einen ganz konkreten oder eher nebensächlichen Bezug zum Inhalt hat, werden die entsprechenden Wörter dazu in der TagCloud größer oder kleiner, fetter oder schwächer dargestellt.
Ein weiterer Aspekt der Metadaten, die eine große Rolle in Content-Management-Systemen spielen, ist der Anwendungsbezug: Etwa, was die Inhalte kosten, und wer wie lange die Rechte besitzt oder sie erwerben kann. Oliver Meurer stellte dazu auf dem Innovationsforum das „Shop-in-Shop“-Prinzip des Flow Centers vor, das nicht nur das schnelle Auffinden der gewünschten Bewegtbilder, sondern zusätzlich den direkten Schnitt am Arbeitsplatz erlaubt – oder gleich am Computerarbeitsplatz eine DVD zu produzieren.
Zumal die Archive laufend neues audiovisuelles Material zugeliefert bekommen, würde ein ständig online verfügbarer Internet-Marktplatz nicht nur Forschern, sondern auch Produzenten und Sendern nützlich sein, um schnell gewünschtes Footage-Material zu finden – oder Filme, die in die Programmierung passen.
Bleibt die Gretchenfrage, wie das Projekt Cinearchiv digital finanziert werden soll, um in die Lage versetzt zu werden, die Digitalisierungsziele im Internet in die Praxis umsetzen zu können. Einen Ansatz zeigt das niederländische Projekt „Image for the Future“, das Programm-Direktor Hans Westerhof präsentierte. Das Projekt basiert auf einem Report zur Sicherung des kulturellen TV-Erbes des Kultur-Ministeriums aus 2005 und einem Business-Modell der wichtigsten niederländischen Archive über die erwartete Wertschöpfung aus dem Programmvermögen der digitalisierten Bestände. Die Kosten der zurzeit laufenden Digitalisierung werden finanziert aus einem öffentlichen Infrastruktur-Fonds auf Basis des Businessplans mit späterer Rückzahlung.
Erika Butzek (MB 05/09)

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