Cookie Consent by TermsFeed
      business-news
      mebucom
                

Gebührenerhöhung und HDTV

Immer mehr Produktionen werden bei ARD und ZDF für den internationalen Markt in bester High-Definition-Qualität produziert, aber dem deutschen Publikum dann nur als Fastfood in Standard-Definition vorgesetzt. Denn bei den öffentlich-rechtlichen Sendern ist HDTV zum politischen Spielball geworden.

Während in Deutschland Millionen HD ready-Fernseher über den Ladentisch wandern und danach gieren, endlich hoch auflösende Kost servieren zu können, übt man sich bei ARD und ZDF in hoch auflösendem Taktieren. Einen kurzen Moment hatte sich im Januar 2007 ZDF-Intendant Markus Schächter aus der Deckung gewagt und HDTV im ZDF bereits für 2008 angekündigt: die Olympischen Spiele aus Peking sollten bereits in HDTV übertragen werden. Aber nach einem Gespräch mit den ARD-Intendanten wurde der HDTV-Start bis zu den Olympischen Winterspielen in Vancouver im Jahr 2010 verschoben. Denn für die nächste Gebührenerhöhung benötigt man noch Argumente, und da erscheint die neue HDTV-Technik und deren angeblich immense Kosten gerade recht.

ZDF Produktionsdirektor Andreas Bereczky hat in einem Gespräch mit der Financial Times Deutschland am 31. Januar 2007 die Kosten allein für das ZDF auf vorläufig 80 Millionen Euro in den nächsten fünf Jahren taxiert. „Hier sind nicht nur technische Investitionen, sondern weitere High-Definition-bezogene Kosten enthalten“, sagte Bereczky. Auf dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland am 7. Mai 2007 lieferte dann auch die ARD die Summe ihrer HDTV-Investitionen: 140 Millionen Euro – dafür sowie für den Aufbau des digitalen terrestrischen Hörfunks und den Ausbau der Internetplattform für IPTV, fordert allein die ARD ab 1. Januar 2009 einen Zuschlag von monatlich 95 Cent zur aktuellen Gebühr von Euro 17,03.

Warten auf HDTV-Programme
Auf dem BLM-Kongress „Neues Fernsehen – Fernsehen der Zukunft“ am 26. April in München erläuterte Wolfgang Wagner, Leiter des Geschäftsbereichs Informations- und Systemtechnologie beim ZDF, welche Prämissen noch zu erfüllen sind, um HDTV erfolgreich einzuführen:
1. die Verständigung auf einen gemeinsamen Standard (720p oder 1080i);
2. ein abgestimmtes Vorgehen der Marktteilnehmer;
3. die Verdeutlichung des erkennbaren Mehrwerts für die Nutzer.
Außerdem erklärte er, dass erst 100.000 der 3,5 Millionen HD ready-Fernsehhaushalte in Deutschland über eine HD-Set-Top-Box verfügen, um High-Definition-Programme empfangen zu können – und damit besteht für das ZDF noch keine Notwendigkeit, HDTV auszustrahlen. Diese elitäre Position lässt sich leicht widerlegen: Die 100.000 Fernsehhaushalte mit einer HD-Set-Top-Box spülen bereits 2007 20,4 Millionen Euro (= 17,03 × 12 × 100.000 Euro) in die Kassen der öffentlich-rechtlichen Anstalten. Bis zum Ende des Jahres 2007 erwartet die gfu (Gesellschaft für Unterhaltungselektronik) eine Population von 220.000 HD-Set-Top-Boxen, was im Jahr 2008 noch einmal 45 Millionen Euro Gebührengelder in die Kassen von ARD und ZDF spült. Damit bezahlen die „Early Adaptors“ von High-Definition bis Ende 2008 fast ein Drittel der von ARD und ZDF auf fünf Jahre veranschlagten HDTV-Investitionen in Höhe von 220 Millionen Euro und fordern damit zu Recht, dass Markus Schächter seiner Ankündigung, die Olympischen Spiele aus Peking in HDTV zu übertragen, auch Taten folgen lässt.
Auch die laut Wolfgang Wagner noch zu erfüllende Prämisse der „Verständigung auf einen gemeinsamen Standard“ ist eine rein theoretische Forderung: Alle HD ready-Displays in den deutschen Fernsehhaushalten geben sowohl 720p- als auch 1080i-HDTV-Signale wieder, und fast alle der mehr als 100 HD-Übertragungswagen in Europa können sowohl 720p- wie auch 1080i-Signale produzieren. Und obwohl Wolfgang Wagner „klare Vorteile“ im 720p-Standard sieht, strahlen Anixe HD, Premiere, Sat.1 und Pro7 seit mehr als einem Jahr ihre Programme im 1080i-Standard aus. Letztendlich wird der Zuschauer selbst entscheiden, ob ihm ein Fußballspiel auf dem ZDF in 720p oder ein Fußballspiel bei Sat.1 in 1080i mehr Sehgenuss bietet.

Zum Punkt „abgestimmtes Vorgehen der Marktteilnehmer“ kann man ARD und ZDF nur auf ein Statement von Hans-Joachim Kamp, Vizepräsident ZVEI verweisen. Kamp appellierte am 22. Februar an die großen Fernsehanstalten, ihre Aktivitäten zur HDTV-Einführung zu intensivieren: „Die Industrie hat ihre Hausaufgaben für die HD-Technologie gemacht. Nun ist es höchste Zeit, die Bildschirme zügig mit immer mehr attraktiven Inhalten zu füllen.“ Speziell an die Adresse der öffentlich-rechtlichen Programmanbieter ergänzte er: „Wir hätten den Einstieg von ARD und ZDF in die HDTV-Welt gerne zu einem früheren Zeitpunkt als zum derzeit diskutierten Jahr 2010 gesehen.“
Und der von Wolfgang Wagner unter Punkt 3 aufgeführte „erkennbare Mehrwert des HDTV-Signals“ ist den Nutzern längst deutlich geworden. In einer Umfrage, die das Marktforschungsinstitut MRI Heidelberg Anfang 2007 in Deutschland und Großbritannien durchführte, bezeichneten überwältigende 94 Prozent der Befragten HDTV im Vergleich zum herkömmlichen Fernsehen als „exzellent“ oder „sehr gut“, während das traditionelle Analogfernsehen nur einen Zufriedenheitswert von 26 Prozent erreichte. Die Schlussfolgerung liegt nahe: Wer HDTV erst einmal kennen gelernt hat, der will es haben – der Qualitätssprung vom Standard- zum High-Definition-Fernsehen ist einfach überdeutlich. Und auch die Population der HD-Set-Top-Boxen ließe sich wesentlich schneller vergrößern, wenn ARD und ZDF schon die Olympischen Spiele in Peking, die Fußball-Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz sowie die Leichtathletik-Weltmeisterschaft aus Berlin in HDTV übertragen würden: Auf die Frage der Zeitschrift „Digital Fernsehen“ vom 27. Dezember 2006 „Würden Sie auf HDTV umsteigen, wenn ARD und ZDF im neuen Format senden würden?“, antworteten 37 Prozent „ja, schnellstmöglich“ und nur sieben Prozent antworteten: „Ich schau kein ARD und ZDF.“

Das Negativ-Beispiel HD-MAC
Bei der Diskussion um den Einstieg in das High-Definition-Fernsehen sollten sich ARD und ZDF auch an die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona erinnern. Dort fand der erste große Test von HDTV in Europa mit der HD-MAC Norm statt. In Deutschland waren von einigen TV- und Video-Zeitschriften Empfangsgeräte in „Public Viewing Rooms“ aufgestellt worden. Die meisten der damals verfügbaren und von der Industrie (Thomson, Telefunken und Philips) kostenlos bereitgestellten 300 Empfangsgeräte waren jedoch in den Büros der Hauptabteilungsleiter von ARD und ZDF zu finden. Demgegenüber haben die deutschen Haushalte bereits heute in mehr als 3,5 Millionen HD ready-Fernseher investiert, die sich durch eine geringe Zusatzinvestition (eine HD-Set-Top-Box kostet um die 250 Euro) sofort zum Empfang von HDTV aufrüsten lassen. Das von der EU geförderte HD-MAC-Programm war nach den Olympischen Spielen in Barcelona beendet und von den öffentlich-rechtlichen Sendern in Europa waren fast eine Milliarde ECU in den Sand gesetzt worden. Demgegenüber stehen heute allein in Deutschland private Investition in Höhe von 60 Milliarden Euro (bei einem durchschnittlichen Preis von 2.000 Euro für ein 32“- bis 42“-Display). Das sollte auch für ARD und ZDF genug Ansporn sein, diese Kunden (und weitere 3,5 Millionen, die bis August 2008 noch dazukommen) mit einem HDTV-Signal von den Olympischen Spielen in Peking zu versorgen.

Der Blick über den Tellerrand
Ende April legte der englische Pay-TV Sender BSkyB seine Quartalszahlen vor und wies dabei 244.000 HDTV-Abonnenten aus – und damit 60.000 mehr als noch zu Jahresbeginn. Von diesen neuen Abonnenten waren 17 Prozent vorher keine Kunden von BSkyB gewesen. In diesem Zusammenhang erklärte Brian Sullivan (zuständiger Manager für die Entwicklung von HD-Inhalten), dass BSkyB bis Ende 2008 mehr als 90 Prozent seiner Produktionen in HDTV ausstrahlen wird, und fügte hinzu, dass in der Vergangenheit die Broadcaster HDTV oft mit Skepsis betrachtet hätten. Auch den Zuschauern sei nicht immer klar gewesen, welche Vorzüge HDTV biete. Die aktuelle Entwicklung mache aber mehr als deutlich, dass man dem gesteigerten Interesse an hoch auflösenden Bildern auch im Programmangebot Rechnung tragen müsse. BSkyB bietet seinen Kunden bereits heute zwölf HD-Kanäle mit unterschiedlichen Inhalten von Sport über Kino bis zu Geschichte, Kultur und Natur.

Auch vom Schweizer Fernsehen SRG können ARD und ZDF lernen: Am 3. Mai bestätigte die SRG, dass „HD Suisse“ noch im Dezember 2007 auf Sendung geht. Das 24-Stunden-Programm wird durch Eigen- und Co-Produktionen von SF, TSR, TSi und TvR bestritten. Ausgestrahlt werden Sendungen aus allen vier Sprachregionen sowie eingekauftes Material in Originalsprache. Erste Highlights werden die Olympischen Spiele in Peking und die Fußball-uropameisterschaft 2008 sein.
Reinhard Penzel (MB 06/07)


Zurück