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100 Millionen-Pfund Skandal bei der BBC

100 Millionen-Pfund Skandal bei der BBC

Das gigantische Technologie-Projekt Digital Media Initiative (DMI) der BBC, für das sich der größte öffentlich-rechtliche europäische Rundfunksender Fehlinvestitionen in Höhe von rund 100 Millionen Pfund (117,5 Mio. Euro) geleistet hat, ist jetzt eingestellt worden. Das ambitionierte DMI-Projekt war 2004 initiiert worden, um das gesamte Produktionssystem sowie auch die Archivierung von der bandgestützten auf die filebasierte Produktionsweise umzustellen.

Ziel dieses Projektes war, den Redakteuren Online-Zugriff auf das riesige Archiv der BBC zu geben, das von Radiobeiträgen aus dem Zweiten Weltkrieg bis bin zu aktuellen Nachrichtensendungen reicht und sich auf ein Datenvolumen von 52 Petabytes beläuft. Doch der digitale Rollout musste immer wieder verschoben werden, weil das System nicht funktionierte, was jedoch nicht nach außen kommuniziert wurde.

Ende Mai hat der BBC-Intendant Tony Hall den Stecker gezogen und dieses teuere Großprojekt für immer beerdigt. Der langjährige BBC-Techniker John Linwood, der ein Jahresgehalt von 287.000 Pfund bezog, ist fristlos entlassen worden. Zum neuen Chief Technology Officer (CTO) wurde Dominic Coles ernannt, der als Director of Operations im vergangenen Herbst für eine Unterbrechung des DMI-Projektes gesorgt hatte, um zu überprüfen, ob es die von BBC gestellten Anforderungen erfüllt. Der ehemalige BBC-Intendant Mark Thompson, der inzwischen auf den Chefsessel bei der New York Times gewechselt ist, soll im Juli dieses Jahres vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss seine Kommentare erklären, die er 2011 zur DMI abgegeben hat. „Ich habe dies nach besten Wissen und Gewissen getan“, bestätigte Thompson gegenüber der britischen Tageszeitung Guardian. Seine Angaben seien auf Basis der Informationen erfolgt, die ihm zu diesem Zeitpunkt von den Verantwortlichen dieses Projektes vorlagen. Der neue BBC-Intendant Tony Hall hat sich von der BBC Trust, dem Aufsichtsrat der BBC die Zustimmung eingeholt, das DMI-Projekt sofort zu beenden. „Das DMI-Projekt ist eine gigantische Verschwendung von Rundfunkgebühren“, betonte Hall. „Es gab keinen Grund für mich, zuzulassen, dass es weiter fortgesetzt wird. Ich habe große Zweifel darüber, wie wir mit diesem Projekt umgegangen sind. Mit dem Untersuchungsbericht werden wir versuchen herauszufinden, wo die Schwachstellen lagen und was wir daraus lernen können.“ Die konkreten Kosten, die das ambitionierte Digitalisierungsvorhaben verursacht hat, werden aus 98,4 Mio. Pfund beziffert. Doch die realen Kosten könnten den Schätzungen von Experten zufolge sogar bei 150 Mio. Pfund liegen, wenn neben den Lizenzkosten auch sämtliche Beratungs- und Personalkosten miteinbezogen werden.

Das DMI-Projekt wurde 2004 gestartet, nachdem die BBC einen Vertrag mit dem IT-Konzern Siemens geschlossen hatte, ohne dass zuvor in einer öffentlichen Ausschreibung die Angebote der Wettbewerber nach Preis und Qualität verglichen worden waren. Die Siemens Information Solutions and Services-Gruppe (SIS) erhielt den Auftrag, die gesamte Technologie der BBC auf die digitale Produktionsweise umzustellen, die es den Mitarbeitern erlaubt, sämtliche Video- und Audioinhalte direkt an ihren Rechnern zu recherchieren, zu produzieren, weiterzuschicken und zu verwalten, um die Workflows im Sender zu beschleunigen. Damit sollte die komplette Arbeitsweise im Sender revolutioniert werden. Doch die Planung ging nicht auf. Nach etlichen Verzögerungen und nicht eingehaltenen Auslieferungsterminen befand sich das DMI-Projekt 2009 schließlich 21 Monate im Verzug. Der BBC-Technologie-Chef John Linwood entschied, den Vertrag mit Siemens zu kündigen. Daraufhin nahm der Sender dieses Vorhaben selbst in die Hand. Der dafür entwickelte Business Plan wurde zunächst vom Finanzvorstand abgelehnt, weil nicht glaubwürdig schien, dass die gesteckten Ziele wirklich erreicht werden konnten. Im Juni 2010 erhielt der Sender im zweiten Anlauf die Genehmigung, das Projekt fortzusetzen, wofür 106,1 Mio. Pfund bewilligt wurden. Der neue Rollout des DMI war für März 2017 anvisiert. Bereits bei einer Evaluierung des DMI durch das National Audit Office im Februar 2011 wurde festgestellt, dass das Programm enttäuschend sei und die Investitionen sich nicht auszahlen. Die BBC erklärte, dass dies nur Anlaufschwierigkeiten seien und auf Hochtouren daran gearbeitet werde, das Projekt wie geplant voranzubringen. Im Oktober 2012 zog schließlich Dominic Coles die Notbremse, nachdem sich auch die Redakteure über die Schwerfälligkeit des Systems beschwert hatten. „Um ein Foto vom Eiffelturm zu erhalten, wäre es schneller gewesen, einen Mitarbeiter in den Zug nach Paris zu setzen, um es dort aufzunehmen und wieder nach London in die Redaktion zurückzufahren, als es bei der BBC im Archiv auffinden zu können“, berichtete ein IT-Experte gegenüber MEDIEN BULLETIN. Bei aktuellen Ereignissen wie dem Tod von Margaret Thatcher konnte die BBC nicht auf ihr eigenes Archivmaterial zurückgreifen, sondern musste dieses zunächst von Drittanbietern zu überhöhten Preisen digitalisieren lassen. Dadurch sind weitere Kosten verursacht und die Arbeitsabläufe extrem verlangsamt worden.
Birgit Heidsiek
(MB 07/08_13)

Foto: © David Kirk

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