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Journalistischer Erfolg mit Wackelbildern

Journalistischer Erfolg mit Wackelbildern

Es gibt viele politische Dokumentationen im deutschen TV, vor allem bei ARD/ZDF, die in eher kleinen Kreisen von Historikern und Politikern Zündstoff für ihre Diskussion bieten. Eine politische Dokumentation, die zu einem aktuellen Thema Wirklichkeit bringt und für die sich insbesondere Jüngere interessieren, hat es aber schon lange nicht mehr gegeben.

„Amazon-Dokumentation schlägt Tatort“. Mit dieser Schlagzeile brachte die Frankfurter Rundschau (FR) am 20. Februar die kleine Sensation auf den Punkt. Zwar hatten sich trotz der späten Sendezeit ab 23.15 Uhr bereits beachtliche 2,2 Millionen Fernsehhaushalte am 13. Februar die Dokumentation „Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“ auf Das Erste angeschaut. Doch zur großen Überraschung der ARD war sie in den folgenden fünf Tagen zusätzlich 1,5 Millionen Mal online abgerufen worden und hatte damit den bisherigen Spitzenreiter in der ARD, den Tatort „Wegwerfmädchen“ mit Maria Furtwängler, auf die Plätze verwiesen. Mittlerweile kann man das Video übrigens auch auf YouTube finden. Die FR lobte die ARD für diese Dokumentation mit den Worten, dass es sich um „einer der größten journalistischen Erfolge ihrer Geschichte“ handele. Tatsächlich hat diese kleine 30-minütige Dokumentation eine Menge in der politischen Diskussion und bei Amazon bewirkt.

Worum geht es? „Amazon ist das größte Kaufhaus der Welt. Online gibt es hier alles: Kaffeemaschinen, Smartphones, Damenschuhe. Günstig und per Express noch am selben Tag zu haben. Mit nur einem Klick. Doch wer zahlt am Ende die Rechnung? Hinter der glitzernden Online-Welt-Fassade entdecken wir eine Schattenwelt“. Mit diesen eindringlich auf Krimi-Spannung intonierten Klartext-Worten beginnt der Report, in dem es um „einen modernen Sklavenhandel“ in den Amazon-Logistikzentren geht. Es sind Wackelbilder einer versteckten Kamera eingestreut, die Peter Onneken selber führte. Zusammen mit Diana Löbl, beide sind beim Wirtschafts- und Verbrauchermagazin m€x des Hessischen Rundfunks beschäftigt, ist Onneken mehrere Monate lang einem Hinweis eines Amazon-Mitarbeiters nachgegangen. Danach karrt Amazon zur Weihnachtszeit Leiharbeiter aus ganz Europa zusammen und behandelt sie dann auf unwürdige Weise. Die Wackelbilder zeigen insbesondere auch dubiose Situationen mit bulligen Sicherheitskräften, die die Leiharbeiter in NS-Manier bewachten. Vielfach allerdings kann man auf diesen Bildern so gut wie nichts erkennen. So haben die beiden jungen Autoren sie nach guter alter Dokumentationsmanier als dramaturgisches Element eingesetzt und wichtige Szenen nachgesprochen und nachgestellt. Nun war das Leiharbeiter-Problem bei Amazon bereits vor der Dokumentation nicht unbekannt, wie ein ver.di-Mitarbeiter und ein Betriebsseelsorger berichteten.

Auch „Die Zeit“ behauptet online, das Thema schon einmal angesprochen zu haben. Doch hatte sich zuvor offensichtlich kein Journalist die Mühe gemacht, dem Leiharbeiter-Skandal über längere Zeit als gesellschafts- und wirtschaftspolitisches Problem profunde auszuleuchten. Dass es geschehen wird – und dann auch noch im Fernsehen – damit hat Amazon nicht gerechnet und wurde dann von den Autoren, die zuvor keine Drehgenehmigungen von Amazon bekommen hatten, mit ihrer Dokumentation kalt erwischt. Der Internet-Riese, der normalerweise in der Öffentlichkeit schweigsam ist, räumte flugs nach Ausstrahlung Schuld ein und versprach für die Zukunft einen würde- und respektvollen Umgang mit Leiharbeitern. Mehr noch: Amazon kündigte die Zusammenarbeit mit der in der Dokumentation genannten Leiharbeitsfirma wie mit der Firma, die die Sicherheitsleute stellte.

Der Fall wurde zum Thema von Politikern in Deutschland, wobei Arbeitsministerin Ursula von der Leyen die erste war, die eine Aufklärung forderte. Plötzlich war Leiharbeit und Zeitarbeit kein abstraktes Thema mehr, sondern hatte Anschaulichkeit in dokumentierten Bildern gefunden. Die Dokumentation war prima zeitlich kurz vor dem zehnjährigen Jubiläum der Agenda 2010 platziert. Soziale Gerechtigkeit in der Arbeitswelt ist ja auch ein großes Wahlkampfthema geworden. Nun gut, welchen konkreten Wechselwirkungszusammenhang die Amazon-Dokumentation und die politische Diskussion um das allgemeine Thema soziale Gerechtigkeit in der Arbeitswelt nun wirklich haben, lässt sich zwar nicht belegen. Fakt ist jedoch, das zumindest haben FR und Die Zeit unisono beobachtet: Die Amazon-Dokumentation hat weltweit Wellen geschlagen und Aufmerksamkeit gefunden. Viele renommierte englischsprachige Zeitungen haben das Thema mittlerweile rund um den Globus transportiert. Weshalb Amazon und sein Geschäftsmodell mit den Logistikzentren jetzt weltweit in die Kritik geraten. „Wir wollen etwas bewegen“, hatte Löbl im Interview mit der rbb-Welle RadioEins als journalistische Motivation für die Dokumentation genannt. Das ist wohl auch gelungen.

Erika Butzek
(MB 04/13)

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