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„Keine aufgespritzte Hungerharke“

„Keine aufgespritzte Hungerharke“

Sat.1-Prime-Time-Serie „Dr. Molly & Karl“ Frischer Wind in der deutschen fiktionalen Prime-Time-Serien-Produktion: Wer einmal die Sat.1-Serie „Edel & Starck“ geliebt hat, wird wohl auch von der Serie „Molly“ begeistert sein, obwohl sie ganz anders ist – wie auch die Zeit, in der wir heute leben. Produziert wurde sie von der ProSiebenSat.1-Tochtergesellschaft „Producers at Work“ nicht mit 16mm-Film, sondern mit HD – klar: um Kosten zu sparen.

Mit „Dr. Molly & Karl“ – wie schon zuvor mit dem Zweiteiler-Event „Wir sind das Volk“ (Co-Produktion Olga Film/ Sat.1 in Kooperation mit dem ORF) – knüpft Sat.1 trotz verordnetem Sparprogramm wieder an seine Tradition der hochwertigen fiktionalen Eigenproduktion an, nach überwiegender Meinung von Programmexperten und –Kritikern. Wie immer gibt es auch Nörgler. Denen, die meinen, „Dr. Molly & Karl“ sei eine Kopie von Dr. House, weiß Georg Kemter im Gespräch mit MEDIEN BULLETIN differenziert Paroli zu bieten. Zusammen mit der ehemaligen Sat.1-Fiction-Chefin und jetzigen „Producers at Work“-Produzentin Alicia Remirez hat Kemter die erste Staffel von „Dr. Molly & Karl“ als verantwortlicher Produzent betreut.

Wann und wie ist die Idee für die Arztserie „Dr. Molly & Karl“ entstanden?
Zuerst gab es vor rund zwei Jahren die Figur. Alica Remirez kannte die Schauspielerin Sabine Orléans vom Theater und sagte: „Mit der Frau muss man eine Serie machen!“ Dann haben wir zuerst überlegt, was für eine Art Ärztin sie spielen könnte: eine nette Kinderärztin oder…? Das war ein bisschen ambivalent. Parallel dazu hatte Alica – damals war sie noch Fiction-Chefin bei Sat.1 – mit dem Autor Martin Rauhaus an dem Event „Die Luftbrücke“ gearbeitet und ihn irgendwann gefragt, ob er auch eine Serie schreiben könnte. Was er zunächst kategorisch abgelehnt hatte (lacht). Dann hat er sich das doch noch mal durch den Kopf gehen lassen und sich insbesondere mit der Figur für Sabine Orléans beschäftigt und gesagt: Ja, er möchte diese Serie schreiben. Aber: Dann nur eine Ärztin mit Ecken und Kanten und keine nette weichgespülte Fernsehfigur! Er wollte eine Figur, die polarisiert. Im Frühjahr dieses Jahres begann er mit dem Schreiben…

Dem Vernehmen nach gab es auch Kritiker, die nach der Sicht der ersten Folge im Rohschnitt genörgelt hatten, „Molly“ sei eine Kopie von „Dr. House“. Ein berechtigter Vorwurf?
Der Vorwurf, es sei eine Kopie, ist natürlich nicht berechtigt. Richtig ist, dass jeder, der etwas Kreatives im Fiction-Bereich machen will, sich von anderen Filmen und Trends inspirieren lässt. Auch die Macher von „Dr. House“ hatten sich vorher inspirieren lassen: von erfolgreichen Krimiserien wie CSI beispielsweise, und haben dann überlegt, wie sie das, was daran spannend ist, in das medizinische Genre transferieren können. Erfolgreiche Krankenhausserien, die wir in Deutschland in den 90er Jahren gemacht haben und die wir Anfang 2000 im Fernsehen hatten, waren inspiriert von „Emergency Room“. Was aber keine Adaption war, sondern der Versuch, etwas neues Eigenes zu machen. Wenn man will kann man natürlich vergleichen: Dr. House, ein knartziger Arzt mit Stock und Drogenproblemen und Molly, eine knartzige deutsche Ärztin, das wäre aber wirklich plump…

Zumal Dr. Molly nicht allein ist, sondern mit Karl, nämlich Dr. Carlotta Edelhardt, gespielt von Susanna Simon, einen Contrapart hat?
Richtig, und dieser Unterschied ist ganz evident. Dr. House ist ein Solitär. Die ganze Serie ist fast nur an ihm festgemacht. Ich gucke auch Dr. House, könnte Ihnen dennoch nicht sagen, wie die anderen Figuren heißen. Bei Dr. Molly wird der Solitär stark in ein Ensemble eingebettet, dessen einzelne Charaktere ebenso vertieft werden, vor allem mit Karl als deutlichen Gegenentwurf zu Molly. Schon da löst sich der Vergleich mit Dr. House auf.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, dass Molly keine nette Kinderärztin, sondern eine kantige Neurologin und Neurochirurgin ist?
Die Neurologie ist das medizinische Feld, das Anlass zur Kontroverse gibt und am meisten polarisieren kann, weil wir als Laien viel weniger über die Abläufe wissen, die in den Nerven stattfinden als beispielsweise über die in der Orthopädie.

Und zu einer harten Neurochirurgin, die sich konsequent an wissenschaftlichen Fakten zu orientieren versucht, passt dann wiederum besonders gut eine sensible Psychologin, wie sie Karl repräsentiert?
Das erlaubt uns, inhaltlich zu polarisieren, weil es immer wieder um die Frage geht, ob es sich um neurophysiologische oder psychologische – emotionale – Abläufe handelt, unter denen die Menschen leiden, die geheilt werden sollen. Damit bedienen wir auch den aktuellen Trend, dass sich viele Menschen zurzeit für populärwissenschaftliche Themen interessieren. Ich habe gerade den Bestseller „Wer bin ich, und wenn ja wie viele?“ gelesen…

…bis zum Schluss?
…ja, mit Begeisterung, nur zum Schluss war ich etwas enttäuscht. Das Buch hat mich sehr an Molly erinnert, weil wir szenisch ähnliche Fragen diskutieren. Wir haben in der Serie ja auch noch die Priesterfigur integriert, so dass wir manchmal auch noch weitere Aspekte auf der ethischen, moralischen und religiösen Ebene beleuchten können. Es gibt viel Spannung zwischen Neurophysiologie, Psychologie und einer allgemeinen Moralethik…

Genau das, was heute viele Menschen im Kopf und im Bauch bewegt?
Das macht die Serie Molly so modern: Es werden Themen behandelt, die Menschen auch in ihrem Leben beschäftigen. Nicht umsonst sind Bücher mit solchen Themen zurzeit sehr erfolgreich und werden auch in populären Wissenschaftssendungen wie zum Beispiel „Galileo“ behandelt.

Wie haben Sie von dieser abstrakten Metaebene wieder zurück auf den Boden der Realität gefunden: unterhaltsame, spannende Geschichten fiktional und seriell mit dem Ziel einer guten Quote zu erzählen?
Wenn man eine Idee verinnerlicht, wie unser Autor Martin Rahaus es getan hat, ergibt sich daraus ein Konzept und alles weitere in der praktischen Umsetzung. Beim Schreiben sind dann nicht mehr die abstrakten Ideen federführend, sondern der Dialog zwischen den Figuren und der szenische Aufbau. Und dann gibt es noch den redaktionellen Prozess: zwischen dem Autor und uns als Produzenten und dann zwischen uns als Autoren und Produzenten und dem Sender, wo dann geprüft wird, ob wir mit dem Drehbuch genau das treffen, was wir uns vorgenommen haben.

Radikal und kontrovers
Welche Rolle spielte Joachim Kosack dabei, der ja mittlerweile nicht nur die Sat.1-Fiction verantwortet, sondern – unter Leitung von Andreas Bartl – auch die Fiction für die anderen Sender der ProSiebenSat.1-Gruppe?
Ich behaupte mal: Ohne Joachim Kosack gäbe es die Serie Molly nicht, weil er das im Sender vehement unterstützt hat und an jedem Punkt der Entstehungsgeschichte – gerade, wenn es dazu erhebliche Zweifel gab, ob die Figur Molly für Sat.1 nicht zu gewagt, zu radikal, zu kontrovers sei – ganz fest dahinter stand. Joachim hat uns den Weg freigemacht und die Diskussion im Sender geführt.

Vermutlich haben manche gesagt, die Figur Molly ist ein bisschen zu dick?
Die Serie schafft Kontroversen, und die hat es auch im Sender gegeben. Manche haben befürchtet, dass die Figur nicht telegen genug sei, eine Zumutung für den Zuschauer. Die anderen haben gesagt, genau das sei gut, sie provoziert, sie ist etwas Neues, das finden wir toll. Interessanterweise: Mit dem Pilotfilm gab es dann eine Marktforschung Anfang des Jahres. Und da haben die weiblichen Zuschauer gesagt: Das ist toll, dass endlich mal im Fernsehen eine Frau gezeigt wird, die ist wie wir: Das ist eine von uns. Die hat Gewichtsprobleme, aber sie ist keine aufgespritzte Hungerharke, sondern eine ganz normale Frau…

Na ja, Molly ist ja nicht hässlich, sondern taff und guckt auch mal in den Spiegel. Und mit Karl ist doch eine außergewöhnlich zarte, attraktive, hübsche Figur dabei – auch, wenn Molly in den Folgen, die ich gesehen habe, behauptet, Karl habe „einen hängenden Busen“…
Das schafft die Spannung, sie spielen miteinander.

Nach welchen Kriterien haben Sie die einzelnen medizinischen Fälle ausgesucht, die behandelt werden?
Wir achten darauf, eine Mischung von interessanten Fällen zu haben: eine Geschichte mit einem Boxer, eine mit einem Banker – hochaktuell! – das wussten wir damals noch nicht (lacht), eine im Mafia-Milieu – und wir haben Fälle mit ganz normalen Leuten, denen etwas passiert, was uns allen passieren könnte und dann froh sind, wenn eine so gute Ärztin wie Molly bei all ihrer Knartzigkeit da ist, die sich kümmert. Wir achten gleichzeitig darauf, dass es Fälle sind, die wir mit unserem Serien-Ensemble realisieren können.

Modernste deutsche Fernsehserie
Was ist der USP von Molly im Vergleich zu anderen Serien im deutschen Fernsehprogramm, wie würden Sie für die Serie werben?
Von allem, was ich kenne, finde ich, dass es zurzeit die modernste deutsche Fernsehserie ist. Die Serie bietet Figuren und Situationen, mit denen sich die Zuschauer aus ihren eigenen Alltagserfahrungen heraus identifizieren können und geht dann doch auch auf eine phantasievolle Märchenebene, die über die alltägliche Situation herauswächst. Das ist meiner Meinung nach auch das Grundrezept für wirklich gute fiktionale Unterhaltung. Die Figuren verhalten sich so, wie man es sich manchmal im normalen Leben wünscht, aber es doch nicht tut…

Deshalb hat man auch ein schönes Gefühl am Ende einer Molly-Geschichte?
Es stellt sich eine Befriedigung ein. Eine Auflösung in der Form, dass der Zuschauer denken kann: Eigentlich haben die recht gehabt, der Weg, der gegangen worden ist, war richtig.

Die Serie kommt erst zwei Wochen nach unserem Gespräch auf den Schirm. Bei welcher Quote sind Sie himmelhoch jauchzend beglückt?
Wenn es gelingt, im Durchschnitt über den Senderdurchschnitt zu kommen. Dann ist es ein Erfolg.

Das ist ja eine sehr kleine Erwartung!
Das ist der kleinstmögliche Nenner. Die Zeiten sind so, dass man keine Prognose wagen kann.
Erika Butzek (MB 11/08)


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