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Kreative Autonomie erproben

Kreative Autonomie erproben

Im Januar 2010 wurde die Producers at Work-Tochter Magic Flight Film GmbH gegründet. Jetzt startet sie ihre ersten beiden Filme für Sat.1. Schwerpunkt der von Christian Rohde und Franziska Buch geführten Firma ist die Produktion von 90-Minütern.

„Es gibt kein festgeschriebenes Gesetz, dass wir nur Spielfilme und Producers at Work nur Serien herstellen“, sagt Christian Rohde, Produzent und Vorsitzender der Geschäftsführung. Zwar ist Magic Flight Film explizit für die Produktion von Spielfilmen gegründet worden, doch befasst sich die Firma zuweilen auch mit der Entwicklung von Prime-Time-Serien oder Weeklys während Producers at Work, als Spezialist für tägliche Serien („Anna und die Liebe“, „Hand aufs Herz“), erst vor kurzem „Das Mädchen auf dem Meeresgrund“ für das ZDF fertig gestellt hat. „Der Gedanke hinter der Neugründung, ist die Notwendigkeit zur Diversifikation“, geht Christian Rohde auf die Gründe dafür ein, zwei Firmen mit unterschiedlichen Schwerpunkten zu haben.

Magic Flight Film ist eine 100-prozentige Tochter von Producers at Work, die widerum zu 74,9 Prozent der ProSiebenSat.1 Media AG und zu 25,1 Prozent dem Produzenten und PaW-GF Christian Popp gehört. PaW ist Teil der Red Arrow Entertainment Group GmbH, einem Unternehmen der ProSiebenSat.1 Group. Neben Buch und Rohde kümmert sich Jean-Young Kwak, die wie Rohde von Teamworx kommt, als Producerin um die erfolgreiche Umsetzung der Stoffe. Mit Franziska Buch steht zugleich eine erfahrene Regisseurin an der Spitze der Firma. „Dadurch, dass Franziska auch weiterhin Regie führt, können wir unsere Projekte aus einem anderen Blickwinkel betrachten“, sagt Christian Rohde.

Für Franziska Buch ist diese Kombination eine Herausforderung, die sie bewusst sucht: „Ich möchte noch etwas ganz Neues ausprobieren. Zum einen möchte ich mich in dieser Firma produzentisch stark der Nachwuchsförderung widmen, zum anderen ist es bezüglich eigener Projekte für mich spannend, in dieser Konstellation die kreative Autonomie zu erproben. Darüber hinaus lässt mir Magic Flight Film die Freiheit, als Regisseurin interessante Projekte auch auf dem freien Markt realisieren zu können.“ Da sie die Arbeit des Regisseurs aus eigener Erfahrung kennt, kann sie als Produzentin von innen heraus an kreativen Prozessen mitarbeiten und aus diesem Blickwinkel Lösungsansätze für produzentische Herausforderungen entwickeln. Daher sieht sich Franziska Buch auch eher als Creative Producer, die innerhalb eines kreativen Verbunds unter den jeweiligen Rahmenbedingungen das Maximum für einen Stoff heraus holt.

90-Minüter in der Entwicklung

Magic Flight Film hat verschiedene 90-Minüter in der Entwicklung, wovon es sich bei etwa einem Drittel um Kinostoffe handelt. Der erste Kinostoff wird aufgrund des höheren Entwicklungs- und Finanzierungsaufwands frühestens 2012, eher sogar 2013 in Produktion gehen. Neben den Sat.1-Stoffen „Die Stunde der Krähen“ und „Todos los Santos“, die im Frühjahr gedreht werden, gibt es zwei Entwicklungsaufträge für aufwändige Fernsehfilme für Pro Sieben. Sie entstehen unter der Maxime „Kino für das Fernsehen“, die Joachim Kosack, Fiction-Chef bei ProSiebenSat.1, ausgegeben hat. Beide Filme sind in der Lebenswelt der ProSieben-Zuschauer verwurzelt.

Eine Geschichte lehnt sich an „Auf der Flucht“ an und wird von Heiko Schier geschrieben. Die andere setzt sich unter dem Titel „Homo-Baby“ mit der sexuellen Mulitoptionalität der Gesellschaft auseinander. Das Buch stammt von Julia C. Kaiser. „Dass wir über PaW zu einer Nähe zu ProSiebenSat.1 verfügen, heißt nicht, dass wir automatisch Aufträge erhalten“, sagt Christian Rohde. „Wir müssen wie jeder Andere mit jedem Projekt neu überzeugen.“ Den Marktkräften unterworfen zu sein, heißt auch, Stoffe bei den öffentlich-rechtlichen Sendern unterzubringen.

Auch hier sind diverse Projekte in Entwicklung, die von Franziska Buch betreut und von der Nachwuchsautorin Anna Praßler geschrieben werden. Bei einem davon, ein Drama für den BR, wird Franziska Buch auch die Regie übernehmen. Für ZDFKultur wird Christian Rohde im kommenden Jahr „Woyzeck“ produzieren und damit an die Theaterverfilmung „Frühlingserwachen“ anknüpfen, die er noch mit Teamworx für den ZDFKultur-Vorgänger ZDFtheaterkanal gemacht hatte. „In erster Linie wollen wir für die Prime Time aller Sender produzieren“, sagt Christian Rohde. „Daher sind wir sowohl bei den Genres als auch bei den Senderpartnern breit aufgestellt.“

Zweites Standbein Kinofilm

Im Kinobereich als zweitem Standbein wird der Schwerpunkt auf Komödie liegen, aber auch zwei Dramen sind in Entwicklung. Im Family Entertainment-Bereich setzt Magic Flight Film auf die Entwicklung bestehender Marken für das Kino, während es in den anderen Bereichen auf originäre Stoffe und Romanverfilmungen setzt. „Wir haben in Deutschland die Autoren und Kreativen, mit denen man originäre Stoffe stemmen kann“, ist Christian Rohde überzeugt. Den Bereich von Low-Budget- und experimentellen Filmen wird man hingegen eher im Zusammenhang mit Abschluss- und Debütfilmen bedienen – doch der Nachwuchs denkt mittlerweile sehr viel zuschauerorientierter.

„Die neuen Autoren und Regisseuren haben ein ganz neues, unverbautes Denken. Sie nutzen die technischen Möglichkeiten zur Umsetzung ihrer Visionen sehr viel intensiver“, schwärmt Christian Rohde über den Nachwuchs, auf den er für die Entwicklung von Magic Flight Film stark setzt. „Es wird spannend zu erleben, wie sich Stoffe und das Filmemachen durch ihn verändert wird.“ Das ist umso wichtiger, als man mit Standardware nicht mehr weiter kommt, wie Christian Rohde erklärt. „Die Genres sind zwar noch gesetzt, aber an die Ausführung der Filme werden andere Ansprüche gestellt“, führt er weiter aus.

„Gerade bei Fernsehfilmen braucht es überraschende Seitenstränge, neue Tonalitäten und radikalere Perspektiven. Am Quotenverlauf kann man häufig erkennen, dass die Zuschauer aussteigen, wenn sie eine bekannte Struktur erkennen, und zum Schluss des Films wieder kommen, um zu schauen, ob sie Recht hatten.“ Dabei geht es nicht darum, das Publikum durch oberflächige Hochgeschwindigkeit in Bann zu halten, sondern es zu interessieren. „Daher muss man sich vor komplexeren und als ‚schwierig’ geltenden Stoffen und Milieus auch nicht scheuen“, so Rohde weiter.

„Das Publikum ist anspruchsvoll und mit ausgeprägter Seherfahrung ausgestattet.“ Um dem zu entsprechen, müssen manche Themen zügig umgesetzt werden. „Todos los Santos“ etwa wird im Mai gedreht und im September ausgestrahlt. Zwar ist Effizienz die treibende Kraft hinter der Geschwindigkeit, doch legt Magic Flight Film dabei großen Wert darauf darüber die Balance zwischen einem besonderen, passgenau auf einen Sendeplatz zugeschnittenen Stoff und dem kreativen Freiraum, der ihn erst dazu macht, zu erhalten. Eine andere Möglichkeit, um ein Produkt herzustellen, das interessiert, ist auf den Zuschauer zu hören. Auch Magic Flight Film hat einen Facebook-Auftritt, der den Zuschauer zum Dialog einlädt. Allerdings nicht, weil man das heute so haben muss, sondern weil Christian Rohde klar die Vorteile aber auch die Fußangeln dieses Instruments kennt und Ersteres aktiv nutzen will – weshalb der FB-Auftritt auch Chefsache ist.

Magic Flight Film hat sich vorgenommen, vier bis sechs Filme pro Jahr zu produzieren. Darunter einen Kinofilm. Auch der ein oder andere 1-Mio.-Euro-Film wird darunter sein.
„Dies aber nur, wenn der Stoff dafür geeignet ist“, macht Christian Rohde klar, der Nichts davon hält, lediglich Teamstärke und Drehtage zu verkleinern. „Der 1-Mio.-Euro-Film ist eine kreativ-konzeptionelle Herausforderung und ist durch bloße Streichungen nicht zu bewerkstelligen.“ Andererseits sind Spareffekte auch aufgrund der Logistik zu erzielen. Bei „Todos los Santos“ befinden sich alle Motive und auch das Produktionsbüro in Bernried außerhalb Münchens. „Wir haben bei „Todos los Santos“ geprüft, ob Osteuropa in Frage kommt, doch was man dort an Drehkosten spart, wird durch die Reise- und Umdekorationskosten, um Deutschland zu erzählen, wieder aufgebraucht“, nennt Christian Rohde die Nachteile vermeintlich günstigerer Osteuropadrehs und stellt fest: „Dort zu drehen rechnet sich nur, wenn es auch dort spielt.“ „Todos los Santos“, in dem ein Junge beschließt Priester zu werden, den Lebenswandel seiner Mutter bei diesem Vorhaben allerdings als hinderlich betrachtet, ist das erste Drehbuch von Birgit Maiwald, das in der Komödien Master Class der deutschen film und fernseh akademie berlin entstand. „Der Film verknüpft provokant und dennoch mit großer Leichtigkeit die Themen Kirche und Zölibat einerseits und das Thema des Erwachenwerdens andererseits“, erzählt Christian Rohde. Regie führt Sophie Allet-Coche. Kameramann ist Felix Poplawsky.

Die Hauptrollen in „Todos los Santos“ spielen Stephan Luca und Stefanie Stappenbeck. Letztere spielt auch die Hauptrolle in dem Gerichtsthriller „Die Stunde der Krähen“. „Dass Stefanie in beiden Filmen die Hauptrolle spielt war Zufall, andererseits aber auch nicht: Sie ist für beide Rollen gerade in ihrer Unterschiedlichkeit am überzeugendsten“, meint Christian Rohde, der sich sicher ist, dass Stefanie Stappenbeck, die laut Rohde, Anspruch, hohe Schauspielkunst und Attraktivität auf sich vereint, ein großes Starpotential hat. Denn immerhin spielt sie in beiden Fällen zwei komplett unterschiedliche Frauentypen, auch wenn diese – wieder ein Zufall – denselben Namen tragen: nämlich Maria. Das Buch von Hardi Sturm zu „Die Stunde der Krähen“ (Regie: Thomas Nennstiel, Bildgestaltung: Reiner Lauter) war ursprünglich eine Charakterstudie in die der Thrilleraspekt herausgearbeitet wurde. „An dem Buch hat mich sehr die unkonventionelle Schreibweise von Hardi Sturm fasziniert“, sagt Franziska Buch. „Es hat tolle Dialoge, außergewöhnliche Charaktere und Frauenfiguren, die nie Opfer sind.“ Neben den beiden Sat.1-Stoffen und der Entwicklung der Stoffe für die ARD arbeitet Franziska Buch – ebenfalls mit Anna Praßler als Autorin – an einem Kinostoff für sich sowie an der Fertigstellung ihrer Kinderbuchverfilmung „Yoko“ (Sony Pictures, 26. Januar 2012). (MB 06/11)
Thomas Steiger

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