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Man muss eine Haltung entwickeln

Man muss eine Haltung entwickeln

Zwar hat es der authentische Dokumentarfilm heute schwer, sich gegen die Flut von Reality-Formaten zu behaupten. Chancenlos ist er aber mitnichten. Das erklärt einer der renommiertesten Dokumentarfilmer in Deutschland, Thomas Schadt, im Gespräch mit MEDIEN BULLETIN. Dabei geht es um die jüngst erschienene 3. überarbeitete Auflage seines Buchs „Das Gefühl des Augenblicks – Zur Dramaturgie des Dokumentarfilms“ und um die Situation des Genre Dokumentarfilm im deutschen Fernsehen, das in der Bredouille steckt: zwischen TV-Marktanforderungen und einer kritischen Haltung dazu. Schadt ist auch Professor, Direktor und Geschäftsführer der Filmakademie Baden Württemberg, wo er sich höchstpersönlich um den dokumentarischen Nachwuchs kümmert.

Herr Schadt, für welche Zielgruppe haben Sie Ihr Buch geschrieben?

Als ich das Buch geschrieben habe, hatte ich gar keine Zielgruppe vor Augen. Auf dem Markt hat sich herausgestellt, dass die vorgegangenen ersten beiden Auflagen bei den Leuten Käufer gefunden haben, die sich grundsätzlich für das dokumentarische Erzählen interessieren oder sogar in diesem Bereich arbeiten wollen. Dazu gehören vor allem Dokumentarfilm-Studenten und die, die es werden wollen.

Was hat sich seit der 1. Auflage 2002 im Bereich Dokumentarfilm in Deutschland verändert?

Den Dokumentarfilm, wie ich ihn im Buch beschrieben habe, gibt es schon seit Jahrzehnten in Deutschland und in anderen Ländern. Am Genre an sich hat sich grundsätzlich gar nichts geändert. Was sich allerdings schon seit langem stark gewandelt hat, sind die Produktionsbedingungen, die dafür vorgegeben werden. Beispielsweise verlangen die Redaktionen in den Sendern mittlerweile für Dokumentarfilme ausführliche Treatments bis hin zu Drehbüchern. Das ist bei klassischen Dokumentarfilmen nicht einfach, kann kontraproduktiv sein und der prozesshaften Intention des Projekts widersprechen. Insgesamt sind die Bedingungen, um Auftrag und Finanzierung für einen Dokumentarfilm zu erhalten, komplizierter und umfangreicher geworden.

Man kann nicht genau definieren, was ein Dokumentarfilm ist, schreiben Sie selber in Ihrem Buch. Ihnen geht es um eine Art Königsklasse des Dokumentarfilms?

Ich beschreibe im Buch in erster Linie den filmisch gedachten und beobachtenden Dokumentarfilm: den Dokumentarfilm mit so genannter „anteilnehmender Beobachtung“, Filme, die aus sich selber sprechen und die Autorenhandschrift in den Vordergrund stellen. Sicher ist das eine Spielform, die eher seltener geworden ist, weil mittlerweile in der Fernsehlandschaft viele andere Doku-Formate und Doku-Genre dazu gekommen sind. Insofern ist es ein zweischneidiges Schwert zu bestimmen, wie sich der Dokumentarfilm aktuell in Deutschland oder woanders definiert. Die dokumentarische Erzählung findet heute in unterschiedlichsten Formaten und TV-Genre statt. Aber ich bin mit dem Dokumentarfilm, der die Autorenhandschrift in den Vordergrund stellt, groß geworden und mir liegt diese Spielform am meisten am Herzen.

Die neuen hybriden Formate werden teils scharf kritisiert. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Schwierig. Ich sehe das auch sehr kritisch. Viele so genannte Reality- und Doku-Formate sind durchfiktionalisierte, abgesprochene Produktionen, die nur so tun, als ob dabei etwas dokumentarisch entstanden sei, obwohl alles nach Drehbüchern und gecasteten Besetzungen läuft. Das hat kaum etwas mit dem klassischen Dokumentarfilm zu tun. Da werden Grauzonen geschaffen, die dem eigentlichen dokumentarischen Schaffen nicht besonders gut tun.

Was heißt „nicht besonders gut tun“?

Der Zuschauer ist ja nicht blöd. Durch die vielen vorgegaukelten dokumentarischen Formen entsteht bei ihm dann auch Misstrauen gegenüber den originären Dokumentarfilmen, die sich immer noch Mühe geben, Realität so authentisch wie möglich abzubilden. Wenn das Gefühl immer mehr Raum greift, dass sowieso alles abgesprochen und bezahlt ist, hat es ein Dokumentarfilmer immer schwerer glaubhaft rüber zu kommen.

Wie soll denn der dokumentarische Nachwuchs auf die Reality-Flut im Fernsehen reagieren?

Wenn jemand im großen Bereich der Medien arbeiten will, ist es seine persönliche Entscheidung, ob er als Rädchen in einer Industriemaschine arbeiten will, was den größten Teil des Fernsehens ausmacht, oder ob er individuell erkennbar sein will: als Autor, als Regisseur oder als Kameramann. Danach muss er seine Ziele stecken und seinen Weg gehen. Mein Weg war der, dass ich auch als Überlebensstrategie meine eigene Handschrift gewählt habe. Und ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass es genau das ist, was man in einer Filmhochschule dem Nachwuchs nahe legen sollte. Denn Leute mit einer persönlichen Handschrift werden im Markt immer gesucht.

Aber es gibt immer weniger Sendeplätze dafür!

Es gibt keinen Mangel an Sendeplätzen. Es gibt vielmehr mancherorts eine veränderte Haltung derer, die für die Sendeplätze verantwortlich sind. Der Nachwuchs ist da gefordert, sich mit den Sendestrukturen zu beschäftigen. Er muss schauen, wo er Redakteure oder auch Produzenten findet, die er für sein Projekt gewinnen kann. Da kann er Verantwortliche auf Sendeschienen entdecken, die zwar nicht originär für Dokumentationen zuständig sind, die man aber doch davon begeistern kann. Das ist natürlich schwierig und eine langwierige Suche in einem großen Labyrinth. Geschenkt wird einem nichts. Allein mit dem Erlernen des Handwerks ist es jedenfalls nicht getan. Man muss Charakterstärke entwickeln, pfiffig und mobil sein, man muss hin zu den Leuten.Es ist ein Geschäft, in dem man selber aktiv sein muss. Man muss Niederlagen einstecken können – und auch warten können.

Trotzdem empfehlen Sie Ihren Studenten dem von Ihnen definierten Dokumentarfilm-Genre treu zu bleiben?

Klar. Wir müssen die Leute immer motivieren. Jedes Genre braucht guten Nachwuchs. Aber jedes Genre braucht auch eine junge Sichtweise auf die Welt, in der wir leben. Und es werden sich immer auch Leute mit ihren Sichtweisen behaupten und durchsetzen können. Das ist nicht anders als zu der Zeit als ich angefangen habe. Wir hatten mit anderen Problemen zu kämpfen. Die Produktion von Dokumentarfilmen war damals noch sehr teuer, weil es nur Film gab. Heute ist es wesentlich billiger mit den hochwertigen technischen Videoausrüstungen. Die Vorraussetzung ist eine andere, die Aufgabenstellung ist die gleiche.
Auch der Nachwuchs muss sich damit auseinandersetzen, wie er das Genre mit Qualität erfolgreich umsetzen kann. In den letzten Jahren ist eine Generation von Redakteuren in den Sendern abgetreten, die traditionell dem klassischen Dokumentarfilm zugewandt waren. Es ist eine neue Generation herangewachsen, die anders soziologisiert ist, stärker vom Internet und den Veränderungen im Fernsehsystem selbst geprägt ist. Dadurch haben sich natürlich die Ansprüche an das Dokumentarische im Fernsehen verändert. Das gilt aber nicht nur für die handelnden Personen bei den Sendern, sondern auch für den dokumentarischen Nachwuchs. Im Kino ist der klassische Dokumentarfilm heute übrigens eher besser gestellt als vor 10 oder 20 Jahren. Da gibt es immer wieder Filme, die sehr erfolgreich sind. Dass Wim Wenders mit „Pina“ Oscar-nominiert war, zeigt, dass der deutsche Dokumentarfilm im Kino und in der Welt gut da steht.

Soll sich der Dokumentarfilm-Nachwuchs dann mehr auf den Kinofilm kaprizieren als auf TV?

Nein. Ich würde dem Nachwuchs nicht empfehlen, sich allein auf Kinofilme zu konzentrieren. Dafür ist der Marktanteil des Dokumentarfilms im Kino zu gering gemessen an den talentierten Leuten, die wir im Nachwuchsbereich haben. Es gibt im Debüt-Film-Bereich wunderbare Chancen wie den
jungen Dokumentarfilm beim SWR. Es gibt immer noch den Teleclub beim Bayerischen Rundfunk. Es gibt das kleine Fernsehspiel beim ZDF. Das sind alles gute Spielwiesen für den dokumentarischen Nachwuchs, im Genre mit eigener Handschrift zu experimentieren. Schwieriger wird es allerdings schon, wenn man über die Debüt-Grenze hinaus sich im regulären Fernsehgeschäft beweisen muss, wo ganz andere Ansprüche im Vordergrund stehen.

Handwerk und Technik, so schreiben Sie in Ihrem Buch, spielen für den guten Dokumentarfilm eine ganz große Rolle …

Je breiter die Ausuferungen im dokumentarischen Feld werden, je schwammiger die Grenzen in den Methoden werden – von verlogen bis ehrlich gemeint – wie ich es mal nennen möchte, desto wichtiger wird das Handwerk. Denn wenn der Zuschauer ein Gefühl für etwas hat, dann ist es ein Gefühl dafür, ob ein Film handwerklich gut gemacht ist oder nicht. Man muss sich in allen Bereichen genau auskennen. Ob mit Kamera- oder Schnitt-Technik – auch wenn man nicht selbst dreht oder schneidet. Man braucht dramaturgische Fähigkeiten, Talent, Rhythmus-Gefühl: Man braucht immer alles zusammen, um so ein komplexes Gebilde wie einen Film zusammen zu kriegen.

Sie erwähnten bereits, dass die Produktions-Techniken heute viel billiger als früher sind. Eine neue Chance für Dokumentarfilmer?

Heute kann sich jeder im Laden eine Kamera für 2000 Euro kaufen und einen technisch fernsehtauglichen Film fertigen. Es gibt neue Möglichkeiten im Internet mit kürzeren Formatstrecken auch im Dokumentarischen. Das war vor 20 Jahren undenkbar. Deswegen ist heute zwar nichts einfacher. Aber
den neuen Nachteilen, die es heute gibt, sind gleichzeitig neue Vorteile dazu gewachsen.

Sie thematisieren auch „ein verändertes Realitätsempfinden“ bei den Zuschauern, die mit einem „Stakkato von dramaturgischen Ereignissen“ konfrontiert werden. Ihr Beispiel 9/11 – in Deutschland gab es jüngst die Wulff-Affäre in einer ähnlichen Info-Lawine. Wie behandeln Sie das Problem?

Diesen Umstand kann man nicht behandeln, er ist da. Man muss eine Haltung dazu entwickeln. Wir leben in einer Welt, in der sich die Medien eine eigene Wirklichkeit schaffen, dadurch, dass sie immer nur die Spitzen der Ereignisse in unendlich wiederholten Abfolgen den Menschen nahe bringen. Das hat nichts mit Echtzeit zu tun. Es liegt an uns und an denen, die im Medienmarkt arbeiten, dazu ein kritisches Bewusstsein zu entwickeln beziehungsweise dies dem Nachwuchs beizubringen. Dazu muss man lernen sich zu verhalten.
Ich finde, man sollte immer nur an den Dingen partizipieren, zu denen man auch eine eigene Haltung, eine eigene Verantwortung entwickelt hat. Dafür bilden wir aus. Gleichzeitig leben wir aber auch von diesem Markt und partizipieren davon. Es ist kein Widerspruch, davon zu leben und gleichzeitig eine kritische Haltung dazu einzunehmen. Deswegen ist es wichtig, dass wir gut ausgebildete Leute in diesen Markt schicken die sich mit eigener Haltung und Verantwortung darin bewegen.

Um eine schöne Frage aus Ihrem Buch zu zitieren: Welche Bilder braucht denn die Welt, und welche Bilder braucht der Markt?

Meine ganz persönliche Meinung: Der Markt will ganz klar alle Bilder. Es soll heute alles ans mediale Licht gezerrt werden. Jedes Gesicht wird ausgeleuchtet bis in die letzte Pore, jede Regung erfasst. Markt heißt verkaufen, heißt Umsatz. Der Markt sucht ständig nach allem in der Welt, womit man Geld verdienen kann. Es geht um alles, was spektakulär ist oder verspricht so zu sein. Aber die Welt braucht so was nicht. Jüngstes Beispiel die Affäre um den Ex-Bundespräsidenten: So wenig Mitleid ich mit Herrn Wulff habe, weil er auch haarsträubende Fehler und wenig professionelles Verhalten in dieser Angelegenheit an den Tag gelegt hat. Aber, dass es dann
komplett darum ging, ihn zum gläsernen Menschen in allen Formen der Medien zu machen, das wünsche ich niemandem. Das kann zur Hölle werden, obwohl gerade damit in den Medien ein großes Geschäft gemacht wird. Da stehe ich dem Handelnden genauso kritisch gegenüber wie den Medien, die das für sich benutzen, um damit ein Geschäft zu machen.

Können Sie uns als Filmakademie-Direktor versprechen, dass es Nachwuchs gibt, der in Ihrem Sinn für den authentischen Dokumentarfilm kämpfen wird?

(lacht) Ja, das kann ich versprechen!

Und haben Sie selber ein neues Projekt in petto?

Ja, ich arbeite mit meinem Kollegen Reiner Holzemer, mit dem ich schon viele Filme gemacht habe, an „Autobahnkrieg 2“ für die ARD. Es ist das vermutlich erste dokumentarische Remake im Fernsehen. Wir hatten vor zwanzig Jahren überraschend großen Erfolg mit der Dokumentation Autobahnkrieg, in der es um das Fahrverhalten auf der Autobahn geht. Der Film wurde zigmal – gerade auch von den Privatsendern – kopiert,
insbesondere die Mischung aus Interviews, Polizeivideos und direktem Drehen auf der Autobahn auch bei Unfällen. Wir finden es spannend, nach zwanzig Jahren demselben Thema mit der gleichen Methode noch mal auf die Spur zu gehen. Es wird zwei unterschiedliche Filme geben. Einen 45-Minüter für die ARD am Montagabend und eine lange Dokumentation, in der wir das neue und das alte Material zu einer neuen Erzählung mischen.
Erika Butzek
(MB 04/12)

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