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Optimistisch für die Zukunft

Optimistisch für die Zukunft

Als Johannes Züll zum 1. Juli 2014 als Vorsitzender der Geschäftsführung von Studio Hamburg antrat, hatte das Unternehmen mit strukturellen Problemen zu kämpfen. Heute sehen die Geschäftszahlen wieder besser aus, berichtet Züll im Gespräch mit MEDIEN BULLETIN.

Der Studio Hamburg-Chef, zuvor bei RTL Televizija in Kroatien, war nicht als Abwickler an die Elbe gekommen. Die Verkäufe ganzer Geschäftsbereiche, wie sie vor einem Jahr noch angedacht und im Gespräch waren, sind offenbar vom Tisch. Mit Zustimmung des Aufsichtsrats, wird der Systemdienstleister MCI Studio Hamburg weiter betrieben, die Situation des Unternehmenszweig hat sich deutlich verbessert. „Wir stehen heute bei einem wesentlich höheren Auftragseingang, als das noch vor einem Jahr der Fall war. Das macht uns optimistisch für die Zukunft“, sagt Züll, der zudem bekräftigt, keine größeren Geschäftsfelder abgeben zu wollen: „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht unter der besonderen Berücksichtigung, dass der Markt für Studioproduktionen generell sehr schwierig ist. Wir haben uns von dem einen oder anderen Bereich getrennt, wie dem Rentalservice Filmtechnik Ende 2013, und wir haben noch stärker auf unsere Kosten geschaut. Gleichzeitig konnten wir erfolgreich am Markt agieren und sind dadurch zu einer besseren Kapazitätsauslastung gelangt.“ Vor allem die Sparte Außenübertragung von Studio Berlin hat von dem Sport-Eventjahr 2014 mit der Fußball-WM profitiert: „Die geraden Jahre sind auf jeden Fall die besseren Jahre für die Außenübertragung“, meint Züll. Restrukturiert wurde der Bereich Postproduktion. „Da mussten wir Stammpersonal abbauen und uns auf unser Kerngeschäft fokussieren. Außerdem haben wir ein neues Management eingesetzt. Diese Maßnahmen tragen nun Früchte“, betont er. Der Studiomarkt bleibe ein schwieriges Geschäft, weiß er, und verweist auf die Überkapazitäten und eine große Nachfragermacht. „Das schlägt auf die Preise durch“. Studio Hamburg versucht an beiden Standorten in Berlin Adlershof und auch in Hamburg Tonndorf von der reinen Vermietung von Studioflächen weg zu kommen und als Generalunternehmer ein ganzheitliches Dienstleistungsspektrum anzubieten. „Diese Strategie, ein komplettes Dienstleistungsportfolio aus einer Hand zu offerieren, kommt den Sendern und Produktionsfirmen entgegen, die dadurch ihre Kosten besser planen können. Und uns erleichtert es, die Kapazitäten besser auszulasten. Wir wollen in der Veredelungsleistung noch weiter nach oben und nicht nur einzelne Gewerke anbieten.“

Im Vergleich der beiden Produktionsstandorte steht Berlin mit dem Vorteil des Hauptstadtbonus besser da; die Produktionswirtschaft, Kreative, Produzenten und Sender wollen nach Berlin. „Wir haben in Berlin größere Studioflächen zur Verfügung für die großen Primetime-Shows. Und haben dort noch mehr in die neueste Technologie investiert als in Hamburg. Alle Studios in Berlin können zentral von zwei HD-Regien bespielt werden. Das wird vom Markt sehr stark nachgefragt“, berichtet Züll. In Hamburg hat dagegen der Weggang einiger Kunden Spuren hinterlassen. Studio Hamburg versucht, das durch vermehrte Akquisition von Werbeproduktionen sowie Aufträgen aus dem Event-Veranstaltungsbereich zu kompensieren. Züll: „Aber wir müssen uns sicher dieser Entwicklung kostenmäßig und ressourcenmäßig anpassen und uns in den Atelierflächen stärker auf unsere Kernstudios konzentrieren und nicht jedes Atelier mit dem gleichen Investmentlevel weiter entwickeln.“ Hamburg als Medienstandort besitze das Potenzial, wieder eine umgekehrte Entwicklung zu forcieren. Eine konzertierte Aktion aus Politik und Branche solle für den Standort werben, damit sich wieder mehr Kunden und auch Sender in Hamburg ansiedeln würden, fordert Züll.

In Berlin dagegen hat die Gruppe gerade angekündigt, auch das operative Geschäft der Park Studios zu übernehmen, die sich auf dem Gelände des Studio Babelsberg befinden. Dabei geht es nicht um die Atelierflächen, sondern um die Übernahme des operativen Geschäfts „Wir denken, dass zusammenwächst, was zusammen gehört“, erklärt Züll die Akquisition, die in erster Linie aus einer langen und vertrauten Zusammenarbeit mit den Park Studios resultiert. Da sich der Besitzer Jörg Weiland aus Altersgründen zurückziehen will, war die Gelegenheit da. „Wir versprechen uns viel davon, nicht zuletzt weil wir uns auch neue Kunden erschließen. Zudem holen wir uns mit dem Personal auch neues Know-how ins Haus. Die Park Studios fragen darüber hinaus in der Technik und an Außenübertragung Leistungen nach, die wir gut abdecken können.“ Kinoproduktionen werde Studio Hamburg nicht offensiv akquirieren. Züll: „Prinzipiell interessiert uns auch Film und Kino. Nur die Vorläufe in der Planung und die Länge der Studiobelegung machen es manchmal schwierig, Film und TV miteinander zu verbinden. Wir machen das gerne, wenn wir freie Kapazitäten anbieten können.“

Multimarkenstrategie in der Produktion

Dass Studio Hamburg 2015 wieder schwarze Zahlen schreiben will, lässt sich nicht nur auf die strukturelle Verbesserung des Dienstleistungsportfolios zurückführen, sondern liegt an den Erfolgen der Produktionsfirmen, die auch 2014 wieder ein gutes Jahr zu verzeichnen hatten. „Die Auftragslage für 2015 sieht unvermindert gut aus“, betätigt Züll. An der Multi-Markenstrategie als Ergebnis einer Gruppe von Tochterfirmen und Beteiligungen werde die Gruppe festhalten, da sie sich bewährt habe. „Der Erfolg 2014 und die Auftragslage 2015 bestärken uns darin, dass wir nicht falsch mit dieser Multimarkenstrategie liegen, um einen Markt mit vielfältiger Nachfragestruktur gut bedienen zu können“, bekräftigt der Studio Hamburg-Chef und fügt hinzu: „Der Wettbewerb der kreativen Köpfe ist sehr produktiv und hat sich bewährt.“ Mit dem Produktionsportfolio seiner Firmen und Beteiligungen deckt die Gruppe die komplette Bandbreite aller gängigen TV-Formate ab und produziert für alle Sender. Während die öffentlich-rechtlichen Sender nach wie vor sehr erfolgreich agieren mit ihren informellen wie auch fiktionalen Formaten aus Reihen, Serien und TV-Filmen, haben sich die privaten Sender stärker auf den non-fiktionalen Unterhaltungsbereich fokussiert. „Derzeit ist das Fiktionale bei den Privaten völlig unterrepräsentiert“, beurteilt Züll diese Entwicklung eher kritisch. „Ich würde mir wünschen, dass die privaten Sender sich stärker wieder fiktionalen Programmen zuwenden und bin überzeugt, dass dies auch eintritt. Von einer solchen Entwicklung wird Studio Hamburg sicher profitieren, weil wir kreative Köpfe haben, gute Ideen und gute Stoffe.“  Die von den Privaten favorisierten Scripted Reality-Formate funktionierten längst nicht mehr so am Tag und am Vorabend wie zu Beginn, begründet Züll seine Erwartung. Das gelte auch für die eingekauften US-Serien der Primetime-Programme, die längst nicht an die Erfolge früherer Jahre anknüpfen können. Für Züll ist daher klar, dass die Programmverantwortlichen nach Alternativen suchen werden. „Bei allem Lob für US-Serien wie „Breaking Bad“ und „House of Cards“ darf man nicht vergessen, dass es Nischenprogramme sind, die auf keinem großen deutschen Sender breiten Erfolg hatten.“

Keine Trendwende für lineare TV-Nutzung

Dass neue SVoD-Anbieter wie Netflix oder Amazon den linearen TV-Programmen das Wasser abgraben und den Medienmarkt völlig umkrempeln könnten, daran glaubt Züll zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Den neuen SVoD-Markt sehe er eher im Wettbewerb zum klassischen DVD-Markt und den Online-Videotheken der Kabelnetz- und IPTV-Anbieter, den er teilweise substituiert. Für eine massive Trendwende sei es noch zu früh. „Auf absehbare Zeit funktioniert die lineare Fernsehnutzung gut und bleibt auch für Studio Hamburg das interessanteste Geschäftsmodell. Dennoch, wir sind mit allen Marktteilnehmern im Gespräch. Wir verfolgen genau, inwieweit Online-Plattformen Gatekeeper-Funktionen übernehmen und darüber dort auch ‚quasi’-lineare Strukturen entstehen.“

Das Engagement von Wettbewerbern im Bereich Multi Channel Netzwerke auf YouTube, werbefinanzierte Inhalte einer neuen Nutzung zuzuführen, verfolgt Züll mit großem Interesse. „So weit ich höre und lese, funktioniert dieser Geschäftszweig recht gut. Aber natürlich bleibt auch für unsere Mitbewerber das Kerngeschäft die TV-Produktion für die linear operierenden Fernsehsender.“ Züll beobachtet eine blühende und bunte Videolandschaft im Netz, die als Produktionsmarkt allerdings eher noch als Rand- oder Nischengeschäft zu bewerten sei. Natürlich werde hier nach neuen Talenten und Formaten gesucht und sicher sei das Netz auch eine Absprungrampe für die eine oder andere YouTube-Karriere mit einträglichem Geschäft. Doch zeichne sich noch längst nicht ab, ob diese neue Produktionslandschaft im Web das Geschäftsmodell von morgen darstellt.

Inkubator für junge Firmen

Auf dem Feld der digitalen Produktion und neuen Formate sind in der Gruppe auch die neu gegründeten Firmen unterwegs, die sich im „Haus der jungen Produzenten“ in der ehemaligen Trebitsch Villa auf dem Studio Hamburg-Gelände angesiedelt haben. Züll: „Mit dieser Nachwuchs-Initiative bieten wir jungen Produzenten ein Starthilfe-Programm, ihre Firmen und Geschäftsideen umzusetzen und zu etablieren. Hier hat sich ein interessantes und vor allem sehr innovationsgetriebenes Firmenspektrum angesiedelt, angefangen von der klassischen Film,- TV,- und Werbeproduktion bis hin zu Gaming- und Interaktionsformaten oder Virtual Reality, die eine neue Welt von simulierten Erlebnissen eröffnen. Wir profitieren von diesen jungen Firmen und ihren Projekten als großes Produktionshaus, weil wir verfolgen und unterstützen können, wie dort interessante Ideen entstehen, für die sich neue Märkte oder Teilmärkte eröffnen.“

Bernd Jetschin

MB 2/2015

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