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Politischer Rückenwind für IT-Gründer

Politischer Rückenwind für IT-Gründer

Seitdem sich junge deutsche IT-Gründer Startups nennen, sind sie in den Medien und bei nationalen wie internationalenInvestoren immer populärer geworden. Auf diesen Zug ist nun auch der einflussreiche Bitkom, Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V., aufgesprungen. Bitkom will die Gründerinitiativen im ITK-Sektor auf politischer Ebene unterstützen. Vorbild sind Global Player aus den USA wie zum Beispiel Facebook.

Zumindest in Berlin ist die Startup-Szene seit geraumer Zeit in aller Munde. Sie wird als ein neuer aussichtsreicher innovativer Wirtschaftszweig in der Industrie-armen Region gehätschelt und gepflegt. Die Hoffnung ist, mit Startups neue Arbeitsplätze zu schaffen. Mit Erfolg. Immer mehr nationale und internationale Investoren wie die Deutsche Telekom oder Venture Capital-Firmen aus USA oder Großbritannien haben als Inkubatoren einzelne Berliner Startups unter ihre Fittiche genommen. Sie geben ihnen das erforderliche Finanzierungskapital, um deren Wachstum möglich zu machen. Davon hat beispielsweise der Online-Versandhändler für Schuhe und Mode, Zalando, profitiert, der vor rund drei Jahren als Startup in Berlin startete. Mittlerweile hat Zalando gut 1.000 Arbeitsplätze allein in Berlin geschaffen und einen Markenwert von drei Milliarden Euro erreicht. Und SoundCloud, heute eine weltweit führende soziale Musikplattform, die in den USA, Asien und Europa aktiv ist, wurde erst vor vier Jahren in Berlin als Startup gegründet. Auch der als Web-TV gegründete Musiksender Tape.TV hat es seit 2008 von einem zweiköpfigen Startup bereits auf fast 100 Mitarbeiter gebracht.

Startups sind dennoch kein Berliner Phänomen. Es gibt sie mittlerweile an verschiedensten Orten in Deutschland und in der ganzen Welt. Doch die Berliner Startups haben sich mittlerweile den Ruf erobert, in die Fußstapfen des berühmten kalifornischen Silicon Valley zu treten, wofür es mittlerweile das Schlagwort „Silicon Allee“ gibt. Wobei man allerdings auch mit anderen Hotspots wie etwa London, New York oder Tel Aviv im Wettbewerb steht.

Da sich nun erste Erfolge einstellen, kann man die neuartigen IT- und Internet-Gründer kaum mehr als Spinner bezeichnen, obwohl sie durchaus „mit verrückten Ideen“ starten, wie UPcload -Gründer Sebastian Schulze bei der Bitkom-Pressekonferenz zum Thema „Gründerszene im ITK-Sektor“ am 6. November in Berlin einräumte. Sowieso lässt sich das Phänomen „Startups“ nicht in einfachen Worten fassen. Zum einen sind die IT- und Internetgründer selbstredend technologiegetrieben. Will heißen: Sie setzen in der Regel auf eine vorhandene Informationstechnologie wie das Internet auf, um eine neue Dienstleistung in Form einer neu entwickelten Software oder Applikation an zu bieten. Selbst die Software und die Algorithmen, die hinter Google oder Facebook stehen, lassen sich nicht allgemeinverständlich beschreiben, sondern eher nur intuitiv bei der Nutzung erleben. Hinzu kommt: Die Anwendungen werden stetig fortentwickelt und den technologischen Einsatzgebieten mit ihren ungezählten Standards angepasst. Parallel dazu muss vor allem sehr viel Marketing im Netz betrieben werden, die Vernetzung mit verschiedensten anderen IT- und Internetanbietern muss vorangetrieben werden, um die jeweilige Anwendung mit immer größeren Nutzungswerten etablieren und – möglichst international – ausbauen zu können. Und es gibt Hunderte, Tausende von ganz verschiedenen Ideen, die sich nicht über einen Kamm scheren lassen.

Erste Bestandsaufnahme

Aus diesen und vielen weiteren Gründen, die nicht zuletzt zu Klassifikationsschwierigkeiten für statistische Erhebungen führen, hat es bislang auch noch nicht einmal eine Bestandaufnahme zur Gründerszene im ITK-Sektor gegeben, die relativ einfache Fragen beantwortet: Wie viele Gründungen gibt es überhaupt in Deutschland, in welchen Städten und Regionen? Wie viele Unternehmen überstehen die ersten Jahre? Und wie finanzieren sich die Unternehmen?

Um Antworten auf diese Fragen zu erhalten, hat Bitkom, zu der nahezu alle Global Player der ITK-Branche sowie insgesamt 1.700 Unternehmen aus den verschiedensten Branchen der digitalen Wirtschaft zählen, eine Studie beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, ZEW, in Auftrag gegeben. Unterstützt wurde die Untersuchung vom Bundeswirtschaftsministerium und der Deutschen Telekom. Die Studie hat einige interessante quantitative Ergebnisse gebracht, die noch zu nennen sind. Doch hat Bitkom-Präsident Prof. Dieter Kempf mehrfach betont, dass sich aus der Untersuchung kaum qualitative Aussagen über den konkreten Charakter der ITK-Gründerszene ableiten lassen.

Motivation, die Studie überhaupt in Auftrag zu geben, war wohl zum einen die Entwicklung, dass mittlerweile etliche Startups wie auch deren Inkubatoren Bitkom-Mitglieder sind. Zum anderen stand der diesjährige Nationale IT-Gipfel unter dem Motto „digitalisieren_vernetzen_gründen“ bevor, mit so prominenten Politikern wie Bundeskanzlerin Angela Merkel und Wirtschafts- und Technologieminister Philipp Rösler, dessen Ministerium den IT-Gipfel verantwortet. Als Lobbyist hat sich Bitkom anlässlich des Gipfels vorgenommen, bei Politkern für eine verstärkte Förderung der Gründerszene zu werben. So geht es unter anderem um steuerliche Erleichterungen sowohl für Gründer wie für private Investoren. Denn im internationalen Wettbewerb haben Gründer in Deutschland relativ ungünstige Rahmenbedingungen, auch in Bezug auf bürokratische Prozesse, die sich nicht mit dem von den Gründern angestrebten dynamischen Wachstumsprozessen vertragen.

Vor allem aber, so betonte Kempf, fehle in Deutschland im Vergleich zur USA „eine politische Anerkennung des Unternehmertums“. Während ein Unternehmer in den USA „hohes Ansehen genießt, wird hierzulande ein erfolgreicher Unternehmer mit eine Vermögenssteuer von bis zu über fünf Prozent konfrontiert“. Die politische Anerkennung des Unternehmertums sei in den letzten Jahren in Deutschland verloren gegangen, meinte Kempf. Die weiland einmal aufgelegten Ich-AGs seien im Großen und Ganzen nur Camouflage von Arbeitslosigkeit und Arbeitslosenzahlen gewesen. Kempf bedauerte auch, dass es in Deutschland so gut wie keine privaten Initiativen nach dem Motto gebe, dass der reiche Nachbar mal spontan sage ‚Hey Kid of the Blog, deine Idee gefällt mir. Hier kriegst du 100.000 Dollar. Mach was draus‘. Die traditionelle Finanzierung neben der Eigenfinanzierung sei in Deutschland immer noch die Bankfinanzierung. Die aber sei auf Sicherheit bedacht und lehne ein Risiko ab. Wegen der Verpflichtung zur Eigenkapitalhinterlegung, die zumindest junge Gründer nicht leisten können, käme sie nicht zum Zuge. Die Finanzierungssituation für Gründer müsse unbedingt verbessert werden, zumal wenn sie Chancen haben sollen, sich als internationale Unternehmen auf zu bauen. „Gobal Player“, so Kempf, lassen sich nicht mit dem Sparbuch der Gründer aufbauen“. Das wäre wohl auch Google, Facebook oder eBay nicht gelungen, genauso wenig wie Apple oder Microsoft.

IT-Gründerzentren München und Berlin

Nun hat die ZEW-Studie – nach welchen Methoden auch immer – herausgefunden, dass zwischen 1995 und 2011 immerhin 143.000 IT- und Internetunternehmen in Deutschland gegründet worden sind. Im Jahr 2011 waren es mit 8.000 Gründungen sogar überdurchschnittlich viele. (Im Vergleich: Nach Angaben der Bundesamtes für Statistik hat es 2011 in allen Wirtschaftszweigen 682.858 neue Gewerbeanmeldungen gegeben, gleichzeitig wurden 578.211 bestehende Gewerbe abgemeldet.) Laut ZEW-Studie sind München und Berlin hierzulande die IT-Gründerzentren, es folgen Frankfurt und Hamburg auf den Plätzen drei und vier. Welche thematischen IT-Schwerpunkte bei den Gründern in welchen Regionen verfolgt worden sind, wurde offensichtlich nicht differenziert erhoben. Kempf nannte aber als einen Schwerpunkt Münchens „Embedded Systems“, für Berlin „Gaming SW“. In ostdeutschen Bundesländern wurden die wenigsten Gründungen gesichtet, die dann laut Kempf eher auf Hardware ausgerichtet seien.

Der größte Teil deutscher IT-Gründungen rankt um Dienstleistung und Software. Ein überraschend positives ZEW-Ergebnis: Nach drei Jahren gibt es noch drei Viertel, nach fünf Jahren noch mehr als die Hälfte der IT-Gründungen. „Es gibt nicht so viele erfolglose Gründungen“, sagte Kempf.

Zum Beispiel UpCload

Im Durchschnitt haben die deutschen Startups 70.000 Euro in ihrem Gründungsjahr als Kapital benötigt. In den ersten vier Jahren ihres Bestehens fielen 700.000 Euro an, die sie in der Regel aus ihrem Cash Flow finanziert haben. Nur sechs Prozent der IT-Gründer griffen auf Geld von Banken zurück, fünf Prozent haben Wagniskapital in Anspruch genommen.

Die IT-Gründer in Deutschland sind im Schnitt mit 38 Jahren überraschend alt. Kempf erläuterte, dass der überwiegende Teil sogar 45 Jahre und älter sei. In der Regel handele es sich dabei um Firmen-Ausgründungen. Man müsse annehmen, so Kempf, dass die Älteren nicht mehr den ganz großen Hunger auf Innovation und Forschung und Entwicklung hätten. Er ließ eine gewisse Sympathie für die junge Berliner Startup-Szene durchblicken, zumal diese in einer speziellen Campus-Atmosphäre vergleichbar zu Sillicon Valley lebe, wo man sich im Café oder beim Burger essen gegenseitig austauschen und befruchten könne. So gab Kempf denn auch dem Berliner Startup-Gründer SeSchulze Schulze Gelegenheit, die Berliner Szene am eigenen Beispiel und Geschäftsmodell ein bisschen zu durchleuchten.

Schulze hat mit 22 Jahren zusammen mit seinem Partner Asaf Moses 2010 das Startup UPcload gegründet. Damit falle er, so sagte er selber, völlig aus der ZEW-Studie heraus, zumal kein Einziger der aktuell 22 UPcload -Mitarbeiter älter als 38 sei. Er repräsentiere die Berliner Startup-Szene, die zwischen 25 und 30 Jahren zu Gründern werde. Typisch an ihr sei, dass man ein Problem im Alltag entdecke und zur Lösung des Problems eine Unternehmens-Idee entwickle. In seinem Fall: Er habe während des Studiums relativ häufig bei eBay Kleidung bestellt, T-Shirt von Adidas zum Beispiel. Bei Anlieferung stellte sich heraus, dass das T-Shirt nicht passte. Zurück schicken ging nicht. Man habe damals viel mit der WebCam gedreht und geskypt und sei dann darauf gekommen, dass man die richtigen Maße mit einer WebCam erfassen könne. Daraus hat sich die Geschäftsidee ergeben, für Online-Bekleidungshändler eine Lösung anzubieten, die die maßgeschneiderte Anlieferung erlaube. Aktuell, so Schulze, werde bestellte Kleidung in Deutschland zu 40 Prozent retourniert, was für die Händler hohe Kosten zur Folge hat.

Obwohl die Geschäftsidee technologiegetrieben ist, Schulze und Moses aber Wirtschaft studiert haben, haben sie sich dennoch durchgebissen, um die Unternehmung realisieren zu können. Startkapital von Banken haben sie nicht gekriegt. Doch haben Fördermittel-Geber aus Berlin die Idee mit Geld unterstützt, so dass ein Büro mit Mitarbeitern aufgebaut werden konnte. Zudem habe man mit der Humboldt Universität kooperiert und konnte bereits 2011 den ersten Prototypen für das UpCloud-Angebot auf die Beine stellen. Gleichzeitig gelang es, das erste Beteiligungskapital in die Firma zu holen. Mittlerweile habe man 15 Privatinvestoren als Geldgerber gefunden. 700.000 Euro, so Schulze, reiche bei weitem nicht aus, um aus der Idee ein internationales Geschäft zu machen, was man anstrebe. Man müsse insbesondere den USA-Markt erobern. Der würde nämlich auch beobachten, was in Deutschland Neues entwickelt wird. Und wenn man sich in den USA dann die Idee schnappen würde (das wird in der Startup-Szene übrigen „Catcopy“ genannt), wäre die Chance wegen des viele größeren Marktes in den USA viel größer damit schnellen Erfolg zu haben, so dass schließlich die Idee von da wieder zurück nach Deutschland kommen könne.

Schulze hat vorgesorgt. Man sei ebenso bereits 2011 in den amerikanischen Markt vorgedrungen und habe mit TheNorthFace eine prominente Marke als Partner gewonnen. Der Start von UPcload in den USA steht für Januar 2013 an. In Deutschland ist UPcload seit Anfang 2012 unter anderem bei Otto.de zumindest als Test integriert.

Selbstdisziplin und viel Arbeit

Wenn man vorhabe, ein internationales Unternehmen wie Facebook zu werden, und das hat Schulze, brauche man sehr viel Geld, um stetig in das Wachstum des Unternehmens investieren zu können. Allein das Beispiel Zalando habe gezeigt, dass man „viele Finanzierungsrunden drehen“ müsse, „die schon fast im Milliardenbereich liegen“, um erfolgreich ans Ziel zu kommen. Selbstdisziplin und viel Arbeit sei die Voraussetzung für das Gelingen, was allerdings nicht von allen Berliner Startups beherzigt werde. Er selbst, so Schulze, sei motiviert, weil er auf Grund drei absolvierter Praktika in der herkömmlichen Wirtschaft erkannt habe, dass er nicht Wirtschaftsprüfer werden will, sondern seinen Job in der ersten Reihe selber in der Hand haben will. Mittlerweile hat der jetzt 24-jährige auch schon gelernt ein Team aufzustellen und es zu leiten. Schulze ist begeistert von dem „dynamischen Umfeld Berlin“. Hier habe sich in den letzten zwei, drei Jahren viel geändert: „Mehr Fördermittel, mehr Kapital kommt in die Stadt“. Viele Investoren kommen aus dem Ausland, speziell aus den USA, weil Berliner Startups auch schon international erfolgreich geworden sind. So habe beispielsweise Earlybird, die nach eigenen Angaben erfolgreichste europäische Venture Capital-Firma ist, zu Gunsten von Berlin die Standorte Hamburg und München aufgegeben.

Auf die Frage, ob denn UPcload mittlerweile schon profitabel sei, antwortet Schulze dezidiert: „Wir sind auf Wachstumskurs und das heißt, dass wir mehr Geld ausgeben als wir einnehmen. Wir sind nicht profitabel. Das ist momentan auch nicht unser Ziel, sondern weiter zu wachsen. In dem Moment wenn wir skalieren können, wird sich auch die Profitabilität entsprechend einstellen.“ Man merkt: Wer sich als Startup international durchsetzen will, braucht nicht nur einen langen Atem, sondern eine eiserne Mentalität, um trotz aller Risiken durchzustarten.

Eine Mentalität, die Kempf vor allem bei den Amerikanern sichtet: Sie hätten „ein anderes Sendungsbewusstsein als Deutsche“. Ein Amerikaner, so Kempf, „will ein Unternehmen für die Welt gründen. Deutsche Gründer wollen es selten.“ Dennoch erwartet Kempf einen weiteren Zuwachs bei Gründungen in Deutschland, vor allem im Bereich Online-Handel und Online-Gaming. Weil New York und London auf Deutschland aufmerksam geworden seien, stünden mittlerweile „deutlich mehr finanzielle Mittel zur Risikofinanzierung“ zur Verfügung. Jetzt gehe es darum, diejenigen zusammen zu führen, „die das Geld haben und jenen, die es brauchen“.
Erika Butzek
(MB 12/12_01/13)

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