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Trendwende bei der deutschen TV-Serie

Trendwende: Während in der Vergangenheit neue deutsche TV-Serienentwicklungen ruckzuck vom Bildschirm verschwanden, wenn sie nicht auf Anhieb die zuvor gesteckten Quotenziele erreichten, erhalten sie neuerdings wie etwa „Post Mortem“ (RTL), „Dr. Psycho“ (ProSieben) und „GSG 9“ (Sat.1) eine zweite Chance.

Tatsächlich hängt der Erfolg oder Nicht-Erfolg einer neuen Serie neben dem Inhalt von ganz unterschiedlichen Faktoren – nicht zuletzt vom zugeteilten Sendeplatz – ab, wie GSG 9-Produzent Fritz Wildfeuer von der Kölner Produktionsfirma Typhoon AG im Gespräch mit MEDIEN BULLETIN analysiert.

Nach der ersten Folge von GSG 9, die von Sat.1 als anspruchsvolle Action-Serie angekündigt worden war, blieb wohl bei vielen Zuschauern vor allem das Bild einer anonymen Männertruppe in schwarzen Kampfanzügen hängen. Die SZ schrieb beispielsweise: „Zwar fliegt ein bisschen was in die Luft, aber es wird vor allem gerobbt, angepirscht und observiert.“ Wie sollte das zu der weiblichen Hauptzielgruppe von Sat.1 im Alter zwischen 30 und 49 Jahren passen?
Es war ja nicht das Ziel, nur diese Frauen zu erreichen. Damals war unsere Idee, den Bundesgrenzschutz – der mittlerweile Bundespolizei heißt – zu thematisieren. Diese Grundidee hat Sat.1 sehr interessiert. Es stimmt auch nicht, dass unsere Serie nur schwarz verhüllte Männer zeigt. Es war der Wunsch von Sat.1, mit dieser Serie neben ihrem weiblich orientierten Publikum auch Männer anzusprechen.

Sie wollten eine neue Farbe für das Genre „Krimi“ entwickeln?
Ja, auch. Wir haben für Sat.1 vor allem nach einem Thema gesucht, mit dem wir etwas in Serie erzählen können, das in Deutschland noch nicht erzählt worden ist: weg von den klassischen Kripo-Serien, in denen Mordfälle gelöst werden. Also haben wir ein neues Feld gesucht, das es bislang noch nicht im Fernsehen gab…

…und wo es noch ein bisschen spektakulärer zugehen könnte?
Sat.1 hat damals beim Research herausgefunden, dass es bei einem breiteren Publikum ein großes Interesse speziell an der GSG 9 gibt. Ein spannendes Thema, da es um eine Eliteeinheit geht, die nicht wegen jeder Kleinigkeit, sondern nur bei wirklich großen, gefährlichen Situationen gerufen wird – wenn es also dramaturgisch um Fälle geht, die auch eine gewisse „Fallhöhe“ haben.

Wenn es laut Trailer um „Leben und Tod“ geht…?
Es geht um lebensgefährliche Einsätze. Es handelt sich um eine extrem gut trainierte, und gut ausgebildete Truppe. Hinter GSG 9 steht auch ein Mythos. Nur sehr wenige werden in der GSG 9 aufgenommen, müssen harte Aufnahmebedingungen bestehen. Und wir wollten mal schauen, was sind das für Männer? Wir wollten hinter die Masken blicken. Wie gehen Männer, die in einem derart extremen Berufsalltag stehen, miteinander um. Was passiert da? Die Idee war also, in diese geheimnisvolle Welt einzutauchen.

Hatten Sie dabei als Vorbilder die US-Serien „24“ und „The Unit“ im Sinn?
„The Unit“ gab es damals bei Beginn der Entwicklung noch gar nicht. Diese Serie ist uns erst kurz vor Drehbeginn zur Kenntnis gekommen.

GSG 9 ist dann bei Sat.1 zunächst nicht so erfolgreich „eingeschlagen“, wie man es sich erhofft hatte. Nach dem Neugiereffekt begann mit der zweiten Folge erst einmal ein Sinkflug in Bezug auf die Quote. Hat man analysiert, woran es lag?
Die erste Folge lief mit über 13 Prozent schon gut. Dann kamen viele Faktoren zusammen wie Sendeplatzwechsel und Konkurrenzumfeld. GSG 9 lief häufig gegen große Fußballspielspiele, was für ein Programm, das auch Männer anspricht, immer schwierig ist.

Die letzten beiden Folgen, Nummer 12 und 13, der ersten GSG 9-Staffel, die im Doppelpack ausgestrahlt wurden, erzielten dann aber plötzlich überdurchschnittlich hohe Quoten. Ist der subjektive Eindruck richtig, dass sich GSG 9 im Vergleich zur ersten Folge stark verändert hat, da nicht mehr die Kampftruppe als solche im Vordergrund steht, sondern die gesellschaftspolitische Thematik der GSG 9-Einsätze und die Konflikte und wechselhaften Perspektiven, die sich zwischen privatem und offiziellen Leben einzelner GSG 9-Protagonisten ergeben? Eine Änderung im Konzept, so dass GSG 9 doch noch spannend geworden ist…?
In der ersten Folge ging es erst einmal darum, die GSG 9 und das Format einzuführen, mit dem typischen Fall einer terroristischen Geiselnahme, um so zugleich unsere Helden vorzustellen. Bei einer Serie müssen die Zuschauer immer zunächst die Charaktere der Hauptprotagonisten kennen lernen. Die teilweise schwachen Quoten einzelner Folgen haben schon auch sehr mit der außergewöhnlichen Konkurrenz der Champions League Spiele zu tun. Die erste Folge hatte übrigens fast die gleiche Quote wie Folge 13. In allen Folgen steht unser Team der GSG 9 im Zentrum, und wir erzählen immer auch große spannende Fälle nach Möglichkeit mit einer gewissen Relevanz für die Zuschauer. So wie Ihnen ist es auch anderen Zuschauern ergangen: Sie haben immer mehr Gefallen an der Serie gefunden…

Mehr Potenzial in der Serie
Die Entscheidung seitens Sat.1, eine zweite Staffel von GSG 9 in Auftrag zu geben, war schon gefallen, bevor sich die Quoten zum Abschluss wieder signifikant verbessert hatten. Aufgrund welcher Erwartungen und Analysen?
Die Entscheidung weiterzumachen, hat Sat.1 getroffen, weil auch schon die Quote der Folgen 10 und 11 über zehn Prozent lagen und insgesamt eine aufsteigende Tendenz zu erkennen war, so dass man davon ausgehen kann, dass Potenzial in der Serie steckt.

Meinen Sie, man muss es hinnehmen, dass es eine Weile dauert, bis Zuschauer Gefallen an einer neuen TV-Serie finden?
Vielleicht nicht bei allen Serien. Man muss aber, wie bereits erwähnt, die Konkurrenzsituation bei der Einführung von neuen TV-Serien realistisch betrachten. Es laufen zurzeit sehr viele Serien auf allen Sendern: VOX, Kabel 1, RTL, ProSieben, ARD, ZDF. Bei der Vielfalt von bereits etablierten Serien hat es eine neue Serie sehr schwer, ihren Platz zu finden. Auch CSI hat nicht von Anfang an Erfolg gehabt, sondern mit vier bis fünf Prozent Marktanteil bei VOX begonnen und dann, je länger sie lief, den Marktanteil auf dieses hohe Niveau gesteigert.

Es gibt zwar viele Serien, aber tatsächlich auch so viele, die in direkter Konkurrenz zu GSG 9 stehen könnten…? ARD und ZDF beispielsweise sprechen doch eher ein älteres Publikum an…
In Konkurrenz zum GSG 9-Sendeplatz am Mittwochabend liefen zum Beispiel auch spannende, amerikanische Serien bei ProSieben oder VOX, die gerade die jungen Seher ansprechen. Wir haben zurzeit generell eine starke Dominanz amerikanischer Serien, die ihr Stammpublikum gefunden haben. Mit einer neuen Serie muss man versuchen, die Stammseher von anderen Serien abzuwerben, und man muss dabei ein bisschen Geduld haben.

Zumal einige US-Serien einen besonders hohen Production Value haben und obendrein vielleicht einen besonderen Sog erreichen, dadurch, dass sie nicht aus dem bekannten Deutschland, sondern aus den fernen USA stammen und im Vergleich zum klassischen deutschen Serien-Angebot mal was ganz anderes zeigen?
Das glaube ich auch. Die Renaissance der US-Serie ist neben den sehr guten Formaten und Büchern auch auf den höheren Production Value zurückzuführen. Sie sind bei vielen Zuschauern derzeit schlicht in Mode. Hinzu kommt allerdings auch, dass viele etablierte deutsche Serien ihren Zenit im Lebenszyklus erreicht hatten. Serien laufen in der Regel eine bestimmte Zeit, sind irgendwann auserzählt, und die Zuschauer wollen wieder Neues sehen. Genau in diesem Moment kamen die neuen amerikanischen Sendungen auf den deutschen Markt und zu diesen neuen Serien sind die deutschen Zuschauer gewandert. Jetzt muss man sie mit richtig guten Angeboten wieder zurückgewinnen…
Erika Butzek (MB 09/07)





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