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TV-Problemzone Jugend

TV-Problemzone Jugend

Kommt er oder kommt er nicht – der gemeinsame trimediale Jugendkanal von ARD und ZDF für 14-29-Jährige, der via Fernsehen, Radio und Internet ausgespielt werden soll? Wenige Stunden bevor die 16 Ministerpräsidenten der Länder dazu in der Hauptstadtregion endlich eine Grundsatzentscheidung fällten, fand am 16. Oktober in Berlin-Mitte die 9. Medienkonferenz des gewerkschaftlichen Dachverbandes dbb zum Thema „Öffentlich-Rechtliche und junges Publikum“ statt. Diskussionsteilnehmer waren unter anderem der ARD-Vorsitzende und NDR-Intendant Lutz Marmor sowie Ex-RTL-Chef und heutiger Medienberater und –Unternehmer, Prof. Dr. Helmut Thoma.

In seiner Begrüßungsrede hatte dbb-Bundesvorsitzender Klaus Dauderstädt die These aufgestellt: „Nur wenn es gelingt, dauerhaft mehr junge Zuschauer für das Programm zu gewinnen, ist die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gesichert“. Frage aller Fragen aber ist, wie sollen ARD und ZDF die jungen Zuschauer gewinnen, zumal sie heute viel lieber privates als öffentlich-rechtliches Fernsehen sehen? Dazu fällt einem Helmut Thomas‘ Bonmot aus seiner Zeit als RTL-Chef ein, wonach „der Köder dem Fisch und nicht dem Angler schmecken muss“. Diese simple Wahrheit ist bis heute Prinzip für erfolgreiches Fernsehmachen geblieben, das massenhaft Zuschauer als Quoten einfängt. Bei der dbb-Medienkonferenz ließ Thoma neue pragmatische Metapher-Weisheiten vom Stapel. Beispiel: Gibt es digitales Fernsehen? Thoma: „Wenn der Joghurt mit einem Elektrokarren ins Geschäft gebracht wird, wird er nicht zu einem Elektro-Joghurt“. „Der Transportweg“, so Thoma, „gestaltet nicht den Inhalt“. Es ist wurscht, ob ein TV-Programm via Broadcast- oder Internetwege zum Zuschauer kommt. Ob es Erfolg haben wird, hängt davon ab, ob der Inhalt dem Zuschauer schmeckt, egal wie alt er ist. Ergo: „Digitales Fernsehen gibt es nicht!“ Thoma „hat vollkommen Recht“, bestätigte Dr. Simone Emmelius, Leiterin von ZDFneo. Digital sei lediglich die Verbreitungsform: „Die Übersetzung von Bildern und Tönen in Null und Eins – mehr ist das nicht“. Trotzdem aber rede man immer noch – auch rund um die Diskussion über den Jugendkanal – von Digitalfernsehen, „weil es die Ermächtigungsgrundlage für ARD und ZDF war, weiteres Programm zu machen“.

So ist in der hiesigen föderalen Medienpolitik ein Durcheinander entstanden. Vor rund fünf Jahren hatten die 16 Ministerpräsidenten der Länder das Digital-Konzept von ARD und ZDF mit insgesamt sechs neuen Kanälen durchgewinkt. Die ARD wusste mit ihren drei neuen Kanälen wenig anzufangen. Kein Wunder, sie verfügt ja zusätzlich zu ihrem Hauptprogramm beispielsweise über neun Dritte Programme und sogar über einen Bildungskanal, der sich seit Juni dieses Jahres ARD-alpha nennt. Dagegen war das ZDF über die drei neuen Kanäle hoch erfreut und wollte endlich eine Sendefamilie bilden. Peu á peu fiel indessen den Medienpolitikern auf, dass ARD und ZDF die Jugend als Zuschauer abhanden gekommen ist. Zu dieser Erkenntnis hatte sie auch SWR-Intendant Peter Boudgoust ein bisschen hingetrieben. Seit langem schon bastelt der SWR, rund um sein Jugendradio „DasDing“, an einem trimedialen Jugendkanal, wofür man mit dem E-Lab ein feines voll digitalisiertes Studio aufgebaut hat, „mit filebasiertem Medienworkflow“. Also preschte Lutz Marmor vor zwei Jahren in seiner Rolle als „ARD-Sprecher“, wie er sich bei der dbb-Medienkonferenz nannte, vor, um den Ministerpräsidenten vorzuschlagen, dass die ARD zugunsten eines gemeinsamen Jugendkanals mit dem ZDF zwei digitale Kanäle wieder abgeben wolle. Konkret schlug er vor, aus den bisherigen Digitalkanälen ZDFneo und Einsfestival (ARD) ein gemeinsames Programm für jüngere Erwachsene (30-49 Jahre) zu bündeln, Einsplus und ZDFkultur zu einem Programm für „junge Menschen (14-29 Jahre)“ zu verschmelzen sowie aus tagesschau24 und ZDFinfo einen gemeinsamen Nachrichtenkanal von ARD/ZDF zu machen. Auf diese Weise würden dann auch die 45 Millionen Euro jährlich an Ressourcen frei, die man eben für einen gemeinsamen Jugendkanal verwenden könnte. Mit diesem Vorschlag war Zoff zwischen ARD und ZDF vorprogrammiert. Zwar hatte ZDF-Intendant Thomas Bellut den Ministerpräsidenten längst selber vorgeschlagen, aus Kostengründen ZDFKultur einzustellen, aber ZDFneo und ZDFinfo wollte er selber und alleine behalten. Hickhack auch unter den Ministerpräsidenten. Während es vordergründig allein um Überlegungen zur Verjüngung von ARD/ZDF ohne neue Kostenerhöhung ging, hatte man in Wirklichkeit natürlich auch standortpolitische Interessen: Wo wird neues Programm produziert? Wo entstehen neue Arbeitsplätze? Was kriege ich im Gegenzug dafür, wenn ich einem Jugendkanal im Land XY zustimme?

Zum Zeitpunkt der dbb-Medienkonferenz war bekannt, dass 13 der 16 Ministerpräsidenten dem Jugendkanal zustimmen wollten und, dass es nur dann grünes Licht gibt, wenn alle 16 ja sagen. Quer geschlagen haben die drei unionsgeführten Länder Bayern, Hessen und Sachsen. Als Grund dafür gab Marcus Weinberg, familienpolitischer Sprecher der CDU/CSU, an, man habe den Wunsch, dass es für die Jüngeren unter 30 Jahren analog zum Kika-Kanal „wieder ein gutes Bildungsangebot gibt“, „ergänzend“ könne man im Internet andere gute Aktionen machen. Mag sein, dass der Wunsch davon geleitet ist, dass der BR bereits den Bildungskanal Alpha-ARD aufgesetzt hat. Und die Ministerpräsidenten haben sich dann dafür entschieden, dass es keinen speziellen TV-Jugendkanal, sondern entsprechende gemeinsame Programme von ARD und ZDF nur im Internet geben solle. Auch zum Thema Bildungsprogramm hatte Thoma eine interessante Anekdote auf Lager. Er könne sich erinnern, dass die Dritten Programme einst alle mit dem Anspruch gestartet seien, Bildung anzubieten. Nach drei Wochen sei beim BR ein Anruf eingegangen, der sofort zum Intendanten weiter geleitet worden sei, nach dem Motto „Unser Zuschauer ruft an“. „Bildungsprogramm will keiner sehen“, weiß Thoma. Man müsste „die Leute fesseln oder in irgendeiner anderen Weise in ihrer Freiheit beinträchtigen“.

Dem widersprach Emmelius vehement. Die Leiterin von ZDFneo platzte schier vor Stolz, dass ihr Programm, das sich an Zuschauer im Alter von 20 bis 49 Jahre wendet, in den fünf Jahren seiner Existenz den Marktanteil von 0,1 Prozent bis sogar auf 1,5 Prozent gesteigert habe. Das sei ein „großer Erfolg, wenn man guckt, wie fragmentiert die Landschaft geworden ist“. Besonders gerne von den Jüngeren seien neu entwickelte Formate wie „Auf der Flucht“ oder „Der Rassist in mir“ geguckt worden, weil sie viel Diskussionsstoff angeboten hätten. „Ein reines Bildungsprogramm beabsichtigen wir mit Sicherheit nicht“, räumte Marmor ein. Man wolle vielmehr ein Programm mit Niveau anbieten für die Jugendlichen, die sich nicht für RTL 2 interessieren. RTL 2 hat bekanntlich viel Erfolg bei unter 30-Jährigen mit Soaps wie etwa „Berlin – Tag & Nacht“. Sandra Kothe, Vorsitzende der dbb Jugend, bekam viel Applaus, als sie forderte „RTL 2 kann nicht alles gewesen sein!“ Sie ist überzeugt, man könne auch Bildungsprogramm spannend machen. Als Mittel dafür fiel ihr wie auch Dr. Walter Klingler, Leiter der Abteilung Medienforschung beim SWR, ein, man müsse die Jugendlichen an der Programmgestaltung partizipieren lassen. Klingler hob das Feedback, wie es dann ja auch im Internet möglich ist, als „entscheidend“ hervor wie natürlich auch Social Media. Marmor hatte referiert, dass die ARD „mitten in der Gesellschaft“ verankert und „quicklebendig“ sei. Die Tagesschau erreiche auch bei den unter 30-Jährigen einen Marktanteil von rund zehn Prozent. Man sei ständig darum bemüht die Programmqualität zu verbessern. Eine Verjüngung des Hauptprogramms könne man indessen nur „in kleinen Schritten, in längerem Zeitraum, mit neuen Stoffen und Darstellern“ angehen. Man wolle das vorhandene Publikum nicht verprellen.

Thoma hatte in seinem Vortrag grundsätzlichere Probleme ausgemacht, als die Frage danach, wie wichtig ein Jugendkanal ist. Zunächst brachte er Zahlen. In der Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen hätten ARD und ZDF bislang addiert einen Marktanteil von 7,6 Prozent. Der läge allein bei RTL 2 bei 9,2 Prozent. Viel gravierender aber sei, dass ARD/ZDF selbst in der Zielgruppe der 14- bis 59-Jährigen insgesamt nur einen Marktanteil von rund 16 Prozent erreichten. Das hieße: Wenn die Privaten in den öffentlich-rechtlichen Programmen kein echtes Gegengewicht mehr hätten, dann müssten Konsequenzen aus dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahre 1994 gezogen werden. Es müssten programmbestimmende Beiräte für die Kontrolle der Qualität des Fernsehens in Deutschland eingesetzt werden oder eine andere Lösung gefunden werden, um das Gleichgewicht im Dualen System wieder herstellen zu können, weiß Thoma als Jurist. Wobei er sich darüber erregte, dass hierzulande das Privatfernsehen zu 86 Prozent allein von dem Duopol RTL und ProSiebenSat.1 beherrscht werde, was aber niemanden interessiere, schon gar nicht die Ministerpräsidenten. Andererseits sei man hierzulande über die Dominanz von Silvio Berlusconis TV-Imperium empört gewesen, obwohl das lediglich einen Marktanteil von 40 Prozent gehabt habe. Dem Jugendkanal von ARD und ZDF wünschte Thoma „viel Glück!“. Er selber habe mit seinem Projekt „Jugend-Fenster“ Nix.TV.de, das 40 Studenten auf seinem Fernsehsender NRW.TV gestalten, festgestellt, dass die Jugend heute noch „viel heterogener“ aufgestellt ist, als man ohnehin denkt.

Erika Butzek

MB 7/2014

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