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„Wir sind weltmarktfähiger als andere Länder“

TeamWorx-Chef Nico Hofmann ist ganz klar der erfolgreichste deutsche Produzent im Bereich TV-Fiction-Event. Doch in Sachen „TV-Serie“, der Königsdisziplin im Fernsehen, hat auch er mit „Verrückt nach Clara“ auf ProSieben einen Quotenflop hingelegt. Im Gespräch mit MEDIEN BULLETIN versucht Nico Hofmann die Ursachen für die Krise der deutschen TV-Serien-Produktion zu ergründen und nennt Erfolgsparameter für die aktuelle Renaissance des deutschen TV-Movies.

Sie haben in der Vergangenheit häufig betont, wie wichtig Ihnen Ihr Job als Professor an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg ist, auch um sich von der nachwachsenden Generation der TV- und Filmmacher inspirieren zu lassen. Wie bewerten Ihre Studenten aktuell das deutsche Fiction-Programm – von TV-Events bis Serie – im hiesigen Fernsehmarkt?
Das Erschreckende ist: Die Studenten beschäftigen sich kaum mehr mit dem deutschen Fernsehprogramm, weder mit den Schauspielern noch mit den Serien noch mit dem gesamten fiktionalen Programm. Sie gehen lieber ins Kino. Das halte ich für ein riesiges Problem. Ich predige meinen Studenten, dass sie mehr Fernsehen schauen sollen, da es zu ihrer zukünftigen Arbeitswelt gehört. Doch das ist bei 25-Jährigen schwer durchsetzbar. Hinzu kommt, dass die aktuelle Altersgruppe aus der Internet-Generation stammt. Dieser mediale Wandel drückt sich auch im Studienverhalten aus.

Wie denn das?
Studenten beziehen den großen Teil ihrer „Weisheiten“ aus dem Netz und nicht aus dem Fernsehen: Im Internet findet der Austausch mit ihren Communities statt, dort beschaffen sie sich ihre Informationen und Inhalte. Zum Beispiel lassen sich aus dem Netz die neuesten US-Serienstaffeln herunterladen. Anhand der Studienbewerbungen, bei der alle drei Jahre neue Erfahrungswelten entstehen, kann ich den Mediengenerationswechsel ablesen.

Die Art der Einreichfilme und die Art der Themen zeigen deutlich, dass 25-Jährige mehr von der intensiven Beschäftigung mit dem Internet als vom Fernsehen geprägt sind. Das war vor zehn Jahren definitiv anders. Da spielte das Fernsehen in ihrem Medienverhalten noch eine wesentlich höhere Rolle. Der zweite Punkt ist aber auch, dass Fernsehen für Filmstudenten nach wie vor einen leicht negativen Beigeschmack hat.

Das heißt, Filmstudenten gucken sich eher amerikanische Serien an und nehmen die deutschen Serien, die hierzulande gute Quoten machen – wie etwa „Um Himmels willen“ oder „Familie Dr. Kleist“ – gar nicht wahr?
So ist es. Interessanterweise führt die Beschäftigung mit dem Internet zu einer deutlichen Internationalisierung und damit verbunden ist auch die Ausbildung von international geprägten Geschmacksmustern. Da kommt noch ein Moment hinein, dass die deutsche Serie und das deutsche Produkt einen leichten Beigeschmack von „unsexy“ und „uncool“ bekommt. Wenn man dann allerdings hinterfragt, warum deutsche Fiction uncool ist, kommen nur unreflektierte, nicht wirklich kluge oder genaue Analysen (lacht) heraus. Meine These ist: Das Internet führt zu einer Internationalisierung. Das Internet ist ein Klick in die Welt.

Die Community ist nicht mehr nur Ludwigsburg und Deutschland. Das ist eine völlig andere Vernetzung, die ich auch begrüße, zumal auch ich gerne reise. Aber den Studenten fehlt die Besinnung darauf, was ihre eigene Lebenswirklichkeit in Deutschland ausmacht, die es zu fiktionalisieren gilt. Da muss man ständig neue Diskussionen führen: Worum geht es in eurem Leben? Was sind Eure Lebenswirklichkeiten?

Wenn bei der nachwachsenden Generation der Film- und TV-Filmmacher ein derart großes Desinteresse an deutscher TV-Fiction besteht, ist es ja kein Wunder, dass – zumal im Serienbereich – kaum mehr etwas Neues, Spannendes aus dem eigenen Land auf den Bildschirm kommt!
In Deutschland gibt es einen Widerspruch zwischen der älteren Generation, die über 50 ist, die ganz klar Programm wie „Um Himmels Willen“ anschaut und immer älter wird, und der Generation ab unter 40, die quasi gar nicht mehr mit deutschen Serienproduktionen erreichbar ist, weil sie scheinbar in einer ganz anderen Lebenswirklichkeit lebt. Und die Kluft zwischen diesen Generationen wird immer größer. Bei ARD und ZDF laufen die Serien noch konsistent, bei den Privaten ist es sehr schwierig geworden, mit deutschen Produktionen auf eine anständige Quote zu kommen. Deshalb frage auch ich mich: Wie differenziert haben wir in den letzten Jahren erzählt? Wie weit sind wir in eine sich ändernde Lebenswelt der jüngeren Generation vorgestoßen? Welche Bemühungen haben wir dazu gemacht?

Ganz klar haben uns die Amerikaner mit ihren ausgeklügelten Serien-Strukturen überholt, die ganz anders sozialisiert sind. Die Serien-Genres, die auch die jüngere Zielgruppe mit erreichen, sind im Moment amerikanisch besetzt. Auf allen drei großen Schienen „Medical“, „Family“ und Crime. Die Amerikaner haben eine 15 bis 20 Jahre lange Vorerfahrung im differenzierten Auserzählen auch in der jüngeren Generation, weil im amerikanischen Programm die Prime-Time von der Serie bestimmt wird. In den USA gibt es kaum noch Einzelfernsehspiele.

Was meinen Sie mit „differenziertem Auserzählen“?
Beispiel „Dr. House“. Da wird ein Charakter gegen den Strich gebürstet, ein völlig verquerer Charakter aufgebaut. Mit „Desperate Housewives“ haben sich die Amerikaner in völlig neurotische Familienstrukturen vorgewagt. Eine solche Erzählweise ist weit weg von deutschen Standards. In Deutschland gibt es so gut wie keine Familienserien mit psychologisierten Strukturen. Wir sind sozialisiert von „Um Himmels Willen“, von klassischen Familienserien. Da waren „Diese Drombuschs“ vor Jahren noch relativ fortschrittlich. Zwischen den klassischen Serien und Neuem klafft ein riesiges Loch. Wir haben großen Nachholbedarf. Der muss gedeckt werden. Aber das wird einige Jahre in Anspruch nehmen. Denn jeder probiert im Moment erst mal aus, was funktionieren könnte.

Sagen Sie das, weil auch Sie mit der ProSieben-Serie „Verrückt nach Clara“ gescheitert sind? Und ist „Verrückt nach Clara“ vielleicht deshalb beim Publikum nicht angekommen, weil die Serie ähnlich holzschnittartig wie die Telenovelas daherkam, obwohl die Serie ja nicht für den Nachmittag oder Vorabend, sondern für die Prime-Time realisiert worden ist?
Den Misserfolg ziehe ich mir komplett selber an. Ich habe „Verrückt nach Clara“ mit extremer Hinwendung produziert. Die Serie ist von mir stimuliert worden bis hin zur Regiebesetzung. Ich fand es toll, weil die Intention war, die Generation, um die es ging, im Alter zwischen 20 und 28 Jahren, selbst von ihrer Lebenswirklichkeit erzählen zu lassen. Die Macher waren extrem jung und es war eine unglaublich authentische Arbeit am Set. Es waren ja Studenten von mir, die das Projekt realisiert haben. Ich habe mich bemüht, etwas Authentisches, eine neue Erzählform entstehen zu lassen. Ich war mir bei meinem Tun in diesem Projekt genauso sicher wie bei „Dresden“.

Das Projekt hat von ProSieben jede Unterstützung erhalten, einschließlich einer großen PR-Kampagne. Dass sich das alles beim Zuschauer nicht positiv niedergeschlagen hat, ist mir bis zum heutigen Tag nicht erklärbar. Die Leute sind ja gar nicht einmal in die Serie reingegangen! Die Erklärung mag in dem Bereich liegen, dass „Verrückt nach Clara“ sich nicht genügend von einer herkömmlichen Telenovela abhob. Aber es wird dauern, um genau zu analysieren, warum das Projekt wirklich fehlgeschlagen ist. Das war Anfang des Jahres die Vorbotschaft dessen, was sich dann im weiteren Jahr bei allen Sendern abgespielt hat: Fast alle neuen Serien sind bei den Werten gelandet, die wir im Januar erleben mussten. Ich betrachte meine Konkurrenten dabei nicht im Geringsten mit Häme, sondern finde den Trend insgesamt entsetzlich, zumal ich mit vielen Kollegen befreundet bin: mit Joachim Kosak, der R.I.S. verantwortet, mit Friedrich Wildfeuer, der GSG 9 produzierte. Teilweise, wie auch bei R.I.S. kann ich nicht mehr nachvollziehen, warum die deutschen Serien so schlecht laufen. R.I.S. ist hervorragend produziert, und ich wüsste nicht, wie man es besser machen kann.

Suche nach neuen Entwicklungen
R.I.S. ist super produziert, aber doch auch eine europäische Kopie eines amerikanischen Formats…
Es ist ein schwieriges Thema! Ich habe mir überlegt, welche wirklich innovativen Serien wir in den letzten Jahren abseits der bekannten ARD- und ZDF-Serien wie „Um Himmels Willen“, „Die Kommissarin“, „Der Alte“ oder „Derrick“ neu entwickelt haben. Wenn man genau überlegt, „was war wirklich neu?“, bleibt eigentlich nur noch „Edel & Starck“ übrig. Die Serie ist mittlerweile sechs Jahre alt! Und es wird ein riesiges Loch sichtbar zwischen den tradierten gelernten konservativen öffentlich-rechtlichen Familienserien und diesen nicht vorhandenen neuen Programmbereichen. Was eigentlich ist im letzten Zeitraum von zehn Jahren wirklich nach vorne entwickelt worden? Vielleicht „Türkisch für Anfänger“.

Sind die großen Sender in Deutschland Schuld? Haben sie den TV-Serien-Produzenten in den letzten Jahren keinen Raum mehr für Innovationen und Weiterentwicklungen gelassen?
Da würde ich nur teilweise zustimmen, wir sind alle gleichermaßen verantwortlich. Meine These ist, dass in den letzten Jahren zu sehr in der Genrehaftigkeit entwickelt worden ist. Das war nicht wirklich innovativ. Bei jedem Genre wurde dann gesagt, „das gibt es ja schon“. Zum Schluss wurde ein Programm aus England oder Frankreich gekauft und umgebastelt anstatt selber etwas von Grund auf neu zu entwickeln. Nicht einmal im Genre „Medical“ haben wir eine Weiterentwicklung gemacht.

Zwar sind Sie im Serienbereich mit „Verrückt nach Clara“ gescheitert. Dennoch sind Sie mit Ihrer UFA-Tochter teamWorx und den vielen quotenträchtigen TV-Events zweifelsfrei seit einigen Jahren der renommierteste deutsche TV-Produzent, speziell auch bei Werbern und Mediaplanern. Wenn man nun aus der Vogelperspektive auf die deutsche Produzentenlandschaft schaut, wie ist TeamworX aus Ihrer Sicht positioniert? Und was hat teamWorx neu im Köcher?
Im Event-Bereich sind wir Marktführer und wollen es auch bleiben. In der Folge unseres Erfolgs wächst jetzt aber natürlich immer mehr Konkurrenz heran, auch in unserem eigenen Hause mit Norbert Sauer und seiner UFA Fernsehproduktion. Mit den großen Fiction-Events ist ein Markt entstanden, den teamWorx in den letzten acht Jahren definiert haben…

Das hat mit Ihrem „Der Tunnel“ angefangen?
Ja, es hat mit „Der Tunnel“ und der Oetker-Entführung angefangen und dem Engagement von Sat.1 in diesem Programmbereich. In der Mehrzahl – zu über 80 Prozent – laufen die TV-Events heute sehr erfolgreich. TV-Events sind dabei für uns nicht nur in der Stückzahl ein wichtiger Wirtschaftbereich, sondern auch als Erfolgsparameter.

Welche Relevanz hat der TV-Movie-Bereich – das Einzelfernsehspiel – für Sie?
Unser zweiter Bereich ist ganz klar das Einzelfernsehspiel. Wir erleben seit etwa zwei Jahren eine Renaissance des Einzelfernsehspiels. Auch das ist übrigens rätselhaft: Warum geht es den deutschen Serien nicht gut, wohingegen das Einzelfernsehspiel sich teilweise wieder auf gigantische Quoten hin belebt? Beim Einzelfernsehspiel liegen wir extrem gut. Beispiel: Unsere Produktion „Meine Mutter tanzend“ mit Jutta Speidel erreichte 6,4 Millionen Zuschauer. Im Schnitt liegen wir mit unseren Einzelstücken bei deutlich über fünf Millionen – ein Rekordwert. Das hat für mich mit der Relevanz unserer Themen für die Lebenswirklichkeit der Zuschauer zu tun.

Zum Beispiel?
Aktuell arbeiten wir an einem Stoff über einen jungen Afghanistanheimkehrer, der von der Bundeswehr nach Hause kommt und posttraumatisiert ist. Ein Thema, das in der Luft liegt, wie auch das Thema des genannten Jutta Speidel-Films: Da ging es um das deutsche Sozialgefälle, in dem wir gerade alle leben. Die Leute schauen sich das an, was mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun hat. Diesbezüglich müssen wie wieder präziser werden. Die ausschließliche Beschäftigung mit Romantic Comedy und Herz-Schmerz-Geschichten hat keine Zukunft. Wir müssen viel mehr differenzieren.

Trotz des großen Erfolgs Ihrer TV-Events von beispielsweise „Die Luftbrücke“ und „Die Sturmflut“ sind Sie dann gerade bei dem damals allergrößten Erfolg – also mit „Dresden“ – plötzlich in die Kritik der Ihnen zuvor wohl gesonnenen intellektualisierenden Feuilletonisten geraten, wegen der „sterotypen Muster“ zur Einbindung von teils „erfunden Dreiecksliebesgeschichten“. „Die Flucht“ erinnerte aufgrund der emotionalen Dimension des historischen Stoffes und der eingewobenen kämpferischen Liebesgeschichte ein bisschen an die älteren klassischen Hollywood-Erfolge wie etwa „Vom Winde verweht“ oder „Casablanca“. Demnächst produzieren Sie „Das Wunder von Berlin“. Wie wird sich das große TV-Fiction-Event in Zukunft weiterentwickeln? Werden es immer die gleichen Erfolgsmuster sein?
„Das Wunder von Berlin“ hat mit „Dresden“ gar nichts zu tun. Das ist die authentische Lebensgeschichte eines jungen Punkers, der mir vor zwei Jahren seine Geschichte gegeben hat, die wir sehr schnell in ein Drehbuch umgebaut haben. Dieser Thilo Koch war Außenseiter in der DDR und wurde von seinem Vater in die Nationale Volksarmee geschickt, weil es der einzige Weg war, um in der DDR „resozialisiert“ werden zu können. Er stand dann in der Nacht des Mauerfalls mit einer Spezialeinheit vor seinen eigenen Leuten an der Mauer und sollte schießen. Eine radikale, rührende Familiengeschichte, die aber authentisch erlebt wurde. „Die Hindenburg“ hingegen, die wir gerade für RTL vorbereiten, ist wie ein Oliver Stone Film angelegt, ein Krimi um die Absturzhintergründe der Hindenburg.

Bei „Der Vulkan“ – auch für RTL – geht es um einen Vulkanausbruch in der Eifel und um die Frage, was passiert in Deutschland, wenn alle Kommunikations- und Katastrophennetze kollabieren. Weiteres Beispiel: „Unsere Mütter, unsere Väter“ für das ZDF stammt aus der Feder von Stefan Kolditz. Das wird ein letzter großer Bogen über die Generation unserer Eltern sein. Es ist eine Erzählung aus der Sicht einer Gruppe von Zwanzigjährigen über die Zeit zwischen 1939 und 1949. Das sind alles ganz neue Schattierungen. Es ist schlichtweg Unfug, wenn behauptet wird, dass wir immer nach den gleichen Mustern drehen würden. Events sind Unikate, sonst funktionieren sie nicht.

Große Rolle spielt Wertigkeit
Das heißt, teamWorx hat durch seine Vorreiterrolle im Bereich der TV-Events ein besonders gutes Händchen für den erfolgreichen Stoff entwickelt?
Ja, aber die Konkurrenz schläft nicht. „Die Gustloff“ ist auch ein guter Stoff. In den nächsten Jahren wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Es geht ganz stark darum, wie, in welcher Wertigkeit die Filme gemacht sind. „Dresden“ und „Die Flucht“ haben – wenn ich mir erlaube die arte-Quote hinzuzunehmen – über 13 Millionen Menschen erreicht. Das ist erst einmal mit Respekt und nicht immer nur mit Kritik zu begleiten. Je erfolgreicher die Filme werden sollen, umso mehr müssen sie in der Breite emotionalisieren. Im Gegensatz zu unserem Movie „Nicht alle waren Mörder“ von Michael Degen und Jo Baier. Mit diesem Film oder auch mit „Die Mauer“ von Hartmut Schoen haben wir uns nicht im breiten Spektrum vom „Dresden“, sondern im Bereich des sehr künstlerisch gemachten Films bewegt. Wir experimentieren nach wie vor mit verschiedenen Erzählformen. Das Entscheidende an „Dresden“ war nicht die Liebesgeschichte, sondern die lange, authentische Darstellung des Krieges. Wir haben gezeigt, wie sich Krieg anfühlt. Das war eine Herausforderung, auch für die Zuschauer. Die haben in der Familie diskutiert, wie ihr eigenes Kriegserlebnis war. Auch bei „Die Flucht“ – das zeigen die GFK-Daten und Medianalysen – hat kein Mensch zuhause über die Liebesgeschichte diskutiert. Vielmehr haben die Älteren – ausgelöst durch den Fernsehfilm – anhand ihrer eigenen Erlebnisse ihren Kindern und Enkeln erklärt, wie sich Flucht und Vertreibung angefühlt haben. Es ist eine riesige Leistung, wenn Fernsehen eine solche Diskussion zwischen den Generationen anregt.
Ein wichtiger Baustein für die Finanzierung von TV-Events ist der Auslandsvertrieb.
Sie haben zunächst dabei voll auf die Partnerschaft mit Jan Mojto und seiner EOS gesetzt. Wie sieht es heute aus?
Wir gehen jetzt sehr unterschiedliche Wege. Durch die Freundschaft mit Jan Mojto ist EOS mein wichtigster Partner und bleibt es auch. Aber ich habe sehr gute Erfahrungen mit Jens Richter von SevenOne Media [eine Tochter der ProsiebenSat.1 AG, d. Red.] gemacht. Ich finde, dass Jens Richter den Auslandsvertrieb sehr gut aufgebaut hat, und wir treten auch gemeinsam bei der Fernsehmesse in Cannes auf. Auch mit ZDF Enterprise arbeiten wir mittlerweile zusammen. „Das Wunder von Berlin“ ist eine komplett hausinterne ZDF-Finanzierung und wird deshalb über ZDF Enterprises im Weltmarkt vertrieben.

Wird nicht der Internationalisierungszwang im Casting und im Stoff umso drastischer, je wichtiger die Erlösquelle Weltvertrieb wird?
Die Internationalisierung wird kommen. Wir sind weltmarktfähiger als andere Länder. Es gibt kaum ein anderes Land, das Event-Fernsehen in einer so hohen Wertigkeit wie wir herstellt. Es bringt uns im Ausland jede Menge Achtung, dass wir in der Lage sind, im Fernsehbereich in Hollywoodqualität produzieren zu können. Von Europa aus betrachtet sind wir Weltmarktführer. Deshalb werden wir mittlerweile auch bei HBO als Partner ernst genommen. Der Weg der zunehmenden Internationalisierung ist allerdings schwierig, weil wir aufpassen müssen, dass es nicht zur Form der früheren Europuddings kommt, als die Identität von Programm verloren ging. Das Problem habe ich aktuell bei der Hindenburg. Ein Teil davon muss in Amerika spielen, weil die Hindenburg in Lakehurst abgestürzt ist. Wir wollen trotzdem, dass das Hauptcast aus Deutschland heraus gebildet wird, um eben die nationale Identität zu bewahren.

Da Ihnen ja neben TV-Event und TV-Movie die Serie so wichtig ist: Muss man da ganz neue Produktionsformen angehen wie sie beispielsweise neuerdings von vielen Produzenten mit den US-Begriffen wie „Writers Room“ und „Showrunner“ beschworen werden?
Ja, man muss alles ausprobieren, weil die amerikanische Produktionswirklichkeit definitiv zehn Jahre voraus ist. Wir waren übrigens die ersten, die gemeinsam mit ProSieben den „Writers Room“ eingeführt haben…

In welchen Bereichen sind denn die Amerikaner den deutschen TV-Produzenten besonders weit voraus: bei der Stoffauswahl, dem Drehbuch oder in der Produktionstechnik?
Produktionstechnik und Inhalt hängen grundprinzipiell zusammen. Die Produktionstechnik allein macht nicht das Programm aus. Man braucht immer eine inhaltliche Verzahnung. Inhalt, Form und Produktionstechnik müssen aus einem Guss sein. Aber ich meine das Defizit liegt mehr bei den Inhalten. Denn in der Produktionstechnik sind die Deutschen, wie die Events zeigen, sehr, sehr weit. Ich wüsste nicht, wo wir da Rückstände haben.

Vor wenigen Monaten haben Sie gefordert, das deutsche Fernsehen müsse provokanter werden. Gilt das noch?
Es gilt mehr denn je. Ich realisiere gerade „Die Grenze“. Da wird die Mauer in Deutschland wieder aufgebaut. Christoph Fromm hat das siebzigseitige Treatment dafür sehr schnell und hervorragend dramatisiert. Da wird die Vision entwickelt, was passiert, wenn die Mauer wieder aufgebaut wird und sich Deutschland wieder spaltet.

Wann kommt das?
Im nächsten Jahr. Ich finde „Die Grenze“ sehr gut. Der Event ist provokant. Es fordert allerdings dem Sender einiges ab (lacht). Aber ich rechne mit einem gigantisch hohen Zuschauerinteresse, weil der Stoff sehr differenziert gemacht ist und die deutsche Befindlichkeit aufnimmt. Wir werden „Die Grenze“ als Drehbuch ab Mai den Sendern anbieten.
Erika Butzek (MB 05/07)


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