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Bloß nichts Neues wagen!

Bloß nichts Neues wagen!

Subjektiv oder objektiv - wird das klassische Fernsehen immer eintöniger und langweiliger? Seltsam jedenfalls: Viele Versuche, neue TV-Formate - vor allem fiktionale Serien – zu etablieren, sind in der jüngeren Zeit mangels Akzeptanz beim Publikum gescheitert. Grund genug, einmal zu fragen, welche TV-Formate funktionieren, welche nicht. Rückblickend, natürlich auf der Basis von Marktforschungsergebnissen.

Unvergessen bleibt die Fußball-WM – „das Sommermärchen“ - in Deutschland vor drei Jahren. Damit trumpfte ein Stück Faszination Fernsehen sogar draußen auf den Boulevards auf – unter dem allerdings fast schon vergessenen Begriff „Public Viewing“. Auch im letzten Jahr begeisterten ARD/ZDF mit spannenden EM-Fußballspielen und den Olympischen Spielen. Wie begehrt der Stoff Bundesliga Fußball ist, lässt sich scheinbar daran erkennen, dass man für die Live-Übertragungen in der Regel bei Premiere zahlen muss. Formel 1 holte in diesem Jahr für RTL mal wieder gute Quoten. Den Boxkampf Vitali Klitschko versus Juan Carlos Gomez am 21. März war für RTL im ersten Quartal dieses Jahres sogar die reichweitenstärkste TV-Sendung. Live-Sport - das Spitzen-TV-Format im Fernsehen?
Das kann man so sehen. Doch verblüffend ist, was die Marktforscher von ARD/ZDF herausgefunden haben. Trotz des langen Fußball-EM-Tuniers und den Olympischen Spielen habe der Sport beim Fernsehpublikum über das ganze Jahr 2008 betrachtet eine eher marginale Rolle eingenommen. Insgesamt haben zumindest die Fernsehzuschauer von großen Vollprogrammen – nämlich das Erste, ZDF, die dritten Programme, RTL, Sat.1, ProSieben, RTL II, Vox, Kabel eins und 3Sat – im Schnitt nur elf Minuten täglich Sport geguckt. Dagegen habe das Fernsehpublikum immerhin täglich 13 Minuten mit Werbespots verbracht!
Zu diesem statistischen Durchschnittsergebnis hat vor allem auch das TV-Sehverhalten des ostdeutschen TV-Publikums geführt. Das liebt auch 20 Jahre nach Mauerfall immer noch viel mehr die Privatsender als öffentlich-rechtliche Programme und bleibt dann eben auch bei den Werbespots hängen, haben Camille Zubayr von der Marktforschung des Ersten und Heinz Gerhard von der ZDF-Medienforschung gemeinsam erhoben.
Auch bei anderen Sportarten neben Fußball – wie Handball, Radfahren, Schwimmen, Tennis, Skifliegen – tauchen immer mal wieder publikumsattraktive, weil leistungsstarke Helden und Mannschaften auf. Nur können die Sender leider nicht voraussehen, wann ein Sportstar geboren wird und wie lange er an der Spitze bleibt. Die Frage ist aber wichtig, wenn es um den Erwerb der Lizenzen geht. Selbst bei der Fußball-WM im nächsten Jahr ist nicht ausgemacht, ob es für ARD und ZDF wieder so viele schöne Quoten wie bei der EM geben wird. Fliegt die deutsche Mannschaft schon in der ersten Runde raus, bleiben nur noch die echten Fußballfans vorm Bildschirm hängen - wie der „Boris Becker Effekt“ im Tennis zeigte. Nicht umsonst gibt es nirgendwo so viele Spartenprogramme wie rund um den Sport, im digitalen Satellitenhimmel und im Internet.
Am liebsten werden bei den großen Sendern Filme, Serien und Unterhaltungs-Shows geguckt, im statistischen Schnitt, täglich 80 Minuten, drei Minuten weniger als im Vorjahr laut Media Perspektiven. Dabei machten in der Vergangenheit vor allem die großen Eventfilme wie „Dresden“ (ZDF), „Die Sturmflut“ (RTL) oder „Die Flucht“ (ARD) mit Blockbuster-hohen Quoten Furore. Doch dieser Trend ist mittlerweile gestoppt.
Kein einziges der teuren Eventfilm-Produktionen konnte im letzten Jahr in der Rangliste der meistgesehen Fernseh- und Spielfilme unter den ersten fünf landen. Immerhin brachte es „Die Gustloff“ und „Das Wunder von Berlin“ vom ZDF mit jeweils knapp acht Millionen Zuschauern noch auf Platz 9 und 10. „Mogadischu“ (ARD) dagegen wurde „nur“ noch von 7,3 Millionen Zuschauern eingeschaltet, allerdings blieben die Quoten zum Thema recht stabil, als Anne Will es in der Folgesendung übernahm. Obwohl der Sat.1-Eventfilm „Wir sind das Volk“ ganz klar ebenbürtig in Emotion und Machart zu den ARD- und ZDF-Produktionen war, schalteten nur rund 4 Millionen Zuschauer ein.
Als Publikumsrenner unter den Filmen erwies sich hingegen der ARD-Tatort, der die ersten sechs Plätze in der Rangfolge besetzt. Der Tatort „Wolfsstunde“ war mit gut zehn Millionen Zuschauern der erfolgreichste auf Platz 1.
Vor diesem Hintergrund erstaunt es schon, dass ARD mit „Kinder des Sturms“ (Hauptdarstellerin: Feliciatas Woll) und ZDF mit „Krupp – eine deutsche Familie“ (Hauptdarstellerin: Iris Berben) zwei ihrer kostbaren Eventfilmproduktionen sogar gegeneinander laufen ließen. Die Quoten waren gut, aber nicht herausragend.
Zum Publikumsrenner unter den TV-Serien hat sich mittlerweile die ARD-Nonnen-Komödie „Um Himmels Willen“ mit rund sieben Millionen Zuschauern entpuppt. Beim ZDF werden besonders gerne Krimi-Serien gesehen wie etwa „Stubbe – Von Fall zu Fall“, „Ein starkes Team“, „Wilsberg“, „Lutter“ oder „Bella Block“.

Obwohl RTL nach wie vor mit den US-Serien „Dr. House“ und „CSI Miami“ reüssiert, haben die Reichweiten im letzten Jahr leicht nachgegeben. Die ARD/ ZDF-Markforscher stellen fest, dass im letzten Jahr vom Publikum weder eigenproduzierte noch eingekaufte neue Serien vom Publikum angenommen wurden. Deren Marktanteile blieben alle im einstelligen Bereich. Allein „Die Stein“ (ARD) und die Neuauflage der früheren Sat.1-Serie „Der Bergdoktor“ beim ZDF könne man als „positive Neueinführungen“ bezeichnen.
Auch die Unterhaltungsshows im Fernsehen haben einen schwierigen Stand. Sowohl „Wetten, dass..?“ als auch „Wer wird Millionär?“ mit rund zehn und rund sechs Millionen Zuschauern verloren im letzten Jahr, wie in den Jahren zuvor, weiter an Publikum. Mit durchschnittlich 7,7 Millionen Zuschauern hatte die RTL-Eheanbahnungssendung „Bauer sucht Frau“ im Unterhaltungsgenre den größten Zuwachs-Erfolg.

„Quiz“ und Obama ziehen
Nur einer neuen Unterhaltungssendung, so die Forscher, sei mit fast sieben Millionen Zuschauern der Start auf Anhieb geglückt, nämlich „2008 – Das Quiz“ mit Jörg Pilawa, zu den Ereignissen des abgelaufenen Jahres. Alle anderen Versuche, neue Shows einzuführen, blieben bei allen Sendern weit unter den Erwartungen in Bezug auf die Zuschauer-Resonanz. Mangels Alternativen bleiben so die schon etablierten Formate erhalte, wie zum Beispiel auch die Dieter Bohlen-Show „Deutschland sucht den Superstar“, die mit der fünften Staffel im letzten Jahr im Schnitt über fünf Millionen Zuschauer guckten. Immer erfolgreicher wird zwar „Germany’s next Top Model“, die Akzeptanzwerte lagen im letzen Jahr bei rund 3,6 Millionen Zuschauern.
Zwar blieb die „Tageschau“ im letzten Jahr mit rund 8,7 Millionen Zuschauern täglich die meistgesehenste Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen. Wobei hier auch die Zuschauer von allen Dritten mitgezählt werden. Insgesamt haben allerdings die Nachrichtensendungen aller großen fünf Vollprogramm-Sender wiederholt Einbußen in ihrer Zuschauerschaft hinnehmen müssen: zusammen genommen fast eine Million täglich! Den größten Schwund mit 360.000 Zuschauern verzeichnete Sat.1, zumal der Sender den Nachrichtenplatz neu programmierte – gegen die Tageschau. Auch wenn es dem ZDF im Genre Dokumentationen vor allem mit „Die Deutschen“ gelang, hohe Akzeptanz beim Publikum zu finden, hatten Informations- und Diskussionssendungen im letzten Jahr generell mit Zuschauereinbußen zu kämpfen.
Allein dem neuen Star und heutigen Präsidenten der USA, Barack Obama, gelang es im letzten Jahr, deutsche Fernsehzuschauer von Politik zu begeistern. Die Live-Übertragung seiner Rede als US-Präsidentenkandidat in Berlin am 24. Juli 2008, die von fünf Sendern übertragen wurde, schauten sich fünf Millionen Zuschauer an. Sogar 1,58 Millionen schalteten nächtens ein, um mit zu erleben, wie Obama wirklich Präsident wurde. Seine Amtseinführung im Januar haben sogar elf Millionen Zuschauer in Deutschland verfolgt. „Eine bislang einmalige Reichweite für Anlässe dieser Art“, staunen die Marktforscher, ohne zu interpretieren.
Dabei ist sicher: Mit der Parole „Yes, we can“ hat Barack Obama als Ziel definiert, die Welt positiv nach der Ära Bush zu wandeln. Er setzt auf Innovation. Im Gegensatz dazu bleiben alle großen Fernsehsender in Bezug auf ihr Programm bei der Devise hängen: „Bloß nichts Neues wagen“, wie die Übersicht zu den eingesetzten TV-Formaten zeigt. Die einen bauen stattdessen lieber neue digitale Kanäle auf, die anderen versuchen, mit immer mehr Billigprodukten die Rendite zu erhöhen. Zwar war und ist das klassische, lineare Fernsehen hauptsächlich ein Mainstram-Medium, weil seine Aufgabe als Massenmedium ist, ein möglich großes Publikum zu finden. Doch die Devise, bloß nichts Neues zu wagen, könnte für die großen Sender im Fiasko landen. Wie der erfolgreiche Filmmacher und Teamworx-Chef Nico Hofmann kürzlich im MEDIEN BULLETIN-Interview sagte: „Im Mittelweg liegt der Tod.“
Schon heute schalten viele TV gar nicht mehr ein. Auch ein Ergebnis der Marktforscher.
Erika Butzek (MB 05/09)

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