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Keine vernünftigen Geschäftsmodelle

Keine vernünftigen Geschäftsmodelle

Die Britische Regierung hat am 16. Juni den Digital Britain Report veröffentlicht. Darin werden unter anderem auch die Schritte zur Implementierung von Digital Radio DAB als wichtigste Übertragungsplattform für Radioprogramme in Großbritannien skizziert. Der Digital Britain Report fordert, dass alle Radio-Stationen in Großbritannien ab Ende 2015 ihre Programme ausschließlich über DAB verbreiten sollen und die UKW-Übertragung dann eingestellt werden soll. Ab 2013 sollen zudem in allen neuen Autos nur noch DAB-Radio eingebaut werden. Die britische Regierung bittet in ihrem Report die Europäische Kommission, europaweit dafür Sorge zu tragen. Sie fordert von der BBC und den kommerziellen landesweiten Radiostationen auf den verfügbaren DAB-Multiplexen sukzessive ein vergleichbares Programmangebot wie auf UKW zu realisieren.
Schon verzeichnet Digitalradio DAB in Großbritannien hohe Akzeptanz. Auf dem dortigen Markt sind bereits über neun Millionen DAB-Empfangsgeräte im Einsatz. Die Verkaufszahlen steigen Jahr für Jahr um rund 20 Prozent. 32 Prozent aller britischen Haushalte können bereits DAB-Programme empfangen. Untersuchungen belegen laut WorldDMB (DMB = Digital Multimedia Broadcasting) hohe Nutzerzufriedenheit. Die Nutzung digitaler Radioprogramme in Großbritannien erfolgt laut WorldDMB zu 63 Prozent via DAB, zu 11 Prozent via Internet und zu 17 Prozent via Digital-TV.
WorldDMB (ehemals WorldDAB) ist eine international tätige Organisation, die sich der weltweiten Förderung von Digitalradio-Technologien auf Basis der so genannten Eureka 147-Standards verschrieben hat.
„Wir begrüßen den positiven Report der britischen Regierung und die vorgeschlganen Schritte zur Einführung von DAB“, erklärte WorldDMB-Präsident Quentin Howard. Insbesondere die landesweite Umschaltung von UKW auf DAB sei für eine erfolgreiche Digital-Radio-Einführung von Bedeutung. Das geplante Ende der analogen UKW-Ausstrahlung liefere den Automobilherstellern und den Empfangsgeräteherstellern nun einen eindeutigen Zeitplan. Auch die Forderung nach einer konzertierten europaweitem Vorgehen bei DAB Digital Radio sei begrüßenswert. WorldDMB sei bereit die Europäische Kommission und die nationalen Regierungen dabei zu unterstützen.

DAB-Streit in Deutschland
In Deutschland dürfte WorldDMB dabei weiterhin wenig Erfolg haben. Hier herrscht in Sachen Digitalradio mehr oder weniger Stillstand. Dabei hatten sich die Ministerpräsidenten der Länder im Oktober 2008 mit der Weiterleitung der Bedarfsanmeldung für bundesweite Multiplexe zum Betrieb von Digital Radio an die Bundesnetzagentur noch versucht, erste Weichen für einen Neustart des digitalen Radios auf Basis des optimierten Standards DABplus bis Ende 2009 zu stellen.
Dazu wird es aber wohl kaum kommen. Echtes DAB-Engagement zeigten lediglich einige ARD-Anstalten. Sie hatten sich auch auf dem PTKO-Presseforum (PTKO = Produktions- und Technikkommission von ARD und ZDF) zur IFA 2008 ausdrücklich für einen Neustart des digitalen Radios stark gemacht. Der private Rundfunk spielt jedoch nicht mit.
Hans-Dieter Hillmoth, Vizepräsidenten des Privatfunkverbandes VPRT, hat der Einführung von DABplus eine Absage erteilt sich auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung im Juni gegen einen Neustart des digital-terrestrischen Hörfunks ausgesprochen. Das erregte den Unmut der ARD.
„Mit einer Absage an DABplus würde der VPRT die Zukunft des Radios verzocken“ sagte Bernhard Hermann, der Vorsitzende der ARD-Hörfunkkommission. Die VPRT-Haltung ignoriere die Mediennutzungsbedürfnisse junger Menschen. „Die kommerziellen Radioveranstalter verdienen seit Jahren gutes Geld. Das wollen sie nicht gefährden, denn der Einstieg in digitales Radio würde Investitionen erfordern. Dies würde dann natürlich den Gewinn der Gesellschafter schmälern“, erklärte Hermann.
„Im übrigen ist die Einschätzung von Hillmoth nicht richtig, dass es keine vernünftigen Geschäftsmodelle gibt“, meinte ARD-Vorsitzender Peter Boudgoust. Die ARD habe Konzepte für digitales Radio entwickelt, die den Erwartungen an individuelle, multimediale und der jeweiligen Alltagssituation angepasste Nutzung entsprechen und neben dem Live-Radio, quasi ein Radio „on demand“ beinhalten. „Diese Konzepte, die sehr wohl Spielraum für eine kommerzielle Nutzung beinhalten, hat die ARD dem VPRT vorgestellt und eine Zusammenarbeit angeboten“, erklärte Boudgoust.
Für die ARD gehe es jetzt darum, diese Konzepte in der Praxis zu überprüfen. Deshalb habe sie bei der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) beantragt, die in die heutige Gebühr bereits eingerechneten 30 Millionen Euro frei zu geben. Der VPRT wolle die Freigabe dieser Mittel offenbar verhindern und bezeichne die Digitalradioversuche als eine Art Marktbesetzung.
Die KEF hatte im Januar 2008 für einen Neustart des Digitalradios zwar ein Projektbudget in Höhe von 42 Millionen Euro (ARD: 30 Millionen Euro, Deutschlandradio: 12 Millionen Euro) für die Jahre 2009 bis 2012 bewilligt, dessen Inanspruchnahme aber daran gekoppelt, dass die Kommission ein neu zu beantragendes Entwicklungsprojekt zum Digitalen Hörfunk anerkennt und dass das Projekt auf einem deutschlandweiten Konsens auch mit privaten Programmanbietern und Herstellern von Endgeräten beruht.
Das ist bislang indes nicht erkennbar. Hermann unterstellte dem Privatfunk „reine Interessenpolitik, bei der kurzfristiger Shareholder Value vor der Zukunftssicherung des Radios kommt.“ Die Rechnung der Privaten, auf die weitere Ausschöpfung von UKW zu setzen, geht nach Einschätzung der ARD nur solange auf, wie die Masse der Bevölkerung weiter mit dem gewohnten analogen UKW-Radio zufrieden sei. Die nachwachsende Generation, die durch ein multimedial ausgerichtetes Medienverhalten geprägt ist, erwartet aber mehr: Radio wie sie wollen, wann sie wollen und wo sie wollen. Ein Radioprogramm, das auch in zehn Jahren erfolgreich sein wolle, müsse sich an diesen Erwartungen orientieren und digitale Wege nutzen, die die Verbreitung von Zusatzdiensten erlauben würden.

Die Radio-Verbreitung über das Internet sei zwar eine wichtige Ergänzung, aber keineswegs eine Alternative zu einem eigenständigen digital-terrestrischen Verbreitungsweg: In vielen Gebieten sei die Nutzung des Internets als Verbreitungsweg für Radioprogramme noch sehr unkomfortabel, und sie sei zudem kostenintensiv. Jeder Sender müsse für jeden einzelnen Hörer oder Nutzer, der im Internet Radio hört, bezahlen - ebenso wie der Nutzer selbst. Mobiles Internet in ganz Deutschland mit der Qualität wie sie UKW heute für Radio bietet, so Hermann, sei noch lange nicht in Sicht. Ein digital-terrestrischer Verbreitungsweg würde genau dieses bieten: zuverlässigen Empfang zu Hause und unterwegs, auf dem Küchenradio und der Stereoanlage, im Auto und auf dem Handy, zudem flächendeckend und regional differenziert in Deutschland und grenzüberschreitend frei empfangbar.
Auch dürfe das Scheitern von „DAB-alt“ nicht länger als Gegenargument für die Zukunftsfähigkeit von DABplus angeführt werden, betonte Hermann. Die Situation habe sich grundlegend geändert. Jetzt gebe es ausreichend Frequenzkapazität mit hoher Sendeleistung, die Endgeräte seien inzwischen technisch so leistungsfähig, dass sie Mehrwert-Dienste auch darstellen könnten. Ein weiterer Vorteil von DABplus sei, dass sich die in UKW existierende Radiolandschaft fast identisch abbilden ließe, was die regionale Struktur, den restriktionsfreien Netzzugang und die leichte Auffindbarkeit der Programme in einem geschlossenen Markt der Radioanbieter betreffe.
In diesem Zusammenhang sei es auch wichtig, über den Tellerrand der deutschen Entwicklungen herauszuschauen. Die gesamteuropäische Entwicklung zur Digitalisierung von Radio mit unterschiedlichen Ausprägungen der „DAB-Systemfamilie“ zeige positive Tendenzen. In Großbritannien, in Dänemark und der Schweiz sei DAB bereits erfolgreich im Markt etabliert. In Frankreich müsse ab 2012 jedes verkaufte Radio Digitalradio empfangen können. Auch in Deutschland stelle sich die Geräteindustrie gerade auf diese veränderte Situation ein, und sie warte auf ein klares Signal aus Richtung der Hörfunkbetreiber. Ein Verzicht auf Digitalradio, so Hermann, würde bedeuten, sich von einer europäischen Entwicklung abzukoppeln und darauf keinen Einfluss mehr nehmen zu können.

Mangelnde Marktfähigkeit
Hans-Dieter Hillmoth, Vorsitzende des Fachbereichsvorstandes Radio und Audiodienste im VPRT, erwiderte: „Die kritische Position des VPRT zu DABplus ist sowohl mit Blick auf die mangelnde Marktfähigkeit des Systems als auch mit Blick auf die fehlenden Refinanzierungsmöglichkeiten ausführlich begründet und getragen von dem Interesse, die Überlebensfähigkeit des privaten Radios auch in der digitalen Welt zu sichern. Wir investieren in eine Vielzahl digitaler Projekte und zwar auch und gerade da, wo die jungen Hörer sind - aber wir müssen das Geld auch wieder aus dem Markt zurückverdienen.“ Dass die gebührenfinanzierten Anstalten keinerlei Verständnis für die Notwendigkeit der Refinanzierung von Investitionen aufbrächten sei verständlich vor dem Hintergrund der jahrzehntelang geübten Praxis, dass ein Mehrbedarf an Geld bei der ARD schlicht bei der nächsten Gebührenrunde auf die Schultern der Gebührenzahler abgewälzt werde. „Unglaublich“, so Hillmoth, „wie unbefangen die ARD die enorme Summe von 30 Millionen Euro in ‚Digitalradio-Versuche‛ stecken will, wo doch ihre Konzepte mit Blick auf die Zukunftstauglichkeit des Systems weder den VPRT und nicht einmal die KEF überzeugt haben. Um in der polemischen Sprache der ARD-Meldung zu bleiben: hier soll das Geld der Gebührenzahler verzockt werden.“
Gerne trete der VPRT mit der ARD in eine sachliche Diskussion zu den Argumenten für und gegen DABplus ein. Allerdings erwarte der Verband, dass sich die Anstaltskollegen dann auch umfassend über die tatsächliche und aktuelle Lage im deutschen Markt und in Nachbarstaaten informierten. Die Pressemeldung weise hier auf Nachholbedarf hin. So gebe es keine fast identische Abbildung der UKW-Landschaft via Digitalradio. „Lokale und regionale Strukturen via DABplus sind nur in völlig veränderten Verbreitungsgebieten und bei einem gefüllten Multiplex möglich - und damit äußerst schwierig zu refinanzieren“, so Hillmoth. Die Erfolgsmeldungen aus dem Ausland seien auch nicht vorhanden. Im Gegenteil - in Großbritannien breche derzeit der Radiomarkt zusammen und außer der gebührenfinanzierten BBC habe kein privater Radioanbieter eine realistische Überlebenschance in DAB. In der Schweiz sei DAB in „Wartestellung“ und in Dänemark könnten nur rund 750.000 Menschen 18 DAB-Programme empfangen. Solchen Beispielen wolle das private Radio nicht folgen.

Gemeinsamer Weckruf
Angesichts ausstehender Entscheidungen bezüglich des Digital Radio-Neustarts betonten ADAC, ARD, die Arbeitsgemeinschaft Privater Rundfunk (APR), Deutschlandradio, der Sendernetzbetreiber MEDIA BROADCAST sowie die beiden Industrieverbände VDA und ZVEI in einer gemeinsamen Erklärung, dass sie weiter auf eine Digitalisierung des terrestrischen Hörfunks hinarbeiten. Sie stellten klar, dass es aus ihrer Sicht im Radiomarkt zur schrittweisen Umstellung des heutigen terrestrischen analogen Hörfunks auf digitalen Hörfunk keine naheliegende zukunftsfähige Alternative gibt.
Nur mit dem geplanten Neustart des Digitalradios DABplus sei es möglich, mit der rasanten Entwicklung des Informations- und Unterhaltungsbedürfnisses der Hörer auch in der mobilen Anwendung Schritt zu halten. Ein Verzicht auf die Digitalisierung der Terrestrik und die damit einhergehende Programmvielfalt führe in eine hörfunkpolitische Sackgasse und sei für den Autofahrer keine Alternative. Damit würde der Hörfunk einen Großteil seiner automobilen Hörer mittelfristig verlieren, was weder im Interesse der öffentlich-rechtlichen noch der privaten Programmanbieter liegen könne.
Davon abgesehen würde sich die deutsche Medienlandschaft von der aktuellen europäischen Entwicklung abkoppeln und sich auf einen verhängnisvollen Sonderweg begeben. Die Entscheidung, die DAB-Systemfamilie zu der künftigen Übertragungstechnologie für den Hörfunk in Europa zu machen, sei mit den Ausbauplänen in Großbritannien, den bereits geschaffenen gesetzlichen Grundlagen in Frankreich sowie den DAB-Aktivitäten in Dänemark, Italien, Schweden und der Schweiz schließlich schon gefallen.
Insbesondere für die Autofahrer als einer der größten Gruppen von Hörfunknutzern ist laut VDA und ADAC der Neustart des Digitalradios unverzichtbar. Nur so könne die heutige Kapazitätsbegrenzung bei der Übertragung von Verkehrsinformationen überwunden und eine optimale und erweiterte Versorgung der Autofahrer mit Warn- und Verkehrsinformationen gewährleistet werden, heißt es in der Erklärung.

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