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Soziale Netzwerke als Multiplikatoren

Soziale Netzwerke als Multiplikatoren

Insgesamt zwölf Online-Video-Kanäle steuern deutsche Produzenten zum partnerschaftlich organisierten Videoportal von YouTube bei. Mit dem Kriminal-Kanal Trigger.tv und dem Metropolen-Programm eNtR Berlin produziert auch die UFA Gruppe über ihr Kreuzberger Lab zwei Programme, für die im wöchentlichen Rhythmus neue Beiträge auf das YouTube-Portal hochgeladen werden. Diese New Media-Produktion eröffnet der UFA ein Experimentierfeld, das zwischen klassischem Fernsehen und den neuen Web-TV-Formaten angelegt ist.

Für TRIGGER.tv und eNtR Berlin sind zwei Redaktionsteams im UFA Lab beschäftigt, wöchentlich jeweils rund 30 Minuten frische Videobeiträge zu produzieren mit einer Länge von vier bis zehn Minuten. Der Startschuss wurde im vergangenen Herbst gegeben, seitdem füllen sich die Playlisten mit den Videobeiträgen in den unterschiedlichen Formaten sukzessive an. Klickt man ein Video an, läuft zunächst ein von YouTube akquirierter Werbespot: Denn Videowerbung ist die tragende Säule des Geschäftsmodells des von YouTube initiierten Web TV-Netzwerks, an dessen Einnahmen die Produzenten im Rahmen des Partnerschaftsmodells partizipieren sollen.

Der Kanal TRIGGER.tv stellt in kurzen Videobeiträgen reale Kriminalgeschichten vor und schaut dabei hinter die Kulissen der Kriminalität vom Kavaliersdelikt bis zum Kapitalverbrechen. eNtR Berlin dagegen flaniert durch die unterschiedlichsten Szenen der Hauptstadt und blickt in die Welt von Show, Musik, Mode, Kunst und Nachtleben. Die Themen kreisen um die gerade angesagten urbanen Trends, um die unterschiedlichen Interessen des Großstadtlebens und nicht zuletzt um das Individuum an sich und seine individuellen Lebensentwürfe. Die Redakteure, Moderatoren und Hosts entstammen selbst aus den unterschiedlichsten Kulturszenen der Metropole und unterstreichen damit den Anspruch, nicht von außen zu berichten, sondern mitten hinein zu gehen ins urbane Leben. Gleich in mehreren Formaten begegnet man Moderatorin Bonnie Strange, die mit ihren roten Haaren ein wenig an die Lola aus Tom Tykwers Berlin-Film „Lola rennt“ erinnert. Selbst als Model, Fashion Bloggerin und Fotografin unterwegs, begibt sich die Moderatorin auf die unterschiedlichsten Streifzüge durch die Stadt. Ihr Kollege, der Schauspieler, Musiker und Rapper Yaneq moderiert das Format „On the Beat“, das hinter die Kulissen diverser Aktivitäten schaut, vom Boiler Room-Netzwerk bekannter DJs, die fürs Internet auflegen, über Break Dance- und Rapper-Treffen in der Stadt bis zu einem Hindernis-Autorennen in einem Hinterhof eines alten Berliner Wohnblocks, der am nächsten Tag abgerissen werden soll. Aus der Szene kommt auch Tyron Ricketts, der Wahlberliner, der zwischen Berlin und Los Angeles pendelt. Der ehemalige Schauspieler, Ex-Viva Moderator und Musikproduzent hat gerade das neue Format Urban Spirits gestartet, das er selbst produziert. Rickett sucht sich Menschen aus der Berliner Szene und befragt sie zu ihren Lebensentwürfen und Zielen.

Bei TRIGGER.tv führt Nilam M. Farooq durch mehre Online-Formate wie den Trigger Crime Report, die True Crime Stories oder den Crime Talk. Und der bekannte Online-Anwalt Udo Vetter (2011 Grimme Online Award für seinen Lawblog) hostet einen Blog zu den Rechtsfragen des täglichen Lebens. Als eine Infotainment-Variante werden seine Ausführungen von Playmobil-Männchen anschaulich begleitet. Alle Online-Videos greifen reale Kriminalfälle auf und beleuchten die Hintergründe. Das Spektrum reicht vom Überfall eines Ausländers am Alexanderplatz über Gewalt gegen Obdachlose bis hin zum Waffendiebstahl. Ziel ist es, anhand dieser Fälle die gesellschaftlichen Themen zu diskutieren, die durch die Delikte an die Oberfläche kommen – Themen wie Rassismus, Zivilcourage oder auch Zwangsheirat und Ehrenmord als eine Problematik, die in bestimmten muslimischen Familien immer wieder hochkommt.

Und TRIGGER.tvgreift auch den Fall aus Hannover auf, wo ein Scherzbold den goldenen Keks, das Firmenwahrzeichen der Firma Bahlsen, entwendet hatte. Dieser meldete sich später bei der Hannoverschen Zeitung mit einem Bekennerschreiben und einem Foto, das ihn als Krümelmonster verkleidet zeigte. Der Bahlsen-Chef wurde darin aufgefordert, ein paar Kisten aus der Tagesproduktion an eine lokale Kinderklinik zu liefern. Und die ausgesetzte Belohnung für den Keks sollte an den Zoo in Hannover gestiftet werden. TRIGGER.tv reagierte mit einer eigenen Aktion („Jeder Share ein Keks“) auf diesen Fall und rief alle Freunde des Channels auf, Kekse für die Kinderkliniken in der Stadt zu kaufen oder zu backen.

Jörg Winger, Produzent der UFA Film- und TV-Produktion, der unter anderem die Primetime TV-Serie „Soko Leipzig“ produziert, hatte die Idee zu TRIGGER.tv, das er mit einem fünfköpfigen Redaktionsteam leitet: „ Wir schauen hinter die Kulissen von Verbrechen. Wir stellen Fragen zu allen Facetten von Kriminalität und welche Folgen sie für die Menschen hat. Wir beschäftigen uns mit Menschen, die durch ein Verbrechen aus der Bahn geworfen wurden. Das können Opfer sein. Aber wir setzen uns ebenso mit der Geschichte eines Kommissars auseinander, der über Jahre vergeblich versucht hat, einen Fall aufzuklären und dabei nicht weitergekommen ist. Alle Beiträge im Kanal basieren auf realen Fällen, die wir in Form von Geschichten erzählen wollen.“

Kristian Costa-Zahn, Head of Creation des UFA Lab, ist für den zweiten Kanal eNtr Berlin verantwortlich: „Wir sind ein Urban Lifestyle Channel und kümmern uns um die unterschiedlichsten Szenen in der Stadt, die für ein internationales Publikum interessant sind. Deshalb produzieren wir die Szenenreports aus Berlin auch zweisprachig.“ Es werde in kleinen Teams gearbeitet, erklärt Costa-Zahn. Oft fahre nur einer aus dem Team zum Produktionsort, wo er Kamera und Ton betreut und den Beitrag später im Lab an den Final Cut Pro-Plätzen schneidet. Die 400 qm große Loftetage des Labs in den ehemaligen Sarotti-Höfen im Herzen von Kreuzberg, ist mit IT-, Film- und Kommunikationsequipment ausgestattet. Im Zentrum des lichten Lofts stehen die Macintosh-Arbeitsplätze einschließlich mehrerer Schnittplätze (Final Cut Pro). Trigger-Redaktionsleiterin Marie Meimberg weiß nur zu genau, dass von den Producern im UFA Lab ein hoher Kosten-Nutzen-Wert erwartet wird: „Wir sind hier so etwas wie die Eier legende Wollmilchsau“, scherzt sie und erklärt: „Wir schneiden auch unsere Beiträge, die wir gedreht haben, selbst. Mit jedem Beitrag wächst die Erfahrung, weil jeder im Team beim Schneiden schnell merkt, was funktioniert.“ Zur Verfügung steht ein eigener Final Cut Pro-Platz sowie eigene MacBook Pro-Laptops, an die nur ein Monitor angeschlossen werden muss. Nur die animierte Kurzgeschichten-Serie „Serial Killer“ wird von einem Zeichner aus Halle geliefert und die Animation und Schnitt erfolgen in Leipzig.

Andere Zielgruppen

Winger wie Costa-Zahn wissen natürlich, dass die Webvideo-Welt der Onlineportale nicht nur andere Zielgruppen anspricht als den klassischen TV-Zuschauer, die in der Regel auch wesentlich jünger sind und internetaffin sowieso, sondern auch ein anderes Mediennutzungsverhalten mitbringen. Im Unterschied zu den breitflächigen und linear durchstrukturierten Programmstrecken im Fernsehen, begibt sich der Zuschauer im Netz bei seinem Streifzug durch die Online-Portale auf eine „View-Session“, wie es Costa-Zahn beschreibt, und lässt sich treiben. Anstatt Programm-Marken dienen vor allem die sozialen Netzwerke wie Facebook oder Twitter als Kommunikatoren und Multiplikatoren, die darüber Auskunft geben, was angesagt ist. Auf den Seiten von TRIGGER.tv oder eNtR lässt sich schnell ein Überblick anhand der Playlisten verschaffen, welche Formate es gibt und welche am meisten geklickt werden. Doch für Costa-Zahn ist es unerlässlich, dass die beiden Videokanäle im Netz selbst zur Marke werden, um in der Vielfalt der Online-Video Netzwelt Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das bedeutet auch, dass neue Beiträge von gefragten Formaten an bestimmten Tagen hochgeladen werden, um hier eine Erwartung zu generieren. Viel hängt an den Moderatoren und Hosts, die möglichst authentisch sein müssen: „Unsere Hosts sind nicht alle gelernte Moderatoren, sondern primär „Macher im urbanen Raum, Personalities“, betont Costa-Zahn: „Wir wollen unsere Hosts zu starken Persönlichkeiten innerhalb des YouTube-Kosmos aufbauen um eNtR ein prägnantes Gesicht zu geben.“

Markenstrategie ist für einen Fernsehmann wie Jörg Winger kein Fremdwort: „Wir sind ein Kanal von vielen auf YouTube. Die Aufgabe besteht nun eher darin, die Aufmerksamkeit auf uns zu lenken.“ Soweit unterscheidet sich der Wettbewerb im Netz nicht vom Quotenrennen der klassischen TV-Sender, da auch im Internet die Werbeeinahmen die Kanäle finanzieren müssen. Marketing im Netz erfordert vor allem eine Verbreitungsstrategie, wie Costa-Zahn ausführt. Etwa durch Partnerschaften zu anderen Channels oder zu sozialen Netzwerken und auch zu den klassischen Printmedien. Es bestehen bereits Gespräche mit Radiosendern wie FluxFM oder NPR, mit denen eNtR redaktionell kooperieren will. TRIGGER.tv pflegt zudem eine enge Partnerschaft zur Berliner Zeitung inhaltlich wie auch im Marketingbereich. Winger sieht ein komplexes Aufgabenfeld für das Unternehmen Web-TV, bei dem die Produzenten mehrere Rollen innehaben. Sie sind Produzent, Sender und gleichzeitig Vermarkter. „Für mich findet derzeit ein Paradigmenwechsel hin zu einer stärkeren Ausrichtung auf die Vermarktung statt. Wir kooperieren mit der Berliner Zeitung im Print- und Onlinebereich, wo wir auch einen Teil unserer Videos zeigen. Über einen Partner wie die Berliner Zeitung holen wir Interessenten auf unsere Plattform.“

Wer nun die Nutzer der Videokanäle sind, wie häufig sie die Online-Beiträge schauen, wie sie darüber denken und kommunizieren, darüber wissen Web-TV-Produzenten mehr als im klassischen Fernsehbereich. Winger: „Wir bekommen mehr über unsere Nutzer heraus als im TV. Gerade auf Facebook und Twitter erfahren wir sehr viel darüber wer, wann und wie oft unsere Angebote klickt und anschaut.“ Winger sagt aber auch, dass trotz des jüngeren Zielpublikums von 18 bis 45 Jahren „wir uns nicht als Teenagerkanal verstehen, sondern als ein Erwachsenen-Programm.“ Intern können TRIGGER.tv und eNtR Berlin sich permanent vergleichen, wie sie stehen im Netz und wer die Nase vorn hat. So waren am Morgen des 11. Februar bei eNtR 371.541 Abfragen und 4.935 Abos registriert, TRIGGER.tv kam auf 8.366 Abos und 332.907.000 Abfragen. Wer sich als Abonnent registrieren lässt, genießt den Vorteil, über alle neuen Videos informiert zu werden und über ein eigenes Startmenue zu verfügen.

Eines ist klar. In der schnellen Welt der Online-Kanäle, die sich auf bestimmte Zielgruppen zentrieren, besteht wesentlich mehr Flexibilität, Neues auszuprobieren und wieder fallen zu lassen. Man ist näher dran an den Nutzern. Freilich sind die Online-Video-Kanäle mit den kurzen Beiträgen vom Aufwand her kaum mit einem TV-Sender zu vergleichen. In dieser Form jedenfalls noch nicht. Jeder Serienproduzent oder TV-Redakteur weiß, wie schwer es ist, ein neues lang laufendes Format erfolgreich zu platzieren, und welcher Entwicklungsaufwand dahinter steht. Da sind zielgruppenaffine Online-Kanäle schneller, wendiger und vor allem auch risikoloser. Es wird interessant zu sehen sein, welche Wechselwirkungen zwischen dem klassischen TV und New Media entstehen können. Inwieweit die Erfahrungen aus den Online-Kanälen auch die Impulse für den klassischen Programmbereich des Fernsehens setzen. Dem viel zitierten Menetekel vom Internet als großen TV-Killer lässt sich ebenso gut die Vision einer Online-Videowelt entgegenhalten, die als Experimentierfeld dient, neue Formate zu erproben – auch mit dem Ziel die linearen Programme der Sender aufzufrischen. TRIGGER.tv und eNtR Berlin sind in erster Linie native Onlinekanäle, die rein für die Netzwelt produziert werden. Über diese Kanäle lassen sich Zuschauer ansprechen, die über die klassischen Kanäle immer weniger erreicht werden. Und sie dienen dazu, das Netz als Geschäftsfeld anzutesten. Hier spätestens schlägt die Stunde für die Eier legende Wollmilchsau.
Bernd Jetschin
(MB 03/13)

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