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Eine Erfolgsgeschichte
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Eine Erfolgsgeschichte

Die massiven Proteste europäischer Film-verbände und Kulturschaffender gegen die befürchteten Einschneidungen im MEDIA-Programm zeigen Wirkung. Beim MEDIA-Hearing am 18. März in Brüssel hat die EU-Kommission deutlich Position bezogen. Das Programm zur Förderung der audiovisuellen Industrie in Europa soll ab 2013 weiter ausgebaut werden, um den vielfältigen Herausforderungen im digitalen Zeitalter Rechnung zu tragen.

„MEDIA ist eine Erfolgsgeschichte“, konstatierte Jan Truszczynski, Generaldirektor der Generaldirektion für Bildung und Kultur bei der EU-Kommission in Brüssel. Mehr als 20.000 europäische Produzenten hätten bereits von den zahlreichen Trainingsinitiativen profitiert und sorgten jedes Jahr dafür, dass über 400 europäische Filmprojekte auf den internationalen Märkten vorgestellt werden. Vor allem aber hat das EU-Programm die unabhängigen Produzenten, Verleiher und Kinobetreiber dabei unterstützt, eigene Strukturen zu entwickeln.

Regisseure wie Lars von Trier, Pedro Almodóvar, Francois Ozon, Krzysztof Kieslowski, Stephen Frears oder Nanni Moretti hätten ohne die EU-Vertriebsförderung längst nicht so ein breites Kinopublikum in Europa erreicht. Für das gesamte MEDIA-Programm zur Förderung der audiovisuellen Industrie in Europa stehen für den Zeitraum 2007 bis 2013 insgesamt 755 Millionen Euro zur Verfügung.

Als Mitte Februar aus Brüssel die Nachricht durchsickerte, dass der EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso dem Programm keine Priorität einräume, liefen die europäischen Filmschaffenden Sturm. Diverse Kino-, Verleih- und Produzentenverbände aus ganz Europa schickten ihm täglich neue Protestbriefe und Petitionen ins Haus. Inzwischen hat Barroso mehrmals bekräftigt, dass die Branche nicht um die Fortsetzung von MEDIA fürchten müsse. „Ganz im Gegenteil“, betonte Truszczynski, „die Kommission möchte die audiovisuelle Industrie künftig stärker unterstützen.“

Bereits am Vortag des MEDIA-Hearings in Brüssel hatte eine Delegation des französischen Autoren-, Regie- und Produzentenverbandes L’ARP (Societe civile des auteurs, réalisateurs, producteurs) unter der Leitung des Regisseurs Radu Mihaileanu („Das Konzert“) den Kommissionspräsidenten aufgesucht, der den Filmemachern zusicherte, dass das MEDIA-Programm sowohl seine finanzielle als auch seine operative Unabhängigkeit behalten solle. Im Rahmen ihrer 2020-Strategie plant die EU-Kommission, MEDIA in das neue „Kreative Europa-Programm“ einzugliedern. „Der MEDIA-Bereich wird darunter nicht leiden“, sagt Truszczynski. Welche Aktivitäten künftig reduziert werden, hänge von der Evaluierung ab, der sich sämtliche Projekte in Brüssel unterziehen müssen, die 2013 auslaufen.

„Der Kulturausschuss des EU-Parlaments wird sich dafür einsetzen, dass MEDIA ausgebaut wird“, versprach der polnische Kulturminister Piotr Borys. Im Rahmen von 2020 soll den neuen Herausforderungen der Medienindustrie begegnet werden. Im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung gehöre dazu, neue Geschäftsmodelle für die Filmauswertung zu entwickeln. „Wir müssen die Vielfalt dieses Sektors und den Zugang zur europäischen Kultur fördern“, unterstrich Borys. „Wir stehen vor einer großen Herausforderung. MEDIA ist die richtige Antwort darauf.“
Ein glühendes Plädoyer für MEDIA hielt der rumänische Regisseur Cristian Mungiu, der 2007 bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes für sein Spielfilmdrama „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ mit der Goldenen Palme ausgezeichnet worden war. „Kreativität zu unterstützen bedeutet auch, Risiken einzugehen“, weiß der Filmemacher. Im Mainstream-Kino sei dies nicht der Fall. Im europäischen Kino müsse jemand für dieses Risiko aufkommen. „Das leistet MEDIA.“ Mit seinem preisgekrönten Spielfilm sei er im Wohnwagen durch Rumänien getingelt und habe 100.000 Zuschauer erreicht, was jedoch eine Ausnahme darstelle. „Wir müssen eine Struktur aufbauen, damit die Zuschauer sich solche Filme im Kino ansehen.“ Dank MEDIA ist sein Film auch in vielen anderen europäischen Ländern ins Kino gekommen, was ohne die europäische Verleihförderung nicht denkbar gewesen wäre. „MEDIA muss in den Händen der Branche bleiben, die in der Lage ist, uns Filmemachern zu helfen“, appellierte Mungiu.

Neugestaltung des MEDIA-Programms

Zum Auftakt des Hearings legte Aviva Silver, die Leiterin des MEDIA-Programmes, die Ergebnisse der Online-Konsultationen offen. „Die Konsultationen sind Teil eines langen Prozesses, das MEDIA-Programm neu zu gestalten“, erklärte Silver. Dem Aufruf waren insgesamt 2.586 Branchenvertreter gefolgt, die dem Bereich Distribution die höchste Priorität einräumen. An zweiter Stelle folgt die Unterstützung der Produzenten und auf Platz 3 der Bereich Aus- und Fortbildung. Zu den Anregungen der Branchenvertreter gehört, die Förderverfahren zu vereinfachen und die Frist zwischen Antragstellung und Auszahlung der Gelder zu verkürzen. Mehr finanzielle Hilfe wird für die Digitalisierung sowie den Einsatz neuer Technologien gefordert. Auch der Zugang zur Finanzierung sollte erleichtert und das professionelle Networking bei der Promotion unterstützt werden.

Einen höheren Förderbedarf haben mehrere Weltvertriebe angemeldet, die in Brüssel den Verband Europa International gegründet haben. Ziel dieser neuen Organisation ist, die Interessen der Filmexporteure zu repräsentieren, die eine wesentliche Rolle bei der Finanzierung und dem Vertrieb europäischer Filme spielen. „Wir möchten uns stärker mit Produzenten, Verleihern und Kinos austauschen“, sagt Daniela Elstner, Vorstandsmitglied von Europa International. Europa International möchte sich zudem an der Neugestaltung des MEDIA-Programms beteiligen. Derzeit stellt MEDIA zwischen 1 und 1,5 Millionen Euro Förderung für Weltvertriebe zur Verfügung, die auf 40 bis 50 Firmen aufgeteilt wird. „Für MEDIA ist das für dieses verhältnismäßig kleine Budget viel Arbeit“, weiß Daniela Elstner. „Es ist effizienter, wenn wir uns zusammenschließen.“ Die europäischen Weltvertriebe wollen sich mit gebündelten Kräften gemeinsam den Herausforderungen des Marktes stellen, die im Zuge des digitalen Umbruchs sowie der Entstehung neuer Auswertungsmöglichkeiten und Geschäftsmodelle entstehen.

„Die Digitalisierung bietet große Möglichkeiten“, glaubt Régine Vial, die als Produzentin und Verleiherin Les Films du Losange betreibt. Die unabhängigen Verleiher seien dabei auf ein Master in guter Qualität angewiesen. „Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass eine Auswertung auf mehreren Plattformen zwangsläufig mehr Profit bedeutet“, warnt Matthias Keuthen vom Schwarzweiß Filmverleih. Wenn die Verleiher ihre bewährten Einnahmequellen gegen neue Auswertungskanäle eintauschten, bestände die Gefahr, am Ende gar keine Gewinne mehr zu generieren. Der Filmmarkt in Europa sei durch eine Überproduktion und eine Unterdistribution gekennzeichnet, weshalb ein Großteil der Filme gar nicht beim Endverbraucher ankomme. „Die Kompetenz, um dieses Problem zu lösen, liegt nicht im ‘big business’, sondern im Mikro-Business. Es sind die kleinteilig arbeitenden Mitglieder von Europa Cinemas und die unabhängigen Verleiher, die für das europäische Programm sehr wichtig sind.“

Unterstützung der Kinos bei der Digitalisierung

Eine schnelle Unterstützung für die Kinos bei der Digitalisierung forderte Claude-Eric Poiroux, Geschäftsführer von Europa Cinemas. „Die erforderlichen Investitionen können sonst dazu führen, dass manche Kinos schließen müssen. Die Diskrepanz wird immer größer.“ Dem europäischen Kinonetzwerk, das zu 60 Prozent europäische Filme in seinem Programm einsetzt, gehören europaweit 2.000 Leinwände in 450 Städten an. Darunter befinden sich mehr als 300 Kinos, die nur über einen Kinosaal verfügen. „Wir sind inzwischen auch im Gespräch mit Multiplexen“, verrät Poiroux.

Die Digitalisierung sorge auch im kreativen Prozess zunehmend für Veränderungen, berichtet Sophie Bourdon, die als Mitglied der Arbeitsgruppe Audiovisual Training Coalition (ATC) transnationale Netzwerke aufbaut. „Training war noch nie so wichtig wie in dieser sich rasant verändernden Welt, denn wir betreten eine neue Ära.“
Training und Development seien zwei Bereiche, die in der Öffentlichkeit unsichtbar seien“, betont Johannes Rexin, Produzent bei der Kölner Heimatfilm. Im Bereich Development plädiert der Produzent für zusätzliche Fördermaßnahmen, um neue Auswertungsformen wie Games zu entwickeln. Separate Zuschüsse aus dem MEDIA Mundus-Topf wünsche er sich für die Projektentwicklung mit Ländern wie Indien, Israel oder der Türkei, da die Kommunikation die Kosten in die Höhe treibe. Zudem schlägt er vor, die Zahlugsmodalitäten der i2i-Förderung für Finanzierungskosten, Filmversicherung und Completion Bond zu ändern. Bislang können die Produzenten frühestens ein halbes Jahr nach Antragstellung davon profitieren.

Besonders deutlich ist der Input von MEDIA im Animationsbereich. „Die Berufsbilder haben sich verändert, seitdem die Trickfilme Unterstützung von Cartoon erhalten“, konstatiert der französische Animationsfilmproduzent Marc du Pontavice. Vor 20 Jahren seien in Europa jährlich rund 200 Trickfilme entstanden, die per Hand gezeichnet worden sind. Im Fernsehen dominierten damals amerikanische und japanische Animationsfilme das Programm, während der Marktanteil der nationalen Produktionen unter 20 Prozent lag. Inzwischen werden in Europa jedes Jahr 1.000 bis 1.500 Programmstunden produziert, was dem doppelten Volumen wie in den USA entspricht. Früher sei es die Regel gewesen, Storyboards nach Asien auszulagern, weil keine europäische Produktionskette vorhanden war. „Inzwischen ist eine Relokalisierung erfolgt, durch die neue Arbeitsplätze in Frankreich entstanden sind.“ Europäische Animationsfilme liefen heute überall auf der ganzen Welt, was dem Erfolg von MEDIA zuzuschreiben sei, da das Risiko bei Vorverkäufen auf mehrere Schultern verteilt werde. In den vergangenen 20 Jahren habe sich das Investitionsvolumen für europäische Trickfilmserien auf 1,5 Mrd. Euro belaufen. Hinzu kommen rund 500 Animationsfilme, die mit Unterstützung von Cartoon entstanden sind. „Doch der europäische Film besitzt immer noch ein Defizit in den Bereichen Verleih und Marketing“, analysiert der Animationsfilmproduzent die Situation. „Deshalb ist es wichtig, dass MEDIA sich entwickelt, damit auch künftige Generationen europäische Filme sehen können.“

Keine andere Industrie wirke sich kulturell so stark auf unsere Tradition, Geschichte und auch auf unsere Zukunft aus. „Wenn wir die Kreativität und unsere europäischen Talente nicht mehr fördern, zerstören wir damit langfristig die Basis für unsere Kultur“, hebt die Leiterin des MEDIA-Programms hervor. „Wenn alle Kinder nur noch amerikanische Filme sehen, die bestimmte Ideale vermitteln, werden dies die Europäer der Zukunft sein.“

Initiative Media Literacy

Einen wichtigen Stellenwert besitze deshalb die von Androulla Vassiliou, der EU-Kommissarin für Kultur und Bildung, angeschobene Initiative Media Literacy. Dieses neue Programm sieht vor, Kindern und Jugendlichen ebenso wie Erwachsenen Medienkompetenz zu vermitteln, die sie in der heutigen Informationsgesellschaft benötigen. „Zwischen der Mediennutzung der Internet-Generation und der europäischen Filmkultur im Kino klafft ein Lücke“, weiß Charlotte Appelgren, Generalsekretärin von Cine-Regio, dem Netzwerk regionaler Filmförderungen in Europa. „Um ein nachhaltiges Publikum aufzubauen, müssen wir verstehen, wie es tickt. Da die Kinder und Jugendlichen das Kinopublikum von morgen sind, müssen sie zunächst auf den Geschmack europäischer Filme kommen.“

Die Fernsehsender wüssten genau, wer ihre Zuschauer seien, gibt Peter Gustafsson von der schwedischen Rundfunkanstalt SVT zu bedenken. Im Kinobereich gebe es keine vergleichbare Zuschauerforschung. MEDIA solle enger mit der EBU (European Broadcast Union) kooperieren. Doch auch dem schwedischen Fernsehen laufen scharenweise die jungen Zuschauer davon. Während dessen verzeichnet die von SVT gestartete Game-Plattform bereits eine halbe Million Nutzer, von denen die Hälfte unter 25 Jahre alt ist. „Film und Fernsehen verlieren beide an Zuschauern“, sagt der Fernsehproduzent. „Ohne die Unterstützung des MEDIA-Programms könnten wir in Schweden keine hoch qualitativen TV-Dramen mehr herstellen.“

Dialog mit dem Publikum

Auf den direkten Dialog mit dem potenziellen Publikum setzt Tero Kaukomaa, Produzent der finnischen Filmfirma Blind Spot Pictures, der in Koproduktion mit Deutschland und Australien die Science-Fiction-Komödie „Iron Sky“ produziert hat. „Wir haben vor sechs Jahren mit der Entwicklung des Projektes begonnen und hatten von Anfang an aktiven Kontakt zum Publikum“, unterstreicht Kaukomaa. Während dieser langen Entwicklungsphase wurde die Internetgemeinde zu ihrer Meinung befragt. „In ‚Iron Sky’ kommen die Nazis 2018 vom Mond auf die Erde zurück“, erläutert der Produzent. „Durch das Crowd Sourcing haben wir viel Material erhalten, wie die Gesellschaft der Zukunft aussehen könnte. Es ging uns um Ideen und nicht darum, Gelder einzusammeln.“ Dennoch wurde ein Teil des 7,5 Millionen Euro teuren Budgets über das Netz eingesammelt. „Wir haben verschiedene Pakete für 1.000 oder 3.000 Euro geschnürt.

Nach oben hin gab es dabei keine Grenze.“ Dieses Finanzierungs-Konstrukt sei zwar kompliziert, aber es erleichtere das Marketing, da „Iron Sky“ bereits eine Fangemeine besitze.
Auf das Konzept, Zuschauer für europäische Filme über das Internet zu generieren, setzt Alain Rocca, der die VoD-Plattform Universciné aufgebaut hat. „Das Internet kann ein Eldorado für europäische Filme sein“, so Rocca. „Der Schlüssel dazu ist das Marketing.“ Wenn ein Produzent eine Vision besitze und der Verleih seinen Film gut vermarkte, würden alle Kettenglieder ineinander greifen, stellt Michael Weber, Geschäftsführer des Kölner Weltvertriebs The Match Factory fest. „MEDIA ölt oft die Glieder dieser Erfolgskette, aber es kann die einzelnen Kettenglieder nicht ersetzen.“

Der Vorschlag für das neue MEDIA-Programm wird die Kommission Ende des Jahres dem EU-Parlament vorlegen. „Jeder Euro, der investiert wird, soll sich sowohl wirtschaftlich als auch kulturell auszahlen“, betont Vladimir Sucha, Direktor für Kultur und Kommunikation in der Generaldirektion für Bildung und Kultur. „Die Kultur stelle nicht nur die Basis dar, um der Gesellschaft bestimmte Werte zu vermitteln. Kreativität sei auch in wirtschaftlicher Hinsicht ein wichtiger Motor, da in der audiovisuellen Industrie in Europa 1,2 Millionen Menschen beschäftigt sind. Die Medienbranche generiere 100 Milliarden Euro Umsatz und habe mit drei bis vier Prozent einen höheren Anteil am Bruttosozialprodukt in Europa als die Autoindustrie. „Mit einer Zuwachsrate von zwölf Prozent wächst der Medienbereich stärker als jede andere Branche“, sagt Sucha.
Dennoch bleibt Antoine Virenque, Generalsekretär des internationalen Verleiherverbandes FIAD (Fédération Internationale des Associations de Distributeurs de Films), hinsichtlich der Zukunft von MEDIA beunruhigt. „Wenn die Kommission ihre Vorschläge dem Parlament unterbreitet und ein positives Feedback vom Kulturausschuss erhält, sieht der Finanzausschuss das vielleicht anders“, befürchtet Virenque. „Wir müssen daher weiterhin Aufklärungsarbeit leisten.“
Die größte Gefahr sei die des Unwissens, zitierte Radu Mihaileanu den französischen Schriftsteller Victor Hugo. „Das ist schlimmer als Armut, denn dadurch wird die Doktrin von Theoretikern ins Gehirn der Massen transportiert.“
Birgit Heidsiek
(MB 04/11)

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