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Internet-Logik im TV
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Internet-Logik im TV

Die Bewegtbildkonferenz TV Komm lockte am 26. Februar rund 380 Besucher in das Karlsruher Kongresszentrum. Das Zusammenwachsen von TV und Internet stand im Mittelpunkt der Tagung. Hochkarätige Referenten gewährten spannende Einblicke in die digitale Transformation.

Die Veranstalter der Tagung, die Karlsruher Messe- und Kongress GmbH (KMK) und die Landesanstalt für Kommunikation (LFK), trafen mit dem Schwerpunkt TV- und Internet-Konvergenz den Nerv der Fachbesucher. „Die positive Resonanz zeigt, dass wir die wichtigen Themen der TV-Branche aufgreifen“, so Britta Wirtz, Geschäftsführerin der KMK. Branchenkenner aus Wissenschaft, von Programmveranstaltern, Satelliten- und Kabelnetzbetreibern erläuterten Trends und Strategien.

Prof. Dr. Boris Kühnle, Studiendekan der Hochschule der Medien, Stuttgart, beleuchtete in seiner Keynote verschiedene Aspekte des digitalen Umbruchs. Durch die zunehmende parallele Nutzung von Internet und Fernsehen nehme die konzentrierte Sehzeit der Zuschauer ab. Studien aus den USA belegten jedoch, dass sich beide Medien gegenseitig befruchten können. So erhöhten Zuschauer ihren TV-Konsum, wenn sie im Internet geeignete programmbegleitende Informationen fänden. Kühnle gab sich überzeugt, dass die Logik des Internets in das Fernsehen einzieht – etwa, indem Cookies eine Individualisierung des TV-Programms ermöglichten.

Lutz Schüler, Geschäftsführer von Unitymedia Kabel BW, mahnte im Gipfelgespräch die Programmanbieter, die passenden Angebote und Geschäftsmodelle für die digitale Transformation zu entwickeln. Er verwies auf seine Erfahrung im Mobilfunk: Dort hätten die Netzbetreiber zu lange gezögert, bis ihnen Apple, Google und Co. schließlich das Geschäft wegzogen. Auch bei den Smart-TV- und Over-The-Top-Angeboten (OTT) gebe es einiges Verbesserungspotenzial. Mit „Horizon“ werde Unitymedia Kabel BW eine neue, integrierte Plattform für klassisches Fernsehen, Web-TV, Internet und Telefonie bringen. Die von der NDS Group entwickelte „Horizon“-Plattform wird in den Niederlanden bereits vom Kabelnetzbetreiber UPC angeboten, der wie Unitymedia Kabel BW zum Mutterkonzern Liberty Global gehört. In den Niederlanden sei „Horizon“ ein großer Erfolg, so Schüler. Statt der erwarteten 30.000 Nutzer in den ersten drei Monaten hätten bereits 100.000 Kunden das Angebot angenommen. Kontextbezogene Apps, etwa für Formel 1, ermöglichten die rasche Suche nach den verfügbaren Inhalten. Auch in der Schweiz ist „Horizon“ schon verfügbar. Dort kostet das Angebot zusätzlich zehn Franken, ein flotter Internetanschluss mit mindestens 50 Megabit pro Sekunde ist die technische Voraussetzung. Unitymedia Kabel BW werde „Horizon“ voraussichtlich ab Mitte dieses Jahres in Deutschland starten, so Schüler.

Ronald Fielder, Vice President Commercial Distribution Sky Deutschland, zeigte sich mit der Entwicklung des Online- und Mobile-Angebots Sky Go zufrieden. Mit insgesamt 33,3 Millionen Kunden-Logins im Jahr 2012 stieg der Zugriff um 335 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für Sky-Abonnenten ist der Web-Zugriff auf Live- und On-Demand-Inhalte kostenlos. Dies steigere jedoch die Attraktivität der Bezahlsender, so Fiedler. Zugleich räumte er ein, die britische Mutter BSkyB sei in Sachen Online-Angebote schon weiter. Sky Deutschland startete am 21. Februar 2012 den Programmführer „Sky Guide“ für Sky Go, der eine Aufnahme-Fernprogrammierung auf Sky-Festplattenreceiver ermöglicht.

Auch Jürgen Ebenau, Hauptabteilungsleiter Online des SWR, sieht den Trend zur konvergenten Nutzung. Während des Tatorts sei die zugehörige Facebook-Seite hoch frequentiert. Er sieht in der geplanten On-Demand-Plattform „Germany‘s Gold“ eine spannende Perspektive, wollte sich aber von Peter Siebenhaar, Handelsblatt-Redakteur und Moderator der Runde, auf keinen Starttermin festnageln lassen. „Solange die Prüfung des Kartellamts noch aussteht, kann ich keine Prognose abgeben“, so Ebenau. Die geplante Abruf-Plattform würde 60 Jahre TV-Geschichte sichtbar machen. Dies sei aus rechtlichen Gründen jedoch nicht mit den frei zugänglichen Mediatheken möglich, sondern nur mit einem Bezahlmodell. Der Rundfunkstaatsvertrag verbiete einen kostenlosen Mehrwert über den Programmauftrag hinaus. Ebenau sprach die Schwierigkeiten der öffentlich-rechtlichen Sender an, die junge Zielgruppe zu erreichen. Das Radio habe hier die Nase vorn. Lediglich einzelne Insellösungen, wie Bravo TV im ZDF, seien hier bislang erfolgreich gewesen.

Nicole Agudo Berbel, Director Affiliate Sales & Business Development von Discovery Networks, fährt eine zweigleisige Strategie: Mit dem Männersender DMAX habe man 2006 den ersten werbefinanzierten Free-TV-Sender im eigenen Portfolio gestartet. Bei jungen Männern habe Discovery Networks in Deutschland eine Lücke gesehen – und konnte daher DMAX mit Erfolg positionieren. Im Jahr 2012 habe DMAX einen Marktanteil von 1,3 Prozent erreicht. Der Start neuer Free-TV-Kanäle sei geplant. Zugleich baue Discovery Networks die Verbreitung seiner Bezahlkanäle aus – etwa mit dem Start des Discovery Channels im Kabelkiosk-Paket von Eutelsat am 1. März.

Diesen Ball nahm Martina Rutenbeck, Geschäftsführerin von Eutelsat Deutschland, dankend auf. Als Infrastruktur-Anbieter profitiere man von der wachsenden Sendervielfalt durch die Digitalisierung. Inzwischen verbreite man rund 4.500 TV-Sender über die Eutelsat-Satellitenflotte, davon knapp zehn Prozent HD-Sender. Eutelsat habe mit dem Start des interaktiven Kabelportals „Kabelkiosk Choice“ im Jahr 2011 zudem einen wichtigen Schritt unternommen, um lineares TV und On-Demand-Inhalte zusammenzubringen. Ob TV und Internet auf einer Set-Top-Box oder einem Connected-TV-Gerät zusammenkommen, sei nicht entscheidend. Vielmehr gehe es darum, dass sich die Nutzer nicht so sehr mit der Technik beschäftigen müssen.

Claus Grauwenig, Geschäftsführer des Verbands Privater Rundfunk- und Telemedien (VPRT) kritisierte, der Rundfunk sei durch die stärkere Regulierung gegenüber den Web-Angeboten benachteiligt. Daher sollten etwa die Werbevorgaben flexibler gestaltet werden. OTT-Videos könnten mit Overlay-Einblendungen zudem neue Werbeformen nutzen. Thomas Langheinrich, Präsident der Landesanstalt für Kommunikation BW (LfK), stimmte Grauwenig zu, dass auch die Regulierung digital transformiert werden müsse. Die Anforderungen gebe jedoch das Bundesverfassungsgericht vor, zudem seien Rundfunksender in punkto Werbung weniger reguliert als im Ausland. Langheinrich sah eine Gefahr darin, dass Programmanbieter, die eigene Empfangsgeräte im Markt durchsetzen, andere Sender ausblenden könnten.

Stephan Zech, Verlagsgeschäftsführung Axel Springer AG, sieht in der eigenen digitalen Programmzeitschrift „Watchmi“ den besten Service für den Kunden: Durch die Sendervielfalt biete eine möglichst vollständige Programmübersicht keinen Mehrwert für den Kunden. Vielmehr müsse der Kunde die für ihn interessanten Programme finden. Dies gelänge etwa über Empfehlungen, die den persönlichen Vorlieben des Zuschauers folgen. Angesprochen auf die Bezahldebatte für Online-Angebote meinte Zech, man befände sich noch am Anfang einer langen Reise. Man sei noch im Experimentiermodus. Die kostenlose Variante des „Wachtmi“-EPGs habe 600.000 User gehabt. Als das Angebot kostenpflichtig wurde, sei es aus dieser Reichweite ausgeschieden. Insgesamt böte die Digitalisierung aber mehr Chancen als Risiken. Nutze man sie jedoch nicht, würden dies die Unternehmen aus Kalifornien tun. 

In den anschließenden „Best-Practice“-Workshops plauderten Branchenexperten aus dem Nähkästchen. Guido Bülow, Distributionsmanager des SWR, erklärte die Social-Media-Aktivitäten der ARD an drei Online-Specials: der „Rommel“-Verfilmung, „Mainz bleibt Mainz“ und des „Tatorts 2012“. Parallel zum „Rommel“-Film hatte der SWR ein Web-Special erarbeitet, das einerseits umfangreiche Zusatzinformationen zum Film bereitstellte. So wurden etwa synchron zum Film geschichtliche Hintergründe dargestellt. Gleichzeitig konnten die Zuschauer mitreden – über verschiedene Kanäle wie Twitter, Facebook oder aber die Webseite selbst. Das Angebot wurde für das Web wie für Mobilgeräte aufbereitet. 40.000 Nutzer hätten darauf zugegriffen. Wichtig sei besonders das Feedback, auch die Kritik, so Bülow. Einige Nutzer waren von der Fülle der angebotenen Informationen überfordert, andere lobten das ambitionierte Online-Engagement. Besonders einfallsreich war das Online-Special für den Tatort 2012. Die Zielsetzung war es, die Handlung im Netz weiterzuerzählen. Dies hätte sich besonders für Folgen wie „Der Wald steht still und schweiget“ empfohlen, die ein offenes Ende hatten, so Bülow. Hier schuf das Web-Team mit Tatort+ einen Online-Untersuchungsraum, in dem die Zuschauer selbst ermitteln konnten. Mit enormem Erfolg: 110.000 Spiele wurden gespielt, 13 Millionen Zugriffe gab es insgesamt. Für Bülow sind für ein gelungenes Online-Angebot vier Punkte wichtig: Die konzeptionelle und redaktionelle Integration, die Möglichkeit, verschiedene Netzwerke zu nutzen – denn es werde stets das Lieblingsnetzwerk verwendet –, einen Mehrwert zu schaffen sowie eine redaktionelle Betreuung – denn es könnten stets auch rechtlich problematische Kommentare einlaufen.

Jan Fleischmann
(MB 04/13)

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