Cookie Consent by TermsFeed
      event-news
      mebucom
                
Kooperation statt Konfrontation
News: Events

Kooperation statt Konfrontation

Vom 12. bis 14. März 2008 fand in Budapest der internationale Kongress „DVB World 2008“ statt. Eröffnet wurde die von 220 Delegierten der DVB-Organisation besuchte Veranstaltung mit einer Keynote von Viviane Reding, EU-Kommissarin Informationsgesellschaft und Medien. Sie betonte die Bedeutung der offenen DVB-Standards für den Broadcast-Markt, bekräftigte die Absicht der EU, DVB-H als Standard für Mobile-TV in Europa durchzusetzen und skizzierte die EU-Strategie in Sachen Nutzung der „digitalen Dividende“.

Die Teilnehmer des DVB World-Kongresses 2008 applaudierten zufrieden. Viviane Reding, EU-Kommissarin Informationsgesellschaft und Medien, hatte in ihrer Eröffnungsrede zum Kongress mit deutlichen Worten das Bemühungen der DVB-Organisation um offene Standards gewürdigt und ihr die volle EU-Unterstützung versichert. Dr. Helmut Stein, Vorsitzender des Promotion & Communication Moduls (PCM) der DVB-Organisation, meinte dann auch: „Wir sollten Frau Reding als Ehrenmitglied in unsere Promotion-Gruppe aufnehmen.“
Reding hatte in ihrer Rede unter anderem wieder die Absicht der EU-Kommission klar gemacht, DVB-H (Digital-Video-Broadcasting-Handheld) als allgemeinen Standard für Mobile-TV in Europa durchzusetzen. Eine entsprechende Initiative hatte die Kommission vor einem Jahr ins Rollen gebracht und damit nicht überall Freunde gefunden. So hatte sich insbesondere der Deutsche Bundesrat im September 2007 „aus Gründen der Technologieneutralität“ gegen eine Festlegung auf DVB-H als alleinigen Übertragungsstandard für das Mobilfernsehen ausgesprochen und die geplante Aufnahme von DVB-H in das Amtsblatt-Verzeichnis der EU-veröffentlichten Normen abgelehnt. Erst am 14. März hatte der Bundesrat zudem in einer Stellungsnahme zur EU-Revision des Rechtsrahmen für elektronische Kommunikationsnetze und -dienste (Telekom-Paket) erneut erklärt, „dass bei Zielsetzungen im öffentlichen Interesse wie dem Medienpluralismus eine Bindung an bestimmte Technologien möglich sein muss“. Der Richtlinienvorschlag der EU müsse den Mitgliedstaaten „ausreichend Spielraum für Ausnahmen vom Gebot der Technologie- und Diensteneutralität, insbesondere für die Belange des Rundfunks“ zulassen.
Vor diesem Hintergrund wird klar, dass Redings Rede vor den DVB-Delegierten in Budapest nicht ohne Brisanz war und sehr aufmerksam, insbesondere von den deutschen Vertretern, verfolgt wurde. Die EU-Kommissarin machte sehr deutlich, dass die EU an ihrer DVB-H-Strategie weiter festhalten wird. „Die Europäische Kommission ist gegenwärtig dabei, den Prozess abzuschließen, DVB-H in die europäische Normenliste aufzunehmen. Danach sind alle Mitgliedstatten verpflichtet, die Einführung dieses offenen Standards zu unterstützen“, erklärte sie. Wenige Tage später, am 17. März, wurde Redings Ankündigung bereits umgesetzt.
Die EU-Kommissarin wies in Budapest darauf hin, dass – nach Italien – kommerzielle DVB-H-Projekte in diesem Jahr auch in den europäischen Ländern Frankreich, Finnland, Österreich, Estland und Schweiz (Deutschland wurde nicht erwähnt) an den Start gehen und dass der DVB-H-Standard derzeit in wachsendem Maße auch weltweit Zuspruch erfährt, insbesondere in Japan und Korea. Kommerzielle DVB-H-Services seien in einigen Ländern Südostasiens, Südamerikas und Afrikas, in Indien und Russland geplant.
Für die europaweite Nutzen des offenen DVB-Standards DVB-H spreche insbesondere die Wirtschaftlichkeit (Economies of Scale), die optimalen Nutzung des Frequenzspektrums und die Möglichkeit, auf Basis eines einheitlichen Standards lokale Applikationen entwickeln zu können. Gesetzgeberische Hürden, die zum Beispiel aus einer zu stark getrennten nationalen Regulierung von Broadcast- und Telekommunikationsgeschäft resultierten, sollten die DVB-H-Chancen nicht torpedieren.

Lizenzierungen und Patent-Pool
Um die Mobile-TV-Strategie der EU umzusetzen, gelte es indes, noch einige Aufgaben zu erledigen. Dazu gehöre, dass sich die DVB-H-Patentinhaber über die Lizenzierungskonditionen einigen und einen Patent-Pool installieren würden. Um eine möglichst hohe Akzeptanz für DVB-H zu erzielen, sollten dabei die Prinzipien Fairness, Diskriminierungsfreiheit und niedrige Kosten berücksichtigt werden. Zudem müssten für die mobile Nutzung Digital-Rights-Managementsysteme auf Basis offener Standards von den DVB-H-Protagonisten unterstützt werden.
„Die EU-Kommission wird den EU-Mitgliedsländern in den nächsten Monaten Richtlinien und Praxisbeispiele zur einfachen Regulierung von Mobile-TV bereitstellen. Wir können nicht hinnehmen, dass kommerzielle Mobile-TV-Starts verzögert werden, weil es in einigen Ländern in diesem Sektor entweder ein rechtliches Vakuum oder eine zu komplizierte Gesetzgebung gibt“, erklärte die EU-Kommissarin. „Meiner Meinung nach sollte die Regulierungspolitik darauf hinlaufen, dass Kooperationen zwischen Rundfunksendern, Mobile-Service- und Netzwerk-Betreibern angeregt werden.“ Mobiles Fernsehen sei eine natürliche Ergänzung zu den 3G-Services der Telekommunikationsunternehmen und würde denen neue Geschäftsfelder eröffnen.
Gleichzeitig müssten die Fernsehsender aber auch gewährleistet bekommen, dass ihrem Geschäft durch die entstehenden neuen Mobile-TV-Plattformen keine Nachteile entstünden. Reding: „Aus diesem Grund glaube ich, dass das Geschäftsmodell für Mobile-TV nur ein Kooperationsmodell sein kann und zwar unter Berücksichtigung aller Wettbewerbsregeln. Außerdem bin ich der Ansicht, dass dies nicht der Zeitpunkt ist, wo Mobile-TV mit Must-Carry-Regeln belastet wird.“ Der Mobile-Markt sollte sich zunächst einmal frei entwickeln können und die Services hier eine entsprechende Akzeptanz beim Publikum erfahren. Über Must-Carry könne man später dann immer noch sprechen. Außerdem sei eine adäquate Verteilung der Frequenzen für Mobile-Broadcasting-Services im UHF-Band nötig.
Beim Umstieg vom analogen auf das digitale Fernsehen sollte ihrer Meinung nach in den Ländern Europas nur eine kurze Silmucast-Phase gelten. DVB-T erlaube schließlich allen Bürgern einen kostengünstigen Zugang zum digitalen Fernsehen.
Die „digitale Dividende“, das sind freie Übertragungskapazitäten, die beim Wechsel auf die ressourceneffizientere digitale Übertragungstechnik entstehen, könnte zu einem Wirtschaftsboom bei der drahtlosen Kommunikation einschließlich Broadcast-Anwendungen führen, prognostizierte die EU-Kommissarin. Schon vor 2012 würde zusätzliches Sendespektrum in Europa in wachsendem Masse verfügbar werden. „Das soll im Interesse der Bürger und Konsumenten eingesetzt werden“, sagte sie. Nutzlose Auseinandersetzungen zwischen TV-Sendern und Telekommunikations- beziehungsweise Mobilfunk-Betreibern sollte man vermeiden und stattdessen lieber zusehen, wie für alle Parteien eine Win-Win-Situation geschaffen werden könne. „Die Botschaft der EU ist: Wir können mit dem verfügbaren Spektrum viel mehr machen, wenn wir miteinander kooperieren“, betonte sie.
Offene Standards und Interoperabilität seien in der konvergierenden Medienwelt oberstes Gebot. Das hätten auch die bislang eingegangenen 700 Stellungnahmen zu der im Januar von der Kommission ins Leben gerufenen „Creative Content Online“-Initiative ergeben. Die DVB Projektgruppe sollte deshalb in ihren Bemühungen um offene Standards nicht nachlassen.
Peter MacAvock, Executive Director des DVB Projektbüros, kommentierte den Auftritt von Viviane Reding auf dem DVB World Congress mit den Worten: „Ich war sehr beeindruckt von den Anmerkungen der EU-Kommissarin. Sie war außerordentlich bemüht, ihre Wertschätzung für unsere Industrie und die Arbeit der DVB-Organisation zu betonen. Ihre Darstellung der EU-Zielsetzung in der digitalen Welt war klar und unmissverständlich. Und es war natürlich schön zu hören, dass wir ihre volle Unterstützung auch bei unseren künftigen Anstrengungen haben!“

Hochkarätige Präsentationen
Der DVB World Congress bot neben der Reding-Rede auch eine ganze Reihe hochkarätiger Präsentationen. Professor Dr. Ing. Ulrich Reimers, Vorsitzender des technischen DVB-Moduls, beschrieb unter anderem einige Schlüsselspezifikationen die von der DVB Projekt-Organisation im letzten Jahr bereitgestellt worden waren. Er skizzierte ferner die aktuellen Arbeiten an Spezifikationen wie DVB-T2 und DVB-C2, Weiterentwicklung der vorhandenen DVB-T- und DVB-C-Standards.
Spencer Stephens, von Warner Brothers Advanced Media Services, betonte in seinem Vortrag die Tatsache, dass der Bruch der traditionellen Wertschöpfungskette bei der Inhalte-Distribution unbedingt erforderlich mache, dass Content-Protection-Technologien mit den Medien oder den dafür nötigen Endgeräten kombiniert werden müssten. „DVB-CPCM ist geeignet, diese Herausforderung zu meistern“, erklärte er. Auch CPCM (Content-Protection- & Copy-Management) ist ein von der DVB Projekt-Organisation entwickelter Standard
Mark Selby, Nokias Vizepräsident für Industrie-Kooperation, sprach über die veränderten Marktbedingungen, mit denen sich die TV-Industrie stärker auseinander setzen muss. Er wies vor allem darauf hin, dass die Konsumenten immer stärker ihr Nutzerverhalten selber bestimmen würden und in der Lage seien, Inhalte jederzeit an jedem Ort und mit jedem Endgerät zu nutzen.
Lieven Vermaele, der Technische Direktor der Europäischen Rundfunkunion EBU, nahm den Ball auf. „Wenn die europäischen TV-Sender diese Herausforderungen meistern wollen, müssen sie die Führungsrolle bei Innovationen und Kooperationen übernehmen“, forderte er.
Klaus Illgner-Fehns, Geschäftsführer des Instituts für Rundfunktechnik (IRT) setzte sich in seinem Vortrag mit der Frage auseinander, welchen Einfluss das boomende Internet-Geschäft auf die Rundfunk-Welt hat. Er vertrat die Ansicht, dass heute im Internet nur mit geschlossenen Plattformen (walled garden) Geld zu verdienen sei. Ob das in Zukunft noch gelte, sei offen. „Die Internet-TV-Entwicklung steht schließlich noch am Anfang“, meinte Illgner Fehns. Die Grenzen zwischen IPTV und Internet-Fernsehen würden zunehmend verschwimmen. Live-Broadcasting über das Internet sei heute zu annehmbaren Kosten möglich. TV-Sender müssten dabei aber sicherstellen, dass PC und TV die gleiche Erlebniswelt bieten würden. Ein gutes Beispiel dafür sei die ZDF Mediathek.
Eine TV-Marke müsse heute auf allen Plattformen sichtbar sein, um im wachsenden Wettbewerb überleben zu können, meinte der IRT-Chef.
DVB Projekt Executive Director Peter MacAvock gab einen Überblick darüber, wie sich die Bedingungen für die Standardisierungs-Aktivitäten insgesamt verändert haben. Der DVB Organisation falle es zunehmend schwer, mit der Innovationsgeschwindigkeit in der Industrie Schritt zu halten, meinte er.
Aufgrund der zunehmenden Standardisierungsaktivitäten des DVB Projekts, erklärte MacAvock in einem Hintergrundgespräch, sei es zudem problematisch, noch den Überblick über alle DVB-Aktivitäten zu behalten. „Mittlerweile ist es so, dass die Arbeitsgruppen des DVB Projekts fast täglich irgendwo in der Welt ein Meeting haben. Als Mitglied der DVB Projekt-Organisation kann ich aus meinem Tagesgeschäft heraus unmöglich alles verfolgen, was da passiert.“ Die DVB World Convention sei deshalb ein sehr wichtiges Ereignis, um Kolleginnen und Kollegen zu treffen und sich mit ihnen über die DVB-Aktivitäten auszutauschen.
Neben den rein technischen rückten zunehmend auch kommerzielle Fragen in den Fokus des Kongresses. „Die DVB Projekt-Organisation will die Industrie dazu bringen, die Bedeutung der Standard-Implementierung besser zu verstehen. Wir versuchen, Unternehmen zusammenzubringen, um auch die kommerziellen Fragen lösen zu können. Unsere Technologie ist schließlich nur Technologie. Für deren Erfolg sind aber noch viele andere Dinge relevant“, meinte MacAvock. „Wir brauchen unbedingt Feedback, um einschätzen zu können, wie wichtig unsere Arbeit eigentlich ist. Deshalb suchen wir auch die Business-Level-Diskussionen.“ Eine Standardisierungslösung könne technisch großartig sein. Trotzdem würde oft aber eine andere gewählt, weil sie schlicht populärer sei. MacAvock: „Da muss man sich fragen: Warum ist das so?“
Das DVB Projekt, machte MacAvock klar, hat sich in den letzen Jahren stark gewandelt. „DVB-T wurde in Europa entwickelt, dann aber auch außerhalb Europas sehr populär. Das Resultat: Der DVB-T2-Standard ist das erste Mal eine wirklich internationale Anstrengung. Daran mitgearbeitet haben gut über 60 Organisationen unter anderem aus Japan, Korea, China, Taiwan, USA und Europa. Wenn so viele Organisationen zusammenarbeiten, ist es sehr schwer, die Arbeit zu koordinieren, zu managen und sicherzustellen, dass die Ergebnisse auch kommerziell in jedem der Märkte Relevanz haben“, meinte er.
Dennoch sei die internationale Zusammenarbeit im DVB Projekt sehr wichtig. MacAvock: „Unsere Kernbotschaft ist, dass DVB längst nicht mehr nur für digitales Fernsehen in Europa steht, sondern für eine wirklich globale Entwicklung.“
Eckhard Eckstein (04/08)




Zurück