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Mega-Hype mit Fragezeichen
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Mega-Hype mit Fragezeichen

Einen solchen Hype hat man wahrscheinlich noch nie erlebt. Nach dem 3D-Kino ist nun das 3D-Fernsehen in aller Munde. Die Technikanbieter überschlagen sich mit 3D-kompatiblen Geräten. Es wurden, wenn auch im Entwicklungsstadium, schon die ersten autostereoskopischen Monitore vorgestellt, für die man keine Brille mehr braucht. Es sieht ganz so aus, als ob ein richtiges Wettrennen eingesetzt hat, um Fakten zu schaffen bevor der Boom sich als Blase erweist und zu einem abrupten Ende kommt. Denn es hat längst nicht alles überzeugt, was es auf der IFA 2010 zu sehen gab. MEDIEN BULLETIN hat versucht sich einen Überblick zu verschaffen.

›Wenn die IFA 2010 eines gezeigt hat, dann dass die Abspiel-Technik vorhanden ist und die großen Unterhaltungskonzerne mit einer kaum aufzuhaltenden Innovationskraft den Markt weiter beackern. Insbesondere Panasonic und Sony (siehe Extra-Beitrag in dieser Ausgabe) bauten einen Druck auf, dem nicht zu entkommen ist. „Wir glauben, dass 70 Prozent unserer Umsätze aus Verkäufen von Plasmafernsehern mit 3D-fähigen Geräten gemacht wird“, gibt sich Laurent Abadie, CEO Panasonic Europe überzeugt und Fabien Roth, General Manager, Television, Panasonic Europe flankiert im PR-Trommelfeuer des japanischen Konzerns: „Ich bin überzeugt, dass 3D im 2. Quartal 2011 eine relevante Größe im Massenmarkt wird.“

DisplaySearch, eine Website, die Informationen für Display-Hersteller zusammenträgt, schätzt die Anzahl der verkauften 3D-Displays in Europa (!) für 2011 auf etwa zwei Millionen Stück und 2014 auf etwa 12,5 Millionen Stück. Rechnet man die Vorhersagen zusammen, kommt man auf über 30 Millionen 3D-fähige Fernseher.

Bleibt die Frage nach dem Content. Wo kommt der eigentlich her? Dass die Frage nicht ganz unberechtigt ist, mag die Beobachtung stützen, dass auf den meisten der diversen 3D-Fernsehern immer dieselbe KUK-Produktion vom Nürburg-Ring als Demonstration zu sehen war. Für Panasonic ist die Antwort klar: Filme, Spiele und Sport sind die stärksten Treiber für 3D. Aber Panasonic setzt auch auf Homevideos und hat als erster Anbieter mit der HDC-SDT 750 den ersten AVHCD-3D-Camcorder für den Consumer-Bereich im Angebot. Für den Professional-Bereich gibt es den AG-3DA1-Camcorder, der die Hürde für Fernsehaufnahmen überwinden soll. Aber auf Sport konzentrieren sich augenblicklich alle. Kein Wunder, wenn das Ergebnis einer Untersuchung stimmt: „Laut eines White Papers, das Screen Digest im Auftrag von Panasonic erstellt hat, sind 3D-Sportevents der stärkste Treiber der 3D-Fernsehindustrie“, sagt Laurent Abadie und fügt hinzu: „80 Prozent der geplanten 3D-Kanäle werden ihren Schwerpunkt auf Sport legen.“ Ein Gebiet, auf dem sich rasch Enttäuschungen einstellen können. Die Demonstrationsschleife mit Ausschnitten aus einem Fußballspiel am Stand von SPORT1.de zeigte vor allem, wo die Nachteile von 3D liegen. Schnelle Bewegungen sind unscharf. Der Ball ist nicht wirklich zu sehen. Das Bild erscheint durch den 3D-Effekt und die größere Einstellung des Bildausschnitts bei einem normal großen Fernseher als zu klein. Und zu guter Letzt ließ sich in 3D genauso wenig wie in 2D erkennen, in welche Richtung der Ball eigentlich fliegt. Außerdem drängte sich schon nach wenigen Minuten Fernsehen der Gedanke auf, ob man einerseits mit 2D nicht besser dran wäre, und anderseits, wann sich die Kopfschmerzen einstellen, wenn man weiter schaut.

Konsens ist, dass Fußball für eine 3D-Übertragung die denkbar ungeeignetste Sportart ist, da ihre Geschwindigkeit zurzeit nicht 3D-kompatibel ist [warum, erklärt der belgische 3D-Pionier Ben Stassen im MEDIEN BULLETIN-Interview in dieser Ausgabe]. „Fußball ist für 3D nicht ideal“, sagte auch Stephan Heimbecher, Head of Innovations & Standards von Sky Deutschland, bei der Vorstellung des 3D-Kanals von Sky bei der Medienwoche Berlin-Brandenburg, die zeitgleich zur IFA stattfand. „Fußball hat einen großen, bewegungsreichen Aktionsradius, der viele Schnitte und Schwenks erfordert. Aber wir kommen um ihn nicht drum herum.“ Bei seiner Demonstration legte er Wert darauf, die Probleme zu zeigen, die es zurzeit bei Fußball in 3D gibt, und nichts zu beschönigen. Heimbecher begreift 3D als ein komplett neues Stilmittel. Dies bedeutet jedoch, bei der Positionierung von Kameras im Stadion umzudenken. Allerdings sind moderne Stadien für eine 2D-Fernsehproduktion ausgerüstet. Für 3D-Kameras ist kaum noch Platz.

Besser geeignete Sportarten für eine 3D-Übertragung sind Tennis, wo die Kamera stationär ist, oder Golf. So wird Sky seinen 3D-Kanal am 3. Oktober mit dem Golf-Tunier Ryders Cup starten. „Für 3D sind Totalen und schöne Details am Besten“, sagte Heimbecher. „Damit könnte man viele Sportarten mit 3D aus ihrer Nische holen.“ Vorerst ist der 3D-Kanal von Sky offen für jede Art von 3D-Content, will heißen, wer schon jetzt über 3D-Produktionen verfügt, hat eine gute Chance sie hier platzieren zu können.

In seiner Keynote bei der IFA erklärte Bryan Burns, Vice President, Strategic Business Planning & Development von ESPN, dass der Sportsender nach HD nun voll auf 3D setze. „Alle sagen, 3D würde einerseits nicht akzeptiert und andererseits seien die Produktionskosten zu hoch, um sich zu refinanzieren“, sagte er. „Doch wer Sport in 3D sieht, kann davon nicht genug bekommen. Natürlich müssen wir lernen, wie wir dies am Leben erhalten. Das geht aber nur, wenn verschiedene Firmen zusammenarbeiten, um 3D zu einem festen Bestandteil des Fernsehangebots zu machen.“ Da die 3D-Produktion von Sportübertragungen eine eigene Technik erfordert, müssen gleichzeitig neue Businessmodelle erarbeitet werden, die die zusätzlichen Kosten refinanzieren. Um zu unterstreichen, wie sehr ESPN an eine Zukunft mit 3D glaubt, berichtete Burns von der Gründung einer Trainingseinrichtung für die 3D-Produktion mit dem Namen ESPN Innovation Laboratory.

Medienwoche Berlin-Brandenburg

Bei der Medienwoche Berlin-Brandenburg stellte nicht nur Heimbecher die Sky-Pläne mit 3D vor, auch Inhalteproduzenten kamen zu Wort. H.W. Pausch, Co-Geschäftsführer von Context TV und neben EuroArts Music Koproduzent des 40-minütigen Konzertfilms „Lang Lang – The Third Dimension“, erzählte von der Herangehensweise an die Produktion: „3D steckt noch in den Kinderschuhen, man versteht es am besten, wenn man es macht.“ Für die Aufnahmen, die im Berliner Technoclub Berghain mit Unterstützung von Studio Hamburg für Sony Classical entstanden, „wurde inhaltlich viel neu durchdacht“, so Pausch. „Wir wollten kreativ mit dem Medium arbeiten und keine beliebigen Inhalte produzieren, sondern etwas herstellen, das man sich gerne mehrere Male ansieht.“ Für die Blu-ray, die bereits im Handel ist, interpretierte der Pianist Lang Lang Werke von Beethoven, Prokofiev, Chopin und Albéniz.

MovieBrats Filmproduktion stellten ihr Kurzfilm-Animations-Projekt „Water Soul“ vor. „3D darf nicht übergestülpt werden, sondern muss mit den anderen Elementen des Films wie Licht, Ausstattung oder Kamera als Einheit gestaltet werden“, sagen die beiden Macher Esther Friedrich und Alex Weimer, die sich durchaus vorstellen können, dass eine Milieustudie oder ein Beziehungsdrama in 3D funktioniert, denn es gehe letztendlich darum, „den Zuschauer mit einzubinden“.
Das Potsdamer VFX- und 3D-Animationsstudio morro images hat mit seinem Projekt „Strangel – Engel des Sonderbaren“, das auf einer Kurzgeschichte von Egar Allen Poe basiert, eine neue stereoskopische Pipeline vorgestellt, die gerade von dem Studio entwickelt wird. Als zugrunde liegende Technik wird seit der Betaphase der kürzlich für Autodesk Maya erschienene V-Ray-Renderer der Chaos Group genutzt. Die Kombination beider Software-Applikationen bietet morro images ein breites Spektrum an künstlerischem Potenzial, was dazu führt, dass ein originärer Look entsteht.

Gleichzeitig ist es möglich, das Bild sofort in 3D zu sehen und neben der Regie auch die Tiefenwirkung der einzelnen Szenen festzulegen. Im Renderprozess, der jedoch noch recht lange dauert, werden die Lichtsituationen und -reflektionen physikalisch korrekt dargestellt; eine Technik, für die der Renderer der Chaos Group schon aus der Verwendung mit 3D Studio Max heraus bekannt ist. V-Ray kommt meist im Automotive- und Architekturbereich zum Einsatz und wird jetzt erstmalig durch morro images in der stereoskopischen Character-Animation eingesetzt. Im Filmbereich gibt es mit Mental Ray Probleme beim Speichermanagement, weshalb die von morro images entwickelte Lösung bei größeren und aufwändigeren Szenen, die zusätzlich einen hohen Detailgrad erfordern, besser geeignet ist. Noch ist der V-Ray-Workflow nicht ganz ausgereift, dennoch gibt es schon erstes Interesse an der von morro images entworfenen Pipeline. „Wir entwickeln parallel zur Pipeline Werkzeuge, mit denen wir den besonderen Look der Animationen kostenneutral generieren können“, sagt Matthias Haase von morro images. Gleichzeitig arbeitet das Unternehmen an Algorithmen, um sich wiederholende Bewegungen im Animationsfilm physikalisch korrekt automatisch zu generieren.

Autostereoskopische Displays

„Ich benutze eine Lesebrille, um ein Buch zu lesen“, sagt Bob Raikes, Chef von Meko, einem britischen Informationsdienst für Display-Hersteller, und versucht dem hartnäckigen Argument, die 3D-Brille sei beim Filmebetrachten hinderlich, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Im Kino ist die 3D-Brille offenbar akzeptiert. Beim Schauen zuhause, so argumentieren Viele, dürfte diese Akzeptanz aufgrund unterschiedlicher Fernsehgewohnheiten nicht eintreten. Dafür schaut man beim Fernsehen zu oft woanders hin, läuft im Raum hin und her und schaut von verschiedenen Positionen auf den Bildschirm. Um hier zumindest einige Erleichterung zu schaffen, entwickelt das Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut in Berlin 3D-Displays, die ohne Brille auskommen. Zwei Arten gibt es bisher. Das Next Generation Multiview-3D- Display, das mit Hilfe von zwei Kameras die Position der Augen misst und dann immer im korrekten Winkel das Bild für das rechte Auge an das rechte Auge schickt und das linke an das linke. Der Winkel bei der Abstrahlung des Bildes ist so, dass das jeweils andere Auge nicht das Bild wahrnehmen kann, das für das andere Auge bestimmt ist. Dieses System funktioniert auch für mehrere Zuschauer.

Das andere System kommt ohne den Augenverfolger aus. 3D4YOU ist ein unter dem Europäischen ICT Work Programme entstandenes Konsortium von sieben Partnern aus vier Ländern, das von Philips angeführt wird. Steht man direkt vor dem Display, tritt der 3D-Effekt deutlich ein. Steht man mehr am Rand, ist es schwierig genau die Position zu finden, damit nicht das falsche Bild ins falsche Auge fällt. Bei beiden Systemen fällt das Bild aus verschiedenen Gründen gelegentlich auseinander, so dass es zu einem Effekt kommt, der stark an Wackel- bzw. an 3D-Postkarten erinnert. Wie bei 3D-Displays mit Brille lässt sich auch hier nicht der Eindruck vermeiden, dass Gegenstände nicht aus dem Bildschirm heraustreten, selbst dann, wenn aufgrund der Szene diese Absicht klar erkennbar ist. Der 3D-Effekt funktioniert scheinbar nur nach hinten in den Raum hinein. Dadurch wird das Bild aber kleiner und der Flachbildschirm wandelt sich zu einem Kasten, in den man tief hineinschaut, um in der Ferne etwas zu sehen. Der Ausweg dürften dann Beamer und die vierte Wand im Wohnzimmer sein. (MB (MB10/10)
Thomas Steiger

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