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Neue Märkte, neue Formate
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Neue Märkte, neue Formate

Als weltweit größte Content-Messe stand die MIPTV ganz im Zeichen des wachsenden Programmbedarfs. Die damit einher gehende Marktsegmentierung führt zu einer zunehmenden Formatvielfalt. Das Programmangebot in Cannes reichte von sechsminütigen Online-Serien bis hin zur 6K-Produktion im Cinemascope-Format.

„Die Inhalte kommen aus der ganzen Welt“, bestätigt die MIPTV-Chefin Laurine Garaude. „Für die Kultur gibt es keine Grenzen mehr, was ganz neue Möglichkeiten eröffnet.“ Dadurch ist es heutzutage möglich, Programme auf der ganzen Welt zu verbreiten, was auch zunehmend geschehe. Eine zentrale Rolle spielt dabei die digitale Auswertung, die über Grenzen hinweg erfolgt. „Das ist eine aufregende Zeit für alle, die Inhalte produzieren.“

Zur MIPTV strömten in diesem Jahr über 11.000 Branchenteilnehmer aus über 100 Ländern, darunter allein 4.000 Einkäufer, um sich mit frischen Produkten einzudecken. Aufgrund der wachsenden Anzahl der Auswertungskanäle wird immer mehr Content benötigt, um die unterschiedlichen Zielgruppen zu bedienen. Dies geht mit einer wachsenden Fragmentierung des Marktes einher. „The Millenial Shift“ war das Schlüsselthema auf der MIPTV, denn die zwischen 1980 und 2000 geborenen Konsumenten besitzen mit ihrem Geschmack und ihren Nutzungsgewohnheiten sowohl erheblichen Einfluss auf die Entwicklung von Inhalten als auch auf die Gestaltung von Geschäftsmodellen. „Das ist ein zentrales Thema, das die gesamte Branche quer durch alle Genres beschäftigt“, betont Garaude. „In einer Zeit, in der 50 Prozent der 18- bis 32-jährigen während der Fernsehnutzung durch das Internet surfen, ist es wichtig, eine Abhängigkeit von den Produkten zu kreieren“, meint Tim Pastore, Chef der Programmproduktion des US-Senders National Geographic Channel. Unterhaltung sei Schlüssel, um Werbebotschaften zu vermitteln, lautete sein der Rat an die Markenhersteller und Werbetreibenden. Da mit der Online-Auswertung oftmals ein ganz anderes Nutzungsverhalten einhergeht, hat die MIPTV mit dem 2014 initiierten Programm Digital Fronts ein zusätzliches Marktsegment für Online-Formate eingerichtet. „Hier zeigen wir neue Formate, mit denen experimentiert wird. Eine 22-minütige Folge kann online in drei Teilen präsentiert werden“, berichtet die MIPTV-Leiterin. Bei den Digital Fronts wurden ausschließlich Produktionen vorgestellt, die für die Online-Auswertung kreiert worden sind wie beispielsweise die Fantasy-Serie „Maximum Ride“. Das Webvideo-Netzwerk Collective Digital Studio hatte sich im vergangenen Sommer die Online-Auswertungsrechte an der fantastischen Geschichte des amerikanischen Bestsellerautors James Patterson gesichert, in dem halb Mensch-, halb Vogel-artige Kreaturen aus dem Labor ausbrechen, womit ein Abenteuer im Stil der „Tribute von Panem“ beginnt.

Umgekehrt wurden bei den Digital Fronts aber auch Formate in Kurzform vorgestellt, aus denen sich bei entsprechender Akzeptanz Langformen für klassische Serien entwickeln lassen. „In diesem Bereich gibt es viele verschiedene Ansätze“, versichert die MIPTV-Chefin. „Bei der MIP Digital Fronts versuchen wir mit neuen originären Inhalten eine Verbindung zwischen der Online-Welt und der Fernsehbranche herzustellen, um den klassischen Fernsehbereich zu erweitern.“ Große Medienunternehmen wie die Disney-Tochter Maker Studios oder Talpa Global versuchen neue Erfolgsformate zu entwickeln, die sowohl die typischen Fernsehzuschauer ansprechen als auch die Multi-Screen-affinen „Millenials“. Um ein großes Publikum zu erreichen, müssen die Inhalte entsprechend für die verschiedenen Auswertungskanäle aufbereitet werden. Neben den Maker Studios, YouTube, DailyMotion und Vice, die zu den Gründungsmitgliedern der Digital Fronts gehören, sind in diesem Jahr neue Partner wie die Collected Digital Studio, AwesomenessTV und Screen Australia hinzugekommen. „Dadurch werden hier Inhalte von Kreativen aus der ganzen Welt vorgestellt.“

Ein besonderer Fokus der MIPTV lag diesmal auf Produktionen aus Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland. „Die skandinavischen Länder sind seit einigen Jahren sehr erfolgreich mit düsteren Thrillern und Krimis“, bestätigt Garaude. „Es gibt viele Programme, die nicht nur national gut laufen, sondern auch das Potential besitzen, auch im Ausland zu funktionieren.“ In mittlerweile über 50 Länder verkauft hat sich die schwedische SVT-Serie „Real Humans“ über humanoide Roboter, die unangenehme Aufgaben im Haushalt übernehmen müssen, aber ein Eigenleben entwickeln und den Aufstand proben. Auf der MIPTV sicherte sich Channel Four die zweite Staffel dieser Kultserie, die in Großbritannien unter dem Titel „Humans by Vision“ ausgestrahlt wird. Darüber hinaus erwarb Channel Four von Svensk Filmindustry die sechsteilige Mini-TV-Serie „The Heavy Water War“, in der es um die Versuche der Nazis geht, eine Atombombe zu bauen. In Norwegen war diese skandinavische Serie, die mit der Verleihung des Physik-Nobelpreises an Werner Heisenberg 1933 in Stockholm beginnt, ein regelrechter Straßenfeger. Der öffentlich-rechtliche norwegische Sender NRK hat mit „The Heavy Water War“ im Januar 2015 Traumquoten von bis zu 64 Prozent erzielt. Auf international vermarktbare Serien aus dem Krimi-Genre setzt die NBC Universal International Television Production, die gemeinsam mit RTL und dem französischen Sender TF1 englischsprachige Serien entwickeln, finanzieren und produzieren will. Der Deal mit der internationalen Produktionstochter von NBC sieht vor, innerhalb von zwei Entwicklungszyklen in den nächsten beiden Jahren drei neue Serien zu kreieren. Jeder der Partner bringt dabei ein Drittel der Finanzierung auf und erhält entsprechende Anteile aus der globalen Auswertung, die NBC Universal mit Ausnahme von Deutschland und Frankreich komplett übernimmt.

Die Eroberung des chinesischen Marktes

Einen gigantischen Markt im Blick hat auch FremantleMedia, die im Rahmen eines Joint-Ventures mit der Shanghai Media Group, BesTV and China Media Capital Formate für den chinesischen Markt kreieren und realisieren will. Im Gegenzug will FremantleMedia mit seinem globalen Netzwerk chinesischen Content vermarkten. „Der chinesische Markt wächst sehr schnell und wird in Kürze zu den wichtigsten Märkten auf der ganzen Welt gehören“, prognostiziert FremantelMedia-Chefin Cecile Frot-Coutaz. „Unsere neu geschaffenen Beziehungen zu BesTV, SMG und CMC ermöglichen es FremantleMedia, unsere Position in China weiter auszubauen und unsere Verbindungen in China weiter zu stärken. Wir haben jetzt die Gelegenheit, Millionen von neuen Zuschauern zu gewinnen, indem unsere Kreativen Inhalte produzieren, die speziell auf das chinesische Publikum zugeschnitten sind.“ Frot-Coutaz wurde auf der MIPTV mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet. In ihrer Dankesrede berichtete sie, dass sie in einem kleinen französischen Dorf in den Alpen aufgewachsen sei, ohne Zugang zu einem Fernsehgerät. Auf der MIPTV akquirierte FremantleMedia International außerdem von dem französischen Pay-TV-Konzern Canal Plus die im Kalten Krieg angesiedelte TV-Serie „Deutschland 83“ von Edward Berger und Samira Radsi, die in diesem Jahr als Weltpremiere bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin vorgestellt worden war. Derweil schloss die französische Canal Plus-Gruppe in Cannes eine Kooperation mit den Maker Studios ab, welche die größte Netzwerkplattform bei YouTube darstellen und Canal Plus künftig mit Programmen für ihre Streaming-Dienste versorgen werden. „Es gibt keine Sendung mehr, die wir heutzutage produzieren“, erklärt Marc-Antoine d’Halluin von Zodiak Media, „bei der wir nicht gemeinsam mit dem Sender darüber nachdenken, wie sich diese online am besten vermarkten lässt.“ Einschaltquoten sind daher heutzutage nicht mehr das einzige Mittel, um die Popularität einer Fernsehsendung zu messen. Bevor die fünfte Staffel der Fantasy-Verfilmung „Games of Thrones“ in den USA ausgestrahlt wurde, waren die ersten vier Folgen schon auf Torrent-Seiten im Netz zu sehen, auf denen die Downloads weltweit die Ein-Million-Grenze toppten.

Ein Western im 6K-Format

Der beste Schutz gegen Online-Piraterie sind Filme im 4k-Format, denen auf der MIPTV ein ganzes Programm gewidmet war. Als Weltpremiere  präsentiert wurde die erste Folge der US-Western-Serie „Texas Rising“, die Regisseur Roland Joffé in 6k und Cinemascope aufgenommen hat. Der renommierte  Regisseur von „The Killing Fields – Schreiendes Land“ hat sich aufgrund der weiten Landschaften in seiner Western-Serie für dieses Aufnahmeformat entschieden. In den USA wird „Texas Rising“ auf dem History Channel zu sehen sein.

„Wir sollten uns darauf konzentrieren, unsere Geschichten ehrlich zu erzählen und nicht versuchen, sie möglichst universell anzulegen“, rät der US-Erfolgsautor, Regisseur und Produzent Steven Levitan, der auf der MIPTV ebenfalls mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet wurde. Auf sein Konto gehen Emmy-gekrönte Produktionen, die bissige Hollywood-Satire-Serie „Greg the Bunny“, „Wings“ sowie „Modern Family“. „Wir sollten unsere Erfahrungen präzise und in einer realistischen Art erzählen“, meint Levitan, „und sehen, wie das ankommt.“

Diesem Ansatz folgten auch die Dokumentarfilmemacher, die ihre Projekte beim internationalen Pitching-Wettbewerb auf der MIPDoc vorgestellt haben, der in Partnerschaft mit dem ZDF Filmprojekt stattfand. Den Hauptpreis gewann das Projekt „A Leak in Paradise“ über den ehemaligen Schweizer Bankmanager Rudolf Elmer, der die Praktiken einer Schweizer Bank offengelegt hat, die für ihre Kunden mit Hilfe von Offshore-Konstruktionen Millionensummen an den Steuerbehörden vorbei geschleust haben. Auch dabei haben die Möglichkeiten, die sich durch neue Formen der Online-Auswertung eröffnen, eine wichtige Rolle gespielt. Die Dokumente mit den Kundendaten sind über die Whistleblower-Internetplattform WikiLeaks an die Öffentlichkeit gelangt.

Birgit Heidsiek

MB 3/2015

© MIPTV

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