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NRW – ein Filmland im Wandel
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NRW – ein Filmland im Wandel

Die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, Deutschlands größte Länderförderung, ist am 27. Februar 2011 20 Jahre alt geworden. Gefeiert werden die zwei erfolgreichen Dekaden regionaler Förderarbeit im Juni beim Medien Forum NRW in Köln. Es gilt nun, das Modell Filmstiftung erfolgreich ins digitale New Media-Zeitalter zu führen.

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne. Bei der Filmstiftung begann es mit Helmut Dietls bittersüßer Gesellschaftssatire „Schtonk“ über die gefälschten Hitlertage-Bücher mit Götz George und Uwe Ochsenknecht in den Hauptrollen. Das erste geförderte Filmprojekt der neuen Fördereinrichtung in NRW wurde eine der größten deutschsprachigen Kinohits, sammelte zahllose Preise (darunter den deutschen Filmpreis) und war sogar für den Oscar nominiert.

Der Leitgedanke der damals von Ministerpräsident Johannes Rau und WDR-Intendant Friedrich Nowottny gemeinsam ins Leben gerufenen und getragenen Filmstiftung lautete „mit guten Filmen Arbeit schaffen“. Durch den Aufbau einer starken Film- und Medienwirtschaft sollte der Strukturwandel in Nordrhein-Westfalen voran getrieben werden – was mit nachhaltigem Erfolg gelang, denn das einstige Kohle- und Stahlrevier glänzt heute als Vorzeigeland für kreative Medienproduktion.

Längst rangiert Nordrhein-Westfalen als eine der führenden Medienstandorte Europas mit 373.000 Arbeitsplätzen, 67.000 Unternehmen und einem Umsatz von 112 Milliarden Euro. Mit einem jährlichen Fördervolumen von rund 33 Millionen Euro war und ist die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen die größte regionale Filmförderung Deutschlands. Seit ihrer Gründung förderte sie bis Anfang dieses Jahres 1.524 Filmprojekte mit rund 500 Millionen Euro. Hinzu kommt die Förderung von Drehbüchern, Verleih, Vertrieb, regionalen Kinos sowie Hörspielen. Von besonderer Bedeutung für die Entwicklung des Film- und Medienstandortes war vor allem das Engagement der Filmstiftung für den Nachwuchs in Film und Medien, das in die Gründung der internationalen filmschule köln (ifs) und des AV-Gründerzentrums in Köln mündeten.

Dank eines geschickten Managements gelang es den ersten Geschäftsführern Dieter Kosslick (dem heutigen Berlinale-Direktor) und seinem Nachfolger Michael Schmid-Ospach das Land NRW in die erste Liga der europäischen Filmregionen zu führen. Im Laufe der Jahre kamen mit dem ZDF, RTL und der Landesanstalt für Medien NRW weitere Gesellschafter an Bord. Zunächst einmal wurden in die Region zwischen Rhein und Ruhr, die zur Gründerzeit der Filmstiftung kaum eine bedeutende Rolle als Filmstandort gespielt hatte, eine Vielfalt von Film- und Fernsehproduktionen geholt, dadurch konnte eine tragfähige und leistungsfähige Infrastruktur mit professionellem Fachkräftestamm angesiedelt werden.

Mit den Studios, des seit Jahrzehnten ansässigen WDR und des dort angesiedelten Senders RTL entwickelte sich Köln zu einer Hochburg für nonfiktionale Fernsehformate weiter. Parallel dazu wurde mit Hilfe der Förderung NRW zu einem wettbewerbsfähigen Filmstandort ausgebaut. „Eine mit heute vergleichbaren Produzentenlandschaft habe es zum Start der Filmstiftung vor 20 Jahren nicht gegeben, bestätigt Produzent Joachim Ortmanns von der Kölner Lichtblick Filmproduktion, die sich seit Gründung 1996 zu einem mittelgroßen Unternehmen für Dokumentar- und Spielfilme entwickelt hat. „Das ist heute kein Vergleich mehr mit der Zeit, als ich angefangen habe“, erklärt er und fügt noch hinzu: „Durch die Filmstiftung sind die unabhängigen Produzenten gestärkt worden. Sie konnten sich mit Unterstützung der Förderung viel selbständiger und unabhängiger entwickeln und über den Status eines reinen Auftragnehmers der Sender hinauswachsen.“

Im 21. Jahr seines Bestehens steht das Land und seine erfolgreiche Fördereinrichtung vor neuen Aufgaben und vor einem nicht unerheblichen Umbruch, der von der neuen Geschäftsführerin Petra Müller, die am 1. August 2010 ihr Amt angetreten hat, eingeleitet werden soll. Auf Müller, die zuvor beim Medienboard Berlin-Brandenburg den Bereich Standort-Entwicklung verantwortlich voran gebracht hatte, kommt nun die Aufgabe zu, das Modell Filmstiftung erfolgreich ins digitale New Media-Zeitalter zu führen.
Frauke Gerlach, Aufsichtsratsvorsitzende der Filmstiftung NRW sieht drei Entwicklungslinien der Filmstiftung.

Neue Aufgaben in der digitalen Welt

In einer ersten Gründerphase sei es um die Stärkung und Aufbau des Film- und Fernsehlandes NRW gegangen. Im zweiten Jahrzehnt seit 2000 habe sich eine mittelständische Produzentenlandschaft etablieren und die Internationalisierung des Filmlandes NRW vorangetrieben werden können. Nun seien „angepasste Strategien“ erforderlich, um die wirtschaftlichen und kulturellen Kräfte des Landes zu vernetzen und Anschlüsse zwischen den unterschiedlichen Branchen herzustellen.
„Die Chancen dafür sind gut“, ist Müller überzeugt. Die Medienregion Berlin-Brandenburg habe einen gewissen Vorsprung als Mekka der Kreativen, als Hauptstadt des Films, der Kunst und Kultur. Doch der eher kleinteilig strukturierten Kreativwirtschaft dort mangele es an großen Auftraggebern. In NRW sieht sie eine komplementäre Situation. Dort existiere zwar ein geringeres kreatives Potenzial als in der Hauptstadt, dafür verfüge die Region über große wirtschaftliche Kraft. Mit der allseits akzeptierten Hauptstadtrolle von Berlin sei der föderale Standortwettbewerb alter Ordnung teilweise abgelöst, denkt Müller: „Berlin ist heute auch ein Stück von NRW und Bayern – und umgekehrt“.

Mit engagierter Nachwuchsarbeit in Film, Medien und benachbarten kreativen Branchen, dazu überzeugenden Bedingungen für Unternehmensgründung und -ansiedlung sowie mit der Förderung innovativer Inhalte und digitaler Experimente, verbunden mit einer verlässlichen Medienpolitik, will sie den Standort weiter entwickeln. „Man hat mich nach NRW geholt, um eine Neuausrichtung des Hauses, eine so genannte funktionale Erweiterung auf den Weg zu bringen. Klassische Produktionsfelder, Kreativwirtschaft und Neue Medien sollen dabei mit einander vernetzt werden. Die Filmförderung bleibt das Kerngeschäft. Daneben werden wir das Haus für neue Medien öffnen, für Games, Internet und Mobile. Im Zeitalter der Konvergenz haben wir es zu tun mit 360 Grad-Inhalten, einem kreativen Kontinuum, das von Film und TV bis hin zu Web-Formaten, Mobile Apps und Games reicht“, erklärt die Filmstiftung-Chefin.

Ein erstes Pilotprojekt zur Förderung von Prototypen startet Mitte 2011 mit einem Volumen von 1,5 Millionen Euro für drei Jahre. Diese Förderung richtet sich vor allem an die junge Entwicklerszene für Videospiele, mobile Anwendungen, wie auch für crossmediale Formate, die Web, und Interaktivität mit klassischen Erzählformaten verknüpfen.
Wenn sich NRW für das gesamte Spektrum der Film- und Medienwirtschaft öffnet, geht die Erfolgsgeschichte weiter. Der neue Weg wird von den Produzenten grundsätzlich begrüßt. „Die Produzenten sind bereit, die dritte Phase mit einzuläuten. Wir begrüßen den Brückenschlag zwischen dem Kernbereich der Filmförderung, die sich bewährt hat und den aufblühenden neuen Feldern wie Internet, Mobile Markt und Games“, sagt Produzent Ortmanns. Und Martin Moszkowicz, Vorstand der Münchner Constantin AG, betont die Bedeutung der Filmstiftung als berechenbare Größe für Film- und Fernsehproduzenten. Moszkowicz kündigt eine Reihe von Produktionen mit NRW-Beteiligung in diesem Jahr an und dass die Aktivitäten in NRW ausgebaut werden sollen.

Gute Partnerschaft zur Filmstiftung

Eine gute Partnerschaft zur Filmstiftung und dem WDR bestätigt auch Stefan Arndt, Gesellschafter und Produzent der Berliner X Filme: „Tom Tykwers jüngster Film ‚Drei’ wäre ohne die Filmstiftung und den WDR wohl kaum realisierbar gewesen, die uns, wenn immer wir das Arthouse-Kino voran bringen und auch verjüngen wollen, dabei unterstützen.“
Für Ortmanns, der auch im Vorstand des film & fernsehverbandes nrw ist, bleibt allerdings eine zentrale Aufgabe zur Stärkung der mittelständischen Produzenten noch zu bewältigen. Die Lizenz- und Koproduktionsanteile der Sender entwickelten sich nach allgemeiner Einschätzung der Produzenten zurück, wodurch die Finanzierung der Projekte aufwändiger und langwieriger werde. Für Ortmanns stehen vor allem die Sender in der Pflicht, die unabhängigen Produzenten künftig noch weiter zu unterstützen. Die zuletzt getroffene Vereinbarung der Produzentenallianz mit den öffentlich-rechtlichen Sendern sei hierbei nur ein erster Schritt.
Bernd Jetschin
(MB 06/11)

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