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TV-Zukunft in der Nebelwolke
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TV-Zukunft in der Nebelwolke

AUF DER IBC 2012 wurde viel über die TV-Zukunft diskutiert. Video Cloud, Second Screen, Multi-Plattform und Social TV waren die Schlüsselwörter. Schnell ändernde Entwicklungsszenarien machen es Herstellern und Lösungsanbietern schwer, sich in der digitalen Welt richtig zu positionieren. Überall wurden neue Firmen-Strategien verkündet – meist jedoch mit den gleichen bekannten Slogans. Die Unsicherheit im Markt konnte das nicht kaschieren.

Das Broadcast-Business braucht klare Ansagen. Also macht man sich auf die Suche nach Fakten und Belegen. Fündig wird man da zuerst bei den Marktforschern und Consultern. Kein Wunder, dass auf jeder zweiten Pressekonferenz zur IBC 2012 in Amsterdam einleitende Worte zur Marktentwicklung gerne mit Zahlen aus der aktuellen Studie „Broadcast Market Research Report 2012“ von Joe Zallers New Yorker Marktforschungsinstitut Davencroft untermauert wurden – oft jedoch ungeachtet der tatsächlichen Relevanz. Zahlen dienen nun mal gerne dazu, strategische Neuausrichtungen von Unternehmen zu erklären. Und dazu gab es auf der IBC reichlich Anlass. Die anhaltende Konsolidierung in der Broadcast-Branche hat nicht nur die großen sondern auch viele mittlere und kleine Player fest im Griff. Unternehmensfusionen sind fast an der Tagesordnung. Kurz vor der IBC wurden NDS von Cisco und Miranda von Belden übernommen und zur IBC vermeldeten unter anderem die beiden norwegischen Unternehmen Nevion und T-Vips ihren Zusammenschluss.

Harris will sich bis Ende des Jahres von seinem Broadcast Communication-Bereich trennen. Über die Verkaufsverhandlungen wurde jedoch auf der IBC nichts verraten. Aber man sei „auf gutem Weg“, meinte Harris Morris, Präsident von Harris Broadcast. Er nutzte die Messe in Amsterdam, um noch mal die besondere Schlagkraft seines Unternehmens in der neuen Medienwelt klar zu machen. „Die Transformation der Rundfunksender hin zu Multiplattform-Medienhäusern führt zur wachsenden Komplexität ihrer Betriebstechnik. Sie bedarf dringend einer Vereinfachung“, brachte er es auf den Punkt. Harris Broadcast biete dafür die richtigen Lösungen. Vereinfachung bedeutet Integration unterschiedlicher Funktionalitäten für den Senderbetrieb in einem System. Folgerichtig steigt Harris mit Versio deshalb auch in den „Channel-in-a-Box“-Markt ein. Da gibt es zwar schon viele Mitbewerber, wie zum Beispiel Snell mit seinem ICE-System oder Miranda mit iTX, aber Harris sieht sich mit seinem umfangreichen Know-how und Produktportfolio besser aufgestellt als die Konkurrenz.

Auffallend war wieder, dass sich die Marketing-Aussagen vieler Unternehmen stark angleichen. Alle wollen „näher an den Kunden rücken“, „besser zuhören, was der Kunde will“, „flexiblere Systeme bauen“, die dann auch noch „deutlich leistungsstärker und kostengünstiger“ sein sollen.

Bei Grass Valley das gleiche Spiel. Hier räsonierte Präsident Alain Andreoli über die Notwendigkeit der Multiplattform-Distribution in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit. Ja, meinte er, es gäbe viele Herausforderungen für die Rundfunksender. Daraus würden sich jedoch auch gute Chancen für neue Geschäftsmöglichkeiten ergeben. Die Medienunternehmen müssten dabei zwei Dinge beherzigen: sie müssten ihre Workflows mit modernen Technologien effizienter gestalten und verstehen, dass ihre Zuschauer Programme nicht mehr ausschließlich am TV-Gerät sondern an verschiedensten Screens konsumieren wollen – überall und jederzeit, in allen möglichen Formaten und Auflösungen. Die Medien-Industrie müsse verstärkt IT-basierte Lösungen einsetzen, riet er, um Qualität und Quantität der Programmangebote zu verbessern. Schlüsselwörter in der IT-getriebenen Broadcast Welt seien heute „Cloud-basierte Lösungen“ und „SOA“ (Service Oriented Architecture). Und natürlich: Grass Valley sei dabei, sich als Lösungsanbieter entsprechend zu positionieren und die Broadcast-Industrie auf ihrem Weg in die neue Welt adäquat zu unterstützen. Andreoli räumte jedoch auch ein, dass niemand wirklich voraussagen könne, wie die Branche sich in fünf Jahren darstelle, respektive wie sich das Consumer-Verhalten entwickeln werde. Deshalb käme es darauf an, Lösungen zu wählen, die flexibel und skalierbar genug seien, um alle Veränderungen softwarebasiert mitgehen zu können. „Die Zukunft basiert nicht auf Hardware-Produkten sondern auf internet- und softwaregetriebenen Lösungen. Die Kamera ist in fünf Jahren vielleicht die gleiche aber die Software, die man braucht, um sie zu nutzen, wird eine ganz andere sein“, meinte er.

Grass Valleys Zukunft betrachtet Andreoli mit großer Zuversicht. Mit dem neuen Besitzer Francisco Partners und deren drei Milliarden US-$ Kapital im Rücken sei das Unternehmen für die Erfordernisse im Transformationsprozess der Broadcastbranche gut gerüstet. „Wenn sich der Staub legt wird Grass Valley hier nicht unbedingt der größte aber sicherlich einer der drei gößten Player im Markt sein“, meinte er.

Positive Stimmung verbreitete auch Harmonic. Peter Alexander, SVP und neuer Chief Marketing Officer von Harmonic, sieht den Markt der elektronischen Medien in einer guten Verfassung und gerade für sein Unternehmen hier beste Geschäftsmöglichkeiten. „Rundfunksender und Diensteanbieter müssen heute bessere Inhalte über mehr Kanäle auf mehr Screens transportieren – und das bei möglichst geringerem Ressourcen-Einsatz. Dazu bedarf es neuer Technologien“, sagte er. Die Hersteller müssten in der Lage sein, „Komplexität zu reduzieren, Flexibilität zu erhöhen und intelligente Lösungen zur Integration von Funktionalitäten“ zu liefern – das alles bei verbesserter Qualität von Bild und Ton. Genau das biete Harmonic und profitiere deshalb von der Entwicklung – insbesondere in den Bereichen Multiscreen und OTT-Services.

Michael Wellesley-Wesley, Präsident und CEO von Chyron, stößt ins gleiche Horn. 88 Prozent der TV-Zuschauer würden bereits den „Second Screen“ nutzen und 70 Prozent davon wiederum Social Media. „In der sich wandelnden Broadcast-Landschaft spielen Second Screen und Social TV eine zunehmend wichtige Rolle“, betonte er. Um die Aufmerksamkeit der Medienkonsumenten sicher zu stellen seien Branding-Produkte wie die von Chyron bei Broadcastern deshalb besonders gefragt. Dem neuen Nutzerverhalten will Chyron zum Beispiel mit Shout, einer neuen Stand-alone-Software-Applikation, entsprechen. Shout erlaubt den TV-Sendern unter anderem, Social Media Kommentare schnell und einfach in ihr Live-Programm einzubinden.

Mehr Tempo zählt auch bei Snell. „Broadcaster müssen möglichst schnell mit neuen Angeboten auf den Markt kommen können. Skalierbare, flexible Lösungen sind deshalb gefragt“, sagte Snell-CEOSimon Derry auf der IBC-Pressekonferenz des Unternehmens. Snell sei sehr bemüht, seinen TV-Kunden bei der Neudefinition ihrer Geschäftsmodelle zur Seite zu stehen.

Auf der IBC 2012 wurde überhaupt viel von Kooperationen gesprochen. Besonders spannend war hier unter anderem das Zusammenspiel von SES und Sony. Die beiden Unternehmen präsentierten in Amsterdam die Live-Übertragung von 4K-HDTV. Dabei wurden die Programme im sogenannten Quad Full HD-Format mit einer Rate von 50 Mbit/s vom SES-Hauptquartier in Luxemburg via ASTRA-Satellitensystem übertragen und auf einen Sony Bravia 84" 4K-Bildschirm mit einer Auflösung von 3.840 x 2.160 Bildpunkten dargestellt. Die Faszination dieser Bilder war enorm. Die Bildschirme am Sony- und SES-Stand waren ständig von großen Menschentrauben umlagert. „Wie schon bei HDTV wird SES die Einführung von 4K operativ und technisch konsequent vorantreiben“, versprach Ferdinand Kayser, Chief Commercial Officer bei SES. Konkretere Angaben zur möglichen Einführung gab es nicht. Auch hier wurde, wie fast überall auf der IBC, deutlich: Die TV-Zukunft liegt derzeit weniger in der Cloud als vielmehr in einer Nebelwolke. Und alle warten darauf, dass die endlich aufreißt.
Eckhard Eckstein
(MB 10/12)

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