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Wertbeständig auch im digitalen Zeitalter
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Wertbeständig auch im digitalen Zeitalter

Das Münchner Traditionsunternehmen ARRI ist mit dem Ehrenpreis des Deutschen Kamerapreises 2010 ausgezeichnet worden. Der Trägerverein des renommierten Preises, der in diesem Jahr sein 20-jähriges Jubiläum feierte, würdigte damit die über 90-jährige Erfolgsgeschichte von ARRI. Den Award erhielt der Weltmarktführer im Profi-Filmequipment für seine technischen Innovationen und Verdienste in der internationalen Filmgestaltung. Die Preisverleihung fand im Rahmen des Medienforums NRW am 27. Juni in Köln statt. MEDIEN BULLETIN sprach mit Franz Kraus, geschäftsführender Vorstand von ARRI, und Regisseur und Kameramann Joseph Vilsmaier über das Potenzial von Digitalkameras für den Film.

Welche Relevanz hat der Deutsche Kamerapreis für einen Branchenprimus, der bereits 16 Mal einen Oscar erhalten hat?
Kraus: Ganz einfach, wir haben noch keinen Deutschen Kamerapreis. Es ist eine große Ehre. Die technischen Oscars gehen ja nicht an das Unternehmen, sondern es sind Auszeichnungen für technische Leistungen und Produkte wie Kameras, Laser und Scheinwerfer. Den Preis bekommen die Personen, die hauptsächlich für Konzept und Entwicklung dieser Produkte verantwortlich und zuständig waren. ARRI als Firma hat erst 2003 einen Oscar für die fortlaufenden Innovationen im Bereich Kameraentwicklung bekommen – ironischerweise zusammen mit dem US-Unternehmen Panavision, das gleichzeitig unser größter Wettbewerber und Kunde ist. Der Grund war, dass heute alles aus technischer Sicht Fernsehqualität hätte, gäbe es keine dezidierte Kameratechnik für den Kinofilm.

Wofür hat ARRI den Deutschen Kamerapreis bekommen?
Kraus: Wir haben den Ehrenpreis für die lange Tradition erhalten, mit der ARRI als deutsches Unternehmen erfolgreiche Produkte für die Filmproduktion gemacht hat: für Jahrzehnte an Innovation in der Kamera- und Lichttechnik und für Produkte im Bereich digitaler Filmbearbeitung wie unsere Filmscanner und -rekorder, mit denen Filme auf Zelluloid digital in hoher Qualität bearbeitet werden können. Die Idee war, ein Unternehmen auszuzeichnen, das über Jahrzehnte an vorderster Front beispielgebend für viele andere in der Filmindustrie ist. So habe
ich das aufgefasst.

Welche Bedeutung hat der deutsche Markt im Vergleichzum internationalen?
Kraus: Der deutsche Markt ist für uns natürlich extrem wichtig, weil wir ein deutsches Unternehmen sind. Aber 60 bis 70 Prozent unserer Produkte exportieren wir. Das heißt, für uns sind alle Medienstandorte dieser Welt von hoher Wichtigkeit und insbesondere diejenigen, die starkes Wachstum zeigen wie Indien und Asien generell.
Und natürlich sind die USA als Traditionsmarkt bedeutend. Bei professionellen Filmkameras sind wir eindeutiger Marktführer. Panavision hat ein anderes Geschäftsmodell. Das Unternehmen vermietet ausschließlich Kameras und entwickelt nur für eigene Anforderungen. Wir erheben fortlaufend, wie viele Kameras weltweit in der professionellen Verwendung sind, und schätzen, dass wir einen Marktanteil von 70 bis 80 Prozent haben. Das heißt 70 bis 80 Prozent aller Filme werden weltweit mit ARRI-Kameras gedreht. Das gilt für Film. Im digitalen Bereich werden die Karten neu gemischt und dort müssen wir erst wieder soweit kommen.

Gibt es auf dem Markt der Digitaltechnik Wettbewerber, die in der Entwicklung weiter sind?
Kraus: Wettbewerber sind Sony oder Panasonic, die aus dem Video- und Broadcast-Bereich kommen. Sie bewegen sich von der Fernsehanwendung nach oben in die Königsklasse Spielfilm. Und wir müssen jetzt mit unserer neuen Digitalkamera Alexa zusehen, dass wir nicht nur in dem Bereich, wo wir bisher zu Hause waren – Spielfilm und hochwertige Fernsehproduktionen – die Nase vorn haben, sondern dass wir uns zum Beispiel auch in der Produktion von Dailies und Weeklies, oder Dokumentar- und Industriefilmen wiederfinden. Deswegen ist diese Kamera vom Design, den Features und der Preisstellung ab 45.000 Euro so angesiedelt, dass man sie sich auch leisten kann, wenn man nicht nur Spielfilme dreht.

Lässt sich Ihr bisheriges Erfolgsrezept übertragen?
Kraus: Wir hören zu, für welche Arbeiten die Kamera als Werkzeug eingesetzt werden soll. Die Arricam zum Beispiel ist die teuerste Studiokamera. Es gibt nichts Besseres auf der Welt. Der Preis reicht von 220.000 bis etwa 350.000 Euro, je nach Ausstattung. Dann gibt es eine extrem robuste Kamera wie die 435, mit der man drehen kann wo man will. Es gibt kein Werkzeug, das für alles gut ist. Für spezielle Anforderungen muss es spezielle Werkzeuge geben. Das ist es auch, glauben wir, worin wir uns von den Kollegen aus Japan unterscheiden. Filmemacher wollen ein Werkzeug mit Charakter, das ganz klare Leistungsmerkmale kennt und sich durch Zuverlässigkeit und Robustheit auszeichnet. Die Arricam besteht aus Feinmechanik und hat nur in der Steuerung Elektronik. Die Alexa besteht im Vergleich dazu aus 27 Software-Modulen. Wir wissen alle, komplexe Software ist nie ganz perfekt. Hier müssen wir dafür sorgen, dass die Software, die bildentscheidend ist, absolut zuverlässig läuft. Denn wenn die Kamera – egal ob Film oder digital – auf dem Set streikt und nicht mehr aufnimmt, ist das das Schlimmste, was passieren kann.
Vilsmaier: Das ist mir nur einmal passiert. Das war nicht so tragisch. Wenn man in den Bergen dreht, hat man sowieso noch eine zweite Kamera dabei.
Es kann ja immer irgendetwas passieren – die Kamera fällt um. Innerhalb von Jahrzehnten ist das also ein minimaler Anteil.

Welche Zukunft hat für Sie die 35 mm-Filmkamera?
Vilsmaier: Ich hoffe, dass sie noch eine längere Zukunft hat. Aber wie sich der Markt verändern wird, weiß ich nicht.

Wie lange sind Kameramodelle durchschnittlich auf dem Markt, bevor in neues Equipment investiert wird?
Kraus: Das ist unterschiedlich. Die 35 mm-Arricam haben wir 2000 eingeführt. Das ist nach wie vor unser Top-Modell. Wenn man Feinmechanik richtig macht, hält sie lange. Darüber hinaus ist sie so gemacht, dass sie durch fortlaufende Innovationen und Erweiterungen auf dem Stand der Technik bleibt. Das ist bei einer elektronischen Kamera ganz anders.
Nach zwei bis drei Jahren gibt es in Größe und Leistungsfähigkeit einen Fortschritt. Das heißt, eine solche Kamera wollen wir vom Design lange erhalten, aber es kann sein, dass wir bei der Hälfte der Lebensdauer einen wesentlichen Upgrade machen. Wir wollen nicht, dass Kameras in der Filmproduktion einen Charakter von Wegwerfprodukten bekommen.
Ein Kameramann muss sich ja auch an eine Kamera gewöhnen, er muss sie sehr gut einschätzen können. Deswegen müssen wir Acht geben, dass wir nicht vermeintlich zu viele Innovationen in Digitalkameras hineinpacken. Die wichtigen Funktionen, die gebraucht werden, müssen einfach bedienbar umgesetzt sein. Spezial-Modi werden über passwortgeschützten Zugriff angeboten, wie etwa 3D-Anwendungen oder wenn Leute mit mehreren Kameras gleichzeitig drehen und von einer Kamera aus alle anderen steuern wollen. Wertbeständigkeit ist auch im digitalen Zeitalter wichtig.

Was halten Sie von der Alexa, Herr Vilsmaier?
Vilsmaier: Die Alexa habe ich jetzt zum ersten Mal gesehen. Ich habe sie noch nicht getestet, aber sie hat was. Es ist nicht so, dass ich auf Digitalkameras nicht neugierig wäre, aber bei
Filmkameras weiß ich, wie sie funktionieren. Und Film ist nicht zu schlagen.

Kraus: Das ist so. Wir haben die Sorge, dass Filmemacher mit komfortabler Digitaltechnik arbeiten wollen, weil man die Bilder sofort sieht, die aber heute noch nicht das kann was Film kann. Alle zwei Jahre kommt neues Filmmaterial auf den Markt. Die Innovationsrate beim Film ist damit eigentlich größer als bei einer Digitalkamera. Drei bis vier Jahre sind das Minimum für einen Produktzyklus, weil eine Kamera für den Verleih sonst unbezahlbar wird. Die Leistungsfähigkeit von zehn verschiedenen Filmemulsionen ist heute bei Digitalkameras noch nicht gegeben. Man kann zum Beispiel mit Material drehen, das körniger ist, weil es ein Film sein soll, der in den 50er Jahren stattfindet. Bei Digitalkameras macht man das hinterher in der Postproduktion. Ob das gut ist, ist eine andere Frage. Es kostet jedenfalls. Und für hochwertigen Film ist ja gar nicht die 35 mm-, sondern die 65 mm-Kamera die Referenz. Es wäre schade, wenn das Vergangenheit wäre, weil man zu früh umgestiegen ist. Wir sehen die Alexa als hervorragende 35 mm-Digitalkamera. Wenn Projekte kein großes Budget haben und 70 mm- oder sogar 35 mm-Film keine Möglichkeit sind, macht es viel Sinn, sich in der Technik zu beschränken und lieber in Darsteller, Ausstattung und Locations zu investieren. Wenn ich aber ein vernünftiges Budget für einen Film für die große Kinoleinwand habe, dann sollte ich etwas nehmen, was in 20 Jahren auch noch gut aussieht.

Hat die Markteinführung von Alexa im Juni begonnen?
Kraus: Ja, am 21. Juni haben wir angefangen, auszuliefern. Der Filmproduzent und Regisseur Roland Emmerich hatte die Alexa aber vorher bereits beim Dreh seines neuen Shakespeare-Thrillers „Anonymous“ im Studio Babelsberg im Einsatz. Insgesamt hat er mit drei Prototypen gearbeitet. Das war für uns sehr gut. Es ist eine tolle Produktion eines historischen Films mit digitalen Effekten und Computeranimation. In der Beleuchtung wurde überwiegend mit Kerzen und Fackeln gearbeitet. Da muss man sagen, war unsere Digitalkamera mit der hohen Empfindlichkeit und dem geringen Eigenrauschen eindeutig von Vorteil. Sie konnten klaglos mit unserem neuen Modell arbeiten.

Wann wird Digitaltechnik das bieten, was Film kann?
Kraus: Der Komfortfaktor von digital ist für extrem entscheidungsfreudige Leute ein Plus, weil man im Grunde am Set seinen Film fertig machen kann. Aber die Datenspeicher müssen größer werden, weil man mehr Material aufnimmt, wenn man digital dreht.
Das Drehverhältnis von 100 zu eins wird nicht überraschen. Möglicherweise könnte man in drei bis fünf Jahren von den Basisparametern her dort sein. Die digitale Nachbearbeitung von Filmen ermöglicht aber heute vieles und man kann Formate auch mischen.
Eine weitere Thematik ist die Ästhetik. Viele Techniker meinen, ein Filmkorn ist ein Defekt. Aber es ist Filmästhetik. Da ist es noch ein weiter Weg, bis man elektronisch bei der Aufnahme so etwas simulieren kann.
Vilsmaier: Ja, bei elektronischen Bildern ist alles sehr klar, aber auch fast steril. Beim Film ist das nicht so. Was ich mit den Augen sehe, so gibt der Film das wieder.

Inwieweit hat für Sie die Digitaltechnik das Filmhandwerk schon verändert?
Vilsmaier: In der Kombination zum ersten Mal beim Dreh von „Nanga Parbat“. Wir haben mit 65 mm- und 35 mm-Filmkameras und digital gedreht. Es hat sehr gut funktioniert, alles miteinander zu mischen. Das wusste ich vorher nicht. Mit einer 65 mm-Kamera wären zum Beispiel Hubschrauberdrehs viel, viel zu aufwändig. Das kann man sich nicht leisten. Dann ist es ein Vorteil, wenn man Film- und Digitalaufnahmen miteinander kombinieren kann. Die Bausteine haben wunderbar zusammengepasst.

2009 sind Sie vom Deutschen Kamerapreis als Ehrenkameramann für Ihr Lebenswerk geehrt worden. Ihre eigene Karriere hat mit einer Ausbildung bei ARRI begonnen. War die Auszeichnung von ARRI mit dem Deutschen Kamerapreis fällig?
Vilsmaier: Ich finde gut, dass ARRI den Ehrenpreis erhalten hat. ARRI steht einfach für Qualität. Schon alleine, wenn man eine Kamera anfasst, ist das große Begeisterung. Es ist Kameratechnik in höchster Vollendung.
Sandra Eschenbach
(MB 07/10)

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