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EU-Strategie-Papier für Europas Filmindustrie

EU-Strategie-Papier für Europas Filmindustrie

Die Europäische Kommission hat im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele in Cannes ein Strategiepapier für den europäischen Film im digitalen Zeitalter vorgelegt, das darauf abzielt, den Schwerpunkt in der Förderung stärker auf die Segmente Vertrieb und Auswertung zu legen.

Künftig soll die Entwicklung, Vermarktung sowie die internationale Verbreitung von europäischen Filmen stärker unterstützt werden. Die Anzahl der europäischen Produktionen ist von 1.100 Filmen im Jahr 2008 bereits 2012 auf 1.300 Produktionen angestiegen und wächst ständig weiter. Die überwiegende Anzahl dieser Filme werden jedoch nicht in den Nachbarländern ausgewertet. „Es ist nicht nur in ökonomischer Hinsicht, sondern auch in Hinblick auf die kulturelle Vielfalt wichtig, den internationalen Vertrieb europäischer Filme anzukurbeln“, erklärt Androulla Vassiliou, Europäische Kommissarin für Bildung, Kultur, Jugend und Vielsprachigkeit, die in Cannes dazu  eine Diskussion mit den Branchenvertretern angeregt hat.

Derzeit werden rund 70 Prozent der öffentlichen Filmfördermittel in die Produktion und nicht in die Vermarktung von Filmen gesteckt. Im Vorfeld der anstehenden Europa-Wahlen will die Kommission mit diesem Positionspapier ein Zeichen setzen, bei der Filmauswertung künftig auf mehr Flexibilität und Experimentierfreudigkeit zu setzen, wobei auch Video-on-Demand und Download als Auswertungskanäle empfohlen werden.

Die Europäische Kommission hat bereits im Rahmen eines zwei Millionen Euro teuren Experiments den Day-and-date-Release mit europäischen Filmen getestet und in Cannes dazu die Ergebnisse vorgelegt. Die simultane Auswertung von Filmen auf verschiedenen Plattformen ist in der Branche auf kontroverse Reaktionen gestoßen. Angesichts der bevorstehenden Präsenz der  amerikanischen VoD-Plattformen Netflix, die sich bis Ende des Jahres in Deutschland, Österrreich, der Schweiz, Frankreich, Belgien und Luxemburg auf dem Markt positioniert, besteht in der Branche ein Konsens darüber, dass der neue Player die Spielregeln auf dem Markt verändern wird. Allerdings gehen die Meinungen stark darüber auseinander, wie die Europäer mit diesen neuen Herausforderungen umgehen sollen. 

Day-and-Date Release mit europäischen Filmen

Im Rahmen des EU-geförderten Day-and-Date-Release mit europäischen Filmen sind neun Filme in 15 europäischen Ländern ausgewertet worden, die nicht mehr als 15.000 Zuschauer generiert haben. „Ich hoffe, dass dieses Experiment nicht als Basis für künftige politische Entscheidungen verwendet wird. Das ist der völlig falsche Weg“, wettert Thorsten Frehse, Chef des Neuen Visionen Filmverleihs und Vertreter der AG Verleih. Ein Film hatte bei diesem Pilotprojekt, bei dem die Verleiher keinerlei Vorkosten investieren mussten, nur 27 Kinozuschauer, andere Filme erzielten rund 200 Besucher. „Entweder war die Kampagne einfach schlecht, die Verleiher haben keine gute Arbeit geleistet oder sie haben einfach nur die Fördergelder eingesteckt“, mutmasst der Indie-Verleiher. „Mit diesem Projekt kann etwas nicht stimmen.“

Der britische Kinobetreiber Philip Knatchbull, der mit seinem Unternehmen Curzon Cinema World an dem EU-Experiment teilgenommen hat, wertet hingegen so viele Filme wie möglich per Day-and-Date Release aus. „Bei bestimmten Filme ist ein kürzeres Auswertungsfenster erforderlich. Dabei ist es wichtig, große Flexibilität zu besitzen und die Kontrolle zu behalten. Wir müssen unseren Kunden die Filme genau dann anbieten, wenn sie diese sehen möchten.“

Bisher gibt es für den Day-and-Date Release allerdings noch kein funktionierendes Geschäftsmodell, gibt Nico Simon, Chef der Utopia Kinogruppe und Vorsitzender von Europa Cinemas zu bedenken, der kritisiert, dass die Kinobetreiber in keiner Weise in dieses Pilotprojekt einbezogen worden sind. 

„Ich bin optimistisch, was die neuen Auswertungformen für Filme angeht“, erklärt Thierry Lounas, der mit seinem Verband die unabhängigen Verleiher in Frankreich vertritt. „Wir müssen jedoch ein Geschäftsmodell dafür finden. „Die sinkenden DVD-Einnahmen schaden den Verleihern“, erklärt Raymond Walravens, Geschäftsführer des Rialto Kinos in Amsterdam. Der Day-and-Date Release führe erst recht zu finanziellen Einbußen für die Kinos.“

„Die Europäische Kommission ist gut beraten, der Branche und ihren Vertretern auf nationaler Ebene stärker zu vertrauen und selbst darüber zu entscheiden, wann und wo Filme ausgewertet werden sollen“, erklärt Phil Clapp, Vorsitzender des internationalen Kinoverband UNIC (International Union of Cinemas). Die UNIC lehnt eine europäische Förderung für die zeitgleiche oder nahezu zeitgleiche Filmauswertung in den Kinos und per VoD ab. Die Mehrzahl der Kinobetreiber spricht sich dafür aus, nachhaltige und legale VoD-Angebote zu stärken, da die Einnahmen im Home Entertainment-Bereich durch illegale Streamingdienste sinken, was sich negativ auf das gesamte Ökosystem im Filmbereich  auswirkt“, betont Clapp. „Die neuen digitalen Plattformen haben jedoch bisher keine nennenswerten Zahlen veröffentlicht, die Aufschluss über die wirtschaftlichen Ergebnisse noch ihren kulturellen Einsatz für das europäische Kino geben.“ Wie in dem 14-seitigen EU-Papier festgestellt wird, leisten sie auch keine Beiträge zur Produktion europäischer Inhalte. „Die europäische Kinowirtschaft engagiert sich hingegen seit vielen Jahrzehnten in diesem Bereich und stellt auch den größten Auswertungsmarkt dar.“ Das Ziel  bei dieser Debatte sei, die große Leinwand in den Mittelpunkt der neuen Agenda für den europäischen Film zu rücken.“

Trendwende in der europäischen Kulturpolitik

Zur neuen EU-Strategie hat auch der CICAE-Vorsitzende Detlef Rossmann Stellung bezogen, der seit Jahren die Überproduktion von Filmen in den großen westeuropäischen Ländern kritisiert. „Wenn wir 1.300 Filme in Europa fördern und ins Kino bringen, müssen wir uns fragen, wie diese Filme beworben und ins Kino gebracht werden sollen. Es ist sehr zu begrüßen, das Europa anfängt, diese Fragen zu stellen und die Parameter der Förderung zu ändern“, betont Rossmann. „Die Feinjustierung muss auch bei den regionalen Förderern ankommen, welche die Hauptverursacher der Überproduktion sind, weil sie einen Film zunächst als Wirtschaftsgut fördern, was in der Region Arbeitsplätze schafft und sie ihn erst in zweiter Linie als kulturelles Produkt sehen.“

Mit dieser Trendwende in der europäischen Kulturpolitik will die Kommission noch vor den Europa-Wahl ein Zeichen setzen. In Brüssel ist es längst kein Geheimnis mehr, dass sowohl die Kulturkommissarin Androulla Vassiliou als auch die für digitale Medien zuständige Neelie Kroes aus Altersgründen nicht mehr als Kommissarinnen wiedergewählt werden. Offen bleibt, ob diese Bereiche in der neuen Kommission im Rahmen der Restrukturierung gebündelt werden. „Wir brauchen eine Strategie für die Auseinandersetzung mit der neuen Europäischen Kommission“, erklärt die französische Kulturministerin Aurélie Filipetti in Hinblick auf die bevorstehenden Europawahlen.

Ein Thema in der Medien- und Kulturpolitik bleibt auch das Handelsabkommen mit den USA. „Die Kultur aus dem Abkommen auszuklammern, ist der einzige Weg, um sie vor einer kompletten Standardisierung zu schützen“, versichert Filipetti, die sich in Cannes mit Monika Grütters, der deutschen Staatsministerin für Kultur und Medien, im Vorfeld der EU-Ministerratssitzung in Brüssel getroffen hat. „Wir treten neuen Liberalisierungsverpflichtungen im Bereich der Kultur entgegen, weil wir Sorge haben, dass anderenfalls unsere einzigartige kulturelle Vielfalt auf dem Spiel stünde“, betont Grütters. „Deshalb setzen wir uns für eine Generalklausel zum Schutz der Kultur innerhalb des Verhandlungsmandates ein - genau so wie die USA sie für Belange ihrer nationalen Sicherheit bereits durchgesetzt haben.“ (4/15) Birgit Heidsiek


Foto: Die französische Kulturministerin Aurélie Filipetti mit Doris Pack, Vorsitzende des Kulturausschusses des Europäischen Parlamentes

 

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