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Ab Seite 117 wird es spannend!

Klar ist Ex-Sat.1-Chef Roger Schawinski, wie viele andere, die an vorderster Front im Medien-Business stehen, ein Egomane. Das spiegelt sich denn auch im subjektiven Duktus seines Buches „Die TV-Falle – vom Sendungsbewusstsein zum Fernsehgeschäft“ wider. Wer aber wissen will, wie privates Fernsehen hinter den Kulissen en Detail funktioniert, wird mit vielen plastischen Beispielen gut bedient. Und bei seinen PR-Auftritten zum Buch hat Schawinski mittlerweile auch verraten, warum er Sat.1 vorzeitig verlassen hat…

Zur Erinnerung: In Deutschland so gut wie unbekannt, in der Schweiz als Pionier des privaten Radios und Fernsehens ein Medienstar, war Roger Schawinski bereits in der Ära Leo Kirch als Sat.1-Chef ins Gespräch gebracht worden. Nachdem Schawinski, Jahrgang 1945, seine Mediengruppe Belcom für 92 Millionen Schweizer Franken – kurz vor dem dann folgenden Untergang – veräußert hatte, war er frei für neue Aufgaben geworden. Doch aus vielen Gründen, die Schawinski teilweise auch im letzten Kapitel seines Buchs „Die TV-Falle“ beschreibt, konnte er das Amt des Sat.1-Geschäftsführers, auf das er sich mit Herzklopfen freute, erst antreten, als Haim Saban das Zepter im ProSiebenSat.1-Medienreich übernommen hatte.

Im Buch wie bei allen seinen öffentlichen Auftritten bilanziert Schawinski nüchtern, was in den drei Jahren seiner Tätigkeit bei Sat.1 wirtschaftlich passierte. Ende 2003 wies der Berliner Sender einen Gewinn von vier Millionen Euro aus. Ende 2006 war der Gewinn auf 204 Millionen Euro angestiegen, wie Schawinski nicht ohne Stolz feststellt: „das sechsfache des zuvor höchsten Gewinns in der zwanzigjährigen Geschichte des Senders“.
Was er aber nur in Clärchens Ballhaus bei einer Talk-Runde zum Buch verrät: Er, Schawinski, sei sicher, dass eine weitere Vervielfachung des Gewinns, wie es die neuen Besitzer der ProSiebenSat.1-Gruppe, KKR/PERMIRA, anstreben, „unmöglich“ sei, zu einer Vernichtung des Senders führe, zumal wenn man – wie er – einen „Qualitätsanspruch“ habe. Dies sei auch der Hauptgrund dafür gewesen, dass er den Sender vorzeitig verlassen habe. Während er selber „das Fernsehen liebe“, habe sich schon Haim Saban „nicht für Sendungen“ interessiert, sondern „allein für Marktanteile, Werbeerlöse und Kosten“ und eben „für das Geld“ in Form von Rendite, dass er schließlich absahnen konnte, heißt es im Kapitel über „Haim“.

Schawinski nennt einen zweiten Grund, warum er dem Berliner Sender den Rücken zeigte. Er sei „schlicht beleidigt“ gewesen. Darüber nämlich, dass Haim Saban ihm wie allen anderen Sender-Geschäftsführern und den normalen Mitarbeitern der Gruppe als Dankeschön dafür, dass der lukrative Verkauf der Gruppe geklappt hatte, lediglich 400 Euro avisiert habe. Dagegen seien 95 Prozent von den 23 Millionen Euro, „etwa ein Prozent des erlösten Gewinns“, die Saban austeilte, an nur vier Personen des Vorstands geflossen, wovon Guillaume de Posch den Löwenanteil ergattert hätte, so Schawinski. Er selber übrigens hatte nach dem Verkauf seiner Mediengruppe Belcom rund fünf Millionen Franken von den insgesamt 92 Millionen an seine rund 200 Mitarbeiter verteilt, jeweils 4.000 Franken pro geleistetes Arbeitsjahr.
Was ist seine Motivation, sofort nach seinem Weggang von Sat.1 ein Buch über seine dortige Tätigkeit zu veröffentlichen? Nachkarren? Nestbeschmutzung? Das weist Schawinski weit von sich. Auch Politiker wie Fischer und Schröder hätten gleich zur Feder gegriffen. Er wolle eine Diskussion anregen. Er habe auch keine Nestbeschmutzung verfasst, sondern „im Gegenteil, es ist eine Liebeserklärung an das private Fernsehen und an Sat.1“, behauptet er.

Tatsächlich hält er im Buch die Fahne für das private Fernsehen hoch. Zum Beispiel in dem Kapitel, wo er gegen ARD und ZDF wettert. Er beklagt die Verzerrung des freien Wettbewerbs, die durch die gute Ausstattung der öffentlich-rechtlichen Sender mit Gebührengeldern entstünde, und nennt auch ein paar selbst erlebte Beispiele dafür. Applaus wird Schawinski von Seiten der privaten Sender wohl für sein 6. Kapitel erhalten, das vermutlich auch juristischen Sprengstoff enthält. Es geht um die politisch sanktionierte Verpflichtung der großen Vollprogrammsender wie Sat.1 und RTL, Regionalprogramme und Sendungen von Dritten ins Programm aufzunehmen. Dagegen lehnen sich die Sender schon seit Jahren auf, weil es geschäftsschädigend sei, bislang aber ohne Erfolg. Hier packt Schawinski pikante Details aus, wie und mit welchen „unsinnigen“ Konditionen die Sendungen von Spiegel, Focus und Alexander Kluges Firma DCTP ins Programm kommen, und welche lukrativen Geschäfte sie damit machen. Auch einen „weiteren Profiteur bei Sat.1“, Josef Buchheit, hat Schawinski dabei auf den Kieker. Er beschreibt, wie und warum Buchheit, der zuvor Angestellter bei Sat.1 war, es geschafft hat, Sat.1 die Sendungen Planetopia und Weck up aufzudrücken. Alle gemeinsam, so nennt Schawinski auch das Kapitel, hätten eine „Lizenz zum Gelddrucken“ in der Hand.

Wer sich Schawinskis Buch kauft, weil er sich professionell dafür interessiert, wie das private Fernsehen in groben Zügen heute hinter den Kulissen funktioniert, der sollte die ersten fünf Kapitel erst einmal links liegen lassen. Hier, bei der Beschreibung des Marktes der Eitelkeiten, der hinter dem Glamourmedium Fernsehen auch heute noch steht, streut Schawinski dem Leser eher populistischen Sand in die Augen: Tratsch und subjektive Erlebnisberichte rund um Stars und Sternchen, um renditesüchtige Produzenten, um Regisseure, die ihr höchstpersönliches Verständnis von Kunst durchsetzen wollen. Das alles tischt er eher wie ein Tagebuchschreiber auf, der sich von seiner Leidensgeschichte erholen will. Auch das ist in Einzelaspekten nicht uninteressant, führt aber aufgrund des egomanischen Duktus schnell zur Ermüdung.

„Lizenz zum Gelddrucken“
Wer vermeiden will, das Buch auf halber Strecke aus der Hand zu legen, bevor er bei den viel substanzielleren – allerdings auch „knochentrockenen“ – Funktionsmechanismen angekommen ist, die das private Fernsehen charakterisieren, sollte sich den ersten Teil für später aufbewahren und besser mit der Seite 117 beginnen, bei der „Lizenz zum Gelddrucken“.

Von hier an geht es darum, wie das heutige Controller-Fernsehen hinter den Kulissen in seinen einzelnen Mechanismen funktioniert: vorsichtige Enthüllungen, viel Authentizität, subjektive Analysen. Zwar ist es nicht neu, dass die Sender sich mit der Kunst des Programmierens und Gegenprogrammierens gegenseitig Knüppel zwischen die Beine werfen, Schawinski aber nennt die raffinierten Methoden, die es dafür gibt. Er listet die Programmkosten einzelner Genres auf, und welche Programme zu allererst vom Bildschirm verschwinden, um die Rendite zu erhöhen. Er erklärt, wie der Deckungsbeitrag DB1 für jede einzelne Sendung ermittelt wird. Und er zeigt auch in Ansätzen auf, wie es gelang, die Bilanz von Sat.1 trotz sinkender Marktanteile als „ertragsstärksten Sender des Landes“ auszuweisen, vor Marktführer RTL. Interessant das Kapitel „Ach diese Zuschauer“, wo Schawinski die Sat.1-Stammseher beschreibt, deren Fernsehverhalten die Forschungsabteilung mit Videos festgehalten hatte.

Nolens volens zeigt Schawinski am Beispiel seiner Tätigkeit für Sat.1 auf, wie und warum das private Fernsehen auf dem Weg ist, seine bisherige gesellschaftliche Relevanz zu verlieren. Als es bei der Talk-Runde in Clärchens Ballhaus darum ging, die Folgen des Controller-Fernsehens zu bewerten, gab sich FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld felsenfest davon überzeugt, dass es zu einem „Idiotenfernsehen“ mutiere. Diese drastische Prognose wurde von allen Teilnehmern abgenickt. Von Schawinski selber, Moderator Torsten Zarges (Kress) und dem Produzenten Marc Conrad („Blackout“, „GSG 9“), der in der Ära Helmut Thoma viele Jahre RTL-Programmdirektor war und in jüngerer Vergangenheit 100 Tage lang als RTL-Chef wirkte, bevor er nach der Veröffentlichung seines publizistisch orientierten Zukunftsmanifest für den Sender kurzerhand vom Konzernchef Gerhard Zeiler durch die gelernte Controllerin Anke Schäferkordt ausgetauscht worden war.
Wer aber das private Fernsehen nicht nur als Cash-Cow, sondern auch als relevantes publizistisches Volksmedium liebt, der sollte vor Prozessen warnen, die zur Selbstvernichtung führen. Insofern kann man Schawinskis Buch tatsächlich als eine „Liebeserklärung an das private Fernsehen“ interpretieren.
Erika Butzek (MB 10/07)





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