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„Auch die Quote ist ein Qualitätskriterium“

TV-Qualitätsdebatte Unstrittig: Hans Janke steht seit vielen Jahren als Garant für qualitative Fernsehfiktion im deutschen Markt. Belohnt wird der Leiter der ZDF-Hauptredaktion „Fernsehspiel“ und Stellvertretende Programmdirektor nicht nur mit vielen Preisen – einschließlich des Oscars für die ZDF-Kinofilm-Koproduktion „Der Fälscher“ -, sondern ebenso mit guten Quoten. Das ist auch sein Ziel: Anspruch mit Reichweite zu verbinden. Im Gespräch mit MEDIEN BULLETIN erklärt Janke, wie man Qualität bei der Entwicklung einer fiktionalen Produktion erreicht, wie man sie hält, und wie man sie den Zuschauern erfolgreich rüberbringt.

Wie steht es heute generell um die Qualität der deutschen Fiction im Fernsehprogramm, auch im internationalen Vergleich mit erfolgreichen US-Serien wie „Dr. House“ und „CSI“?
Den Vergleich zwischen deutschen und US-Serien halte ich für geschenkt. Amerikanische Serien haben seit jeher immer auch im deutschen Programm Erfolg. Das ZDF hat beispielsweise in den 70er Jahren mit „Straßen von San Francisco“ die amerikanische Krimiserie in Deutschland popularisiert. Die amerikanischen Serien waren und sind, wie sie sind. Sie haben eine bestimmte hohe Qualität, die sich zurzeit hauptsächlich bei RTL mit „Dr. House“, „CSI“ und „Monk“ massenattraktiv präsentiert. Andere amerikanische Serien wie „Grey’s Anatomy“, „Emergency Room“, „Ally McBeal“ oder „Sex and the City“ oder „Californiacation“ sind schon viel spezieller und zielen nicht auf das ganz große Publikum, das sie hierzulande auch nicht erreichen. Im Übrigen können wir in Deutschland mit konventionellen Serien mit einem Budget in Höhe von zirka 500.000 Euro pro Episode nicht gegen eine Serienproduktion anstinken, in der pro Folge rund zwei, drei Millionen Dollar stecken. Es macht keinen Sinn, mit der Salzstange Stabhochsprung zu probieren. Kein Grund allerdings, nicht intelligenter zu sein, als wir gelegentlich sind.

Verbunden damit ist aber auch die Diskussion, dass es mehr oder weniger allein die fiktionalen US-Serien sind, die es in Deutschland noch schaffen ein jüngeres Publikum anzuziehen!
So ist es. RTL hat mit amerikanischen Serien ein deutlich anderes Publikum als wir oder die ARD. Das ist so, und ich bin da kein bisschen missgünstig. Weder die ARD kommt mit ihren konventionellen Unterhaltungsserien wie „Die Stein“ oder „In aller Freundschaft“ am Dienstagabend an dieses Publikum ran, noch wir mit unseren „Rosenheim-Cops“ am Dienstag um 19:30 Uhr oder mit unseren anderen Serien wie „Küstenwache“, „Landarzt“, „Forsthaus Falkenau“. Es wäre Unsinn, damit zu versuchen in Konkurrenz zu „CSI Miami“ oder „Dr. House“ zu treten. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Es ist vergleichbar, aber eben nicht gleich. Wir haben aber sehr wohl dafür zu sorgen, dass unsere Serien – ähnlich wie auch unsere Fernsehfilme – nicht nur aus der gediegenen Konvention bestehen, sondern dass wir auf unsere Weise neu, attraktiv, witzig, intelligent und zeitgemäßes Fernsehen machen. Da müssen wir immer wieder Neues probieren. Dabei braucht man aber auch ein Quäntchen Geduld. Denn wenn man das macht, dann muss man auch damit rechnen, sein angestammtes Publikum nicht ganz zu erreichen – oder es sogar zu verfehlen. Wenn das ZDF so etwas Schönes macht wie die hochgelobte vielfach preisgekrönte, nicht ganz leicht zu konsumierende Krimiserie „KDD – Kriminaldauerdienst“, muss es eben mal in Kauf nehmen, mit einem kleineren Marktanteil zufrieden zu sein. Das ist dann auszuhalten.

Wie stellt sich denn heute „Qualität“ in der öffentlich-rechtlichen TV-Fiction und speziell in der von Ihnen verantworteten ZDF-Hauptredaktion „Fernsehspiel“ dar, in der eine Vielzahl von Serien und Filmen einschließlich Kinoproduktionen Jahr für Jahr entstehen? Ist auch bei Ihnen die Qualität zuvorderst mit dem Erwerb von Reichweiten – sprich „Quoten“ – verbunden, und gilt heute, so wie früher nur bei den Privaten, dass je begeisterter das Feuilleton und die Programmkritiker von einer Produktion sind, um so schlechter dann die Quote?
Von dieser schwachen Pointe habe ich noch nie was gehalten. Die Frage stellt sich gar nicht, weil es immer darum geht, Fernsehen so zu machen, dass es ein großes Publikum findet. Das ist unsere Aufgabe. Gerade fiktionale Programme sind sehr teuer. Die kann man nicht nur für Minoritäten herstellen. Wenn man im Fernsehen erzählt, was fiktionale Serien und Filme tun, dann müssen sie ein großes Publikum finden. Das ist ihre Funktion. Die muss erfüllt werden. Das könnte man auch auf die billige oder spektakuläre Tour machen nach dem Motto „Egal: Vogel friss!“ Aber so machen wir es nicht! Bei uns steht die Mühe der Differenzierung und der Angemessenheit im Mittelpunkt. Wir wählen Stoffe aus, die von Gewicht sind und gleichzeitig attraktiv fürs ganz große Publikum.

Pflückt man die Merkmale von „Qualität“ für Fiction auseinander, dann geht es nach der Stoffauswahl zunächst um das Drehbuch, den Cast…
Das sind ja schon zwei enorme Anforderungen! Die Anforderung an ein Buch, das gut erzählt und richtig gut gebaut ist, wie auch die Anforderung an eine attraktive wie gleichzeitig professionelle Besetzung in allen Rollen! Und man braucht eine Regie, die dem Stoff in jeder Hinsicht gewachsen ist und das jeweilige Genre, ob Krimi, Melodram oder Komödie, richtig bedienen kann und gleichzeitig bei der Gelegenheit alles aus dem Stoff herausholt, was aus einem Stoff herauszuholen ist. Eine ganz erhebliche Anforderung! Die Frage der Qualität stellt sich also auf allen Stufen: Angefangen damit, welche Produzenten und welche Redaktionen ins Spiel kommen sollen, und wer in einem Projekt womit betraut wird. Diese alltäglichen Fragen, die sich rund um die Produktion stellen, sind interessanter als die ewige Leier „Qualität gegen Quote“. Die ist millionenfach gespielt worden. Da kommt nichts mehr. Sehr fad, das.

Die Frage aber, ob sich Qualität auch in der Quote niederschlägt ist von etlichen Einflussfaktoren und Rahmenbedingungen abhängig: „Sendeplatz und Programmierung“, „Zeitgeist“, „gesellschaftliche Entwicklungen“ – die Fiction kann ja nicht so schnell reagieren – „Rezeptionsverhalten“, „Genre“ und so weiter. In welcher Abstufung gehen Sie vor, um aus Qualität die beste Quote raus zu holen?
Klar, man darf einen Film oder eine Serie nicht in eine organisierte Aussichtslosigkeit platzieren. Man hat es aber heute immer mit einer scharfen Konkurrenz zu tun. Das zweite ist, dass man versuchen muss, die Sendeplätze deutlich zu profilieren. Damit das Publikum eine klare Erwartung an einen Termin richtet. Uns ist es beispielsweise gelungen, den Fernsehfilm-Platz am Montag um 20:15 Uhr schön kenntlich zu machen. Da weiß der Zuschauer im Großen und Ganzen, was ihn erwartet. In der Saison von September bis Mai gibt es jeden Montag den Original-Fernsehfilm, der sich deutlich von dem unterscheidet, was andere große Sender zu dieser Zeit bieten. Es ist eine wichtige Voraussetzung, dass der Zuschauer mit einem Sendeplatz vertraut ist, und dort auch immer wieder mit Neugier einschalten kann, weil eben etwas wirklich Neues kommt. Und wichtig ist, wie der Film tituliert ist, wie er besetzt wird, wie für den Film geworben wird, so dass das Publikum ihn erkennen kann. Und wir erreichen auf diesem Sendeplatz rund fünf Millionen Zuschauer in einer strammen Konkurrenz zu beispielsweise, „Wer wird Millionär?“ und „Bauer sucht Frau“. Diese Überlegungen gelten für alle anderen Sendeplätze genauso. Unser Freitagkrimi muss sich gegen die ARD-Degeto-Filme der gefühlvollen-gefälligen Art durchsetzen können. Unser Samstag-Krimi muss wie der Tatort der ARD ein vielfältiges Spannungsangebot offerieren, das sich neben der Show der ARD oder „Schlag den Raab“ bei ProSieben wie bisher im Schnitt für fünf bis sechs Millionen Zuschauer attraktiv halten kann. Darum geht es…

Auch im digitalen Zeitalter mit Mediatheken, die zeitversetztes Fernsehen erlauben?
Das ist ein eigenes Kapitel. Die Hauptmusik spielt auch heute noch im linearen Vollprogramm.

Wie hält man denn nun die Qualität? Beispiel fiktionales TV-Event, auch wenn Sie den Begriff „Event“ nicht mögen. Der ZDF-Zweiteiler aus Ihrer Hauptredaktion „Ein Herz in Chile“ hat ja neulich nicht so gute Quoten geholt…
Das kann ich so nicht stehen lassen. Die Quote ist kaum unter unseren Erwartungen geblieben. Es war ein der Unterhaltung dienendes Programm.
Wenn „Dresden“ seinerzeit nur fünf Millionen Zuschauer gezogen hätte, dann wäre es ein Debakel gewesen. Bei dem Melodram „Ein Herz in Chile“ ist es kein Debakel, wenn im Schnitt fünf Millionen Zuschauer gewonnen werden. Ein Film wie „Das Wunder von Berlin“ hat acht Millionen Zuschauer erreicht. Genau das war auch unsere Vorstellung…

Worauf ich hinaus wollte: „Ein Herz in Chile“ ist auf dem Montagsendeplatz gegen einen Teil des stark beworbenen Sat.1-Events „Wir sind das Volk“ gelaufen. Und auch dieser Sat.1-Zweiteiler ist nicht mit Top-Quoten wie weiland „Der Tunnel“ oder „Das Wunder von Lengede“ oder „Die Luftbrücke“ bei Sat.1 gelaufen. Da liegt doch die Vermutung nahe, dass das bisherige Erfolgsmuster für Events – ein Melodram, eine Liebesgeschichte erzählt vor der Folie eines relevanten politischen Zeitgeschehens wie auch bei „Ein Herz für Chile“ – mittlerweile ausgelaufen ist? Sollte man sich da nicht von dieser Retro-Orientierung lösen?
Sicher hätte sich auch Sat.1 noch mehr Zuschauer gewünscht. Mit „Wir sind das Volk“ – das kann ich als Konkurrent besonders gut sagen – hat Sat.1 eine bemerkenswerte Qualität erreicht: Man hat eine angemessene Art der Darstellung gefunden, ernsthaft und in dem Sinne auch wertvoll. Wenn dabei die in der für private Sender wichtigen Zielgruppe mit 17 bis 18 Prozent Markanteil erreicht werden, kann man nicht von einem Flop reden. Natürlich muss man immer schauen, ob man noch die richtigen Gäule sattelt oder ob sich da nicht doch schon etwas erschöpft hat. Und es bleibt immer ein Glücksspiel. Prognostik ist ein eigenes Ding. Man muss sich auf seine Nase und sein Gefühl verlassen. Und manchmal verlassen einen auch die Nase und das Gefühl, so ist das. Schnelles Reagieren geht bei der Realisierung von großen Fiction-Projekten ohnehin nicht. Projekte wie unser neues dreiteiliges Großprojekt „Krupp“ haben eine lange, lange Entwicklungszeit. Wenn ein Projekt vier oder sechs Jahre auf dem Weg ist, kann man nicht zwischendurch überlegen, ob sich das Muster schon erschöpft hat. Da muss man dem Entschluss treu bleiben. Aber sicher muss man sich immer überlegen, ob eine Filmmethode ausgedient hat…

Überlegen Sie das zurzeit?
Ich überlege das immer! „Das Wunder von Berlin“ ist schon ganz anders erzählt als „Dresden“. Dass gewisse Erschöpfungen eintreten, halte ich für ganz normal.

Nach dem legendären „Derrick“ kommen aus Ihrer Hauptredaktion eine Reihe starker Krimi-Marken wie „Der Kriminalist“, „Stolberg“, „Ein Fall für Zwei“, „Der Alte“, am Freitag und samstags die Reihen „Bella Block“, „Das Duo“, „Ein starkes Team“, „Einsatz in Hamburg“, „Luther“ und last but not least „Wilsberg“. Wie hält man die Qualität bei Krimis? Gibt es neue Trends, wie man Krimis erzählt?
Man muss keine Trends aufspüren, man muss es richtig machen (lächelt): Das klingt natürlich ganz besonders salopp, aber es ist so. Die Geschichten müssen was taugen, sie müssen plausibel sein, sie müssen einen vernünftigen Kern haben. Die Ermittlerfiguren müssen attraktiv, gewinnend, sympathisch, plausibel sein. Ob Krimi oder Fernsehfilm: Am Ende kommt man immer wieder bei denselben Weisheiten an. Das Ganze muss sorgfältig erarbeitet werden, und man muss auch aufpassen, wann sich etwas in einem Format erschöpft hat. Man kann von keinem Produzenten erwarten, dass er für 1,4 Millionen Euro einen Hollywoodfilm liefert. Aber man kann mit dem „kleinen“ Etat etwas sehr Attraktives, Spannendes, Ansehnliches machen. Der Produzent muss das Maximum und Optimum dessen liefern, was man mit dem eingesetzten Geld kriegen kann. Darum geht es immer wieder. Dann muss man zusehen, dass eine beständige Erneuerung aus der Kontinuität herauswächst. Man muss neue Regisseure ins Spiel bringen, und das tun wir. Da geht es nicht um „jung“, sondern darum, dass neue Regisseure das Rad für sich noch einmal neu erfinden müssen. Sie nehmen noch mal wieder Anlauf, zum Beispiel auch auf der Plattform, die wir beim ZDF mit dem „kleinen Fernsehspiel“ am Montag um Mitternacht bieten. Beim Schauspiel müssen immer wieder neue – auch jüngere – Gesichter zur Stelle sein, um alles immer schön bei Laune, frisch und lebendig zu halten. Es geht nicht um die Neuerfindung, sondern – nochmals – um die Qualität in der Kontinuität.

Königsdisziplin „Kinofilm“: Das steckt das meiste Geld drin, die größte Sorgfalt, und Sie haben mit der ZDF-Co-Produktion „Die Fälscher“ in diesem Jahr einen Oscar eingeheimst. Welche Rolle spielt der Kinofilm beim ZDF? Auch vor dem Hintergrund betrachtet, dass der Marktführer unter den TV-Produzenten, die UFA, die auch viel für das ZDF produziert, neuerdings ihr Portfolio um den „Kinofilm“ ergänzt hat. Passiert da etwas Neues? Erhält der deutsche Kinofilm eine neue Rolle im Fernsehen?
Erst einmal gilt: In jedem deutschen Kinofilm steckt Fernsehgeld. Ohne Fernsehbeteiligung gäbe es keinen deutschen Kinofilm…

…und zwar seit Ewigkeiten!
Das war immer schon so und das hat sich nicht geändert und wird sich kaum ändern. Die Sender sind nicht nur an der zentralen Förderung der FFA, sondern an allen regionalen Förderungssystemen beteiligt und geben eher mehr als weniger Geld dort hinein. Zudem beteiligen wir uns heute mit viel mehr Geld als früher an einzelnen Kinoproduktionen. Nicht nur bei spektakulären Produktionen wie dem Film „Anonyma – eine Frau in Berlin“, in dem sechs Millionen Euro vom ZDF stecken oder „John Rabe“, den wir mit fünf Millionen Euro co-produziert haben. Die ARD ist bei „Der Baader Meinhof Komplex“ mit einer Riesensumme beteiligt. Das sind also gewaltige Kontributionen!

Kino fordert Erfolg
Mit welchen Erwartungen gehen die Sender verstärkt in den Kinofilm rein?
Mit der Doppelerwartung, etwas ganz Außergewöhnliches zu haben, das sprichwörtliche „Programmereignis“ also und auch qualitativ etwas entsprechend Imposantes. Wenn man einen Spielfilm wie „Anonyma“ mit einem Budget von über zwölf Millionen Euro „hat“, dann erwartet man sowohl im Kino wie danach in der Fernsehauswertung einen Erfolg im umfassenden Wortsinn.

Erhält der Kinofilm eine besondere neue Rolle beim Fernsehen in dem Zusammenhang, dass in den letzten Jahren die fiktionalen Events einen so hohen Stellenwert für die Sender als Leuchttürme haben?
Es geht um dieses „Give and Take“. Zum einen muss das Fernsehen an einer deutschen Kinokultur interessiert sein, weil die Kinoqualität auch vielfältig auf das fiktionale Fernsehprogramm wirkt. Aber es ist nicht so, dass das Fernsehen auf die deutschen Kinofilme angewiesen wäre. Wir können unsere Programme selber machen, was wir auch weitgehend tun. Und wir können Lizenzen für Kinofilme auf dem internationalen Markt kaufen. Für den alltäglichen Programmbetrieb ist der deutsche Spielfilm sicher nicht absolut entscheidend. Aber er ist ein sehr interessantes Stück vom Ganzen.

Welche Rolle spielt die Technik für die Qualität der TV-Fiction?
Man kann die Technik bei Fragen der Qualität von Fiktionprogrammen im Fernsehen selbstverständlich nicht vernachlässigen. Wir haben in Deutschland technologisch einen sehr hohen Standard, und wir versuchen Schritt zu halten.

Wie bringt man dem Zuschauer gerade im verschärften Wettbewerb bei gleichzeitiger Änderung des Mediennutzungsverhaltens die realisierte Qualität so rüber, dass man nicht nur ein Stammpublikum erreicht, sondern auch neue Zuschauer gewinnt?
Das geht übers Marketing, über die öffentliche Ankündigung in jeder erdenklichen Form: von Trailer über Programmzeitschriften und Pressehinweise bis zur Plakatierung, mit allem also, was dazu gehört.

Mit immer höherem Druck?
Jeder Sender hat den Marketingdruck in den letzten Jahren deutlich erhöht, vor allem in den eigenen Programmen. Wir haben alle die Crosspromotion verstärkt. Wenn wir etwas haben, womit wir eine große Aufmerksamkeit erzeugen wollen, nutzen wir alle Gelegenheiten – von den täglichen Magazinen über Shows bis zu Talk-Shows – um crossmedial auf unsere Projekte aufmerksam machen.

Und das wird dann auch gleich von der jeweiligen Redaktion mit eingefädelt?
Sicher! Der Zuschauer ist ja frei sich zu entscheiden. Es kommt darauf an, ob er spürt, ob er riecht, ob er schmeckt: „Das ist was für mich. Das will ich sehen“. Wenn er es nicht will, wendet er sich ab. In diesem Zusammenhang ist ja die Gfk-Kurve so interessant, die uns die Marktforschung jeden Tag bietet: Zu welchem Zeitpunkt sammeln wir Zuschauer, wann verlieren wir sie, von welchen Sendern kommen die Zuschauer, wohin gehen sie? Wir konnten beispielsweise lange Zeit nach Jauchs „Wer wird Millionär?“ Zuschauer am Montag gewinnen. Seitdem RTL „Bauer sucht Frau“ und den Restaurantführer „Rach“ im Programm hat, ist das nicht mehr der Fall. RTL kann damit seine Zuschauer komplett über zwei Stunden halten. Vorher wurde für uns das Spiel nach Jauch leichter. Oder nehmen Sie unseren Konkurrenten ARD: Wenn er eine liebe Tierdokumentationen am Montag platziert, haben wir es leichter. Wenn er eine sehr attraktive Serie hätte, hätten wir es schwerer.

Zwar ist das ZDF auch für die Qualität seiner Dokumentationen berühmt, gibt aber mit rund 350 Millionen Euro pro Jahr viel mehr für die fiktionalen Programme aus. Dabei könnte man doch, wie zumindest RTL manchmal behauptet, mit preiswerten Doku-Soaps viel schneller als mit Fiction-Programmen auf das Zeitgeschehen reagieren?
Das Zeitgeschehen ist erst einmal eine journalistische Anforderung. Das Fiktionale ist eher von mittlerer Aktualität geprägt, auch weil sie ein Repertoire bildet und bilden muss. Das heißt: Alles, was wir für das viele Geld produzieren, rechnet sich nur, wenn man es auch wiederholen kann: in einem Zeitraum von fünf, sechs, sieben Jahren zwei, drei, vier Mal. Wenn wir uns von Aktualität leiten ließen, könnten wir uns zum Beispiel am Kino überhaupt nicht beteiligen. Ein Spielfilm kommt ja erst lange nach seiner Auswertung im Kino ins Fernsehen. Und: Wie soll man Krimireihen so machen, dass sie aktuell sind? Man muss sie so realisieren, dass sie immer wieder laufen können, sonst wären sie verschwendet.

Unstrittig stehen Sie persönlich seit vielen Jahren als ein Garant für qualitative Fernsehfiktion im deutschen Fernsehmarkt. Was war Ihr größter Erfolg, was hat Sie am meisten motiviert, am Ball zu bleiben?
Der Erfolg liegt für mich darin, mit erheblicher Qualität zu einem großen Publikum zu kommen. Die stolze Preis-Liste zeigt es: diese Verschwisterung von Attraktivität und Anspruch eben. Genau darum geht es im Fernsehen: Der Anspruch, den man ja wohl zu haben hat, muss vom Publikum bestätigt werden, und ich war immer der Meinung, dass man Akzeptanz eben nicht nur bei beträchtlichem Qualitätsrabatt haben könne. Eher ist das Gegenteil richtig.

Beispiele?
Das sind sehr viele, Jahr für Jahr. Wir haben es, sage ich in aller Unbescheidenheit, geschafft, den Fernsehfilm in seiner Vielfalt und seiner Originalität hoch und populär zu halten und fahren unsere Ernte auch regelmäßig ein: durch Reichweite und Resonanz.
Erika Butzek (MB 11/08)

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