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Botschafterin des Wandels

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Botschafterin des Wandels

Die Frankokanadierin Dr. Glodina Connan-Lostanlen kümmert sich als Chief Marketing Officer um die weltweite Marketingstrategie von Imagine Communications. Das ist gerade nicht einfach. Das Unternehmen ist wie kaum ein anderes im Broadcast-Business dabei, sich zu einem Lösungsanbieter zu wandeln, bei dem Cloud und Software basierte Technologien immer stärker in den Vordergrund rücken. Viele Fragen sind damit verbunden. Im MEDIEN BULLETIN-Interview auf der IBC 2017 hat Connan-Lostanlen gute Antworten dafür parat.

Seit der NAB 2017 versucht Imagine, der Broadcast-Branche das Thema Microservices näher zu bringen. Warum?

Unsere Software-Architektur haben wir schon früh auf Grundlage der Microservices-Philosophie aufgebaut, allerdings eher unbewusst. Eine softwarebasierte Architektur haben wir als Möglichkeit gesehen, nicht jedes Mal das Rad neu erfinden zu müssen. Damit verbunden waren zunächst einmal rein praktische Überlegungen mit Blick auf die mögliche Wiederverwendung einzelner Software-Module. Auch 2014 bei der Übernahme von Digital Rapids, Spezialist für IP und filebasierte Lösungen für Media Processing und softwaredefinierte Workflow Management Technologien, stand das bei uns im Fokus. Das Zerlegen und erneute Zusammensetzen von Softwaremodulen ist der Schlüssel zu mehr Flexibilität. Unsere Kunden wissen oft nicht genau, in welche Richtung sie gehen müssen, um ihr Business abzusichern oder weiter zu entwickeln. Sie wollen dabei nicht in Technik investieren, die in fünf Jahren vielleicht nicht mehr zu gebrauchen ist. Für sie ist es superwichtig, eine möglichst große Flexibilität zu haben. Wenn man dazu noch Nutzen aus der Cloud ziehen will, auch mit Blick auf die Anwenderfreundlichkeit, geht das nicht mit proprietären Lösungen und verschlüsselten Software Codes. Wenn man hier was ändern will, muss man notfalls alles neu machen. Bei Microservices in der Cloud, mit modularen Bausteinen, ist das anders.

 Andere Hersteller gehen ähnlich mit dem Thema um und setzen verstärkt auf modulare Software-Lösungen. Nur sprechen sie dabei nicht von Microservices. Das ist für die Gesamtentwicklung hilfreich. Je mehr man über die Cloud redet und die damit verbundenen Möglichkeiten versteht, um so leichter kann man der Software-Denke beziehungsweise der Software Design Architektur zum Durchbruch verhelfen, auch bei Dingen die eigentlich hardwarebasiert sind. Es geht überall darum, mehr Flexibilität zu schaffen. Und natürlich soll der Kunde am Ende selbst entscheiden können, ob er ein Produkt selbst besitzen oder in der Cloud nutzen will.

 

Die TV-Zukunft steht bei Imagine auf der IBC 2017 im Fokus. Was raten Sie Ihren Kunden auf dem Weg dorthin?

Wichtig für uns ist, die Reise zu begleiten und zu verhindern, dass die Kunden den falschen Weg einschlagen und dafür teuer bezahlen müssen. Unser Ansatz ist: Unternehmen können Fehler machen, es sich nochmal anders überlegen und bereits getätigte Investitionen auch für andere Aktivitäten nutzen. Dafür müssen wir die Art ändern, wie wir unsere Lösungen entwickeln. Das ist nicht trivial. Wie das funktionieren kann, zeigen wir hier auf der IBC anhand von Beispielen, wo wir in großer Offenheit, mit praktischen, innovativen Applikationen Lösungsvorschläge machen. Das Ganze mit Blick auf einsatzkritische Live-, Playout-, Distributions- und Business-Anwendungen in Software basierten, virtualisierten Arbeitsumgebungen mit handelsüblichen Produkten (commercial off-the-shelf COTS). Dazu gibt es zwei Präsentationsschienen: Das sind die Masterclasses mit den Themen Microservices und Open Zenium, Werbezeiten-Optimierung in der Cloud und End-to-End IP. Hier sagt unter anderem tpc-CTO Andreas Lattmann, was ihn motiviert, den IP-Weg zu gehen. Und Al Jazeera Network-CTO Miljenko Logozar erklärt, warum er den gesamten IP-Betrieb des TV-Konzerns in die Cloud verlagern will.

Er betrachtet Facebook heute als seinen Wettbewerber und sieht, dass solche Unternehmen nur IT-basiert arbeiten und dabei mittlerweile auch Live-Sport übertragen. Wenn die das können, sagt er, können wir das auch. Für ihn seien deshalb Microservices eine großartige Idee und genau das, was er brauche. Außerdem gibt es bei uns am Stand Power Sessions zu den Themen „Multiscreen Opportunities“, „From Playout to Playout“ und „Revenue Optimization“. Überall geht es um die Kernfrage, wie man Ressourcen optimieren und damit mehr Geld verdienen kann. Das ist meiner Meinung nach für die ganze Industrie die entscheidende Frage. Wir alle müssen mehr mit weniger produzieren. Die gesamte Wertschöpfungskette kann davon profitieren. Neben der Sichtweise unserer Kunden präsentieren wir auf der IBC auch die von Herstellern. Mit Technologiepartner IBM zeigen wir hier zum Beispiel die Sprache-zu-Text-Erkennung mit IBM Watson und unserer Microservice-Plattform Zenium. Wir machen das nicht, um Produkte zu verkaufen, sondern um das Bewusstsein für diese Themen zu schärfen. Das Interesse daran ist enorm. Nach der IBC sind alle Vorträge und Panels auf der Imagine Webseite und auf einem YouTube-Kanal unter http://bit.ly/2z8vWJk per Video verfügbar.

 

Wird das Servive-Angebot im Imagine-Geschäft jetzt wichtiger?

Die Wahrheit ist, die allermeisten Projekt-Anfragen basieren noch auf Basis traditioneller Produktinvestitionen. Aber es gibt auch schon einige Service-Anfragen. Noch können wir keine großen Einnahmen daraus generieren. Aber immer mehr Kunden werden nach tatsächlicher Nutzung von Software basierten Lösungen bezahlen. Noch sind es wenige, weil sie es nicht gewohnt sind, in diese Richtung zu denken. Es bedeutet für sie, dass sie nicht von vornherein große Investitionen machen müssen, sondern immer nur das hinzufügen und bezahlen, was sie eben brauchen. Das bricht den herkömmlichen Investitionszyklus bei dem man vielleicht alle fünf Jahre neu investieren muss. Stattdessen gibt es künftig ein Kontinuum an Investitionen, das sich an der tatsächlichen Nutzung orientiert.

 

Was bedeutet dieser Wandel für die Imagine-Mitarbeiter? Brauchen Sie jetzt mehr IT- statt Broadcast-Experten?

Wir sorgen für frisches Blut im Team, aber nur soweit es nötig ist. Schließlich verkaufen wir immer noch klassische Broadcast-Produkte. Wir müssen hier nicht so schnell den Wechsel vollziehen wie Unternehmen, die rein softwarebasiert unterwegs sind. Jeder neueingestellte Ingenieur bei uns verfügt über ein solides IT-Know-how. Wir brauchen aber weiterhin das Wissen der traditionellen Broadcast-Experten aus der ‚alten Welt’, um die jungen Leute auszubilden, damit sie die Branchenbedürfnisse besser verstehen können, besonders wenn es um Live Produktion geht. Das Lernen aus beiden Welten ist extrem wichtig. In Toronto/Kanada, wo unser größtes Forschungszentrum ist, haben wir zum Glück zwei sehr gute Universitäten, die University of Waterloo und die University of Toronto. Von dort kommen sehr gute Studenten, die bei uns Praktika machen. Es wird immer wichtiger, junge Leute zu finden, die Ingenieure werden wollen.

 

Früher standen bei allen Herstellern eigene Geschäftsinteressen im Vordergrund. Jeder wollte ein besonders großes Stück vom Kuchen. Heute nicht mehr? Findet eine Sozialisierung der ganzen Industrie statt, wo man eher bereit ist, zu teilen?

Ja, das stimmt. Die Ursache dafür ist aber weniger politischer Natur als vielmehr der Generationenwandel. Die Millennials sind gewohnt, Open Source zu nutzen und Dinge zu teilen. Ihre Denkweise ist anders. Als wir zur IBC 2017 Open Zenium angekündigt haben, hatten wir das Linux-Modell im Kopf. Wenn man etwas Gutes entwickelt hat, dann sollte man es mit anderen teilen. Und jeder, der es gut findet, sollte es auf der Plattform auch nutzen können. Natürlich ist damit immer noch ein Business-Modell verbunden, mit dem wir Geld verdienen können. Es ist nicht umsonst. Aber zumindest ist die Möglichkeit der Kollaboration geboten. Früher hatten Unternehmen dagegen prima Ideen, wollten sie aber lieber für sich behalten.

Wir meinen jetzt, jeder sollte das teilen, was er an großartigen Entwicklungen hat und gleichzeitig auch davon profitieren, was die anderen an tollen Dingen entwickeln. Dabei kann man trotzdem seinen eigenen spezifischen Workflow behalten. Die Plattform AIMS, bei der wir Gründungsmitglied sind, ist ein kleiner Anfang für diese Art der Industrie-Kooperation. Wir werden künftig noch mehr in der Art sehen.

 

Ist das Vertrauen in IP-Infrastrukturen gewachsen? Was zeigt die IBC 2017 in dieser Hinsicht?

Auf jeden Fall. Was wir mit AIMS und dem IP-Showcase hier auf der IBC machen, zeigt unseren Kunden, dass Produkte und Lösungen verschiedener Hersteller auch gut zusammen funktionieren. Die Bereitschaft, zu IP-Infrastrukturen zu wechseln, ist deutlich gewachsen. Die Broadcaster wissen nur noch nicht wann. Das Timing fehlt noch. Aber die Zuversicht wächst. Das ist eine Botschaft, die von dieser IBC ausgeht.

 

Welche weiteren Top-Themen sehen sie hier?

Ein wichtiger Themenkreis auf der IBC 2017 befasst sich mit künstlicher Intelligenz und Machine Learning. Mit solchen Technologien können wir eine Menge Prozesse und Workflows in der gesamten Kette der Inhalteproduktion vereinfachen. Hintergrund ist, wir produzieren eine Menge Daten für digitale Distribution und Over-the-Top. Es geht darum, was man mit den Daten anstellen kann, statt sie zu absorbieren. Man kann damit auch künstliche Intelligenz- und Machine Learning- Anwendungen starten. Je nachdem welche Präferenzen die Mediennutzer haben, lassen sie sich entsprechend automatisiert bedienen. Wir sind froh, dass wir auch das an unserem Stand zeigen können.

Eckhard Eckstein

MB 4/2017

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