Mebucom / News / Business / Dämpfer für HDTV

News: Business

Dämpfer für HDTV

Je näher der Termin zum breitflächigen Start von HDTV in Deutschland rückt, wie ihn ARD und ZDF mit dem Beginn der Olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver angekündigt haben, umso deutlicher werden die Handicaps, die es noch gibt. Die wurden im dritten Workshop HD at Work im Rahmen der Medienwoche Berlin-Brandenburg von einem hochkarätigen Podium fein säuberlich aufgelistet: von der mangelhaften Digitalisierung der Broadcast-Verbreitungswege in Deutschland bis zu den hohen Kosten für die HD-Produktion und Ausstrahlung – und schlechter Verbraucherberatung.

Bei HDTV „geht es nicht mehr um ja oder nein, sondern um wann? Auf dem Display sieht es gut aus, aber es hapert beim Empfänger“. Da „nur 0,2 Prozent der deutschen TV-Haushalte“ zurzeit am HDTV-Empfang teilnehmen würden, „kann ein öffentlich-rechtlicher Sender nicht in eine so hohe Investition gehen“, stellte Eckhard Matzel, Leiter des Bereichs Technical Innovation Office beim ZDF, in seinem ersten Statement fest und brachte damit den Hauptkonflikt auf den Punkt, den es rund um die Einführung von HDTV zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern und Industrie immer noch gibt.

Für Free-TV-Sender in Deutschland, deren Ziel es ist, eine größtmögliche Reichweite beim Publikum – Quoten – zu erzielen, gibt es offensichtlich aktuell noch keinen Grund, in HDTV übermäßig zu investieren, weil die Industrie eine schönere Bildqualität technisch ermöglicht hat, mit der sie natürlich selber mehr Rendite gewinnen will. Die Rendite und der Maßstab für den Erfolg der Sender ist aber nicht die technische Qualität, sondern die Reichweite, die sie mit ihren Inhalten erreichen. So wie Matzel stellte denn auch ZDF-Intendant Markus Schächter später am Tag im Rahmen einer medienpolitischen Veranstaltung von ARD und ZDF fest: „Als öffentlich-rechtlicher Sender sind wir verpflichtet, mit unseren Mitteln verantwortungsbewusst umzugehen.“ „Nur weil die Industrie es wünscht“, so Schächter, könne man „keine gewaltigen Investitionen“ aufwenden, die nur einer marginalen Anzahl von Zuschauern zugute kämen.
Im Gegensatz zu den HD-Aktivitäten von ProSiebenSat.1, bei denen im wesentlichen HD „nur als Signal ausgestrahlt“ werde, so dass „kein echtes HD-TV beim Zuschauer ankommen“ würde, wollten ARD und ZDF vorerst „kein simuliertes HD“ ausstrahlen. Gleichzeitig kündigte Schächter „eine Roadmap zur Einführung von HDTV“ an. Schächter wörtlich: „Wir warten, bis die infrastrukturellen Voraussetzungen eine sinnvolle Ausstrahlung ermöglichen. Dafür haben wir – ARD und ZDF – uns darauf verständigt, mit der parallelen Ausstrahlung von HD-TV Anfang 2010 zu beginnen. Wir haben dann mit den Olympischen Winterspielen in Vancouver und mit der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika zwei herausragende Großereignisse, die wir dann erstmals neben den regulären Programmen in HD-TV anbieten werden.“

Schlimmer noch für die auf der IFA suggerierte schnelle Einführung von HDTV in Deutschland – Frank Meißner, ehemals Chef der ProSiebenSat.1 Produktion und mittlerweile Geschäftsführer Produktion & Technik von N24, drohte im Rahmen des Workshops HD at Work: „Bei uns steht die Ausstrahlung von HD auf dem Prüfstand, denn wir verdienen mit HD bei ProSieben und Sat.1 nichts.“ Als man sich weiland bei ProSiebenSat.1 für die simultane Ausstrahlung von HD, bei der es sich zu zirka 20 Prozent um echtes HDTV-Programm handele, entschlossen habe, hätten die Hersteller das Vorhaben noch finanziell unterstützen wollen. Mittlerweile aber seien sie „nicht mehr zur Kooperation für das Marketing zu HD bereit“. Meißner: „Wir wurden wirtschaftlich bestraft, dass wir zu früh gestartet sind.“ Er räumte ein, dass die mögliche Einstellung der HD-Ausstrahlung seitens ProSiebenSat.1 „eine Katastrophe für den Markt“ sein könnte. Aber auch Premiere habe längst seine HD-Aktivitäten reduziert. ARD und ZDF hätten sich bislang nicht „vor die HD-Karre spannen“ lassen, stellte Meißner fest. Wenn denn dann ARD und ZDF 2010 „mit einem Big Bang“ starten und ihre Archive aufmachen würden, sei „eine viel bessere Ausgangssituation“ zur Einführung von HDTV erreicht. Auf Nachfrage von MEDIEN BULLETIN, ob denn HDTV bei den angekündigten rund 10 Millionen Euro-Investitionen für eine neue europäische Nachrichtenzentrale der ProSiebenSat.1-Gruppe am Standort Berlin eine Rolle spiele, sagte Meißner: „Sicher nicht.“

Auch der Veranstalter des Workshops HD at Work, Andreas Vogel, Geschäftsführer von Pro Babelsberg, war zur Begrüßung gleich in medias res gegangen. Bei HDTV, so Vogel, herrsche „eine große Unsicherheit, selbst bei denen, die damit umgehen“, wie die bisherigen HD at Work-Veranstaltungen gezeigt hätten. Anlässlich der Medienwoche wolle man nun die Situation unter wirtschaftlichen und medienpolitischen Gesichtspunkten unter die Lupe nehmen. Als Keynote-Sprecher und Moderator der Runde war Roland M. Stehle geladen, PR Manager Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (gfu) mbH, die auch Veranstalter der Internationalen Funkausstellung, IFA, ist.

Während parallel zu seinem Vortrag im bcc am Alexanderplatz in Berlin-Mitte auf dem IFA-Gelände unterm Funkturm in Berlin-Charlottenburg die HD-Displays in allen denkbaren Größen und brillanten Entertainment-Angeboten lockten, referierte Stehle den Stand der Dinge um Format, Zeitplan und Inhalte ziemlich nüchtern.
Immerhin, so war seinem Vortrag zu entnehmen, sind allerlei Weichen zur Einführung von HDTV gestellt. So ist die leidige technische Normierungsfrage rund um die HD-Formate und ihrem Ausstrahlungsstandard zumindest halbwegs geklärt. In vielen Ländern Europas hat schon eine HDTV-Ausstrahlung begonnen oder ist geplant. Das Bedürfnis der Konsumenten nach schönen Flat-Screen-TV-Geräten ist weiterhin prosperierend, was HDTV Rückenwind geben könnte. Die Prognosen, speziell für die Verbreitung von HD-DVDs einschließlich ihrer Abspielgeräte sind verlockend. Und auch am Point of Sale ist die Unterhaltungselektronikindustrie bemüht, mit Logos wie „Full HD“ oder „HD Ready“ dem Konsumenten Orientierung zu geben, ob er sich beim Kauf eines neuen Fernsehgerätes schon für den künftigen hoch aufgelösten Fernsehstandard gewappnet hat, mit seinen mittlerweile unumstrittenen schärferen schönen Bildern – wenn es auch die Übertragung bringt. Ebenso trocken informativ stellte Stehle am Ende seines Vortrags fest, dass es eine „Kontroverse“ gebe zwischen „Content und Equipment“. Und dass die Unterhaltungselektronikindustrie „für einen Markterfolg dringend attraktive Inhalte“ brauche. Trotz aller Fortschritte: Das Henne-Ei-Problem bei HDTV ist immer noch aktuell.

Ganz und gar positiv auf HDTV eingestellt ist indessen Patrick Hörl von Discovery Networks Deutschland, die über die Premiere-Plattform sendet. Hörl betonte, dass „HDTV für uns ein Geschenk ist“, „weil unsere Inhalte besser in HDTV kommen“. Genau das hatten auch die Vorgänger-Veranstaltungen des HD at Work-Workshops gezeigt. Naturfilme, Reisereportagen, wann immer es um dokumentarische Bilder der Welt geht, ist HDTV einfach viel schöner. So hat denn auch Discovery, wie Hörl berichtete, bereits in 2002 in den USA einen HD-Kanal gestartet. Man werde, wie er betonte, ab dem nächsten Jahr nur noch Produktionen in HDTV-Qualität in Auftrag geben. Dass Deutschland so sehr in Sachen HDTV hinterherhinke, führt Hörl auf die „besonderen Marktbedingungen insbesondere in Bezug auf die Digitalisierung“ zurück. Die Kostenfrage auf Seiten der Produktion, so ist sich Hörl aus seiner Dokumentations-Sichtweise sicher, werde sich von selber nivellieren. Es sei „zu kurzfristig gedacht, wenn man immer nur über Geld spricht“.

Konsumenten werden allein gelassen
Das große Problem in Deutschland, so Hörl, sei, dass das Kabelnetz den TV-Markt dominiere und die Kabelnetzbetreiber nicht hinter HDTV stehen würden. In diesem Punkt gab ihm Meißner flugs Recht. Als Beispiel nannte er das Berliner Kabelnetz, in dem „nichts vorankomme“. „Wie soll dann HD laufen?“, fragte Meißner. Und er nannte gleich noch einen weiteren wunden Punkt. Die Konsumenten würden bei ihrer Geräteauswahl in den Mediacentern – am Point of Sale – „allein gelassen“. Wer soll sich da eigentlich noch zurechtfinden? Die Logos wie „HD Ready“ oder „Full Ready“ binden ja nicht die Information mit ein, auf welchen digitalen Empfangsweg das Gerät eingestellt ist, zumal wenn über das Kabelnetz oder DVB-T der HDTV-Empfang noch gar nicht möglich ist – und es kaum echte HD-Programme gibt. Durchaus räumte Stehle ein, dass der Beratungsbedarf beim Verbraucher wachse.
Wesentlich für die Einführung von HDTV sei auch, wie Helfried Spitra, Leiter des Programmbereichs Kultur und Wissenschaft beim WDR Fernsehen, feststellte, wann denn der analoge Switch-Off stattfinde – wegen der anfallenden Kosten bei den Simultanübertragungen. Gleichzeitig seien auch in der Produktion noch mannigfache Probleme zu lösen. Der WDR habe sich in der jüngeren Vergangenheit bei HD-Produktionen „ein blaues Auge geholt“. Im Vergleich zu SD müsse man mit HD anders arbeiten. Es gäbe „logistische Konsequenzen“, die Arbeitsabläufe änderten sich. Nach eigenen Berechnungen, so Spitra, sei die HD-Produktion zwischen 15 und 20 Prozent teurer als mit SD. Diese Mehrkosten könne man externen Produzenten „nicht einfach aufzwingen“. Nachdem man lange außerdem das Problem mit dem Standard gehabt hätte, könne man den Produzenten immerhin mittlerweile den Standard 720p/50 als „verbindliche Festlegung“ nennen.

Auch sei man seitens des Equipments noch längst nicht in der Lage, auf HDTV umzusteigen. Der WDR, so Spitra, verfüge insgesamt über zirka 100 Kameras, wobei nur sechs mit HD ausgerüstet seien. Obwohl es „fulminante Gegenbewegungen seitens der privaten Sender gegeben“ habe, würden sich ARD und ZDF nun erst einmal darauf kaprizieren über alle Übertragungswege das Format 16: 9 zu realisieren, was vor anderthalb Jahren „noch nicht sicher“ gewesen wäre.
Hingegen hat sich Studio Berlin bereits bestens mit HDTV-Equipment ausgerüstet, wie Werner Reese, Geschäftsleitung Technik Studio Berlin, betonte, und gleichzeitig in Richtung des anwesenden Jürgen Burghardt von Sony Berlin mitteilte, dass man sich „sehr über Preissenkungen“ freue. Die 20 HD-Kameras von Studio Berlin, so Reese, seien größtenteils auf die Ü-Wagen verteilt. Bei Sportübertragung oder Übertragungen von Konzerten sieht Reese überhaupt kein spezielles HD-Kostenproblem mehr. Da werde genau das gefilmt, was man sehe. Doch bei Unterhaltungssendungen sei der Mehraufwand eindeutig höher. An die Kunden gebe man die Devise aus, „wenn Ihr hochkarätige Produktionen habt, macht es auf HD!“ Fakt sei allerdings auch: „Mit unseren Kameras kommen wir nicht ans Kino ran.“ Was indessen Eckhard Matzel vom ZDF nicht problematisch sieht. Da kaum damit zu rechnen sei, dass sich TV-Haushalte mit Kinoleinwänden ausrüsten würden, „reicht 720p/50 voll aus“. Die sich in der HD at Work-Runde daraufhin entzündende Normendebatte wurde dann aber schnell wieder eingestellt, da man sich einigte, dies lieber „hinter verschlossenen Türen“ zu machen, „um den Verbraucher nicht noch mehr zu verwirren“.

„Es wird immer schwieriger, einen einheitlichen Standard für die Produktion zu finden“, deshalb sei es „kontraproduktiv darauf zu warten“ sagte Jürgen Burghardt von Sony. Bei Sony gäbe es den Trend, so Burghardt, HDTV nicht nur als einen TV-Standard zu betrachten, sondern „medienüberlappend“, zum Beispiel auch als Standard für die Spielkonsolen.
Erika Butzek (MB 10/07)


Zurück