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Das Medium der Live-Teilhabe

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Das Medium der Live-Teilhabe

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen sowie Tages- und Wochenzeitungen bleiben im digitalen Zeitalter die wichtigsten Informationsquellen der Deutschen. Dagegen misstrauen Nutzer dem Wahrheitsgehalt von News-Web-sites und sozialen Netzwerken. Diese Ergebnisse einer repräsentativen Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC wird den 60-jährigen Volker Herres, seit 2008 Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens, freuen. Um lineares Fernsehen macht er sich auch in Zeiten von Streamingdiensten keine Sorgen.

Viele private Fernsehsender klagen über Zuschauerschwund. Immer mehr Serien und Eigenformate werden vorzeitig aus dem Programm genommen, Werbekunden wandern in andere Segmente ab. Steckt das lineare TV in einer produktiven und monetären Krise?

Das ist bedauerlich für die Betroffenen. Aber keineswegs kann man von der mangelnden Zuschauerakzeptanz bei Serien und Formaten dieser Sender gleich auf eine Krise des linearen Fernsehens insgesamt schließen. Die objektiven Zahlen sind eindeutig: Der TV-Konsum ist seit Jahren sehr stabil. 223 Minuten sehen die Deutschen pro Tag durchschnittlich Fernsehen – und zwar linear. Die ARD deckt mit ihren linearen TV-Angeboten rund ein Viertel des Marktes ab. Heute wird mehr ferngesehen als vor zehn oder 20 Jahren. Mit Mark Twain kann man also sagen: Die Nachricht vom Tod des linearen Fernsehens ist stark übertrieben.

 

Auch die ARD ist bei digitalen Angeboten aktiv. Gehen diese nicht auf Kosten der linearen Angebote von Das Erste und der Dritten Programme?

Viele Zuschauer nutzen unsere Sendungen mittlerweile nonlinear über die Mediathek, die App oder die Webseite des Ersten. Besonders beliebt sind hier, neben der auch in der digitalen Welt quicklebendigen „Tagesschau“, die „Sportschau“ und vor allem der „Tatort“, die beiden Telenovelas „Sturm der Liebe“ und „Rote Rosen“, aber auch Quizformate wie „Wer weiß denn sowas?“ oder einzelne Film- und Doku-Highlights. Die digitalen Angebote sind dabei bisher keine Konkurrenz für das lineare Fernsehen, sondern ein zusätzlicher Service für die User. Dass wir uns damit selbst kannibalisieren, können wir derzeit nicht feststellen. 

 

Wenn Marktanteile sinken, ist eine Gebührendiskussion obligatorisch. ProSiebenSat.1 hat jüngst eine Beteiligung an den öffentlich-rechtlichen Gebühren gefordert? Wie sicher ist die öffentlich-rechtliche Gebührenversorgung angesichts solcher Forderungen?

Diese Forderung habe ich auch mit Interesse verfolgt. Klar, der ProSieben-Slogan lautet ja auch „We love to entertain you“. Fakt ist: Es gibt einen geltenden Rundfunkstaatsvertrag, der das duale System regelt, also die Koexistenz werbefinanzierter Privatsender und öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Eine Beteiligung kommerzieller Sender an den Beiträgen halte ich weder systemisch für wünschenswert noch verfassungsrechtlich für denkbar. Die Privaten verfolgen ja mit ihren Programmen andere Ziele, nämlich Renditemaximierung, und haben dementsprechend eine ganz andere Programmausrichtung, die mit unserem Auftrag einer unabhängigen Grundversorgung rein gar nichts zu tun hat. Um genau diese Unabhängigkeit und Vielfalt zu sichern, gibt es aber das solidarfinanzierte Beitragsmodell in Deutschland. 

Aber unterscheiden Zuschauer heute überhaupt noch zwischen klassisch linearem TV und Online-Content?

Ich denke schon. Ein lineares Vollprogramm mit festen verlässlichen Sendeplätzen wie Das Erste strukturiert und synchronisiert den gesellschaftlichen Kommunikationsprozess und auch den individuellen Tagesablauf. Die „Tagesschau“ um 20 Uhr, die übrigens weiter Zuwächse verzeichnet, ist für rund zehn Millionen Zuschauer tagtäglich der Beginn des Abends, die „Sportschau“ ist das Ritual für alle Fußballfans am Samstagabend, der „Tatort“ am Sonntag und der politische Talk im Anschluss der Ausklang des Wochenendes, die Serien am Dienstag ein habitualisierter Unterhaltungsplatz. Natürlich bietet die zeitsouveräne Online-Nutzung viele Vorzüge und Freiheiten für den User. Der Mensch ist freiheitsliebend, aber eben auch ein Gewohnheitstier. Der überwiegende Teil der Bevölkerung will eben nicht sein eigener Programmdirektor im Netz sein und sich sein Programm aus einer Angebotsüberfülle von Online-Content Tag für Tag neu zusammenstellen. Lineare und zeitsouveräne Nutzung konkurrieren bisher kaum, sondern ergänzen sich.

 

Ist es in diesem Zusammenhang nicht sinnvoll, klassische TV-Inhalte und Online-Content zu einem Entertainment-Angebot zusammenzuführen? 

Das Erste ist kein Entertainment-Channel, sondern ein nationales Vollprogramm. Wo es sinnvoll und für die Zuschauer von echtem Mehrwert ist, nutzen wir natürlich die Synergieeffekte, die sich aus der Verzahnung von TV-Inhalten und Online-Content ergeben. Auch wir bieten unsere Inhalte im gesetzlich zulässigen Rahmen nonlinear an, teils auch bereits vor der Ausstrahlung. Und wir werden hier zukunftsfähige Plattformen entwickeln, auf denen beliebte ARD-Inhalte noch attraktiver zugänglich gemacht werden können.

 

Amazon, Netflix, Sky, Maxdome, Google & Co. attackieren das duale Rundfunksystem mit eigenproduzierten Serien und einer wahren Content-Offensive. Spüren Sie die Konkurrenzsituation und was tun Sie dagegen?

Zunächst ein Wort zur Konkurrenzsituation. Einerseits: Seriöse Abrufzahlen der Streamingdienste für den deutschen Markt gibt es nicht. Die Anbieter geben keine Zahlen heraus. Andererseits: Wir bemerken bei den Serien im Ersten keine Einbrüche, die darauf hindeuten würden, dass wir Publikum an die Streamingdienste verlieren. Dennoch: Wir versuchen, mit Serien wie etwa „Charité“ und besonders „Babylon.Berlin“, eine Produktion gemeinsam mit Sky, hochwertige serielle Formate herzustellen, die Eventcharakter haben und auch international konkurrenzfähig sind. Das Erste darf den Anschluss an den „state of the art“ nicht verlieren, wenn die global player bei den Streamingdiensten für ihre Eigenproduktionen auch mit ganz anderen Produktionsetats operieren können. 

 

Angesichts dieser enormen Budgets von Streamingdienstleistern – wird Das Erste auch in digitalen Zeiten bei den Nutzern in der ersten Reihe sitzen?

Natürlich trägt Das Erste den veränderten Nutzungsgewohnheiten der Öffentlichkeit Rechnung. Wir bauen unsere Onlineangebote entsprechend aus (tagesschau-app etc.) und verlängern unsere Programmvielfalt ins Netz. In unseren Mediatheken können die Zuschauer Sendungen zeitsouverän abrufen. Auch in der digitalen Welt wollen wir mit der Qualität und Originalität unserer Angebote überzeugen und diese auf allen relevanten Verbreitungswegen zur Verfügung stellen. Wir optimieren unsere Inhalte für die mobile Nutzung ebenso wie für HbbTV/Smart TV oder die sozialen Medien und bieten immer mehr Sendungen online first an. 

 

„The Times They Are A-Changin“: Ein Steffen Henssler soll der neue Stefan Raab werden, alte Shows werden recycelt, Sportrechte wandern zu Pay-Content-Anbietern. Eine Sendung gleicht der anderen. Auch bei den Nachrichten informieren sich manche lieber im Netz. Wie sieht die Zukunft von linearem TV aus?

Ich sehe die Perspektive für das öffentlich-rechtliche Gesamtangebot und für das lineare Fernsehen ausgesprochen optimistisch. Besonders was die Nachrichten anbelangt, lernen wir doch gerade, wie wichtig es ist, im Zeitalter von Fake News, all den Filterblasen und Echokammern im Netz, verlässliche, eigenrecherchierte Informationen und unabhängigen Journalismus anzubieten. Aber auch jenseits der harten Information bin ich der Überzeugung, dass der Mensch – aller Digitalisierung und Diversifizierung zum Trotz – nach verbindenden und verbindlichen, gemeinschaftsbildenden Erfahrungen sucht. Er ist ein soziales Wesen und will nicht als digitaler Nomade im Netz vereinsamen. 

Neben der strukturierenden Funktion linearen Fernsehens im Tagesverlauf wird der Event-Charakter bei der Fernsehnutzung zukünftig mehr und mehr an Bedeutung gewinnen. Fernsehen ist das Medium der Live-Teilhabe, etwa bei großen Sportereignissen oder in der Unterhaltung, beim Eurovision Song Contest ebenso wie bei der Übertragung von Debatten und politischen Diskussionen bis zum selbstgesetzten TV-Ereignis wie z.B. „Terror – Ihr Urteil“. Wenn das lineare öffentlich-rechtliche Fernsehen genug Gesprächsstoff bietet, wird es auch in Zukunft eine Rolle spielen. 

 

Herr Herres, wird es in zwanzig Jahren noch verschiedene Geräte für TV und Online geben? 

Der Hingucker unter allen auf der IFA 2017 ausgestellten Geräten der Zukunft waren die Fernseher, die immer flacher werden und für das Publikum inzwischen eine Aura besitzen wie „Bilder an der Wand“. Ich denke, dass der Fernsehapparat auch weiterhin zur Wohnungsausstattung und dort zur Privatsphäre der Menschen gehören wird, während der Arbeitscomputer doch mehr der beruflichen Nutzung dient. Aber mit Sicherheit werden die Fernsehgeräte der Zukunft immer „smarter“ werden und vernetzt funktionieren. 

Wolfgang Scheidt

MB 4/2017

© Presseclub

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