Mebucom / News / Business / Data Science braucht das menschliche Korrektiv
Dr. Daniel Knapp

News: Business

Data Science braucht das menschliche Korrektiv

Das duale Rundfunksystem gerät durch milliardenschwere Inhalts-Offensiven der Digital Player Google, Amazon, Facebook & Co. aus dem Lot. Befinden sich lineare Rundfunkunternehmen auf dem Abstellgleis? Mit dieser Frage beschäftigt sich auch Medien- und Marketingexperte Dr. Daniel Knapp im mebulive-Interview.

Herr Knapp, ist die heutige Welt aus analogen Rundfunkanbietern einerseits und digitalen Giganten wie Facebook, Google und Twitter andererseits ein Kampf zwischen David gegen Goliath?

Absolut ja. Die größten Investment-Transformationen finden bei den Medien heute auf der Ebene der Infrastruktur statt. Die globalen Technik-Giganten spielen finanziell in der Champion League, während Medienunternehmen meist auf nationale Märkte beschränkt sind. Selbst wenn dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland jährlich acht Milliarden Euro zur Verfügung stehen, sind das Peanuts im Vergleich zu den Summen, mit denen Google, Amazon oder Facebook operieren. Zumal sich diese Tech-Riesen bei der Infrastruktur in einer Poleposition befinden, wenn man ihre Möglichkeiten der Datenanalyse und algorithmische Aussteuerung und Optimierung betrachtet. Dagegen stecken die klassischen Medien, die immer digitaler werden wollen, noch in den Kinderschuhen. Und die digitalen Giganten heizen den Wettbewerb zusätzlich an, indem sie massiv in Content investieren. Facebook, Apple & Co. nehmen jährlich die symbolische Summe von einer Milliarde Euro in die Hand, um der Konkurrenz und Hollywood-Studios zu zeigen: Wir meinen es mit der Content-Offensive ernst! Diese inhaltlichen Investments sind nicht automatisch vom Erfolg gekrönt. Deshalb verschiebt sich das Verhältnis zwischen David und Goliath etwas. Denn die öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunkanbieter haben einen Erfahrungsvorsprung beim Produzieren und bei der Vorhersage von Erfolgskriterien von neuen Formaten. Natürlich macht Netflix mit seinen Shows einen guten Job, aber gerade bei Facebook hat man gesehen, dass viele der produzierten Shows gefloppt sind. Zwei Drittel der im letzten Jahr angestoßenen Shows werden nicht fortgesetzt. Kurzum: Die Tech-Unternehmen müssen mehr und mehr eigene Inhalte anbieten, sind aber meilenweit davon entfernt, eine Markführerschaft für sich beanspruchen zu können.

Digitale Technik regiert die Medienwelt. Ist der gebührenfinanzierte, unabhängige Rundfunk ein Auslaufmodell?

Schwer zu sagen, die Kardinalfrage lautet: Wofür werden die Gebühren verwendet? In der digitalen Welt ist ein Orientierungskompass wichtiger denn je. Hochwertiger, neutraler, objektiver und gut recherchierter Content wird gebraucht, um die Erosion in das Vertrauen von Informationen zu stärken. Im digitalen Zeitalter wird die Verifizierung von Content immer schwieriger, obwohl die Orientierungsfunktion in unserer Gesellschaft eine Schlüsselfunktion einnimmt. Die Demokratie gestaltende Funktion von Inhalten ist heute essentiell. Ursprünglich gab es in der deutschen Nachkriegszeit eher einen Mangel an Informationen. Heute herrscht dagegen ein Überfluss an Informationen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat diese Gatekeeper- und Agenda-Setting-Funktionen in Deutschland und anderen europäischen Ländern über Jahrzehnte wahrgenommen. Wie kann diesem wichtigen Modell ein zeitgemäßes Update verpasst werden kann? Die Herausforderung lautet: Wie kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk einerseits neue, zeitgemäße Kanäle außerhalb seiner linearen Programme und digitalen Mediatheken für eine junge, Smartphone-affine Zielgruppe bespielen ohne andererseits jenes klassische Publikum zu vernachlässigen, die alte, herkömmliche Narrationsformen bevorzugt? Kein leichtes Unterfangen.

Analoge und digitale Inhalte wirken wie zwei Seiten eine Medaille. Wie können Medienunternehmen von datengetriebenen Analysen und algorithmischen Potenzialen profitieren?

Data Science entwickelt sich in Lichtgeschwindigkeit, Datenanalysen kennen keine Grenzen. So lassen sich bei Daten umfassende Codierungen vornehmen, um Nutzerpräferenzen oder den Erfolg von Inhalten vorauszusagen, was massive Folgen für die Produktions- und Content-Akquise hat. Für öffentlich-rechtliche Sender sind Inhalteempfehlungen möglich, um etwa durch Empfehlungsalgorithmen die Archive wieder zu aktivieren. Bei der BBC nutzt man diese Funktion, um das prall gefüllte Archiv zeitgemäß zugänglich zu machen. Vielfältige Rückschlüsse sind möglich: Wie wichtig sind YouTube- oder Facebook, um Web-Traffic für die eigenen Zwecke oder die eigene Mediathek zu nutzen? Welche Nutzungsgewohnheiten und welche Plattformen sind relevant? Die Datenanalyse ermöglicht viele Optimierungen, beispielsweise die Aussteuerung und das Targeting von Zielgruppen. Kein Bereich von der Content-Akquise bis zur Nutzermonetarisierung kann heute auf eine detaillierte, datengetriebene Analyse verzichten.

Dr. Daniel Knapp, geboren am 08.07.1981 in Aachen, arbeitete bis Oktober 2018 elf Jahre lang beim internationalen Informationsunternehmen IHS Markit in London. Gerade befindet er sich in der Gründungsphase für ein Start-Up mit Sitz in den USA und London. Das Geschäftsmodell sieht die externe Beratung von Medienunternehmen, Vermarktern, Mediaagenturen und Werbetreibenden vor, um mit Hilfe von Data Science dateigetriebene Entscheidungshilfen und Automatismen zu liefern. 

Das ganze Interview lesen in der kommenden Ausgabe von mebulive 3.2019 (EVT: 17.06.2019)

Zurück