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Deutsche Absenderkennung ist gefragt

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Deutsche Absenderkennung ist gefragt

Warum und mit welchen Zielen und Maßnahmen sich die Deutsche Welle im globalen Wettbewerb der Regierungssender neu positionieren will, erläuterte DW-Chef Peter Limbourg auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung am 3. Februar in Berlin.Dass Limbourg seine Pläne umsetzen kann, dafür soll ab 2016 eine DW-Etat-Aufstockung von aktuell jährlich 274 Millionen Euro auf 286 Millionen Euro sorgen, wie jetzt bekannt wurde. Bereits für 2014 und 2015 war der DW-Etat um jeweils zehn Millionen Euro erhöht worden.

Peter Limbourg ist seit dem 1. Oktober 2013 in Nachfolge von Erik Bettermann als Chef der Deutschen Welle im Amt. Limbourg, der als allseits anerkannter Politik-Journalist angetreten war, hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt und in den letzten Monaten deutlich gemacht, dass er auch viel Elan und Mut besitzt, um sie umsetzen zu können. Als Diplomatensohn weiß der langjährige Chefredakteur des deutschen Nachrichtensender N24 aber auch, dass es manchmal sinnvoll ist, wenn man zwar mit zwei großen Schritten nach vorne prescht, dann aber wieder einen Schritt zurückrudert, um das eigentliche Ziel dennoch zu erreichen. So ließ Limbourg zum Entsetzen der Bundesregierung, die DW aus dem Steuersäckle finanziert, verkünden, dass die Deutsche Welle zugunsten der „Lingua franca“, nämlich Englisch als Brückensprache, auf deutschsprachige TV-Programme verzichten könne, zumal die global agierende DW-Multimediaplattform seit 1998 chronisch unterfinanziert ist, und deshalb eine Fokussierung der Aufgabenstellung erforderlich sei. Ebenso müsse hinterfragt werden, ob sich die Deutsche Welle rund 30 verschiedene Sprachen via Radio, TV und Online leisten könne. Einen Standpunkt, den Limbourg in der Berliner Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung erläuterte.

Vorweg: Dass die Bundesregierung die Deutsche Welle in vergangenen Jahren finanziell nur am Hungertuch leben ließ, hing schlicht damit zusammen, dass ihre Existenzberechtigung bezweifelt wurde. Wozu ein von der Regierung finanzierter deutscher Auslandssender? Sind ARD/ZDF nicht stark genug und auch noch im Internet präsent? Reicht es nicht aus, wenn BBC und andere lang etablierte Sender westliche Demokratiewerte in die weite Welt tragen? Seitdem aber Sender wie Al Jazeera, Russia Today (RT) und China Central Television (CCTV) mit viel finanzieller Power und teils unverhohlenem Propagandainteresse auf der Weltbühne aktiv geworden sind, hat sich die Situation geändert.

Hatte Bettermann noch die eher lau an PR orientierte DW-Parole ausgegeben, man müsse sich dem „Kampf um die Weltöffentlichkeit“ stellen, sieht Limbourg nun kämpferisch die pragmatische Notwendigkeit, dass Deutschland den globalen „Wettbewerb um Werte“ nicht „unbeteiligt von der Couch aus verfolgen“ dürfe, sondern seine „Stimme erheben“ müsse. Die Marktlücke für die Deutsche Welle ergebe sich dadurch, dass es derzeit nur zwei Sichtweisen im globalen Wettbewerb um Werte gebe: Die eine sei staatlich gelenkt, wie etwa von Russia TV – insbesondere im Ukraine-Konflikt – der man Paroli geben müsse. Die andere stamme aus dem angloamerikanischen Raum. Man könne die Interpretation der deutschen Politik und ihrer Inhalte aber „nicht den Briten oder anderen“ überlassen, betont Limbourg. Zumal Deutschland eine „Orientierungsmacht“ sei, lobt er die hiesige Regierung. Und die Welt wolle wissen, welche Positionen deutsche Politiker zu den vielen Problemen wie etwa Krieg und Frieden, Euro oder Griechenland einnehmen würden. „Deutsche Absenderkennung ist stark nachgefragt“, betont Limbourg. Den Wettbewerb um Werte könne man aber nur mit einem englischsprachigen Angebot aufnehmen. Deshalb wird die Deutsche Welle am 22. Juni das neue DWnews-Angebot über Satellit starten, ein Programm rund um die Uhr mit Reportagen, Magazinen und Nachrichten. Verbunden damit ist eine Erweiterung der Nachrichtenflächen mit Informationen aus Politik, Kultur und Soziales. Es werde „unterschiedliche Nachrichtenflächen in Asien und Afrika“ geben, die „gezielt auf Interessen und Sehgewohnheiten der Menschen in unterschiedlichen Regionen“ eingehen sollen. Weil DW mit dem englischsprachigen News-Programm wieder auf Astra aufsatteln werde, wird es in ganz Europa und auch in Deutschland „sichtbar und wahrnehmbar“, freut sich Limbourg: Das findet er gut: „Der deutsche Steuerzahler soll sehen können, was wir da tun“.

Und was ist mit dem deutschsprachigen Angebot? Es habe nie zur Debatte gestanden, so Limbourg, dass DW im Internet weiterhin ein deutschsprachiges Programm anbieten werde. Obwohl, so fügt er hinzu, das deutsche Programm durch andere „mobile Heimatangebote“ an Wichtigkeit verloren habe. Nachdem die Bundestagsdebatte deutlich gemacht habe, dass bei Politikern der „starke Wille“ bestehe, weiter auch in deutscher Sprache zu senden, „nehmen wir das zur Kenntnis und setzen es um“, betonte Limbourg. Allerdings müsse vorab darüber diskutiert werden, wen man denn als Zielgruppe im Ausland mit deutschem TV-Programm versorgen wolle oder könne. Limbourg weiß: Die Zahl derjenigen, die außerhalb Europas deutsch sprechen, ist mit ungefähr fünf Millionen Menschen sehr gering, zumal von denen nur ein Bruchteil Interesse am spezifischen DW-Programm haben, das sie ohnehin im Internet auffinden könnten. Und es wäre wohl, so kann man ergänzen, ein sehr kostspieliges, jenseits des DW-Auftrags liegendes Vergnügen, würde man primär deutsche Urlauber im Ausland avisieren, die via Smartphone oder Tablet und Wifi ohnehin jederzeit einen Zugriff auf deutsche Medien haben.

Die Deutsche Welle ist bekanntlich nicht nur Fernsehen, sondern trimedial aufgestellt. Dazu analysiert Limbourg: „Fernsehen ist immer noch weltweit das meistgenutzte Medium – die Nutzungsdauer bleibt relativ konstant“. Das Internet sei wichtig, vor allem auch als Wachstumsmarkt. Allerdings könne es nicht überall in der Qualität genutzt werden, wie es beispielsweise in Berlin-Mitte möglich sei. Radio, so Limbourg, sei noch sehr stark im südlichen Afrika vertreten, wo die Deutsche Welle ihr Programm auch in Sprachen wie Kisuaheli verbreite. Aus der Situationsanalyse hat Limbourg die Folgerung gezogen, dass sich die Deutsche Welle darauf konzentrieren müsse, in der mobilen Nutzung des Internets mithalten zu können. Um das umsetzen zu können hat DW eine runderneuerte App entwickelt, „die in 30 Sprachen für Mobilgeräte auf unterschiedlichen Geräten einsetzbar ist“. Die App habe viele Features, erklärt Limbourg, die „auf unterschiedliche Bandbreiten in den einzelnen Ländern eingehen kann“. Weil es nicht in allen Regionen der Welt möglich ist, sich jedwede Videos runter zu laden, sei die App so konzipiert, dass sie sich automatisch auf die jeweiligen Verhältnisse einstellen kann.

Mit allen ihren Angeboten erreicht die Deutsche Welle derzeit knapp über 100 Millionen Nutzer wöchentlich. „Tendenz steigend“, behauptet Limbourg. Die Entscheidung für das englischsprachige Fernsehprogramm ist offensichtlich auch davon abgeleitet worden, dass DW bereits bisher mit 30 Millionen TV-Sehern die meisten Kontakte mittels der englischen Sprache finden konnte. Hauptzielregionen der Deutschen Welle sind Afrika, Asien, die Länder der östlichen Partnerschaften und auch der südamerikanische Raum, erklärt Limbourg.

Und wo steht die Deutsche Welle im Ranking unter den 26 global aktiven Regierungs-Sendern heute? Noch befinde man sich unter den Top 5, wozu BBC Worldwide, France 24, Russia Today (RT) und China Central Television (CCTV) gehören, antwortet Limbourg: „Wir wollen aber unter die Top 3 aufsteigen“. Und welchen Werten fühlt sich DW im Wettbewerb mit den Konkurrenten verpflichtet? Natürlich: „Demokratie, Rechtstaatlichkeit, Toleranz, sozialen Ausgleich, den Werten unserer Verfassung“, weiß Limbourg wie aus der Pistole geschossen und erläutert dazu, was es journalistisch bedeutet. Man strebe an, verschiedene Meinungen zu einem Thema zu transportieren – und nicht nur die Meinung der Regierung, wie es andere Regierungssender machten. „Wir haben einen pluralistischen Ansatz. Wir werden vom Staat finanziert, sind aber unabhängig und haben einen Rundfunkrat“, beteuert er. Deshalb könne die Deutsche Welle in ihren Zielgebieten auch die dortigen Oppositionellen zu Wort kommen lassen.

So selbstbewusst Limbourg seine Ziele benennt und begründet, so wenig begeistert waren viele seiner Mitarbeiter von seinen Umstrukturierungsplänen, gegen die auch der Deutsche Journalistenverband stark protestierte, weil es wieder einmal auch um die Rationalisierung von journalistischen Arbeitsplätzen und Kürzung von Honoraren geht. Doch am 22. Februar, einen Tag bevor rund 150 der knapp 3.000 festen und freien DW-Mitarbeiter in Bonn gegen die Pläne protestierten, gab DW selber überraschend eine Meldung heraus, wonach die Bunderegierung – vorausgesetzt, es wird vom Bundesparlament bewilligt – ab 2016 jährlich zwölf Millionen Euro zusätzlich für in der Vergangenheit gestiegene Personalkosten zuweisen will. Offensichtlich hat sich Limbourg auch dafür eingesetzt. So wie Limbourg auch flink bereits am 25. Januar dieses Jahres in Kiew ein Korrespondentenbüro für die Deutsche Welle eröffnet hat, um über die kriegerischen Auseinandersetzungen in der Region möglichst objektiv berichten zu können. Gleichzeitig wird dort die DW Akademie aktiv, um die Transformation des ukrainischen Staatssenders NTKU in eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt zu begleiten.

Derweil hat die freie Journalistin und Osteuropaexpertin Dr. Susanne Spahn im Rahmen der Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung referiert, wie stark die russische Regierung etwa Russia Today, Sputnic International oder das St. Petersburger Institut zur Analyse des Internets einsetzt, um die westliche Pressefreiheit als Lügengebäude zu diskreditieren, was auch mit inszeniertem Shit Storm via Social Media in deutschen Diskussionsforen geschieht. Dass sich die im Ausland tätigen russischen Medien als Propaganda-Waffe für das Verteidigungsministerium des Kremels verstehen, werde dabei gar nicht einmal verheimlicht. Und im Moment, so Spahn, sei die inländische russische Propaganda darauf ausgerichtet, so auf die russische Bevölkerung einzuwirken, dass sie „den Konsum von Ausland-Sendern schon als Vaterlandsverrat sehen“. Der privatwirtschaftlich finanzierte US-Nachrichtensender CNN hat bereits Ende letzten Jahres die Ausstrahlung seiner Kabelprogramme in Russland eingestellt.

Erika Butzek

MB 2/2015

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