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Die 4,4 Milliarden-Zukunftsinvestition

Nach 224 Bieterrunden in knapp sechs Wochen war die Versteigerung neuer Mobilfunkwellen am 20. Mai diesen Jahres vorbei. Unter den Hammer hatte die Bundesnetzagentur alle Frequenzen gebracht, die in Deutschland neben den bereits in Betrieb genommenen zusätzlich für den Mobilfunk zur Verfügung stehen, einschließlich der so genannten „Digitalen Dividende“. Insgesamt 4,4 Milliarden Euro haben Vodafone, Telekom, O2 und E-Plus zusammen in den Topf gelegt.

Mit der Versteigerung des bisher größten Frequenzpakets in Deutschland hat die Bundesnetzagentur die Weichen für den künftigen Wettbewerb rund um das mobile Breitbandbusiness bis zum 31.12. 2025 gestellt. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde die Frequenzzuteilung an die großen vier Mobilfunkunternehmen in Deutschland befristet.
Das versteigerte Paket umfasst insgesamt 360 Megahertz, womit sich das bisher in Deutschland verfügbare Frequenzspektrum verdoppelt. Es setzt sich aus Frequenzen aus dem niedrigen Frequenzbereich (800-MHz-Band, „Digitale Dividende“) und dem höheren Frequenzbereich (2500-MHz-Band) zusammen.

Das meiste Geld brachte mit 3,676 Milliarden Euro die Digitale Dividende ein, obwohl sie nur sechs der insgesamt 41 versteigerten Frequenzblöcke repräsentiert. Alle anderen Frequenzen kamen zusammen für nur rund 800 Millionen Euro untern Hammer, obwohl sie – im Gegensatz zur „Digitalen Dividende“ - von den Mobilfunkunternehmen weitgehend ohne Auflage sofort genutzt werden können.
Im Ergebnis der Auktion, so stellt die Bundesnetzagentur fest, „konnten alle Bieter ihr vorhandenes Spektrum mehr als verdoppeln und besitzen nunmehr zahlreiche neue Entwicklungsperspektiven“.
Zur Erinnerung: Im Vergleich zur spektakulären UMTS-Auktion im Jahr 2000, als noch 50 Milliarden Euro in das Staatssäckel geflossen waren, ist das Auktionsergebnis mit insgesamt 4,4 Milliarden Euro eher mickrig ausgefallen. Dabei war mit 360 Megahertz mehr als die doppelte Frequenzkapazität als damals in die Auktion eingeflossen. Aber die Zeiten haben sich geändert. Aufgrund der damaligen New Economy-Euphorie hatte man im Jahr 2000 noch angenommen, man könne technische Probleme im Sauseschritt lösen und ebenso schnell neue massenattraktive Anwendungen für lukrative Geschäfte auf die Beine stellen. Nicht mehr und nicht weniger lag damals in der Luft als mit UMTS adhoc das mobile Fernsehen für jedermann zu schaffen, obwohl sowohl die technischen Voraussetzungen wie die Geschäftsmodelle fehlten. So geriet der UMTS-Start zu einem riesigen Flop.

Aus Erfahrung klug geworden, nahmen Experten im Vorfeld der diesjährigen „Versteigerung von Frequenzen für den drahtlosen Zugang zum Angebot von Telekommunikationsangeboten“ seitens der Bundesnetzagentur realistisch an, dass trotz des properen Pakets von 360 Megahertz insgesamt nicht mehr als 6 bis 8 Milliarden Euro geboten werde. Sowieso hatte die Bundesnetzagentur mit Telekom Deutschland, Vodafone, Telefónonica O2 Germany und E-Plus diesmal nur die in Deutschland schon etablierten vier Mobilfunkunternehmen als interessierte Bieter auftreiben können. Und dass die Auktionseinnahmen sogar noch geringer ausfielen, war für die Bundesregierung trotz denkbar knapper Haushaltskasse aufgrund langfristiger wirtschaftspolitischer Erwägungen eher sekundär.
Hintergrund: Schon Anfang 2009 hatte die damalige Bundesregierung die Bundesnetzagentur beauftragt, die durch den Wechsel von analog auf digital frei gewordenen TV-Antennenfrequenzen („Digitale Dividende“) möglichst schnell zu versteigern. Im Rahmen der EU war vorgegeben, dass dabei die Mobilfunkunternehmen zum Zuge kommen müssen. Als eine Maßnahme im Konjunkturpaket II zur Bewältigung der Wirtschaftskrise war mit der Versteigerung der Digitalen Dividende von Anfang an auch die für Mobilfunkunternehmen kostspielige Auflage verbunden, dass sie in einem ersten Schritt mit den ergatterten Frequenzen die so genannten „weißen Flecken“ in der Breitband- und Internetversorgung auf dem Lande bei rund zwei Millionen Haushalten zu schließen hätten. „Internet für alle“, heißt das bundespolitische Ziel, das Deutschland im globalen Wettbewerb stärken soll.
Erst in einem zweiten Schritt – und das ist der teure Nachteil bei den ansonsten attraktiveren Frequenzen der Digitalen Dividende, für deren Inbetriebnahme nur wenige Funkmasten notwendig sind - werden den Mobilfunkunternehmen dann die lukrativen Geschäftmodelle erlaubt, die in Ballungsgebieten mit diesen Frequenzen möglich werden.

Für all das hat die Bundesnetzagentur akribische Regeln aufgestellt, deren Akzeptanz und Umsetzung vertragliche Voraussetzung zur Teilnahme bei der Frequenzauktion war. Alle Bundesländer haben lange Listen von ländlichen Gebieten mit weißen Flecken erstellt, die die neuen Besitzer der Digitalen Dividende nun schließen müssen. Dazu wurden von der Bundesnetzagentur vier Prioritätsstufen für die Versorgung vorgegeben – Gemeinden mit einer Einwohnerzahl zwischen 5000 bis zu mehr als 50.000. Erst wenn die kleinsten Gemeinden versorgt sind, dürfen die Frequenzen schrittweise für Gebiete mit größerer Einwohnerzahl bis hin zu den Ballungsgebieten eingesetzt werden.
Vor diesem Hintergrund war sowohl der Bundesregierung wie der Bundesnetzagentur klar, dass die Mobilfunkunternehmen, sollen sie in die Situation gebracht werden, die weißen Flecken aufzuheben, finanziellen Spielraum für weitere Investitionen in Höhe von vielen Millionen Euro brauchen.
Dabei geht es wirtschaftspolitisch nicht allein um die Breitbandversorgung auf dem Lande, sondern ebenso um die Ankurbelung des Gesamtmarktes, der mit neuen Anwendungen und Geräten rund um das mobile Internet entsteht.
Auch dafür wird viel zusätzliches Geld benötigt: um nämlich den allerneuesten internationalen Übertragungsstandard LTE (Long Term Evolution) umsetzen zu können. Der soll perspektivisch im Vergleich zu UMTS nicht nur 14 Megabit pro Sekunde, sondern hundert Megabit schaffen. LTE wäre damit beispielsweise in der Lage, Videos und Games ohne Unterbrechungen und Ruckelstörungen mobil so elegant wie ein breitbandiges Festnetz zu übertragen. Allerdings wurden bislang mit LTE mehr Test- als Praxiserfahrungen gemacht.
Doch LTE wird vor folgendem Hintergrund gebraucht. Mit iPhone, iPad, den vielen anderen Smartphones, Netbooks und allen anderen Geräten, mit denen man mobil ins Internet gelangt, ist das übertragene Datenvolumen in der jüngeren Vergangenheit massiv angestiegen. Bereits zwischen 2007 und 2009 hatte sich das Datenvolumen in Deutschland laut Bundesregierung von 3,5 Millionen Gigabyte auf 33,5 Millionen gesteigert. Internationale Studien rechnen gar damit, dass der Datenverkehr bis 2013 um den Faktor 60 zunimmt.

So setzt beispielsweise die Telekom auf LTE, weil der Standard „deutlich höhere Datenraten als der bisherige UMTS-Standard“ erlaube und so für die Kunden auch im mobilen Datenverkehr „Anwendungen wie IPTV, Online Gaming und Multimedia Services möglich“ mache.
Vor allem die Telekom – zumal als Exklusivvertreiber in Deutschland von Apples iPhones – und Vodafone mit seinem großen UMTS-Bewegtbildangebot wären ohne neue Frequenzen mittlerweile an ihren Kapazitätsgrenzen angekommen, weiß man in der Branche. So war es klug von der Bundesnetzagentur, in ihrem Auktionsportfolioangebot nicht nur die teueren 800 MHz-Frequenzen der Digitalen Dividende zu stecken, sondern auch alle anderen (aus den Bereichen 1,8 GHz, 2 GHz und 2,6 GHz), die zusätzlich noch zur Verfügung stehen, weil sie zum Beispiel aus der damaligen UMTS-Versteigerung ungebraucht zurückgegeben worden sind.
Von den vier großen Mobilfunkunternehmen hat sich allein die E-Plus-Gruppe nur aus letzterem preiswertem Korb für rund 284 Millionen Euro ein neues Frequenzspektrum verschafft.
E-Plus hat sich an den entscheidenden Bieterrunden um die Digitale Dividende nicht mehr beteiligt. In einer Presseerklärung nach der Auktion gab sich die E-Plus-Gruppe dennoch höchst zufrieden, mit den neuen Frequenzen seine bisherige Kapazität „verdoppelt“ zu haben und hob hervor, das Gros des neuen Spektrums sei mit bestehender Infrastruktur und heutigen Handys und Datenkarten „sofort nutzbar“.

Zwar gebe es rund um iPhone und iPad in den Medien einen großen Hype. Doch die große Mehrheit der Mobilfunknutzer sei gar nicht an großer Bandbreite interessiert, sondern wolle lediglich hin und wieder einen raschen Zugriff aufs Internet haben. Und dies, so erklärt ein E-Plus-Sprecher, sei auch mit gängigen Mobilfunkstandards EDGE, UMTS oder HSPA möglich.
Indessen hat die Deutsche Telekom bei der Auktion 1,3 Milliarden Euro auf den Tisch gelegt und ist überzeugt, sich sämtliche Frequenzblöcke gesichert zu haben, die für den weiteren Netzausbau und die Einführung von LTE benötigt werden, um in Zukunft Bandbreiten von mehr als 100 MBit/s zu ermöglichen.
Wie auch Vodafone und O2 betonte die Telekom nach der Auktion abermals, das Versprechen zu realisieren, kurzfristig mit den Frequenzen der Digitalen Dividende erste „weiße Flecken“ zu schließen.
Die anderen ersteigerten Frequenzbereiche hingegen würden eingesetzt, „um die Kapazitäten für den steigenden Datenverkehr in den Ballungsgebieten zu erweitern“.
Laut Telekom nimmt Deutschland „mit der Frequenzauktion bei der Vergabe der Digitalen Dividende im Bereich 800 MHz in Europa eine Führungsrolle ein und wird zum Vorreiter bei der mobilen Breitband-Erschließung“. Um aber auch „eine effiziente Nutzung von LTE grenzübergreifend zu gewährleisten, müssen nun die Nachbarländer folgen“, heißt es.
Zufrieden zeigt sich auch das Mobilfunkunternehmen O2, das insgesamt 1,38 Milliarden bei der Auktion zahlte. CEO René Schuster kommentiert: "Die Investition in neue Frequenzen unterstreicht unsere Position als Key-Player auf dem deutschen Markt und ermöglicht uns, schneller zukunftsweisende Produkte und Dienste für unsere Kunden zu entwickeln“.
Schuster sieht O2 gut gerüstet, „unsere Kunden deutschlandweit mit neuesten Technologien und einem mobilen Hochgeschwindigkeits-Internet zu versorgen“. Er verspricht: „Wir werden unser erstes regionales LTE Netzwerk bis zum Ende des Jahres starten“.

Mit 1,42 Milliarden Euro hat Vodafone die größte Summe bei der Auktion ausgegeben, um, wie es in einer Mitteilung heißt, seine „Position als Internetanbieter“ und die „Führungsposition bei Datenservices“ zu stärken. Vodafone Deutschland sieht sich als Internet-Dienstleister für die Zukunft gut gerüstet und bewertet Internet und mobile Datendienste als „Wachstumsträger unserer Industrie“.
Der Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, Rainer Brüderle, kommentierte das Auktionsergebnis mit den Worten, dass mit der nun geschaffenen Möglichkeit einer „flächendeckenden Breitbandversorgung“ in Deutschland eine wichtige Voraussetzung geschaffen worden sei, „dass wir schnell zu Wirtschaftswachstum und steigendem Wohlstand zurückkehren“.
Erika Butzek
(MB 07/10)

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