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Ein anderer Impetus

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Ein anderer Impetus

Die Deutsche Welle, die seit 2012 unter der Dachmarke „DW“ weltweit auftritt, feiert in diesem Jahr ihr 60-jähriges Jubiläum. Zudem wird es im Herbst einen Intendantenwechsel bei der DW geben. Erstmals wird dann mit Peter Limbourg nicht ein gelernter Politiker, sondern ein Journalist und ausgewiesener Nachrichtenmann den mittlerweile multimedial aufgestellten deutschen Auslandssender leiten. Wenn er Glück hat, stehen ihm dafür dann auch jede Menge ARD/ZDF-Programme zur Verfügung.

Der amtierende DW-Intendant Erik Bettermann fasst die historischen Meilensteine der Deutschen Welle zum 60-jährigen Jubiläum knapp zusammen: Als die Deutsche Welle am 3. Mai 1953 in der Nachkriegszeit als Radio über Kurzwellen auf Deutsch, Englisch und Französisch auf Sendung ging, war damit das Ziel verbunden, das freiheitliche Wesen der neuen deutschen Demokratie nach der Nazi-Diktatur in der Welt zu vermitteln. Es war zunächst die Zeit des Kalten Krieges, „der Ost-West-Konflikt – Nato contra Warschauer Pakt“, ein Thema, das nicht nur Europa, sondern auch alle anderen Kontinente berührt habe. Dann kam die „Deutsche Einheit“ als gänzlich neue geopolitische Situation zum Tragen, und mit Siebenmeilen-Stiefeln durch die vergangenen sechs Jahrzehnte kam man in die Welt des insbesondere vom Internet und World Wide Web voran getriebenen neuen Informationszeitalters an.

Heute, so Bettermann, gebe es „nichts Globaleres als die Medienwirtschaft“. DW-Aufgabe sei es dabei, „Kulturbrücken“ zu bauen, insbesondere zu den „zwei Drittel der Menschheit dieser Welt“, die immer noch „in nicht freien Medienmärkten mit Staatsrundfunk, Militärrundfunk und Diktatur“ leben. Da wolle man für eine „zivile Weltwirtschaft“ werben, mit „Information und Bildung“, wobei man das „nationale Mediensystem“ weltweit vermitteln wolle. Was meint Bettermann konkret damit? Ganz einfach: Bettermann möchte in den letzten Monaten seiner Amtszeit, die am 30. September enden wird, endlich erreichen, dass die DW auf noch mehr Programme von ARD/ZDF als bisher zugreifen kann, um sie in ihrem multimedialen weltweiten Angebot zu integrieren. DW, so Bettermann, verstehe sich als Deutschlands „mediale Visitenkarte“, die mittlerweile allerdings weltweit in einem extremen Wettbewerb stehe. Um den großen Zugriff auf ARD/ZDF-Programme zu erhalten, braucht Bettermann einen politischen Beschluss. Ein erstes positives Signal hat er dafür bereits seitens der Bundesregierung, die DW mit 270 Mio. Euro jährlich aus dem Steuersäckel finanziert, im April dieses Jahres erhalten. Sie hat Kulturstaatsminister Bernd Neumann beauftragt, darüber mit den 16 Staatskanzleien der Länder, die mit den Rundfunkstaatsverträgen auch die Regularien für ARD/ZDF schaffen, zu verhandeln.

Ziel ist es, die „mediale Außenpräsenz“ der Deutschen Welle mittels einer „größeren Grundmasse“ an ARD/ZDF-Programmen zu verstärken, wie DW-Sprecher Johannes Hoffmann gegenüber MEDIEN BULLETIN erläutert. Ein letztes Wort dazu werde bereits im Juni von Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet. Hintergrund ist auch, dass die Bunderegierung bislang nicht bereit ist, das DW-Budget, das seit 1998 drastisch um ein Drittel gekürzt worden war, wieder aufzustocken. Also liegt die Idee nahe, die DW-Programmqualität mit den aus dem Rundfunkbeitrag finanzierten ARD/ZDF-Programmen im Wettbewerb mit anderen nationalen Weltsendern zu stärken. Allerdings ist das eine heikle und auch komplexe Rundfunk- und Lizenzrechtliche Angelegenheit. Und viele Fragen, zum Beispiel, wie das dann zwischen DW und ARD/ZDF kostenmäßig geregelt werden soll, sind dabei bislang noch ungeklärt, wie Bettermann anlässlich einer ARD-Pressekonferenz in Berlin einräumte.

Zum besseren Verständnis hilft ein nochmaliger kurzer Blick in die DW-Geschichte. Als die DW damals acht Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der schrecklichen Naziherrschaft gestartet war, wollte Bundespräsident Theodor Heuss insbesondere „die lieben Landsleute“ ansprechen, und die DW-Radiowellen sollten für eine „Entkrampfung“ nach den schweren Zeiten sorgen, zumal sich ja auch schon das deutsche Wirtschaftswunder angebahnt hatte. Doch im Zuge der deutschen Einigung haben sich die Aufgabenstellung, die Zielgruppe wie schließlich auch die medialen Plattformen der DW völlig verändert.

Schon vor der deutschen Wiedervereinigung war DW auf rund 30 Sprachen über Kurzwelle als Radio weltweit aktiv. Erste Erfahrungen im globalen Fernsehgeschäft wiederum hatte man bereits 1963 gesammelt. Damals verschickte die Deutsche Welle eine sprachlich adaptierte Fassung eines deutschen Filmbeitrages ins Ausland und hatte dann sogar eine eigene Firma für Transkription und Vertrieb gegründet, um diese Art von „TV-Geschäft“ zu professionalisieren. Die deutsche Vereinigung geriet plötzlich auch zu einem Glücksfall für die DW als Auslandsfernsehen. Denn das Fernsehen aus dem amerikanischen Sektor in Berlin, RIAS-TV, hatte seine Funktion und Existenzberechtigung verloren. Der damalige DW-Intendant Dieter Weirich (CDU) ergriff die Chance, den Sender und seine Zentrale als Grundstein für DW-TV zu nutzen, was im Zuge der damaligen Rundfunkneuordnung auch rechtlich verankert wurde. So ging DW-TV am 1. April 1992 auf Deutsch und Englisch via Satellit auf Sendung und nahm damals den Wettbewerb mit zwei anderen international ausgerichteten Nachrichten- und Informationssendern auf: mit BBC world news und CNN international.

Heute steht das Fernsehen im multimedialen DW-Angebot im Mittelpunkt und wird zusätzlich auch auf Spanisch und Arabisch über sechs Sendeschienen ausgestrahlt. Dabei wird das Basisprogramm jeweils in seinen Programmteilen auf den Bedarf in verschiedene Regionen in der Welt – wie in Nordamerika, Afrika, Asien oder Australien – sowohl sprachlich als auch inhaltlich zugeschnitten. Für Lateinamerika beispielsweise gibt es ein 20-stündiges Programm auf Spanisch, in der arabischen Welt sendet DW zehn Stunden auf arabisch und 14 Stunden englisch.

88 Mio. Euro fließen zurzeit pro Jahr in den TV-Bereich von DW. Selber produziert DW in Berlin vor allem das „Journal“ und das Magazin „Euromaxx“. Die beliebteste Sendung von DW ist seit Neuestem die mit dem ägyptischen Hayat TV koproduzierte Talk-Show „Shababtalk“, in der sich das vornehmlich junge Publikum via Facebook einbringen kann und die in der Region einen satten Marktanteil von 16 Prozent generiert. Überhaupt: DW kooperiert nach eigener Darstellung mit rund 5.000 Partnern in der Welt auf die eine oder andere Weise. Und Bettermann hat nachgezählt, dass er in seiner bald zwölfjährigen Amtszeit als DW-Intendant 180 Staaten bereist habe. Fast alle, die es gibt. Die UNO listet 196 Staaten in der Welt.

Vor 2007 musste DW für alle von ARD/ZDF übernommenen Programme rund 600 Euro pro Minute zahlen. Seit 2007 gilt eine „Verwaltungsvereinbarung“ zwischen DW und ARD/ZDF, die die Kosten für DW erheblich reduziert und das DW-Programm attraktiver gemacht habe, weil weniger Wiederholungen gebracht werden müssten, sagt DW-Sprecher Hoffmann. So hat DW-TV ZDF-Formate wie beispielsweise „Berlin direkt“, „Länderspiegel“, „Maybritt Illner“, „Neues aus der Anstalt“ im Portfolio wie die ARD-Programme „Günther Jauch“, „Bericht aus Berlin“, „Hart aber fair“, „Presseclub“ oder „Wissen macht Ah!“. Die Programme werden dabei nicht nur via Satellit, sondern auch mit dem DW-Online-Angebot weltweit als Streams und VoD im sogenannten DW-„Mediacenter“ angeboten. Obwohl die DW heute lineares Radioprogramm nur noch begrenzt in Teilen von Asien und Afrika verbreitet, kann man neben Video auch einzelne Audio-Stücke im Mediacenter abrufen.

Das Online-Angebot der Deutschen Welle ist wie einst die Radiowellen auf 30 Sprachen ausgelegt. Die DW ist übrigens – auch das war einst Weirichs Idee – noch vor ARD/ZDF, nämlich seit 1994, Online-Vorreiter gewesen. Es ist dann aber Bettermann (SPD) gewesen, der die Multimedia-Strategie der DW nach vorne getrieben hat. Speziell aber die TV-Reform, die DW im Februar 2012 hinsichtlich einer stärkeren Regionalisierung durchgeführt hat, habe die Resonanz des weltweiten Publikums „deutlich verbessert“. Das werde der DW-Evaluierungsbericht im Juni im Einzelnen ausweisen, erklärt Hoffmann.

Nun könnte man dank des World Wide Web von jedem beliebigen Ort der Welt auf deutsche TV-Programme, insbesondere von ARD und ZDF, zugreifen, zumal sie als Livestreams vorhanden sind. Warum braucht man da die DW, um „Deutschland als europäisch gewachsene Kulturnation und freiheitlich verfassten demokratischen Rechtsstaat verständlich“ zu machen, wie es das von der Bundesregierung 2004 verabschiedete DW-Gesetzt vorsieht? Hoffmann antwortet: „Weil wir der einzige Anbieter mit Fremdsprachen sind“.

Und, dass Bettermann unbedingt noch einen verstärkten Zugriff auf ARD/ZDF-Programme für die Qualitätsverbesserung von DW realisiert sehen möchte, hat wiederum mit der extrem zugenommenen Konkurrenz zu tun, mit der sich DW heute im globalen TV-Markt konfrontiert sieht. War DW 1992 mit nur zwei Mitwettbewerbern im Fernsehmarkt unterwegs, ist das Konkurrenzumfeld von DW heute, laut Hoffmann, auf 26 TV-Sender angewachsen. Von Ägypten bis Venezuela ist man auf die Idee gekommen, via TV zu versuchen, Meinung zu Politik und Kultur mittels TV zu beeinflussen, egal ob via Satellit oder Online. Zur TV-Konkurrenz von DW gehören jetzt neben den beiden jahrelangen Konkurrenten ebenso RussiaTV, CCTV (China), PressTV (Iran), Al Jazeera English (Katar), NHK World TV (Japan) oder SABC News International (Südafrika), beispielsweise. Also muss sich DW noch stärker über vielfältige Inhalte profilieren, weiß Bettermann, und die will er eben von ARD/ZDF haben, um sich dem „Kampf um die Weltöffentlichkeit“ zu stellen, dem „Meinungswettbewerb mit den Sendern“. Bei dem will jeder seine spezielle Sichtweise zu Politik und Kultur auch medial an ein größtmögliches Publikum vermittelt wissen. Die TV-Technik macht in keinem Staat mehr Probleme. Alle wissen, wie man professionelles Fernsehen macht, hat Bettermann beobachtet. Man kann Zuschauer weltweit nur über attraktive Inhalte erobern.

Er selber habe sich in seiner Amtszeit eher auf die Strukturreform für die neue Multimediawelt konzentriert, sagt Bettermann in einem DW-Interview. Nach den zwölf Jahren sei nun „ein anderer Impetus wichtig“. Genau den erwarte er nun von seinem Amtsnachfolger Peter Limbourg ab Oktober dieses Jahres. Der werde sicher den „journalistischen Aspekt nach vorne bringen“.

Diplomatensohn Limbourg, der seit Jahren Nachrichtenmann im Privatfernsehen der ProSiebenSat.1 wirkte, war dort zuletzt als „Senior Vice President Nachrichten“ tätig und Moderator für die Sat.1-Nachrichten. Nachdem er sogar als „Sidekick“ von Unterhaltungsmatador Stefan Raab eingesetzt worden war, dürfte der seriöse und loyale Journalist froh sein, endlich wieder in einem Job anzuheuern, in dem seine journalistischen Fähigkeiten und seine Kompetenz gefragt sein könnten. Obwohl er, wie es bei DW üblich ist, über eine Regierungspartei, in diesem Fall CDU, in das Amt des Intendanten gekommen ist, gilt er mitnichten als Parteisoldat, wenn auch als braver Katholik. Noch hat Limbourg keine Regierungserklärung für sein künftig neues Amt gehalten. Aber auch er hat angekündigt, stärker mit den Öffentlich-Rechtlichen kooperieren zu wollen. Inwieweit er auch Managerfähigkeiten besitzt, um der DW einen Kompetenzschub im internationalen Wettbewerb zu geben, wird sich erst noch zeigen.
Erika Butzek
(MB 06/13)

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