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Ein Herz für kleine Produzenten

Ein Großteil der TV- und Filmproduzenten will in Zukunft über den neuen Verband „Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen“ mit einer Stimme für bessere Rechte kämpfen. Von den großen Playern unter den Film- und TV-Produktionsfirmen, die sich mehr als 50 Prozent des Umsatzes teilen, ist allein die Bavaria bei der Allianz nicht dabei. Warum eigentlich nicht? Darüber, über das spezielle Bavaria-Produktionsprofil und die Zukunftsziele der Bavaria als technischer Dienstleister und Weltvertrieb sprach MEDIEN BULLETIN mit Bavaria-Chef Dr. Matthias Esche.

Ist es nicht wunderbar, dass es mit der Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen endlich eine schlagkräftige Branchenorganisation gibt, die sich gegen die großen Fernsehsender aufstellt, die offensichtlich immer dreister Preise und Konditionen im Markt diktieren? Rechteverwertung, Urheberrecht – viele der jahrelangen Probleme könnten zugunsten der Produzenten gelöst werden…
Die Sehnsucht vieler Produzenten in Deutschland, einig und stark zu sein, verstehe ich absolut. Besonders, weil in der Vergangenheit Ohnmacht erlebt wurde. Aber wenn man die Lage genau prüft, – und wir haben uns damit intensiv auseinandergesetzt –, dann ist festzustellen: So schön der Vorsatz „Gemeinsam sind wir stark“ ist, die Lebenswirklichkeit der Produzentenlandschaft sieht anders aus.

Wie sieht denn „die Lebenswirklichkeit“ aus?
Die Produzentenlandschaft, die sich aus hunderten kleinen, vielen mittelgroßen Produktionsfirmen und wenigen großen Playern wie UFA, Studio Hamburg und uns, der Bavaria, zusammensetzt, ist gekennzeichnet durch eine Vielfalt der Interessen. Das spiegelt sich auch in verschiedensten Produktionsbereichen und Genres wider: Kino, Fernsehen, Animation, Entertainment, Dokumentation. Da gibt es große Unterschiede, es ist sehr schwierig, alle Interessen unter einem einzigen Dach zu vereinen.

Warum genau ist die Bavaria nicht der neuen Allianz Deutscher Produzenten beigetreten, sondern dem erst im Februar neu aufgestellten „Verband der Filmproduzenten“?
Wir sind zur Überzeugung gelangt, dass die vorhandene Vielfalt nur dann erhalten bleibt, wenn es nicht nur einen Verband gibt. Vielfalt hat etwas Kreatives! Auch der ideologische Ansatz der Allianz, mit einer Kampfansage gegen die Sender aufzutreten, scheint nicht zielführend. Dieser Schlachtruf wird im Ergebnis nicht das bringen, was sich diejenigen erhoffen, die ihn vor sich her tragen. Hinzu kommt der gewaltige Apparat, die Kosten die dort anwachsen, die Kompliziertheit der Willensbildung mit zu vielen Funktionsträgern. Deshalb haben wir uns entschieden, uns einem kleineren Verband anzuschließen, der sich für Fernsehen öffnet, der auch unabhängige, noch nicht gebundene kleinere Produzenten anziehen kann, der transparenter und unbürokratischer ist. Sowieso sind nur die großen, starken Produzenten in der Lage, sich durch Kapitaleinsatz und Rechteerwerb ein Stück Unabhängigkeit zu sichern. Die Fülle von kleineren Filmproduzenten ist hingegen in der Regel voll von der durch die Sender finanzierten Auftragsproduktion abhängig. Wer die abschaffen will, schafft die kleinen Produktionsfirmen ab.

Die Allianz der Branche will im politischen Berlin dafür sorgen, dass die Produzenten endlich mehr Rechte gegenüber den Sendern erhalten und insgesamt als wichtige Wirtschafts- und Kulturbranche wahrgenommen werden. Mit einem kleinen Münchner Verband kriegt man das ja wohl nicht hin – oder?
Allein die Politik wird nicht helfen, neue Bedingungen gegenüber den Sendern zu schaffen. Das müssen wir schon selber aushandeln. Natürlich gibt es aber gemeinsame Ziele, die alle Produzenten vereinen. Deshalb wird es von unserer Seite aus eine Zusammenarbeit mit der Allianz geben. Wir können ja getrennt schlagen und gemeinsam siegen: beim Autorenrecht, beim Produzentenrecht, bei der Frage der Vorfinanzierung von Projekten, beispielsweise. Wir wollen in gemeinschaftlich wichtigen Sachfragen erfolgreich sein. Aus unserer Sicht sollte sich in Zukunft auch nicht alles auf Berlin konzentrieren. Ein weiterer Grund, warum wir uns für einen Verband entschieden haben, der zwar gesamtdeutsch agiert, seinen Sitz aber in der Filmhauptstadt München hat.

Nun sind ja die 14 Produktionsfirmen der Bavaria in einer prima Ausgangslage, um Aufträge zu erhalten, wegen der großen Nähe zur ARD. WDR, SWR und MDR sind Gesellschafter der Bavaria und die einzelnen Produktionstöchter wiederum zusätzlich mit Töchtern verschiedenster ARD-Sendern verbandelt. Da wundert es nicht, wenn Sie etwas gegen einen Schlachtruf gegen Fernsehsender haben…
Da möchte ich Ihnen widersprechen. Das was Sie Nähe zur ARD nennen, die Eigentümereigenschaft, hat mit den Fragen zum Verhältnis zwischen Produzent und Sender gar nichts zu tun. Denken Sie an die UFA, die zu RTL gehört. Trotzdem bewegt sich die Ufa in allen Feldern des Marktes, so wie wir es auch tun. Wie die UFA, so müssen auch wir erfolgreich am Markt sein. Und da kann sogar die Eigentümerbindung auch einmal ein Nachteil sein, weil doppelt geschaut wird, ob nicht eine Bevorzugung vorliegt.

Interessen aller vertreten
Sie behaupten, Ihr Münchner Verband sei unbürokratischer und transparenter als die Allianz. Das kann man aber von außen nicht erkennen. Ihr Verband hat ja nicht einmal eine ordentliche Homepage. Welche Firmen stecken denn außer den Bavaria-Töchtern dahinter?
Zu den weiteren Mitgliedern gehören zum Beispiel Menz’ Atlas Film, Hrochs Event Film, Arno Ortmairs Filmline Alfred Hürmers Intergralfilm, Peter Seitz und eine stetig wachsende Anzahl weiterer Produzenten. Wenn ich von Transparenz rede, meine ich nicht eine schicke Homepage, sondern, dass der Prozess der verbandsinternen Willensbildung sichergestellt wird, dass nicht nur die Interessen einiger weniger vertreten werden. Schauen Sie sich doch aber mal die Komplexität und die Kompliziertheit der Allianz an: die Satzung, die sehr komplizierten Vetorechte, das Nebeneinander von Sektionen und Geschäftsführung und der Gesamtaufwand, der irgendwo zwischen 1,3 und 1,7 Millionen Euro liegt…

Und das ist dann wohl auch für die kleinen Produzenten zu teuer, die Sie mit ins Boot holen wollen?
Wir glauben, dass es nicht zwingend ist, mit dem Argument der Professionalisierung enorme Kosten auszuweisen – gerade mit Blick auf kleinere Produzenten. Wir denken, dass ehrenamtliches Engagement verbunden mit einer einzigen professionellen Geschäftführung sinnvoll sein kann.

Sie betonen immer wieder, wie sehr der großen Bavaria die kleinen Produzenten am Herzen liegen. Hängt das damit zusammen, dass die Bavaria auch ein Dienstleistungsunternehmen ist und von daher ein vitales Interesse hat, auch möglichst viele kleinere Produzenten mit diesen Dienstleistungen zu versorgen?
Richtig! Es ist tatsächlich so, auch wenn dies immer wieder bezweifelt wird. Wir sind sehr stark an die Existenz von kleineren Produzenten interessiert, weil wir für ihre Produktionen alle denkbaren Dienstleistungen anbieten und unsere Kunden pflegen müssen. Deshalb haben wir ein genuines Interesse, mit kleineren Produzenten und Filmschaffenden verbunden zu sein.
Obwohl auch Studio Hamburg als 100-prozentige NDR-Tochter eine Nähe zur ARD hat, ist ihre Produktionstochter Mitglied der Allianz geworden…
Ich wiederhole: Die Eigentümerschaft und die Nähe zu Sendern hat nichts mit der Haltung zu tun, wie Produzenteninteressen optimal umgesetzt werden können. Gerade Studio Hamburg ist ein gutes Beispiel dafür. Natürlich wollen auch wir die Produzenteninteressen gegenüber den Sendern durchsetzen, wenn auch nicht so radikal im Vorgehen, wie es die Allianz plant. Deshalb kann man auch nicht ansatzweise sagen, dass wir einen Kotau vor den Sendern machen wollen. Wir glauben nur, dass unser Kurs mehr Ergebnis bringt.

Wo steht die Bavaria gerade im Wettbewerb mit UFA und Studio Hamburg im Markt?
Wir sind die drei großen Player. Der größte ist selbstverständlich die UFA mit der guten Vernetzung zu RTL, aber auch wegen ihrer Marktfähigkeit und ihrer enormen Programmvolumina unter anderem für ARD und ZDF. Im Umsatz steht Studio Hamburg offensichtlich vor uns. Wir sind dicht drauf an dritter Position mit einem konsolidierten Umsatz in Höhe von 250 Millionen Euro. Was uns von den anderen unterscheidet, ist, dass wir auf vier Säulen stehen: Produktion, Dienstleistung, eine intakte Rechteverwertung mit einem renommierten Kinoweltvertrieb und Home-Video. Außerdem betreiben wir nicht nur Fernsehen-, sondern auch Kinoproduktionen und spiegeln die föderale Struktur der Bundesrepublik Deutschland wider, indem wir in fast allen wichtigen Medienstandorten in Deutschland vertreten sind.

Auch sperrige Stoffe
Welche Highlights, welches spezielle Programmprofil charakterisieren zurzeit das Produktionsprofil der Bavaria?
Wir beherrschen die qualitätsvolle gute Unterhaltung: Programme, die man sich ansehen kann, ohne rot zu werden. Damit meine ich nicht nur den Bereich Telenovela und Daily und die besten – erfolgreichsten – „Tatorte“ für WDR, BR, SWR, MDR, RBB und Radio Bremen. Damit meine ich auch herausragende Fernsehfilme wie zum Beispiel „Teufelsbraten“, ARD. Ein anderes Beispiel, das am 9. April im Ersten zu sehen ist: „Guter Junge“, die Geschichte, über einen Vater, der feststellen muss, dass sein Sohn pädophil ist – ein schwieriges Thema. Aber das gehört zu unserem Profil. Wir machen auch sperrige Stoffe. Das ist unser Kulturauftrag. Im Bereich Kino wird in diesem Jahr Buddenbrooks herauskommen. Wir haben auch eine böse Mediensatire, „Short Cut Hollywood“, gedreht, ein hitziger Road-Movie in den USA, das Nachfolgeprojekt von „Muxmäuschenstill“. Oder, um die Bandbreite zu zeigen: „Im Winter ein Jahr“, ein bewegender Film von Caroline Link, ihre erste Arbeit nach ihrem Oscar für „Nirgendwo in Afrika“, den wir auch co-produziert haben…

Doch mit der groß beworbenen Stylingberatung von „Bruce“ Darnell im Vorabendprogramm des Ersten hat die Bavaria eher einen Flop gebaut? Viele reden über Bruce, ohne es gesehen zu haben. Das war der Versuch, am Vorabend mit einer kühnen Programmfarbe Erfolg zu haben. Es ist nicht gelungen, aber wir sind stolz, dass wir es versucht haben. Wir machen Programm in einer Bandbreite, wie kaum ein anderes Produktionsunternehmen: Von Kino bis hin zu allen Formen von Fernsehunterhaltung, einschließlich Dokumentationen, die hohe Quoten erreichen. Hinzu kommen unsere europäischen Co-Produktionen. Mit der „Jahrhundertlawine“ stellen wir einen neuen Event auf die Beine, in Co-Produktion mit RTL, ORF, TF1 und Polen. Auch die Mankell-Verfilmung „Kennedy’s Brain“ in Schwarzafrika, zusammen mit Yellowbird aus Schweden, ist eine neue Co-Produktion. Wir planen den Kinofilm „Wagner“. Und gerade auch unser Fernseh- und Kinoereignis „Tschernobyl“ zeigt, dass wir programmlich etwas Neues machen.

Europäische Co-Produktionen liegen bei der Bavaria sicherlich aufgrund der großen Stärke im Weltvertrieb nahe?
So ist es. Das ist auch etwas, was Zukunft bedeutet. Die Zukunft liegt einerseits darin, dass wir unseren nationalen Standard halten, hier stark bleiben und mit unseren beiden großen hochsympathischen Mitwettbewerbern UFA und Studio Hamburg gleichziehen wollen. Andererseits liegt die Zukunft für uns auch jenseits der nationalen Grenzen. Dabei wollen wir in der Rechteverwertung und der Frage Neue Medien und Vorfinanzierung in Europas filmpolitischer Landschaft zusammenwachsen. Da sehen wir Potenziale und sind dabei.
Erika Butzek (04/08)



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