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Fakten statt Artefakte

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Fakten statt Artefakte

Islamischer Staat, Ebola-Virus, das Attentat von Paris, der Abschuss von MH17: News-TV-Sender verfügen im Zeitalter globaler Krisen und beschleunigter Berichterstattung über reichlich „Soft Power“, um Politische Ziele und internationale Beziehungen zu beeinflussen. MEDIEN BULLETIN sprach mit Richard Porter, Chefredakteur von BBC Global News und verantwortlich für den Ausbau des Live-Engagements des Senders, über die Herausforderungen des modernen Nachrichtenjournalismus, den schmalen Grat zwischen unabhängiger Berichterstattung und Propaganda und die Gefahren von Amateurvideos für News-Sender.

Ist der Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo ein Symptom unserer Zeit? Was bedeuten solche Ereignisse für einen Nachrichtensender wie BBC World News?

Es gibt mit Sicherheit einen Zusammenhang dieses besonders grausamen Pariser Angriffs auf die Meinungsfreiheit mit anderen weltweiten Terroranschlägen in jüngster Zeit in Boston, London oder Wolgograd. Diese Attentate sind Ausdruck eines immer extremeren Guerillakriegs vor dem Hintergrund globaler Krisen und Konflikte. Als internationaler Nachrichtensender sind wir uns der immensen Verantwortung bewusst, dass die Zuschauer gerade in solchen Momenten nach besonders schnellen, verantwortungsvollen und hintergründigen Informationen suchen, was genau passiert ist: Fakten statt Artefakte.

Wie wirkt sich das auf die Quoten aus?

Als internationaler News-Sender haben wir leider keine exakten Zuschauerzahlen unserer TV-Programme für die einzelnen Länder vorliegen. Mit der Charlie Hebdo-Berichterstattung hat BBC World News aber wohl die reichweitenstärksten Tage gehabt. Das gilt auch für unseren Internet-Auftritt. Am Tag des Attentats konnnten wir 18 Millionen Nutzer auf unserer Website verzeichnen. Das entspricht dem höchsten Wert, den BBC World News in seiner 24-jährigen Geschichte jemals erreicht hat. An Tagen von hohem Nachrichtenwert zeigt die BBC mit all ihrer Erfahrung ihre wahre Stärke, die Hintergründe einer Geschichte zu erzählen, die das Publikum erfahren will.

Tatsache versus Meinung – welche Nachrichtenstandards zählen bei der Auswahl von Meldungen bei BBC World News?

Bei BBC wird man nie nur eine Meinung hören. Unsere Aufgabe als Nachrichtensender ist es, das ganze Spektrum der unterschiedlichen Meinungen darzustellen, damit sich der Zuschauer ein möglichst umfassendes Bild machen kann und sich daraus seine eigene, fundierte Meinung bildet. Wir wollen Meinungsvielfalt statt -einfalt. Unser Ansatz ist es, dem Publikum nach bestem Wissen und Gewissen, unter Berücksichtigung der Aktualität, die klarsten und verantwortungsvollsten Fakten zu berichten.

Wenn man den Terroranschlag von Paris als Beispiel nimmt, starteten wir kurz nach dem Ereignis mit einer diffusen Nachrichtenlage. Zu Beginn gab es weder detaillierte Quellen, noch offizielle Erklärungen, stattdessen mussten wir die grundlegenden Tatsachen erarbeiten und Mosaikstein an Mosaikstein aneinanderreihen. Bei BBC profitieren wir von Außenstellen in allen wichtigen Städten und einem weltweiten Korrespondentennetz in Metropolen wie in Paris, so dass wir sehr schnell Kontakte zu den Entscheidungsträgern und Betroffenen herstellen können. Durch unterschiedliche Quellen wie Social Media und Informanten können wir rasch seriöse Quellen und Informationen sammeln, um ein detaillierteres Bild von den Geschehnissen zu erhalten. Das BBC-Credo ist, dass wir genau darüber berichten, was wir wissen, aber genauso sagen, was wir nicht exakt wissen oder was nur Spekulation ist. Wir nutzen unsere Erfahrung und unser Wissen, Nachrichtenprozesse nicht zu beschleunigen, Falschmeldungen zu vermeiden und sehr sorgfältig abzuwägen, worüber wir berichten oder womit wir lieber noch warten. Es braucht Erfahrung, um zu entscheiden, welche Nachricht wahr ist und welche nicht. Als Teil von BBC haben wir bei BBC World News als globaler Sender ein Renommee zu verteidigen und das geht nur, wenn unsere Nachrichten genau, objektiv und unabhängig sind.

Welche Aufgaben und Ziele verfolgt BBC World News mit seinem 24-Stunden-Programm in Zeiten politischer Krisen und vor dem Hintergrund der Beschleunigung von Nachrichten durch das Internet?

Man kann diese Frage unter dem Aspekt von BBC World News als Fernsehsender, aber auch unter dem Gesichtspunkt der internationalen Aktivitäten von BBC vom Radio über das Fernsehen bis zu Nachrichten-Apps diskutieren. Einer der Gründe, warum die BBC über ein derart umfassendes Angebot an Nachrichtendiensten verfügt, ist die immer mehr verknüpfte und globalisierte Welt. Die Kunst ist es, eine globale Geschichte in einen lokalen Zusammenhang zu betten, damit der Londoner sie genauso gut versteht wie der Münchner. Bei dem Attentat von Paris fehlt dem Deutschen vielleicht der lokale Bezug, aber unsere Aufgabe als Nachrichtensender ist es, diesen Zusammenhang und die Konsequenzen einer derartigen Bedrohung für die einzelnen Regionen aufzuzeigen. In Zeiten von globalen Krisen werden internationale Nachrichtensender immer populärer und erfolgreicher. Ein anderer Aspekt ist, dass die BBC trotz des Kostendrucks und der Tendenz zu lokalen Nachrichten an einem weltweit umfangreichen Korrespondentennetz mit allein 85 Auslandsbüros festgehalten hat. Das versetzt uns in die Lage, den Scheinwerfer auf internationale Ereignisse zu werfen, die nicht vor der eigenen Haustüre passieren. Wir können beobachten, wie der Aufschwung der Chinesischen Wirtschaft das Wachstum westeuropäischer Firmen beeinflusst oder wie sich die Ukraine-Krise auf die politische Lage in der gesamten Welt auswirkt. Diese Vogelperspektive ist wichtig, damit die Leute globale Zusammenhänge verstehen können.

Im Zuge des Ukraine Konflikts wird vermehrt darüber gesprochen, dass Nachrichtensender wie Russia Today, Ukraine Today, Al Jazeera, Voice of America, Deutsche Welle oder BBC World News als Propagandainstrumente der jeweiligen Machtbereiche agieren. Wie sehen Sie das?

Hier gibt es einen fundamentalen Unterschied zu dem, was die BBC macht, nämlich eine von der Regierung oder kommerziellen Interessen unabhängige, möglichst glaubwürdige Berichterstattung, die für die Zuschauer einen eindeutigen Nutzen hat. Man muss eine deutliche Trennungslinie zwischen dem, was wir berichten, und den Meldungen von Nachrichtensendern ziehen, die sich von der Regierung, die sie finanziell unterstützen, instrumentalisieren lassen. Ich glaube, das Fernsehpublikum erkennt diese qualitativen Feinheiten sehr genau, denn wir zwingen unser Publikum ja nicht dazu, die Nachrichten bei uns zu sehen. Aber die Zuschauer wissen, dass bei BBC alle Meldungen relevant und mit einem verantwortungsvollen Gefühl für die Nachrichtenlage ausgewählt sind und wir keine vorschnellen Schlüsse ziehen, sondern nur exakt das berichten, was wir sehen und wissen. Auch wenn ich ungern eine weitere Statistik anspreche: BBC ist die am meisten zitierte Twitter-Quelle und Twitter ist eine große Plattform für Sonder- und Eilmeldungen. Die Tatsache, dass wir auf Twitter derart populär sind, zeigt, dass Twitter-Nutzer der Marke ‘BBC‘ vertrauen und unsere Nachrichtenkompetenz sehr hoch einschätzen, denn sonst würden sie diese kaum in so hohem Maße mit ihren Anhängern teilen. Das ist der gravierende Unterschied zu instrumentalisierten Nachrichtensendern.

Das heißt: BBC World News bleibt immer neutral?

Ja, das wichtigste Ziel von BBC ist eine unabhängige Nachrichtenquelle zu sein, die weder Regierungsinteressen, noch sonstige Einzelinteressen von Staaten repräsentiert. Wir müssen unabhängig von den Staaten oder Firmen sein, über die wir berichten. Das ist einer der Hauptunterschiede zwischen BBC World News und Nachrichtensendern, die in letzter Zeit hinzugekommen sind. Ich glaube, Zuschauer, die Nachrichtensender nutzen, erkennen sehr wohl den Unterschied zwischen den verschiedenen Sendern und entscheiden sich für den richtigen.

Nachrichten sind wieder stärker „en vogue“. Die Deutsche Welle plant mit DW News zum April 2015 einen englischsprachigen Nachrichtensender und Russia Today will einen deutschsprachigen Dienst starten. Wie sehen Sie die News-Expansion?

Wir leben in einer Welt mit einer Vielzahl von Regierungen und Fernsehsendern, die ihr Publikum an möglichst verschiedenen Plätzen erreichen wollen und durch solche Angebote erweitern beide Sender natürlich ihre potentielle Reichweite. Gleichzeitig suchen die Menschen auf möglichst vielfältige Weise nach Informationen, auch die technischen Voraussetzungen und die Kostenreduzierung haben dazu geführt, dass es heute für viele Organisationen möglich ist, einen eigenen Nachrichtenkanal zu gründen oder die Sendestrecken in bestimmte Regionen zu erweitern. Und natürlich will jede Nation bei diesem Nachrichtenspiel dabei sein und seine Interessen im Ausland vertreten wissen. Aber zurück zur BBC, die kein Staatsfernsehen macht und sich nicht vor den Karren der britischen Regierung spannen lässt. Auch wenn wir unsere Wurzeln in Großbritannien haben, berichten wir besonders kritisch über innenpolitische Sachverhalte, auch wenn sie Staatskrisen oder einen Abhörskandal betreffen. Das ist der gravierende Unterschied zu Verlautbarungsjournalismus regierungsabhängiger Nachrichtensender.

Wie stellt BBC World News sicher, dass auch bei sensiblen, politischen Meldungen die Staatsferne und Unabhängigkeit der Berichterstattung gewährleistet ist?

Diese Frage ist leicht und schwer zugleich zu beantworten. Die Leute, die für BBC arbeiten, wissen von der ersten Minute ihrer Arbeit an, dass sie unabhängig bleiben müssen und einem fairen Journalismus verpflichtet sind. Es gibt hier niemanden, der irgendwelche Richtlinien oder Anweisungen für Titelgeschichten oder Hintergrundberichten gibt, das würde nicht funktionieren. In der Tat würde jeder, der das versuchen würde, in dieser Organisation sofort auffliegen, da wir über eine derart strenge, unabhängige Organisation in Bezug auf Journalismus und Nachrichtenfaktoren verfügen. Es ist gut, dass BBC eine riesige Nachrichtenorganisation mit gleichzeitig vielen Radio- und TV-Programmen, vielen Nachrichtensendern und vielen Plattformen ist, die es technisch unmöglich machen, die aufgestellten Leitlinien zu umgehen. Die Leute haben gemeinsam verinnerlicht, was die Rolle von BBC ist. Sie wissen durch ihre Ausbildung und Fortbildung, wie sie ihre unabhängige Arbeit auszuführen haben. Wenn wir BBC World News nehmen, schreiben wir unseren Mitarbeitern nicht vor, das sind eure zwei, drei Geschichten für heute, sondern sie entscheiden sich selbständig für die Themen, die das Publikum am meisten interessieren und über die sie in der vorgegebenen Zeit am umfassendsten berichten können. Es sind praktische Entscheidungen, die darauf beruhen, das richtige auszuwählen.

Wenn Nachrichtensender wie Russia Today oder Ukraine Today unterschiedlich über den Absturz des Flugzeugs MH17 berichten – wo fängt für Sie Propaganda an und wo ist die Grenze zum seriösen Nachrichtenjournalismus?

Meines Erachtens muss ein Nachrichtenjournalist bei seiner täglichen Recherche alles dafür tun, um richtig, fair und verantwortungsvoll zu berichten. In diesem Zusammenhang wird sich die Frage der Propaganda für BBC niemals stellen. Das genügt nicht unserem Anspruch, einseitig die Meinung eines Einzelnen oder einer Interessenvertretung zu einem Ereignis widerzuspiegeln. Wir wollen herausfinden, was passiert ist. Am Beispiel von MH17 kann man feststellen: Eine Passagiermaschine stürzte ab, scheinbar von einem Blindgänger abgeschossen, aber wir wissen nicht, wer genau dahintersteckt, auch wenn manche Nachrichtendienste diesen Abschuss dezidiert einer bestimmten Richtung zuordnen wollen. Es ist aber nicht unsere Aufgabe als unabhängiger Nachrichtensender, Schlussfolgerungen zu ziehen oder jemanden ohne konkrete Beweise die Schuld zuzuweisen. Die Verantwortung, die wir haben, ist alle Informationen zusammenzutragen und geordnet weiterzugeben, um der Realität möglichst nahe zu kommen. Das Publikum ist anspruchsvoll genug, um aus den Meldungen und Hintergrundinformationen eigene Schlüsse zu ziehen. Wenn das Publikum verschiedene Nachrichtenkanäle nutzt, das die Sachverhalte unterschiedlich darstellt, wird es sich aus der Mischung der diversen Quellen und Meldungen seine Meinung bilden. Ich kann nur hoffen, dass die Zuschauer immer wieder zu BBC zurückkehren und uns Vertrauen schenken, wir können und wollen sie dazu nicht zwingen, aber wir merken, dass uns tagtäglich viele Zuschauer glauben und unsere Arbeit schätzen.

Welche Einflussnahme der Regierung gibt es auf ein so sensibles Gut wie Nachrichten, wenn man zum Beispiel an den mit Hilfe von Edward Snowden aufgedeckten Abhörskandal des Government Communications Headquarters denkt?

Es gibt definitiv keinen direkten Einfluss oder gar eine Zensur von Regierungen auf unsere Titelgeschichten oder Eilmeldungen, egal wie sensibel oder prekär sie sind, das würde weder in Großbritannien, noch in Deutschland funktionieren. Aber die Nachrichtenwelt ist komplizierter und natürlich gibt es eine Vielzahl von Public Relations, die Meldungen veröffentlichen und Nachrichten in ihrem Sinne beeinflussen möchten und natürlich arbeiten wir täglich mit solchen Organisationen und Interessenvertretungen zusammen. Aber wenn wir eine PR-Meldung aufgreifen, muss für den Zuschauer klar erkennbar sein, dass es sich um eine Pressemitteilung eines bestimmten Absenders handelt. Hier kommt der BBC etwas zugute, worauf wir sehr stolz sind und wofür wir sehr hart arbeiten: Wir verfügen über Mitarbeiter, die viel Erfahrungen, Kenntnisse und Hintergrundinformationen besitzen, um mit solchen PR-Meldungen verantwortungsvoll umzugehen und die richtigen Entscheidungen zu treffen, worüber sie wie berichten oder worüber lieber nicht.

Die ehemalige Russia-Today-Korrespondentin Sara Firth meint, dass Lügen zum Nachrichten-Alltag gehören und sie die Formen der überzeugenden Lügen bei Russia Today gelernt habe. Inwiefern ist so etwas bei BBC World News ausgeschlossen?

Genau genommen sagt Sara Firth nicht, dass sie gelogen hat, sondern dass sie in ihrer Zeit als Korrespondentin bei Russia Today nicht immer die ganze Wahrheit gesagt hat, sie nennt es aber nicht explizit Lügen, sondern sie hat nicht immer die Wahrheit gesagt. Für mich als Außenstehender ist es schwer zu beurteilen, wie bei Russia Today intern gearbeitet wird. Alles was ich dazu sagen kann, ist, dass alle Äußerungen von Sara Firth über die Arbeitsweise bei Russia Today bei BBC undenkbar sind und sich fundamental von unseren Prinzipien unterscheiden. Niemand würde ihr bei BBC vorschreiben, welche Meldungen richtig oder falsch sind, geschweige denn ihr nahelegen, bestimmte Informationen bewusst zurückzuhalten. Deshalb wird es auch über die BBC niemals ein derartiges Statement geben wie das von Sara Firth über Russia Today. Wie wir derartige Fehlentwicklungen verhindern? In unserer Organisation finden die Mitarbeiter sehr geregelte Werte vor, an die sie sich genau zu halten haben, damit wir unsere hohen journalistischen Standards erfüllen können. Diese Qualität von Nachrichtenjournalismus erfüllt unsere Angestellten mit Stolz.

Propaganda erzeugt Gegenpropaganda. Wird es für den TV-Zuschauer schwerer, einem Nachrichtensender zu vertrauen?

Ich glaube, die Fernsehzuschauer nutzen am Tag oder innerhalb einer Woche eine Vielzahl unterschiedlicher Nachrichtenquellen, um ein klareres Bild von der Welt zu erhalten, in der sie leben. Bei jeder einzelnen Meldung kann man daran zweifeln, ob man ihr trauen kann oder nicht, als „Gatekeeper“ von Nachrichten haben wir das gleiche Problem wie die Rezipienten. Deshalb ist es so wichtig, einem Nachrichtensender vertrauen zu können. Die BBC hat über einen längeren Zeitraum bewiesen, dass sie versucht, die Wahrheit zu berichten, fair zu sein, richtig und verantwortungsvoll mit Nachrichten umzugehen. Dadurch hat sich ein Vertrauensverhältnis zwischen Sender und Zuschauern gebildet, die immer wieder bewusst unsere Nachrichten einschalten und reif für BBC sind. Gleichzeitig müssen wir als Journalisten sehr hart dafür arbeiten, diese Verantwortung immer wieder bei jeder Meldung aufs Neue zu bestätigen. Man kann im Nachrichtengeschäft viele Fehler machen, die diesem Ansehen schaden, deshalb müssen wir jede Meldung auf Herz und Nieren prüfen und unsere journalistischen Standards anwenden. Es geht nicht zu sagen, ich habe heute einen schlechten Tag und verzichte darauf, die Quellen genau zu prüfen. Ein Nachrichtenjournalist muss jeden Tag, bei jeder Geschichte, die ganze Zeit Flagge zeigen. Das Publikum erkennt und respektiert diese Leistung.

Wie geht die BBC als „Mutter aller Nachrichtensender“ damit um, dass eine Nachricht auf verschiedenen Sendern ganz unterschiedliche Darstellungen erfahren kann. Zum Beispiel hat Russia Today beim Flugzeugabsturz Zweifel an der Wahrheit geschürt, um von Russland und Wladimir Putin abzulenken.

Das ist eine Geschichte, bei der wir auch nach mehr als einem halben Jahr nicht wissen, was genau passiert ist und vielleicht auch nie erfahren werden. Es gibt viele Indizien, die in eine bestimmte Richtung weisen, aber wir wissen nichts Genaues. Das Beste, das wir als Nachrichtensender tun können, ist es, möglichst viele Informationen zu sammeln und möglichst präzise Fakten zu präsentieren, aber auch genau zu sagen, was wir nicht wissen und was nicht sicher ist. Nur so kann man Nachrichten in einer fairen und verantwortungsvollen Weise darstellen: Finde so viel heraus, wie es geht und teile all deine Informationen mit dem Publikum so klar wie möglich. Letztendlich macht sich das Publikum sein eigenes Bild von den Geschehnissen, indem es die Berichterstattung auf verschiedenen Kanälen verfolgt und unterschiedliche Darstellungsweisen auf sich wirken lässt, um seine Entscheidung zu treffen, welchen Sender es bevorzugt und vertraut. Wir stellen immer wieder fest, dass das Publikum der BBC vertraut und als Nachrichtenquelle respektiert. (Anm.d.Red.: Kurz nach dem Interview ist der Absturz der Boeing MH17 im Juli 2014 mit 298 Todesopfern immer noch ein Propagandakrieg der Nachrichtensender Russia Today und Ukraine Today. Laut der „Tagesschau“ vom 11.1.15 gibt es nun neue Erkenntnisse, die Russland belasten sollen.)

Der moderne Nachrichtenjournalismus hat sich rasant verändert. Welche Distributionskanäle, vom TV bis zum Internet, muss BBC World News nutzen, um möglichst viele Rezipienten zu erreichen?

Unsere Strategie ist es, das Publikum unabhängig davon zu erreichen, wo es sich gerade befindet. Es gibt viele europäische Länder wie etwa Deutschland, bei denen eine breite Masse klassische Fernsehnachrichten terrestrisch, via Kabel, Satellit oder Receiver bevorzugt. Diese Informationen sind für uns als weltweit multimediale Rundfunkanstalt von großer Bedeutung. In zunehmender Weise sucht das Publikum auf weiteren Plattformen nach Nachrichten, weshalb wir unsere Dienste auch als Website, für Desktops oder mobil anbieten. Neben Texten produzieren wir Videofilme und Grafiken, die speziell für Tablets oder Handys geeignet sind. Darüber hinaus nutzen wir alle Social-Media-Plattformen von YouTube, WhatsApp, Instagram bis zu Facebook. Wir wollen das Publikum dort abholen, wo es sich gerade befindet. Egal, auf welcher Plattform jemand gerade online ist, soll er mit seriösem Nachrichtenjournalismus in Berührung kommen können. Uns ist wichtig, dass der Twitter- oder YouTube-Nutzer genauso wie der Fernsehzuschauer BBC als führende und glaubwürdige Nachrichtenmarke erkennt.

Was bedeuten die diversen Distributionswege technisch und finanziell? Eine umfassende News-Präsenz kostet viel Geld.

Ja, man kann den finanziellen Aspekt sicher nicht außer Acht lassen. Der BBC World Service mit seinen Rundfunk- und Digitaldiensten finanziert sich aus den Rundfunkgebühren. BBC World News ist Teil des kommerziellen Geschäftsbereichs der BBC und finanziert sich aus Werbe- und Sonderwerbeerlösen sowie aus Gebühren für die Kabeleinspeisung des Programms. Mit Hilfe dieses Finanzierungsmodells ist es uns in den letzten Jahren gelungen, unsere TV- und Online-Aktivitäten in mehr als 200 Länder und Regionen mit weltweit 385 Millionen Haushalten auszuweiten. Mit steigenden Werbeeinnahmen konnten wir parallel die digitale Reichweite steigern, mittlerweile sind wir mit Videos und Grafiken auf vielen Social Media-Plattformen präsent. Im Grunde ist unsere Expansionsstrategie die eines kommerziellen Nachrichtenkanals: Wir erwirtschaften Erlöse, um sukzessive die Reichweiten auf den unterschiedlichen Plattformen zu steigern. Mit dem feinen Unterschied, dass wir die erwirtschafteten Gewinne zurück in den Nachrichtenjournalismus reinvestieren, um zum Beispiel das weltweite Korrespondentennetz aufrecht zu erhalten und uns den Luxus zahlreicher Außenstellen in den Metropolen leisten zu können.

Warum werden die Programme von BBC World News nicht aus Gebühren, sondern aus Werbung finanziert?

Innerhalb Großbritanniens produziert die BBC ein ausschließlich gebührenfinanziertes Radio-, Fernseh- und Online-Programm. BBC World News wurde als internationaler Nachrichtensender vor mehr als zwanzig Jahren gegründet. Damals entschieden die BBC und die britische Regierung, dass dieses Programm nicht aus Gebühren, sondern aus kommerziellen Einnahmen finanziert wird. Es gibt keinen Grund, vor dem Hintergrund steigender Werbe- und Kabelerlöse von diesem Geschäftsmodell abzuweichen. Alles, was der BBC Publikum bringt, auch wenn es kommerzielle Programme sind, nutzt der Marke ‘BBC‘. Wir sind zuversichtlich, dass dieses Geschäftsmodell auch weiterhin funktionieren wird.

Wie kommt BBC World News in Deutschland zum Zuschauer? Und warum gibt es das Programm in UK nur gegen Gebühr?

In Deutschland werden die BBC World News vom Kabelnetzbetreiber eingespeist und wir erhalten dafür im Gegenzug eine Nutzungsgebühr. Dieses Modell differiert von Land zu Land. Wir haben dafür Spezialisten, die in jedem Land versuchen, für uns das beste lokale Modell zu ermöglichen. Für Großbritannien senden wir das Programm von BBC World News nicht zurück. Zum einen ist in Großbritannien keine Werbung erlaubt, zum anderen verfügt die BBC über einen eigenen, heimischen Nachrichtensender, dem Pendant zu den BBC World News, mit dem es zahlreiche Überschneidungen bei den Nachrichten und Dokumentationen geben würde. Zudem verstehen wir uns als internationaler Nachrichtensender mit einer viel größeren Reichweite als nur der britischen Bevölkerung.

Wie viele Mitarbeiter hat BBC World News?

Das ist schwer zu beziffern, da viele Korrespondenten für verschiedene Nachrichtenplattformen von BBC World News tätig sind. Wenn man alle Mitarbeiter zusammenzählt, die in den über 200 verschiedenen Ländern und Regionen für uns tätig sind, würde ich schätzen, dass rund 8.000 Menschen weltweit zur Arbeit von BBC World News beitragen. Wir haben allein 85 internationale Außenstellen, Hauptproduktionsstätten unseres Programms sind London, Singapur und Washington. Diese Vielschichtigkeit und Internationalität macht es so schwer, genaue Mitarbeiterzahlen zu nennen.

Im Zeitalter von Amateurvideos und YouTube-Bildern ist es schwer, die Quellen auf ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen. Wie geht BBC World News mit dieser Herausforderung um?

Die Tatsache, dass jeder Smartphone-Besitzer gleichzeitig über eine Kamera verfügt, führt dazu, dass heute immer schneller immer mehr Bilder von Ereignissen zur Verfügung stehen. So haben wir auch wieder sehr eindrucksvolle Bilder vom Attentat in Paris sehen können, die Leute mit ihrem Smartphone gefilmt haben. Ohne diese Technologie hätten wir vielleicht niemals Bilder von diesem Ereignis gesehen, weshalb Nachrichtensender erst einmal von diesem Fortschritt profitieren. Gleichzeitig bestehen aber Risiken und Gefahren bei solchen Amateurfotos und -videos, weshalb wir über ein Spezialisten-Team verfügen, wir nennen es die User Generated Content Unit (UGC), deren Aufgabe es ist, vorhandene Bilder und Videos auf Ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, bevor wir sie als Quelle nutzen. Dieser Prüfungsprozess ist eine klassische publizistische Aufgabe und erfordert journalistisches Gespür, Inhalte daraufhin zu prüfen, ob sie wahr oder falsch sind. Man muss die Personen, welche die Fotos oder Videos gemacht haben, kontaktieren, die Umstände und das Umfeld analysieren und manchmal muss man Bildmaterial nicht veröffentlichen, wenn die Herkunft zweifelhaft ist. Kürzlich hatten wir das Foto eines lokalen Einsatzteams von einem Syrischen Jungen, der offensichtlich in einem Kampf verletzt wurde. Irgendetwas stimmte an dem Foto nicht, weshalb wir entschieden haben, das Foto nicht zu senden, auch wenn andere Nachrichtensender das Foto „on air“ schickten. Für mich gehört zur großen journalistischen Herausforderung des technischen Zeitalters nicht nur das zu senden, was man weiß, sondern vor allem auch das nicht zu senden, was man nicht ganz sicher weiß.

Wolfgang Scheidt

MB 1/2015

© BBC

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