Mebucom / News / Business / Hessens Produktionswirtschaft holt auf

News: Business

Hessens Produktionswirtschaft holt auf

Die Film- und TV-Produktionswirtschaft in Hessen hatte in den vergangenen Jahren kaum eine Chance im Wettbewerb gegen die großen Produktionsstandorte in München, Berlin oder Hamburg. Das Filmförderprogramm HessenInvest Film soll das ändern. Von den Fördermaßnahmen profitiert auch die Wiesbadener ABC & TaunusFilm Kopierwerk GmbH. Sie sieht sich für analoge und digitale Dienstleistungen gut aufgestellt.

Lange Jahre fristete die Film- und TV-Produktionswirtschaft in Hessen ein Schattendasein. Mittlerweile ist man jedoch dabei, wieder Anschluß an die Wettbewerbsstandorte zu finden. Das ist in erster Linie dem zweimal verlängerten wirtschaftlichen Filmförderprogramm HessenInvest Film zu verdanken, das über die Hessische Investitionsbank Mittel vom Kapitalmarkt bereitstellt, die von der Landesregierung gebürgt werden. „Spielfilmproduktionen, nahezu im monatlichen Wechsel, hat es hier lange nicht gegeben. In 2010 konnten wir gleich neun Produktionen verzeichnen. Und es gibt eine klare Tendenz, wieder mehr Produktionen komplett in Hessen zu realisieren.

Das ist neu“, sagt die Leiterin der Hessischen Film Commission, Kathrin Ahrens. Mit den Spielfilmen im Land bekommen auch die regionalen Dienstleister mehr Aufträge wie beispielsweise die ABC & TaunusFilm Kopierwerk GmbH im Wiesbadener Medienpark „Unter den Eichen“. Sie kann auf eine sehr lange Geschichte zurück blicken. Die damalige UFA-Tochter „Afifa“ fand 1949 mit dem Kopierwerk und den ersten Studios in Wiesbaden ihr neues Domizil. Viele bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler (u.a. Romy Schneider, Curd Jürgens, Hans Albers) drehten in den Studios „Unter die Eichen“.

1956 erwarbt der Unternehmer Karl Schulz das Gelände mit dem Filmkopierwerk und den Studios. Er gründete die TaunusFilm GmbH, die eine wechselvolle Geschichte durchlebte. Die TaunusFilm-Produktions GmbH, in der seit 1997 alle Produktionsaktivitäten gebündelt waren, musste 2002 in die Insolvenz gehen. Die heutige TaunusFilm GmbH ist lediglich als Dienstleister für den neuen Eigentümer des Mediengeländes tätig. Die von diesen Turbulenzen nicht betroffene ABC & TaunusFilm Kopierwerk GmbH agiert als selbständiges Unternehmen am Markt. Gesellschafter sind die ABC Audiovisuelle Produktionsgesellschaft mbH (ein Tochterunternehmen der Tellux-Beteiligungs GmbH), die hr werbung gmbh (Tochter des Hessischen Rundfunks), die Werbefunk Saar GmbH (Tochter des Saarländischen Rundfunks) und Geschäftsführer Thomas Lang, der die Mehrheitsanteile am Unternehmen hält.

Lang sieht eine insgesamt positive Zukunftsentwicklung, weil das Know-how des Kopierwerks sowohl im Bereich Produktion für Kino und TV sowie für Kinowerbung als auch für die Wahrung des Filmbestandes in den Archiven gefragt ist. Rund 20 Mitarbeiter sowie Partnerfirmen betreuen heute zahlreiche Sender, Filmproduktionsfirmen, Archive und Hochschulen. Die Geschäftsbereiche gliedern sich zu je einem Drittel in den Produktionsservice für Film- und TV-Filme, den Bereich Kinowerbung und drittens in die Umkopierungspakete älterer oder historischer Filme, die auf Nitromaterial gedreht wurden, einschließlich digitaler Restaurierung.

Die ABC & TaunusFilm bietet hochwertige Negativentwicklung und Musteranfertigung für die Formate 16mm/Super 16 und 35mm in Farbe und Schwarzweiß und auch als Videoausspielung. Für den Bereich Telecine arbeitet das Kopierwerk vor Ort mit der Firma Omnimago GmbH, die eine Telecine-Suite mit einem Ursa-Diamond-Filmabtaster und einer Da-Vinci-Farbkorrektur in Wiesbaden betreibt, zusammen.

Produktion und Langzeitsicherung

Produktion und Langzeitsicherung des kulturellen Erbes sind die zukunftsträchtigen Geschäftsfelder für das Unternehmen. Für Lang ist die durch HessenInvest Film angeschobene Spielfilmentwicklung erfreulich, auch wenn der Standort im Wettbewerb mit anderen Regionen nicht so schnell aufholen könne, was lange Jahre versäumt wurde. Früher hatte die TaunusFilm drei Studio-Ateliers betrieben, die nicht mehr zu halten waren, als Hessen im Wettbewerb mit den führenden Medienstandorten den Anschluss verlor. Dieses Jahr kamen gleich mehrere Spielfilmaufträge nach Wiesbaden durch internationale Kinoproduktionen wie „Playoff“, „Exchange“ oder „Babycall“, dem ersten Kinofilm vom „Sandmännchen“ und der romantischen Komödie „What a Man“ von Matthias Schweighöfer, die an diversen Schauplätzen in Frankfurt gedreht wird.

Diese von HessenInvest Film geförderten Produktionen bringen dem Kopierwerk neue Aufträge für Negativentwicklung und Mustererstellung, da die geförderten Produzenten das Fördergeld in gleicher Höhe wieder im Land ausgeben müssen. Bei der ABC & TaunusFilm Kopierwerk wird das belichtete Material entwickelt und für die Abtastung zur Videoausspielung vorbereitet. „Alle diese Arbeiten haben wir für TV-Produktionen schon immer geleistet, jetzt kommt verstärkt wieder der Spielfilm hinzu“, erklärt Lang.
Die Muster werden in der Regel als Video ausgespielt. Filmmuster seien eher die Ausnahme. Für den Spielfilm „Playoff“ des israelischen Regisseurs Eran Riklis mit Danny Huston als berühmter israelischer Basketball-Coach, der in diesem Sommer in Wiesbaden und Frankfurt gedreht worden war, wurden die Negative bei ABC & TaunusFilm entwickelt, abgetastet und als Bandmaterial für den AVID der Produktion zur Verfügung gestellt.

Was das Scannen von Filmmaterial anbelangt, hat die ABC & TaunusFilm vor einigen Jahren in den Oxberry CineScan 6400 Filmscanner investiert mit einem neuen LED-Lampenhaus und einer neuen schnelleren Kamera bis zu 3K Auflösung. Der Oxberry erstellt von jedem Frame des analogen Filmes ein Bild in drei Farb-Abzügen und setzt diese wahlweise als 16-Bit-TIFF oder 10 Bit-Cineon digital (alle gängigen Formate) zusammen. Dadurch lässt sich ein hohes Maß an Bildinformationen (Farbraum) erzielen. „Wir sind somit in der Lage, den analogen Film hochauflösend durch den Scan-Vorgang zu digitalisieren. Als Filmkopierwerk stellen wir hohe Anforderungen an die Qualität, was Farbe, Schärfe und Kontraste anbelangt“, betont Lang. Mit dem Oxberry digital bearbeitet wurden 30 Jahre alte Originalaufnahmen (16 mm Umkehrmaterial) der Augsburger Puppenkiste. So wurde der Film „Urmel aus dem Eis“ komplett digital restauriert, wozu das Negativ in einer Auflösung von 2K und im 16-Bit-TIFF Format gescannt wurde.

Das TIFF-Format bietet die Gewähr, dass der vorhandene Farbraum komplett für die Farbkorrektur zur Verfügung steht. „Dies ist das optimale Format für ein geschnittenes Negativ, weil es ein Optimum an Farbtiefe, Schärfe und Detailinformationen wiedergeben kann. Muss das Material geschnitten werden, verwenden Filmemacher auch das 10-Bit-log DPX-Format, weil sie in diesem Dateiformat zusätzliche Informationen und Metadaten für den Schnitt ablegen können“, erklärt Lang.

Der digitale Scanner kommt schwerpunktmäßig für Bestandssicherung historischer Filmkopien zum Einsatz, für die ein normaler Kopiervorgang nicht mehr das gewünschte Ergebnis erzielt. Ist das Material in einem schlechten Zustand, muss es auf jeden Fall hochauflösend digitalisiert werden, um es nachbearbeiten, das heißt restaurieren zu können.

Im Normalfall müssen sich die Archive schon wegen knapper Haushaltsmittel mit einer analogen Umkopierung als Sicherungskopie zufrieden geben, weiß Lang: „Wir wollen dem Kunden aber die Möglichkeit bieten, das Filmmaterial sowohl analog zu sichern als auch digital zu bearbeiten. Letzteres kommt für die Archive in Frage, welche über die Auswertung ihrer Bestände Geld verdienen müssen, um weitere Filme restaurieren zu können. Der Vorteil einer hochwertigen digitalen Bearbeitung liegt darin, dass sich eine nahezu komplette Restaurierung des Materials generieren lässt und somit nach erfolgter Ausbelichtung wieder ein neues Negativmaterial existiert. Liegt das Material einmal digital vor, steht es für die komplette Auswertungskette zur Verfügung – von der Filmkopie bis zur Blue-ray-Ausspielung. Beispielsweise kann ein neues SW-Negativ auf Polyesterbasis bei entsprechender Lagerung Jahrhunderte in einem gleichbleibenden Zustand überdauern.“

Zweistufiges Kopierverfahren

Seit zwei Jahren bietet die ABC & TaunusFilm Kopierwerk auch ein spezielles zweistufiges Kopierverfahren an, um alte colorierte Nitrofilme als SW-Dup-Negativfilme zu sichern. Zunächst wird in einem ersten Kopiervorgang ein ausgeglichene Schwarzweiß-Dup-Negativ erstellt, in weiteren Farbkopiervorgängen werden die einzelnen Farben auf Farbnegativmaterial reproduziert. Der Vorteil ist, dass ein Archiv ein ausgeglichenes Schwarzweiß-Dup-Negativ an Lager hat. Und mit diesem Dup-Negativ-Material lässt sich jederzeit eine neue Farbkopie reproduzieren. Aufgrund des zum Teil starken Schrumpfungsgrades des Nitrofilmes wurden fast alle Kopiermaschinen mit Wetgate für geschrumpftes Filmmaterial umgebaut. Zu den Kunden gehören Archive im In- und Ausland. Auch für TV-Sender leistet die ABC & TaunusFilm Langzeitsicherung für die Archivbestände. Das heißt, die Produktionen werden gesichtet, saniert und umgespielt. Im Normalfall geht es hierbei um 1:1 Kopierungen.

Meistens werde immer noch in SD abgetastet, so Lang, und auf Digi Beta oder HDCAM ausgespielt, für höherwertige Auswertung auch auf HDCAMSR. Bei wachsendem Dienstleistungsbedarf für Produktion und Archive stehen die Zeichen günstig für die weitere Entwicklung der ABC & TaunusFilm Kopierwerk. Lang: „Erfreulich, dass wir das Unternehmen erhalten konnten. Denn sonst wäre diese klassische Dienstleistung in Hessen nicht mehr vorhanden.“ Eine intakte Infrastruktur sei neben Fördermitteln die Voraussetzung für eine anhaltende Ankurbelung der Produktionswirtschaft in Hessen.
Bernd Jetschin
(MB 12/10_01/2011)

Zurück