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Hilfe bei der digitalen Transformation

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Hilfe bei der digitalen Transformation

Die Fincons Group mit Hauptsitz in der Schweiz will verstärkt die digitale Transformation des TV-Business in Europa mit innovativen Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette unterstützen. mebulive sprach am Rande der ANGA COM 2019 mit den Fincons-Managern Oliver Botti und Dieter Ruther unter anderem über Entwicklungen und Trends bei OTT, adressierbarer Werbung und interaktivem Fernsehen.

Die Fincons Group ist auf Expansionskurs. Das in den Bereichen Medien, Financial Services, Energie & Utilities, Öffentliche Verwaltung, Manufaktur und Transport aktive italienische IT-Familienunternehmen ist seit 35 Jahren aktiv und generiert mit seinen heute rund 1.400 Mitarbeitern etwa 130 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Fincons hat Niederlassungen in der Schweiz (Hauptquartier ist in Küssnacht am Rigi), Italien, Großbritannien und den USA. 

 

Mit der Fincons.De GmbH hat es nun auch in München eine Deutschland-Niederlassung eröffnet. Damit signalisiert Fincons, dass man den deutschsprachigen Markt verstärkt im Fokus hat. Das bestätigten am Rande der ANGA COM 2019 in Köln auch Fincons.DE-Geschäftsführer Dieter Ruther, und Oliver Botti, Head of International Business Development & Innovation bei der Fincons Group. Beide waren zuvor viele Jahre bei KIT Digital tätig und kennen die Erfordernisse des Broadcast Business bestens insbesondere mit Blick auf die digitale Transformation. Ihr Spielfeld ist bereits seit zehn Jahren das interaktive Fernsehen und HbbTV. Bei KIT Digital war das Engagement in diesem Bereich noch verfrüht. Heute aber sehen sie beste Chancen für innovative Konzepte für TV-Inhalte, -Formate und -Werbung in einer hybriden OTT-/TV-Welt. „Die Vorteile von HbbTV kommen hier jetzt zum Tragen“, betont Ruther. 

Im Pay TV- und OTT-Bereich hat Fincons Kunden in Italien, Deutschland, Frankreich, Spanien, Großbritannien, Irland und in der Schweiz. Mit Sky Deutschland ist man hierzulande bereits seit zehn Jahren verbunden und auch mit dem digitalen Publishing-Haus BurdaForward arbeitet man neuerdings zusammen.

 

Hierbei nutzt man die Vorteile des Fincons-Kompetenzzentrums in Bari, Apulien, als sogenanntes Smart-shore-Modell (in Anlehnung an das Offshore-Modell, bei dem IT-Services ins Ausland verlagert werden). Mit Unterstützung von Fincons hat BurdaForward in Bari eine Software-Entwicklungsfirma aufgebaut und dabei von Finkons regionalem Forschungs- und Innovationsnetzwerk profitiert. Die auch als Delivery Center bezeichnete Niederlassung mit ihren Entwicklern und heute rund 600 Mitarbeitern fungierte dabei als eine Art Inkubator.

 

„Als Systemintegrator verkaufen wir Innovationen. Unsere Forscher sind sowohl in Kundenprojekten als auch in der Entwicklung von Frameworks eingebunden. Das erlaubt uns innovativ zu sein“, betont Botti. Gleichzeitig stehe man den Kunden als Berater eng zur Seite. Nur wenn man Geschäfts-anforderungen optimal verstehe, könne man passende Lösungen dafür finden oder die entsprechende Technologieforschung anstoßen. Dabei profitiere man auch von öffentlichen Geldern, räumt er ein. So unterstütze die Europäische Kommission Fincons Beteiligungen an europäischen Projekten. Und auch von der italienischen Regierung komme Fördergeld für die Fincons-Aktivitäten in der strukturschwachen Region Apulien in Süditalien. Erst im Dezember 2018 habe man zehn Millionen Euro Fördergeld erhalten, das für Beschäftigungswachstum in der Gegend verwendet werden müsse. 

 

„Das Fördergeld erlaubt uns, in den nächsten zwei Jahren in große Projekte zu investieren. Wir arbeiten an Komponenten für die nächsten OTT-Generationen mit Machine Learning (ML) und künstlicher Intelligenz (KI), auch mit Blick auf adressierbare Werbung, Content Recommendation etc.”,  berichtet Botti. Bei damit verbundenen internationalen Innovationsprojekten könne die Fincons Group auch als Co-Investor einsteigen, wenn die Sender selbst nicht in der Lage seien, die dafür nötigen Investitionen zu stemmen. „Wir helfen hier gerne, Pilotprojekte aufzusetzen, die ein echtes Markt-Feedback für innovative Applikationen generieren können“, erklärt er. Laborversuche alleine reichten oft nicht aus. Wenn solche Projekte erfolgreich seien, könnten am Ende auch die Entwickler in Bari davon profitieren und am Standort gehalten werden. 

 

Auch in die Kooperation mit der NAB, bei der im April 2019 in Las Vegas erste Applikationen für ATSC 3.0, HbbTV-Äquivalent und US-Standard für interaktives Fernsehen gezeigt wurden, sei EU-Fördergeld geflossen. Bis 2020 will man in den USA ATSC 3.0. als Standard implementieren. „Wir sind Frontrunner und helfen beim Aufbau. Auf der NAB hatten wir dazu Demo Set-up mit ATSC 3.0 auf Sony-, Samsung- und LG-Prototypen, damit die Amerikaner verstehen, was HbbTV eigentlich bedeutet und was die Vorteile von interaktivem TV für Broadcaster sind, insbesondere hinsichtlich User Engagement und adressierbarer Werbung“, erklärt Botti. Die USA habe in der Entwicklung des interaktiven Fernsehens weit hinter Europa zurück gelegen, treibe sie aber nun mit aller Kraft voran. „Die USA wird hier deshalb bald die Nase vorne haben“, glaubt Botti. „Die großen Internetunternehmen wie Google und Amazon treiben den digitalen Medienmarkt mit sehr fortschrittlicher Technologie. Nur der TV-Bereich war als Closed Garden davon abgekoppelt. Das wird sich ändern. Interaktives Fernsehen bietet schließlich viele neue Chancen.“ Ziel sei, die aus dem digitalen Raum kommende zielgruppenorientierte Werbung in das Broadcast-Geschäft zu bringen. Es sei spannend gewesen, die hier schon in Europa gemachten Erfahrungen den Amerikanern vorzustellen. Diese Erfahrungen gehen teils auf viele Jahre alte HbbTV-Versuche unter anderem mit dem IRT, Fraunhofer Fokus oder rbb zurück.

 

„Wir haben mit deutschen Sendern und Instituten das interaktive Fernsehen gelernt und gemeinsam Forschungsprojekte gestartet, die das Potential von interaktivem Fernsehen deutlich machen sollten. Das hat so gut geklappt, dass wir mit Mediaset Play (Free OTT) die erste HbbTV-Implementierung in Italien gestartet haben“, sagt Botti. Fincons arbeite mit Mediaset bereits seit 27 Jahren in den Bereichen Programmplanung und -management, Werbezeitenverkauf, Kampagnen-Planung und digitale Distribution zusammen. 

 

Der internationale Know how-Austausch würde auch dadurch beflügelt, dass der Mediaset-Konzern unlängst 9,6 Prozent an der ProSiebenSat.1-Gruppe übernommen habe, ebenso wie durch länderübergreifende Sender-Kooperationen wiedie von TF1, ProSiebenSat.1 und Mediaset. Sie seien mit Blick auf gemeinsame Content-Produktion und Werbung interessant. Europaweite Werbung für einzelne Marken würde damit ermöglicht. Botti: „Viele Sender haben vor sechs Jahren das Potential von interaktivem TV noch nicht erkannt. Bei ProSieben war das anders. Die HbbTV-Anwendungsbeispiele, die wir bei Mediaset präsentiert haben, um dort eine Initiative für adressierbare Werbung zu starten, basierten im Grunde auf den ProSiebenSat.1-Ideen. Daraus entstand dann ADD+plus als neues adressierbares Werbeprodukt, das von Publitalia ´80, dem Werbezeitenvermarkter von Mediaset, seit 2018 angeboten wird.“

 

Das erste Unternehmen, das auf ProSieben eine interaktive HbbTV Red Button-Werbung gebucht hat, war Volkswagen im Jahr 2009. Diese Werbung wurde seinerzeit auf der IFA in Berlin vorgestellt. Volkswagen ist laut Botti auch heute noch einer der Treiber von adressierbarer Werbung in Italien und bucht bei Mediaset sehr viel Werbung in dieser Richtung. „Volkswagen hat früh die Effizienz eines solchen Werbemittels erkannt. Das war für das Unternehmen interessant, weil man damit den Entscheidungsprozess beim Fahrzeug-Kauf deutlich verkürzen kann und gleichzeitig den Kunden stärker an seine Marke binden kann“, sagt Botti.

 

Heute arbeite man bei Fincons intensiv an der Entwicklung neuer Paradigmen für die TV-Werbung, basierend auf interaktivem Fernsehen. „Dazu gibt es viele neue Ideen. TV-Sender wollen den Programmfluss nicht durch Interaktionen unterbrochen wissen.  Deshalb gibt es jetzt den „Remember Me“- Service als ein neues Werbemodell. Hierbei kann man sich personalisierte Werbebotschaften, die während eines laufenden Programms zu gezeigten Produkten angeboten werden, mit einem einfachen Click auf eine Wunschliste setzen, um sie dann später anzuschauen.Dazu kommen viele neue, mit e-Commerce verbundene ML- und AI-Funktionalitäten“, berichtet Botti.

 

Auch in Frankreich würde man das Thema HbbTV wieder forcieren. Profitieren könnte man dabei von der Gründung der gemeinsamen Streaming-Plattform und VOD-Service „Salto“ von France Télévisions, TF1und M6 im Sommer letzten Jahres. Die französische Antwort auf Netflix und Amazon bündelt ein Angebot an News, Sport, Entertainment, Spiel- und Dokumentarfilmen. Hier sei man auch dabei, „den interaktiven Werberaum vorzubereiten“. Entsprechende Applikationen von Finkons seinen dafür in Arbeit. Botti zeigt sich zuversichtlich, dass die französischen Regulierungsbehörden dem Thema adressierbare Werbung künftig offener gegenüber stehen. Dafür bereite man sich nun vor.

 

Botti weiß allerdings auch: „Die meisten privaten Sender generieren noch heute den Großteil des Geschäfts mit Werbung im linearen TV. Aber das ändert sich gerade. HbbTV in Europa und ATSC 3.0 in den USA öffnen die Schleuse für einen neuen Umsatz-Zufluss. Mit ihm kommt die ‘Programatic Advertising’-Welle. Und die wird immer dominanter.“ Dies sorge für einen grundsätzlichen Wandel des Broadcast-Business und biete den Sendern die Chance, ihren Anteil an den neuen Wertschöpfungsmöglichkeiten selbst zu definieren. Er plädiert dabei für ein hybrides Modell, bei dem man die Stärken der TV- mit denen der Online-Welt bündelt. „Den Wettbewerb mit den reinen Online-Playern kann man nicht gewinnen, indem man selbst nur Online OTT-Services anbietet. Dafür ist deren wirtschaftliche Power zu groß“, betont er. Erfolgversprechender sei es, ein hybrides Territorium für die Kämpfe zu wählen. TV-Sender seien dort stark, wo sie alle Haushalte erreichen und neue intelligente Tools gewinnbringend einsetzen könnten, Tools wie die von Netflix, um das Nutzer- und Zuschauerverhalten tracken zu können. Das Einverständnis der Zuschauer vorausgesetzt könnte man ihnen dann, mit den dabei gewonnenen Daten, individualisierte Informationen und Werbung zukommen lassen. Botti glaubt, dass die rechtlichen Voraussetzungen dafür auch in Deutschland bald gegeben sein werden und adressierbare Werbung im TV kommen wird. „Inhalte-Empfehlungen und Werbung können den individuellen Bedürfnissen angepasst werden. Der Nutzer muss jaber ederzeit die Kontrolle darüber behalten. Alles was wir implementieren ist sehr sensitiv in Sachen Persönlichkeitsschutzrechte“, betont er.

 

Ruther meint: „In Deutschland versuchen wir, den Markt nun zu entwickeln und unsere Marke, die hier noch nicht so bekannt ist, zu etablieren.“ Mit HbbTV könne man die Brücke zwischen linearem TV und OTT bauen und innovative Lösungen zwischen beiden Welten anbieten. Dabei sei das Angebotsportfolio des Unternehmens viel größer und reiche vom Rechtemanagement, der Programmplanung über Werbung bis hin zu Sales.

 „Wir bedienen die gesamte digitale Wertschöpfungskette. Hot Topics sind aber OTT und Hybrid TV.“ Und Botti erinnert nochmal, dass auch der deutsche TV-Markt von den Fincons-Fördermöglichkeiten, verbunden mit dem Delivery Center Bari, profitieren könne. „Hierbei geht es uns nicht um Marketing-, sondern um echte Partnerschaftskooperationen. Das wollen wir deutlich machen“, betont er. Wenn TV-Sender verhindern wollten, dass Werbegeld zunehmend in andere Taschen wandere, müssten sie kreativ und innovativ sein. „Dabei können wir ihnen helfen“, betont er.      

Eckhard Eckstein

MB 3/2019

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