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„Ich mache Fernsehen für jeden“

Marktführer RTL baut in jüngerer Vergangenheit seinen Vorsprung wieder aus. Nicht nur mit quotenstarken US-Serien wie CSI und Mr. House, sondern vor allem mit neuartigen eigenproduzierten Programmformaten: einem Genres-Mix aus Doku, Soap und Show, in dem Fernsehzuschauer sich und sogar ihre Probleme offensichtlich wieder finden. Verantwortlich dafür ist bei RTL Tom Sänger, der im Gespräch mit MEDIEN BULLETIN seine Ziele und seine TV-Philosophie erläutert. Marktführer RTL baut in jüngerer Vergangenheit seinen Vorsprung wieder aus. Nicht nur mit quotenstarken US-Serien wie CSI und Mr. House, sondern vor allem mit neuartigen eigenproduzierten Programmformaten: einem Genres-Mix aus Doku, Soap und Show, in dem Fernsehzuschauer sich und sogar ihre Probleme offensichtlich wieder finden. Verantwortlich dafür ist bei RTL Tom Sänger, der im Gespräch mit MEDIEN BULLETIN seine Ziele und seine TV-Philosophie erläutert.

Sie sind bei RTL Bereichsleiter „Unterhaltung Show & Daytime“. Für wie viel Prozent des RTL-Programms sind Sie damit zuständig?
An manchen Wochentagen können es wohl bis zu 50% sein.

Und der Eigenproduktionsanteil in Ihrem Bereich beträgt …?
100 Prozent.

Als Sie vor einigen Jahren von RTL 2 in Ihre heutige Position gewechselt sind, – die durch den Rückgang des eigenproduzierten Fiction-Anteils bei RTL zunehmend bedeutsamer geworden ist -, haben Sie da die Idee für Reality-Formate und den Mix von unterschiedlich Genres wie Doku, Soap und Show mitgebracht, die Sie mittlerweile auch erfolgreich am Abend platzieren?
Meine erste Aufgabe bei RTL war damals, ein neues Konzept für die Daytime zu entwickeln. Damals gab es im Tagesprogramm einen Genremix aus Talk, Game bzw. Quiz und US-Sitcom. Wir haben dann Genre line up mit den neuen Gerichtsshows etabliert – und damit verbunden ein „Courtshow-Konzept“: schwerere Fälle beim „Strafgericht“, familiäre Fälle beim „Familiengericht“, Fälle von jugendlichen Straftätern im „Jugendgericht“. Gerade die Entwicklung eines neuen line ups in der Daytime gehört mit zu den schwierigsten Herausforderungen.

Warum?
In der Daytime müssen wir mit die schwierigste Zuschauergruppe erreichen. Erstens ist die Gruppe, die tagsüber Fernsehen schaut wesentlich kleiner, so dass es schwieriger ist eine relevante Anzahl von Zuschauern jeden Tag, fünfmal die Woche, an das eigene Programm zu binden. Und zweitens bieten alle Sender auch im Tagesablauf viel gutes originäres Programm an, so dass die Konkurrenz in der Daytime genauso groß wie am Abend ist.

Zurzeit aber schwächelt das Line up in der Daytime von RTL?
Nachdem wir die Gerichtsshows stückweise aus dem Programm genommen haben, sind wir seit einigen Wochen mit einem neuen Lineup on air. Punkt 12 funktioniert auch bei einer Sendedauer von 2 Stunden hervorragend, mit dem weiteren Lineup sind wir längst noch nicht zufrieden. Wir arbeiten weiter an einem mehrstufig abgestimmten Konzept: von der Informationsschiene um 12 Uhr über die dann folgenden verschiedenen Genres.

Jetzt aber zu unserem Thema: Volks-TV, einen Begriff, den wir mal erfunden haben …
Der Begriff gefällt mir sehr gut, denn RTL ist der Sender, der Programm für die ganze Familie, für ein sehr breites Publikum macht.

Nun hat aber Medienkritiker Oliver Kalkofe bei den Münchner Medientagen über das aktuelle deutsche Fernsehprogramm gepöbelt, es sei in einer Krise und käme nur dann aus der Krise wieder raus, wenn die meist gut gebildeten Programmacher endlich wieder die Fernsehprogramme machen würden, die sie auch selber gerne sehen würden! Was halten Sie von dem Vorschlag?
Gar nichts! Bei mir würde sich nicht eine Stunde Programm ändern. Ich bin nämlich in der glücklichen Lage, dass ich liebe, was ich tue. Nur so kann man erfolgreiches Fernsehen machen, mit dem Herz und dem Bauch – erst dann kommt der Kopf, der natürlich auch nicht fehlen darf.

Sie stecken also nicht höchstpersönlich so tief in den Schulden, dass Sie aus diesem Grund auf die Idee kamen, eine Sendung wie „Raus aus den Schulden“ in die Prime Time zu setzen?
Ich habe hier eine Aufgabe. Und die Aufgabe, die ich liebe, heißt: die Leute zu unterhalten: den Menschen Themen näher zu bringen, ihnen Geschichten und Träume zu erzählen. Und mit dieser Aufgabe im Hinterkopf entscheide ich mich für die Themen, die wir bei RTL aufgreifen wollen. Wenn ich nur Themen auswähle, die mich höchstpersönlich betreffen, würde ich die Aufgabe falsch verstehen und wäre hier fehl am Platz.

Also halten sie überhaupt nichts von Herrn Kalkofes Idee, nur Programme zu machen, die Sie selber interessieren?
Ich mache Fernsehen für jeden, für’s Volk, um ihren Begriff aufzunehmen, und ich gehöre auch selbst dazu, das ist ja das tolle. Als Programmacher muss man allerdings idealerweise – neben der manchmal notwendigen sachlichen Distanz – immer Teil des Ganzen sein, ein Teil der Zuschauer. Das ist für mich ein ganz wichtiges Credo.

Wie schaffen Sie das, wie loten sie die entsprechenden Themen dazu aus?
Zwei Dinge sind wichtig: ein sensibler Blick in die Gesellschaft, ein aktives Leben in der Gesellschaft und sicher auch ein Gespür dafür, was in der Gesellschaft umgeht. Fernsehen funktioniert nur, wenn es auch gesellschaftlich-relevante Themen widerspiegelt. Mit diesem Blick findet man viele gute Themen. Manchmal liegen sie auf der Straße. Entweder, weil man da offenen Blicks durchgeht. Oder auch, weil man analysiert, welches Wertesystem bei uns herrscht, welche Probleme es in der Gesellschaft gibt und was identitätsstiftend für das Land ist oder sein könnte …

Was ist es – am Beispiel „Bauer sucht Frau“?
Wenn Sie über Deutschland fliegen, bei gutem Wetter, dann sieht man sehr viel Agrarflächen. Es leben viel mehr Menschen auf dem Land als man denkt, wenn man selbst in einem Ballungsgebiet oder einer großen Stadt lebt. Und auf dem Land leben Bauern. Manche führen vielleicht ein eher einfaches Leben oder fühlen sich isoliert oder einsam. Hier findet man Themen wie den „Stadt-Land-Konflikt“ oder „romantische Vorstellungen vom Leben auf dem Land contra Realität“. Und dann kann man auf die Idee kommen, dass sich einsame Bauern vielleicht eine Frau an ihre Seite wünschen, zumal ja auch das Thema „Landflucht bei den Jugendlichen“ bekannt ist.

„Let’s dance“ – was war der Anlass diese Themen-Show ins Programm von RTL zu nehmen?
Da war der Auslöser eine ganz fantastische Tanz-Show „Strictly Come Dancing“, ein britisches Format. Wir wollten dieses alte Ballsaal-Gefühl wiederbeleben, – in dieser schönen nostalgischen Wertigkeit, aber modern umgesetzt. Jeder kennt es aus seiner Jugend, auch wenn mal mehr oder mal weniger gezwungenermaßen bei Anlässen wie zum Abiturball. Die BBC hat es vorgemacht. Wir haben die Lizenz gekauft und das Format für Deutschland adaptiert.. Und wir hatten Glück mit unserem fantastischen Moderatorenduo Hape Kerkeling und Nazan Eckes und einer tollen Umsetzung durch die Produktionsfirma Granada, die ein altes Thema frisch und neu umgesetzt hat und so das Tanzen einem noch breiteren Publikum näher gebracht hat. Let’s Dance war aber auch einfach ein guter Wettbewerb mit Prominenten, die alle Spaß an der Sache hatten..

Sie repräsentieren bei RTL die größte Eigenproduktionsstelle, seitdem die deutsche Fiction bei den Privaten nicht mehr so gut funktioniert und durch US-Serien ersetzt wird. Und da passiert bei Ihnen eine Menge. Ältere und neue Formate: „Wer wird Millionär“, „Super Nanny“, „Einsatz in vier Wänden“, „Bauer sucht Frau“: Man wird erzogen – auch mit Jauch „6! Setzen“. Man erfährt, wie man aus den Schulden raus kommt, wie man Kinder kriegt, wie man sie erzieht, wie man richtig wohnen soll. Heißt das etwa, das deutsche Volk ist dumm geworden? Oder warum sonst müssen wir jetzt alle von RTL „erzogen“ werden und alles genau gesagt kriegen?
Es sind Themen, die immer da waren, der Zeitpunkt ist gar nicht so entscheidend. Es wirkt – distanziert betrachtet – jetzt aktuell geballt, aber hängt sehr viel mit der Qualität der Umsetzung zusammen. Diese Themen gab es schon immer im TV, aber vielleicht waren sie nicht so nahe dran, nicht so mittendrin im gesellschaftlichen Geschehen. Wir haben jetzt den Vorteil, Experten zu haben, die aber eben nicht wie distanzierte Experten wirken. Beispiel Peter Zwegat als ein staatlich anerkannter Schuldenberater: Er war auch Sozialarbeiter und ist ein starker Charakter. Eine fantastische Kombination, um in die Familien zu gehen, die sicher eine Blockade hätten, wenn sie mit ihrem Geständnis eines Schuldenproblems in einen Glaspalast reingehen müssten. Wir gehen zu ihnen nach Hause.

Ist das eine Programmstrategie für alle Zeiten: das „dumme“ Volk via TV aufzuklären? Oder kommen diese neuen Volks-TV-Formate bei RTL deshalb zum Zuge, weil sie relativ schnell – im Gegensatz zur Fiction – on air gehen können?
Wer sagt denn, dass das Volk dumm ist? Ich nicht! Die Leute sind intelligenter als mancher glauben mag, sind differenziert und suchen sich genau aus, was sie sich anschauen. Bei fast allen Programmen von RTL im Bereich Unterhaltung haben wir sehr starke Führungscharaktere eingesetzt, die das jeweilige Format präsentieren. Wir geben dem Programm eine Identität und damit Gewicht. Wenn man das Glück hat – manchmal spielt auch der Zufall eine Rolle-, dass man so einen Charakter findet, dann kann das Programm dann auch sehr schnell auf Sendung gehen.

Unterstützt wird diese Entwicklung aber auch dadurch, dass solche Formate schlicht preiswerter sind als Fiction – und eben – im Idealfall – auch schneller auf Sendung gehen können?
Beide Kriterien stimmen. Und beide Kriterien sind nicht entscheidend dafür, dass man nichts anderes mehr macht. Wichtiger ist: Wir erleben zurzeit im Fernsehen eine Renaissance von gesellschaftlichen Themen. Wir haben mit der Vision, dass wir sozial-relevante Themen fürs Fernsehen aufspüren, einen Nerv der Zeit getroffen.

Kommen Ihnen dabei dann aber nicht doch ganz schlaue, intellektuelle gut situierte Zuschauer abhanden?
Nein, denn vergleichen will sich doch jeder, egal wie er „situiert“ ist. Es ist eine natürliche Haltung des Menschen, sich zu orientieren und vergleichen, in Relation zu stellen – egal wozu. Und zweitens will sich auch jeder unterhalten übers Fernsehen, denn sonst würde er nicht einschalten. Das ist die Grundfunktion des Fernsehens.

Tatsächlich erreichen Sie mit den neuen Formaten ein sehr breites Publikum, vor allem auch in der so genannten werberelevanten Zielgruppe bis 49 Jahren. Aber das junge Publikum im Alter von 20 oder 30 Jahren gewinnen Sie damit auch nicht zurück?
Wenn wir erfolgreich sind, gewinnen wir auch die zurück, wenn sie denn vorher weg waren.

Bei den Mischgenres mit Doku und Soap und ein bisschen Show sind Sie zurzeit quotenmäßig sehr erfolgreich. Aber sie haben auch viele neue Marken im Show-Bereich von „Let’s dance“ bis „Das Supertalent“ im Programm. Welche Rolle spielen die?
Wir wollen ein breites Programmspektrum anbieten, wobei die Show immer schon ein großer Pfeiler des RTL-Programms gewesen ist. Allein deshalb fühlen wir uns verpflichtet, hier immer auch etwas Neues zu bieten wie zum Beispiel Hybridformate, die bestens unterhalten und gleichzeitig gesellschaftliche Relevanz haben..

Das, was Sie als gesellschaftlich relevant erkannt haben das funktioniert: Die Leute wollen Orientierung haben?
Sie wollen Anknüpfung und Orientierung haben. Deshalb überlege ich bei jeder neuen Programmidee, wo ist der Anknüpfungspunkt für unsere Zuschauer?

Auch der Aspekt – wie er zurzeit im Internet läuft – „Broadcast yourself?
Fernsehen hatte schon immer auch etwas mit Selbstdarstellung zu tun: Menschen treten gern selbst im Fernsehen auf. Es ist banal, aber auch ein ganz zentraler Punkt bei einigen Formaten. Andy Warhol – 15 Minutes of fame …

Andy Warhol als Impulsgeber für Sie, Volks-TV zu machen?
Vieles funktioniert über die 15-minutes of fame, schauen Sie sich den Erfolg vom „Supertalent“ an, dass wir erst kürzlich im Programm hatten. Die Fortsetzung folgt im nächsten Jahr.

Sie sind bei RTL als Nachfolger von Matthias Alberti eingestiegen, der mittlerweile Sat.1-Chef ist. Die Konkurrenz zwischen der Mediengruppe RTL Deutschland und ProSiebenSat.1 – oder RTL und Sat.1 – scheint ja aber irgendwie nicht mehr richtig gegeben zu sein …?
Danke fürs Kompliment, letztlich versuchen wir Programmmacher, egal bei welchem Sender, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Themen zu bringen. Wir haben dabei zurzeit ein gutes Händchen. Aber der Wettbewerb findet jeden Tag statt – die Zuschauer zu Hause haben jeden Tag die freie Wahl. Und es gibt wohl kaum einen dichteren Fernsehmarkt als in Deutschland …

Und da haben Sie Glück gehabt und sich vermutlich auch viel Arbeit gemacht und viel Können rein gesteckt, um im Augenblick mit Ihrem Programm in Bezug auf die Quoten Trendsetter zu sein?
Ich hoffe, dass da auch eine Menge Können drin steckt. Kraft und Zeit in jedem Fall, übrigens von allen bei uns – und natürlich Leidenschaft, ohne die geht es nicht.

Letzte Frage: Sie sind mit dem Volks-TV so alltagsnah, warum wird bei RTL nicht gekocht. Überlassen Sie es dem Schwestersender VOX?
Kochen überlassen wir den Kollegen bei VOX, sie haben das Genre groß und erfolgreich gemacht, mittlerweile gehört es dort fest zum Programm und zur Marke. Es wäre wenig sinnvoll, innerhalb unserer Sendergruppe im selben Teich zu fischen.

Erika Butzek (MB 12/07)

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