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5.000 Jahre zurück und dennoch voraus

Fernsehen forscht Mit Living Science und einer ausgeklügelten Mehrfachverwertung entwickelte der SWR ein neues Doku-Format: Eine Zeitreise in die Jungsteinzeit als Forschungslabor.

„Wir haben einen Trend auf den Punkt gebracht.“ Rolf Schlenker, Autor und Redakteur des SWR, sieht für das Format „Living Science“ eine Zukunft, vorausgesetzt das Thema stimmt. Er war maßgeblich an der Entwicklung von „Steinzeit“ – 13 Menschen leben zwei Monate lang unter jungsteinzeitlichen Bedingungen – beteiligt. „Mit dem Thema ‚Steinzeit‛ können wir dreimal punkten: Die Entwicklung der Menschheit interessiert viele, wie sich an Ausstellungen und ähnlichem ablesen lässt. Auf dem Fernsehmarkt gilt: ‚Science sells!‛ Die zahlreichen Wissenschaftsmagazine der Privaten sprechen für sich. Und drittens: Unser zusätzliches Experiment, die Alpen zu überqueren und daraus eine ausgekoppelte Stundenfassung zu produzieren, findet starkes internationales Interesse.“ Ötzi sei Dank!

Seit dem Schwarzwaldhaus, das als Living-History-Format bei der Erstausstrahlung 2002 die Quotenerwartungen der ARD-Verantwortlichen bei weitem übertraf, entstanden Zeitreisen in diversen Variationen, jedoch mit mäßigem Erfolg. Mittlerweile ist das Format inflationär. Nun hofft der SWR mit „Steinzeit“ wieder einen Coup zu landen. Denn konzeptionell gehören „Schwarzwaldhaus“ und „Steinzeit“ zusammen. „Wir wollten einmal bis zur industriellen Revolution zurück – und dann 5.000 Jahre zurück, als die Menschen anfingen, sesshaft zu werden“, erläutert Schlenker. Unmöglich, noch mehr Jahre zurückzugehen, meint er: „Wir können ja nicht einen Trupp Menschen, die jagend durch die Landschaft ziehen, auf Zeitreise schicken.“
Als Reaktion auf die Marktbedingungen legt der Sender den Fokus verstärkt auf die Mehrfachverwertung. Was bei „Schwarzwaldhaus“ noch probiert wurde, wird bei „Steinzeit“ mit ausgefeiltem Konzept verfolgt. Neben den vier Folgen, die das Erste Mitte diesen Jahres ausstrahlt, entstehen Beiträge für Wissensmagazine diverser Sender sowie drei Folgen für das ARD-Kinderprogramm und die schon erwähnte Stundenfassung der Alpenüberquerung für ARTE und den internationalen Verkauf. Die Kollegen der Redaktionen wurden früh in die Planung eingebunden, um die formatnotwendigen Zugangsweisen zum Thema von Anfang an zu berücksichtigen. Beim Casting im November 2005 wurde auch auf die Kinder als Protagonisten der Kinderfolgen ein spezielles Augenmerk gelegt. Die ausgewählten Familien sind extrem naturverbunden, arbeiten als Töpfer und Holzrücker, leben zum Teil auf Höfen ohne Elektrizität. Ausschlaggebend war auch ihr Motiv, an diesem Experiment teilzunehmen. Dazu Schlenker: „Sie haben ein starkes Interesse an Gemeinschaft, wollten basisdemokratisch leben und nicht hierarchisch, wie es die Forschung für die Jungsteinzeit nahe legt. Sie wollten nicht irgendetwas nachspielen, sondern selbst etwas dabei lernen.“

Die Wissenschaftler waren nicht allein die einzige Informationsquelle für den Sprung 5.000 Jahre zurück, sondern mit zehn Forschungsvorhaben an der Steinzeit-Simulation direkt beteiligt: Vom Zahn über Kleidung und Fitness bis hin zum Mückenschutz wurde alles genauestens erforscht. Finanziert das Fernsehen auf der Suche nach neuen Formaten nun der wissenschaftlichen Forschung optimale Versuchsbedingungen? „Wissenschaft hat im Fernsehen zwei Facetten: Sie vermittelt Wissen und Dinge, über die wir nichts wissen. Letzteres wollten wir integrieren“, lautet Schlenkers Antwort. Was das bedeutet, zeigt sich im Bild. So tragen die Steinzeitler, trotz vieler Diskussionen, Tag und Nacht Aktometer, die den Wissenschaftlern Daten über die Bewegungsaktivitäten liefern. Sie sind zum Sinnbild für das Format Living Science geworden: Von Kopf bis Fuß dem Steinzeitmenschen nachempfunden, aber mit Hightech-Gerät am Arm. Ein gelungener Pakt: Die Wissenschaftler können forschen, das Fernsehen generiert neue Inhalte und die Zuschauer können, sozusagen in Realzeit, dabei sein.

Steinzeit inhouse
Im Unterschied zu „Schwarzwaldhaus“ produzierte der SWR in Kooperation mit dem BR die vier Steinzeit-Folgen komplett inhouse. Kostenpunkt: Rund 1,5 Millionen Euro, wobei Kamera, Ton, Schnitt und so weiter als indirekte Kosten einflossen. Die Vorbereitungen auf dem rund ein Quadratkilometer großen Gelände nahe dem Bodensee liefen unter größter Geheimhaltung, um den Besuch ungebetener Gäste zu vermeiden. Die Fahrzeuge wurden mit den Aufschriften einer fiktiven Gartenbaufirma getarnt, die Vermieter eines stillgelegten Lokales, das der Produktion als Basisstation diente, zum Schweigen verpflichtet. Fünf Monate lang wurde das Gelände von fünf Mitarbeitern beackert. „Der Aufwand war dreimal so hoch wie bei einem Tatort“, so Peter Förderer, der für den SWR als Ausstattungsleiter Sonderprojekte betreut. Der See wurde vertieft, gerundet und mit 800 Fischen bestückt, Bäume gefällt, Felder angelegt, die Pfahlhäuser aufgestellt. „Wir waren es gewohnt, bei den Materialien gute und günstige Lösungen zu finden. Nun sollte alles steinzeitlichen Bedingungen entsprechen und kein Kulissenbau sein. Wir benötigten besondere Hölzer, mussten aufwändige Techniken einsetzen um beispielsweise Dinge miteinander zu verbinden, oder viel Zeit, um sieben Tonnen Lehm mit der Hand aufzutragen.“

Die Vorbereitungen zeichnete eine 3 Chip Mini-DV auf einem zehn Meter hohen Turm im Zeitraffer digital auf. Später, als die Probanten in ihrem Dorf lebten, fungierte die Kamera auch als Sicherheitstotale. Nicht vorzustellen, was passieren würde, wenn bei dem Experiment einer der Teilnehmer verunglückte! Ein Brand entstand schon beim ersten Brotbacken. Der konnte mit steinzeitlichen Mitteln nicht gelöscht werden, da half allein der Feuerwehrlöscher. Gedreht wurde täglich etwa sechs Stunden im kleinen Team, mit zwei Kameraleuten, Ton und Regie, damit sich die Laien schnell an die Drehsituation gewöhnten. Im Vorfeld war HD im Gespräch, aber man entschied sich dagegen, wie SWR-Redakteur und Autor Gerolf Karwath anmerkt: „Wir wollten verschiedene Kameraformate verwenden. Es war uns mit HD zu unsicher, ob die Kombination der Formate klappt. Vor allem aber schreckte uns die Datenmenge. Insgesamt umfasst unser Material jetzt schon über 9 Terra-Byte. Mit HD wäre es um ein Vielfaches mehr gewesen.“
Alle Steinzeitler waren mit Drahtlos-Ansteckmikrofonen ausgerüstet, deren Signale von den drei Sammelantennen aufgefangen und dann via Kabel, das im Waldboden vergraben war, weitergeleitet wurden. Mitarbeiter der Firma Sennheiser reisten an, um im Wald die Reichweite zu testen, denn es fehlten vergleichbare Erfahrungswerte. Ein Bauwagen mit eingebauter Klimaanlage diente als Tonregie, da kein Ü-Wagen die notwendige Geländetauglichkeit besaß. Den Strom lieferte das rund ein Kilometer entfernte Basis-Lokal. Auf einem zwölf Meter hohen Turm konnten Scheinwerfer je nach Notwendigkeit installiert werden, beispielsweise um Mondlicht zu simulieren. Im Innern der Pfahlbauten sorgten mehrere versteckte Lichtquellen die ganze Zeit für ausreichende Lichtverhältnisse. Die Autoren beziehungsweise Redakteure verfolgten den Alltag der Steinzeitmenschen und reagierten täglich auf neue Situationen. Die Gegenwart lässt sich nicht aussperren, keine Schlachtung ohne Genehmigung, Ausnahmeregelungen gibt es auch im Steinzeitdorf nicht. Fast hätte der anfängliche Dauerregen das Experiment scheitern lassen, doch retteten schließlich Plastikfolien die Bewohner der Pfahlbauten vor dem kompletten Aufweichen. Und auch da gilt: Alles wird dokumentiert, wenn das Experiment selbst zum Format wird.

Zwei junge Männer der Steinzeittruppe machten sich Mitte August auf den Weg, die Alpen auf Ötzis Spuren zu überqueren. Ein kleines Produktionsteam begleitet sie bei diesem logistisch schwierigem Unternehmen. Da sich die beiden Wanderer weigerten, einen Weg zweimal zu gehen, musste Kameramann Jochen Schmoll vorauseilen, drehen, manchmal mit dem vorinstallierten Kran arbeiten, und dann schnell wieder aufbrechen, um die Wanderer erneut zu überholen. Zum Teil übernachtete das Team bei den beiden Steinzeitlern in Schnee und Kälte, zumeist an Orten, wo sich bis heute Spuren aus der Steinzeit finden. Am 10. September kamen sie in Bozen an. Redakteur Gerolf Karwath wanderte mit seinem Sohn und einem Kameraassistenten parallel dazu fast denselben Weg entlang, um den Wissenschaftlern Vergleichswerte zu liefern. Auf dem Rückflug stiegen die beiden Steinzeitwanderer dann noch ein paar Mal aus dem Helikopter, um für die Webcam die Überquerung darzustellen.

Splitscreen, Grafiken, Kommentare
Das Hauptgewicht in der Nachbearbeitung liegt für die vier Folgen auf Material sichten, Dramaturgie festlegen und Schneiden. Neben dem Off-Erzähler geben in Wissensfenstern, von einer Kurven-Grafik markierte Bildinhalte, die beteiligten Forscher Hintergrundinformationen. Dabei kommt auch Splitscreen zum Einsatz, das heißt, auf zwei Drittel des Bildes läuft die Dokumentation weiter oder man sieht einen Gegenstand in Nahaufnahme, während im rechten Drittel ein Wissenschaftler das Gesehene kommentiert. Zusätzlich werden in Untertiteln Fragen mit Verweis auf das Internet eingeblendet. Die sonstige Bildbearbeitung beschränkt sich darauf, störende Häuser und ähnliches verschwinden zu lassen.
Ob Living Science einen neuen Trend setzt, wird man Mitte des Jahres an den Quoten ablesen können. Die Schweitzer hat das Format schon überzeugt. Sie adaptieren „Steinzeit“ und werden in diesem Sommer täglich 15-Minuten lang aus „ihrem“ Jungsteinzeitdorf berichten.

Ob sich Living Science auch auf die Gegenwart beziehen lässt, testet der SWR an seinem Karlsruher Projekt „Tschüss Gas, Chiao Öl“. Experimentiert wird mit einem Mehrfamilienhaus, dass auf regenerative Energien umsteigt und wo es sich zeigen soll, ob diese Versorgungsart auch für den sozialen Wohnungsbau geeignet ist. Der SWR kooperiert dabei mit einer Wohnungsbaugesellschaft. Wird sich die ARD zukünftig nicht mehr auf die Dokumentation gesellschaftlicher Zusammenhänge beschränken, sondern Projekte mit Partnern initiieren? Will sie sich stärker einmischen? Ist das ihr zukünftiger Bildungsauftrag?
Silke Häußler (MB 02/07)




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